AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2018

Mysteriöse Einbruchsserie Wie ein Bauer gegen die Kälberdiebe kämpft

Eine mysteriöse Diebesbande sucht Brandenburg heim. Einem jungen Landwirt reicht es: Er baut den Stall zum Hochsicherheitstrakt um.

Schacht
Berliner Morgenpost / David Heerde

Schacht

Von Jochen-Martin Gutsch


Es ist eine regnerische Herbstnacht, als die Diebe zum fünften Mal zuschlagen. Sie brechen das Tor zur "Gülle-Einfahrt" auf, fahren auf den Hof, halten direkt vor dem Kälberstall, schlagen eines der Fenster ein, öffnen das Stalltor von innen, dann treiben sie die Kälber in die Transporter.

Die Diebe arbeiten schnell und sehr professionell. Sie erkennen, trotz Dunkelheit und Eile, dass zwei Kälber der Herde krank sind. Sie werden als Einzige zurückgelassen.

Es ist kurz nach drei Uhr morgens, als bei Daniel Schacht das Telefon klingelt.

Er ist Landwirt, 32 Jahre alt, Geschäftsführer der Darez Agrar GmbH in Baruth, südliches Brandenburg. Eine Mitarbeiterin aus der Frühschicht sagt ihm am Telefon: "Die Diebe waren wieder hier!"

Schacht springt ins Auto, rast zu seinen Stallungen, aber alles, was er noch tun kann, ist, einige frei laufende Kühe einzufangen und festzustellen, dass er in dieser Nacht 56 Kälber und eine mobile Melkanlage verloren hat.

Ein paar Wochen später sitzt Daniel Schacht im kleinen Aufenthaltsraum des Betriebs. Auf dem Tisch steht der Butterstollen, den die Versicherung als Weihnachtsgruß geschickt hat. In den vergangenen vier Jahren, erzählt Schacht, sei in seinem Betrieb fünfmal eingebrochen worden. Die Diebe stahlen Radlader, Saatgut, mobile Melkmaschinen - und vor anderthalb Jahren dann zum ersten Mal auch Kälber. Mittlerweile hat Schacht an die Diebe 75 Tiere verloren.

Allein der letzte Einbruch, sagt Schacht, habe ihn 20.000 Euro gekostet. Zwar hat die Versicherung den Großteil des Schadens beglichen, aber der Wert eines Kalbs steigt mit jeder Woche Lebenszeit, und die gestohlenen Tiere fehlen Daniel Schacht später als Milchkühe.

Hinzu kommt, dass so ein Kälberdiebstahl schwer zu verstehen ist. "Warum stiehlt jemand Kälber?", fragt Schacht. Es gibt viele Dinge, die man mit sehr viel weniger Aufwand stehlen kann: Autos, Portemonnaies, Computer, Kreditkarten. Unter anderem. Aber eine Herde Kälber? Wie im Wilden Westen, als Viehdiebe durch die Prärie zogen?

So falsch ist das gar nicht. Zurzeit ist Brandenburg, viehmäßig gesehen, eine Art Wilder Osten. Im vergangenen Jahr wurden hier 212 Rinder gestohlen. Zuchtbullen, Kälber, Mutterkühe: mal einzelne Tiere, mal komplette Herden. Die Lokalpresse schreibt bereits vom geheimnisvollen "Kuh-Klau-Klan", der nachts durch die Dörfer ziehe, einer Bande von Viehdieben. Auch die Polizei hat reagiert und beim Landeskriminalamt extra eine Sonderkommission eingerichtet. Sie trägt den schönen Namen "Soko Koppel".

In den Tagen nach dem Kälberklau kamen bei Daniel Schacht viele Polizisten vorbei. Die Spurensicherung suchte nach Finger- und Reifenabdrücken, die Rindercops der Soko Koppel stellten Fragen. "Kannte ich bislang nur aus dem 'Tatort'", sagt Schacht.

Womöglich ist er ja hier in eine große Geschichte geraten. Organisierte Rinderkriminalität, sozusagen. Die Spur der Diebe könnte nach Osteuropa führen, vermuten die Ermittler. Denn in der Europäischen Union lässt sich gestohlenes Vieh kaum verkaufen. Die Tiere tragen eine Ohrmarke, haben einen Herkunftspass und sind in einer Datenbank registriert. Vielleicht wurden Schachts Kälber in die Ukraine gebracht. Oder nach Russland.

Daniel Schacht schüttelt nur den Kopf. Seine Kälber irgendwo kurz vor Moskau. Wahnsinn. Was ihn aber am meisten ärgert: "Die Diebe wussten genau, wie man mit den Kälbern umgeht. Das sind Profis, die kommen garantiert aus der Landwirtschaft. Vermutlich haben sie den gleichen Beruf wie ich." Bauer beklaut Bauer.

"Das tut weh", sagt Schacht.

Bislang konnte die Polizei keine Täter dingfest machen. Der geheimnisvolle "Kuh-Klau-Klan" reitet noch immer durch Brandenburg, und Daniel Schacht versucht, den Kampf aufzunehmen.

Nach jedem Einbruch hat er aufgerüstet. Er hat die Zufahrtstore mit Betonklötzen gesichert, er hat eine Lichtanlage mit Bewegungsmeldern installiert, er hat wertvolle Maschinen und Werkzeuge mit sogenannter künstlicher DNA markiert.

Aber es half alles nicht viel.

Nach dem jüngsten Kälberklau war klar, dass eine große Lösung hermuss. Eine Alarmanlage mit Überwachungskameras sollte die Diebe endgültig abschrecken. "Ich will einfach mal Ruhe haben", sagt Schacht. Aber für die Alarmanlage fehlte ihm das Geld. Die vergangenen Jahre waren nicht einfach. Der Milchpreis fiel, dazu die Diebstähle, es ging eigentlich nur darum, dass der Betrieb mit seinen 20 Mitarbeitern irgendwie überlebt.

Aber dann hatte Daniel Schacht eine ungewöhnliche Idee: Crowdfunding.

Auf der Website Leetchi.com schaltete er einen Aufruf: Bauer braucht Alarmanlage. Innerhalb von acht Wochen kamen 7950 Euro zusammen, und seit Kurzem ist der Betrieb nun professionell gesichert.

Die neue Alarmanlage kam auch schon zum Einsatz: Vor ein paar Wochen, es war nachts, klingelte bei Daniel Schacht wieder das Handy. Die Bewegungsmelder hatten ungewöhnliche Aktivitäten auf dem Gelände registriert. Schacht stieg ins Auto, raste wieder zu den Ställen. Er hatte ein mulmiges Gefühl, in der Hand trug er eine metallene Taschenlampe wie eine Waffe.

Aber dann waren da keine Diebe. Nur eine Kuh, die über das Gelände irrte.



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