AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2018

Geneppter Altertumsforscher Die Verfälschung der Bronzezeit

Ein deutscher Geschichtsforscher enttarnt einen Trickser - auf dessen angebliche Sensationsfunde er allerdings selbst hereingefallen war.

Eberhard Zangger (1994)
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Eberhard Zangger (1994)


Wenn sich der Geoarchäologe Eberhard Zangger zu Wort meldet, werden meist bedeutsame Fragen der Weltgeschichte verhandelt: die wahre Beschaffenheit der antiken Metropole Troja oder der Grund für das Ende der Bronzezeit. Jetzt enttarnte der Altertumsforscher sogar einen Fälscher.

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Heft 11/2018
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Ins Visier Zanggers geriet der 2012 verstorbene britische Prähistoriker James Mellaart. Dieser habe "sein Leben lang eine regelrechte Fälscherwerkstatt betrieben", berichtet der in Zürich lebende Experte für die Frühgeschichte des Mittelmeerraums. "Was für ein Schock!", klagt Zangger - vergisst dabei allerdings zu erwähnen, welcher Forscher diesem Betrüger erst jüngst auf den Leim gegangen war: eben Zangger selbst.

Der im Ruhrgebiet geborene Forscher hatte im vergangenen Herbst ein Buch veröffentlicht, das sich auch auf Material aus dem Nachlass Mellaarts stützt. Im Mittelpunkt dieser Abhandlung stehen die "Luwier" - Zangger benutzt diese Bezeichnung für einen losen Verbund von Königreichen, die vor über 3200 Jahren in Westanatolien beheimatet waren. Nach seiner Auffassung setzten diese kriegerischen Kleinstaatler mit einer Angriffswelle eine Kettenreaktion in Gang, an deren Ende mehrere Imperien kollabierten, und damit das Ende der Bronzezeit besiegelten.

Was Zangger während der Arbeit an seinem Manuskript zunächst fehlte, war ein schlagkräftiger Beweis für seine kühne und unter Experten umstrittene These.

Doch wenige Wochen vor dem Abgabetermin geriet der Autor in den Besitz einer vergilbten Mappe aus dem Erbe Mellaarts, die er fortan in einem Tresor in seiner Wohnung versteckte.

In dem Konvolut befand sich die angeblich detailgetreue Nachzeichnung eines uralten luwischen Hieroglyphentextes: die Ausführungen des damals tatsächlich existierenden Großkönigs Kupanta-Kurunta, der um 1180 vor Christus in Steinquader meißeln ließ, dass die kriegerischen Luwier tatsächlich eine Art bronzezeitlichen Weltkrieg vom Zaun gebrochen hatten - scheinbar eine Sensation.

Dass ihm der Hinweis auf diese bedeutende Schriftquelle der Frühgeschichte genau zur richtigen Zeit in den Schoß gefallen war, erschien auch Zangger selbst fast "zu schön, um wahr zu sein".

Nun, kaum ein halbes Jahr nach Erscheinen seines Buches, stellt sich heraus: Es ist auch nicht wahr. Gemeinsam mit Mellaarts Sohn Alan hatte Zangger kürzlich erstmals die Hinterlassenschaften des englischen Archäologen in dessen alter Londoner Schreibstube gesichtet - und dabei offenbar "tief erschüttert" das Ausmaß der mellaartschen Mogeleien entdeckt.

So entpuppte sich auch der vermeintliche Sensationsfund als Fälschung. Er sei einem Schwindler aufgesessen, bekennt Zangger.

Der Vorgang trägt tragikomische Züge. Denn Mellaart narrte posthum einen rückhaltlosen Verehrer. Zangger hatte Mellaart in seinem jüngsten Buch ein geradezu hymnisches Kapitel gewidmet. In der übrigen Fachwelt existierten zu diesem Zeitpunkt bereits erhebliche Zweifel an Mellaarts Glaubwürdigkeit als Wissenschaftler.

Woher rührt die Zuneigung zu dem dubiosen Gelehrten? "Zangger hält sich, wie Mellaart, für ein verkanntes Genie", urteilt der Altertumswissenschaftler Max Gander von der Universität Zürich.

Eberhard Zangger besitzt zweifellos Qualitäten, die ihn aus dem bisweilen grauen Akademikermilieu in Deutschland herausheben. Er ist ein Vereinfacher, Zuspitzer und Querdenker. Auch der SPIEGEL hat sich von seiner unorthodoxen Art, Geschichte zu erzählen, faszinieren lassen und widmete seiner Forschung um den Mythos Troja und die Luwier mehrere Texte, zuletzt im Oktober.

Konfrontiert mit der Möglichkeit, auf eine Fälschung hereingefallen zu sein, entgegnete Zangger damals lapidar: "Na und? Ich bin es gewohnt, Gegenwind auszuhalten."

Doch durch die jüngste Peinlichkeit hat die Ausstrahlung des Wahlschweizers als akademischer Aufrührer erheblich gelitten. Nicht jedes Wort mag entwertet sein, das Zangger als Deuter der Historie je geschrieben oder gesprochen hat. Seine mit viel Dampf aufgeblasene Luwier-Theorie allerdings ist nun zusammengeschrumpelt auf die Größe eines betagten Luftballons.

Unter etlichen Wissenschaftlern, die sich wie Zangger mit den bronzezeitlichen Kulturen des Mittelmeerraums beschäftigen, ist sein Ruf ramponiert. "In jedem Fall ist es nicht wissenschaftlich, die Existenz der Inschrift des Großkönigs Kupanta-Kurunta aus einer bloßen Zeichnung eines Mannes wie Mellaart als gesichert anzunehmen", bemängelt die Hethitologin Annick Payne vom Institut für Archäologische Wissenschaften der Universität Bern.

Auch Paynes Kollege Max Gander hält Zanggers Arbeitsweise für "methodisch fragwürdig" und ist der Meinung, dessen Thesen hielten "einer historisch-kritischen Überprüfung schlicht nicht stand".

Der Gescholtene selbst sieht derweil wenig Anlass zur Kritik an seiner Arbeitsweise. Vielmehr steht Zangger der Sinn danach, selbst auszuteilen - gegen sein einstiges Idol: "Ich habe einfach von Mellaart die Nase voll."



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