AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2017

Ein Video und seine Geschichte Das Valentins-Desaster

Valentinstag 1933, eine katholische Schule in Milwaukee und der junge Tom Sitter in einer seiner schwersten Stunden. Was damals geschah, hat der heute 93-Jährige öffentlich gemacht - und einen Geschichten-Wettbewerb gewonnen.

Tom Sitter
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Als am 13. Februar dieses Jahres ein kleiner, sehr alter Mann mit grünem Pullover auf die Bühne des High Noon Saloon in Madison, Wisconsin, steigt, erwartet niemand, dass nun die spannendsten acht Minuten des Abends beginnen und dass die Jury zum ersten Mal in der langen Geschichte dieser Show zehn von zehn möglichen Punkten vergeben wird. An diesem Abend findet in Madison ein "Storyslam" statt, ein Geschichtenwettstreit. Es geht darum, eine Geschichte zu erzählen, die von einer Jury bewertet wird, die beste Geschichte gewinnt. Tom Sitter fand die Idee etwas merkwürdig, weil er bisher dachte, dass man Geschichten einfach so erzählt. Aber das Thema des Abends war: "Die Liebe tut weh", und das, fand Sitter, sei ein gutes Thema.

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Heft 32/2017
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Tom Sitter ist 93 Jahre alt, und seine Tochter riet ihm, er solle eine lustige Geschichte erzählen. Tom dachte nach und fand, dass er nicht allzu viele lustige Geschichten kennen würde. Er hatte noch die Jahre der Großen Depression erlebt, er war als Soldat bei der 20th Armored Division und befreite Dachau. Er flirtete mal mit Ingrid Bergman, heiratete aber jemand anderes, arbeitete als Bauinspektor und half jahrelang freiwillig, Essen für Obdachlose auszugeben. Dann fiel ihm etwas ein, die Geschichte war zwar 84 Jahre her, aber sie beschäftigt ihn immer noch.

Tom blinzelt an diesem Abend im Februar in das Scheinwerferlicht, steckt die Hände in die Taschen und sagt: "1933 war ich zehn Jahre alt." Er erzählt vom Valentinstag, in der dritten Klasse seiner katholischen Schule in Milwaukee. Es war Sitte, an diesem Tag eine Valentinskarte zu verschenken, an diejenige, in die man heimlich verliebt war. Tom beschloss, gleich fünf davon zu verschenken.

Da war die wunderschöne Betty Jane Hayes, in die die ganze Klasse verknallt war, selbst die Nonnen der Schule. Da war Patricia Gilbert, die Tom als "heißblütig" bezeichnet, aber die in der Ecke von John Gordon saß, der sie ziemlich gut bewachte. "Ich riskiere es trotzdem", dachte er.

Die dritte Karte war für Tomasina Welch mit ihrem flammenden roten Haar, die als einziges Mädchen mit den Jungs das Spiel "Brich dem Kamel den Rücken" spielte. Die vierte war Dolores Pehowsky, die nicht besonders schön war, wie Sitter meint, aber sehr früh entwickelt für ihr Alter. An die fünfte kann er sich nicht mehr erinnern. Alle Kinder warfen ihre Karten in eine große Box, und vorn stand seine Lehrerin, Schwester Mary Giordana, und sie las die Namen vor, an die die Karten adressiert waren. Natürlich ging es darum, möglichst viele Karten zu bekommen.

Betty Jane Hayes kriegte mit Abstand am meisten Karten, so viele, dass selbst einige Schülerinnen an sie geschrieben haben müssen.

Patricia Gilbert kam knapp an zweiter Stelle. Am wenigsten Karten bekam Ruthy Parkinson, die Atemwegsprobleme hatte und immer ein großes, trauriges Taschentuch in der Hand hielt. Bill Bilot bekam bei den Jungs die meisten Karten, ein großer, blonder Junge, der später mal Footballspieler wurde. Der schlaue Donald Lavalle wurde Zweiter.

So ging es immer weiter runter. Dann fragte Schwester Giordana in einem plötzlichen Anflug von Sadismus: "Und wer hat am wenigsten Karten bekommen?" Jemand sagte "Jimmy Sweeney", der nur zwei Karten bekommen hatte.

An dieser Stelle, sagt Sitter, hätte das Spiel enden müssen. Aber Jimmy Sweeney, verflucht sei seine Seele, sagte: "Schwester, Tom Sitter hat gar keine Karten bekommen." Das stimmte.

Ein paar Stunden später schaute Schwester Giordana noch einmal in die Box und tat sehr überrascht. "Oh, was haben wir denn hier?", sagte sie, "eine Karte steckt ja noch in der Box, für wen die wohl ist? Tommy Sitter!" Tom stand auf, ging zu ihr, nahm die Karte, klappte sie auf und las den Namen des Absenders: "Ein Freund". Sitter kannte diese sehr saubere Schrift. Der einzige Liebesbrief, den er an diesem Tag bekam, war also eine Mitleidskarte seiner Lehrerin.

Tom Sitter war ein netter Junge, aber in diesem Moment der Demütigung wäre er bereit gewesen zu töten, sagt er. Er überlegte, die Schwester zu schlagen, auch wenn er dafür in die Hölle kommen würde, wie er glaubte, aber sie erschien ihm zu stark.

Man kann ihn hassen, sagt Tom, man kann ihn verabscheuen, man kann ihn ignorieren, aber eines darf man nicht: ihn bemitleiden. An diesem Tag lag der schwarze Mantel des Mitleids schwer auf seinen Schultern, so beschreibt es Sitter, und er weiß auch, wer schuld daran war: Jimmy Sweeney.

Er träumt davon, dass Sweeney noch lebt und vielleicht im Rollstuhl sitzen würde. Er würde ihn gern treffen und dann einen kleinen, gemütlichen Spaziergang mit ihm machen. Er würde Sweeneys Rollstuhl schieben. Und an einem Hang würden Toms Hände, völlig unerwartet, plötzlich abrutschen. Und der Rollstuhl würde herunterrollen, immer weiter, auf eine belebte Straßenkreuzung.

Damit endet sein Traum nach 84 Jahren, in denen er sich Rache geschworen hat. Und falls irgendjemand weiß, wo Jimmy Sweeney wohnt, soll er sich dringend bei Tom Sitter melden.



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lilamila 10.08.2017
1. Frech
Die Geschichte ist wirklich nett, aber ich finde es vom Spiegel eine Frechheit, die im Spiegel Plus Bereich anzubieten. Die meisten Artikel in Spiegel Plus waren bisher das Geld wert, aber diese Geschichte nicht. Das ist ein netter Lückenfüller, mehr nicht.
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