AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2017

Documenta 14 in Kassel Hauptsache, es klingt kompliziert

Bei der Documenta murren die Besucher. Kein Wunder: Das Booklet zur Ausstellung dient nicht der Aufklärung, sondern der Einschüchterung. Und wer sich einer Führung anschließt, ist am Ende auch nicht viel klüger.

Documenta-Halle in Kassel mit Galindos Schiffswrackinstallationen: Von Zeit zu Zeit auf den Saiten klimpern
DPA

Documenta-Halle in Kassel mit Galindos Schiffswrackinstallationen: Von Zeit zu Zeit auf den Saiten klimpern

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Der Rundgang durch die Documenta-Halle beginnt mit einer Warnung: Nein, so sagt Frank Lorberg schon am Eingang, es handle sich hier nicht um eine Führung, sondern nur um einen "Spaziergang", die Documenta 14 verzichte generell auf Führungen, er sei auch kein Kunstexperte, sondern Landschaftsplaner von Beruf.

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Heft 30/2017
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Vor Lorberg, 54, schlank, eher klein und stets freundlich lächelnd, haben sich an diesem verregneten Nachmittag neun Kunstfreunde versammelt, die aus der ganzen Republik angereist sind, zur weltweit größten Ausstellung moderner Kunst, verteilt auf 32 Orte im Stadtgebiet von Kassel.

Man folge, so erklärt Lorberg seiner Gruppe, hier der Idee der sogenannten Spaziergangswissenschaft, die an der hiesigen Universität gelehrt werde, es gehe dabei um eine besondere Form der Raum- und Kunsterfahrung. Die durch die Ausstellung flanierenden Besucher sollten nach dem Vorbild eines Chors im antiken Theater das Gesehene kommentieren und kritisieren. Der Landschaftsplaner selbst trägt ein Plastikschild mit dem Begriff "Chor" um seinen Hals.

Zuerst begibt man sich ins Zentrum der Halle, vor den etwa zehn Meter langen Strang aus dunkelroter Wolle, den die Chilenin Cecilia Vicuña an die Decke gehängt hat. Lorberg schaut fragend in die Runde. Sofort entsteht ein leises Stressgefühl, eine Situation, die man zuletzt im Kunstunterricht der Schule erlebt hat: Man soll sich äußern, seine Assoziationen und Gefühle schildern, mag aber eigentlich nicht.

Drei Mitglieder der Gruppe raffen sich schließlich auf, schildern ihre Eindrücke ("sieht schön aus", "rot wie Blut", "monumental") und schauen nun ihrerseits Lorberg erwartungsvoll an. Nach einigen Sekunden Stille erzählt er ein paar Sätze über die Künstlerin, die ein ähnliches Werk auch am zweiten Standort der Documenta 14, in Athen, präsentiere, es gehe wohl um eine symbolische Verbindung zwischen dem Grund des Meeres und dem griechischen Götterhimmel. Danach wieder Schweigen.

150 "Choristen", so nennen sich Lorberg und seine Mitstreiter, sind in diesem Sommer in Kassel im Einsatz. Ausgebildet wurden sie in mehreren Wochenendseminaren, Künstler berichteten dabei von ihren Werken, vor allem aber wurden Gesprächsstrategien für die Gruppe trainiert. Denn, so lautet die Maxime des Documenta-Leiters Adam Szymczyk, 47, man dürfe die Besucher keinesfalls zum bloßen Objekt eines "Frontalunterrichts" machen: "Wir interessieren uns für das Wissen, das unser Publikum mitbringt."

Nun, Lorbergs Gruppe weiß entweder zu wenig oder hat keine große Sympathie für dieses Verfahren. Auch bei dem nächsten Objekt, zwei zersplitterten Wrackteilen, bleibt die Runde zunächst stumm. Der Chorist bittet also um eine Beschreibung. Die Bootstrümmer seien mit Klaviersaiten bespannt, sagt endlich ein älterer Herr, ein pensionierter Studienrat, wie sich später herausstellt. Ob das denn Bruchstücke desselben Bootes seien, fragt er. Lorberg weiß das nicht so genau, berichtet aber, dass die Trümmer am Strand einer griechischen Insel gefunden worden seien und dass der Künstler, Guillermo Galindo aus Mexiko, von Zeit zu Zeit hier in der Ausstellungshalle auf den Saiten klimpere.


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Sie wollen zur Documenta? Und wollen wissen, was Sie sich dort anschauen sollten? Sehen Sie einen sehr persönlichen Rundgang von SPIEGEL-Autor Martin Doerry. Übrigens kein Kunstexperte. Sagt er jedenfalls.

Man ist inzwischen eine halbe Stunde unterwegs, und der Studienrat wird ein bisschen ungeduldig. Freunde hätten ihm schon gesagt, dass man auf diesen Spaziergängen wenig lerne. Auch andere Gruppenmitglieder äußern jetzt leise Zweifel am Erkenntnisgewinn der Veranstaltung. Wer nichts oder nur sehr wenig über diese Kunstwerke wisse, könne noch so viel spekulieren - am Ende sei man so dumm oder schlau wie zuvor, murmelt einer der Besucher. Lorberg bestätigt, dass das Gespräch auch in anderen Gruppen immer wieder ins Stocken gerate.

Tatsächlich weiß die Documenta-Leitung längst, dass viele Teilnehmer der Spaziergänge enttäuscht und verärgert sind, geändert wird aber nichts. Die Veranstalter erwarten bis zu eine Million Besucher. Doch sie tun viel zu wenig, um das Informationsbedürfnis dieser Menschen zu befriedigen. Die Documenta 14 war schon im Vorfeld von großen Teilen der professionellen Kunstkritik heftig gerupft worden, nun erweist sie sich auch kommunikativ als Desaster.

Nur ein Bruchteil der ausgestellten Werke wurde zum Beispiel mit Erläuterungstexten versehen, neben den übrigen hängen Schilder mit knappen Daten, etwa nach dem Muster: "Fritz Meier, ohne Titel, Öl auf Pappe, 2016". Warum das so ist, warum also einige Kunstwerke betextet werden, die meisten aber nicht, wird nirgends erklärt.

"Schreckliche Bilder" - schon nach wenigen Sekunden verlassen die Kunstfreunde den Raum.

Nicht nur die Führungen wurden abgeschafft, sondern auch die bisher bei der Documenta üblichen handlichen Kurzführer in Buchform, in denen die Künstler und ihre Werke vorgestellt werden. Die ästhetisch gelungene, aber extrem reduzierte Übersichtskarte, auf der die einzelnen Ausstellungsorte in Kassel verzeichnet sind, verzichtet zudem auf viele Straßennamen; Hinweise, welcher Ort mit welchen öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist, fehlen ebenfalls.

Stattdessen kann der Besucher für 2,50 Euro ein schmales Booklet erwerben, in dem auf immerhin 16 Seiten sämtliche 32 Ausstellungsorte aufgeführt und kurz beschrieben werden, allerdings nicht in alphabetischer Reihenfolge, sondern nach einem erratischen System - laut Documenta-Pressestelle handelt es sich um den von Szymczyk vorgeschlagenen "Parcours". Begründung? Keine.

Auch die Texte des Booklets dienen nicht der Aufklärung, sondern der Einschüchterung des angereisten Publikums. Wer etwa Näheres über die Werke auf dem Friedrichsplatz erfahren will, liest zunächst, dass es sich hier um einen "heterochronen Marktplatz" handle - ein Begriff, den nicht einmal der bildungsbürgerliche Documenta-Besucher ohne Fremdwörterbuch verstehen dürfte (das Adjektiv stammt aus dem Altgriechischen und bezeichnet unterschiedliche Zeitebenen).

Das Booklet besteht vor allem aus Wortungetümen und unnötig komplexen Sätzen. So wird die Ausstellung im Fridericianum, dem Hauptgebäude, als "angepasste Version der von Katerina Koskina unternommenen museologischen Untersuchung der Sammlung des EMST", eines Athener Museums, vorgestellt. Weder war bis dahin von Frau Koskina die Rede noch von irgendeiner "museologischen Untersuchung". Distinktionsgewinn durch Prätention, lautet offenbar die Devise. Oder mit anderen Worten: Hauptsache, es klingt kompliziert und bedeutend.

Das zentrale Begleitprogramm der Documenta, das basisdemokratische "Parlament der Körper", wird im Booklet ebenfalls nur sehr vage, um nicht zu sagen: kryptisch, beschrieben. In der Rotunde des Fridericianums treffen sich demnach sogenannte Offene-Form-Gesellschaften, etwa die Gesellschaft für das Ende der Nekropolitik, die sich um das Verständnis der "Todestechnologien kapitalistischer Kolonialpolitik" bemüht, oder die Noosphärische Gesellschaft, die laut Booklet "alternative Bewusstseinstechnologien untersucht".

Die Documenta war schon früher ein Ort für esoterische Übungen gewesen, doch selbst die Aktionen von Joseph Beuys in den Siebzigerjahren wirken erfrischend klar und luzide im Vergleich zur verrätselten Gesellschaftskritik des Kuratorenteams um Adam Szymczyk.

Auch die Erläuterungen zu den einzelnen Ausstellungsorten sind entweder oberflächlich oder unverständlich. Die zentralen Werke der Documenta-Halle zum Beispiel werden im Booklet nicht erläutert. Von Galindos Schiffstrümmern oder Vicuñas roter Wolle ist keine Rede, auch die erschütternden Bilder der Schweizer Künstlerin Miriam Cahn bleiben ohne Erklärung.

Als Lorbergs Gruppe den Raum mit den Cahn-Bildern - Gewaltfantasien mit nackten, blutenden Menschen - betritt, entsteht sofort ein Konsens: "Schreckliche Bilder", heißt es fast unisono, so etwas wolle man nicht sehen. Schon nach wenigen Sekunden verlassen die neun Kunstfreunde den Raum, und der sie begleitende Chorist protestiert auch nicht, die Gruppe hat immer recht.

Cahn-Gemäldezyklus in Kassel
Heiko Meyer/ Laif

Cahn-Gemäldezyklus in Kassel

Schade eigentlich, denn Cahns Bilder zählen mit Sicherheit zu den wirklich bemerkenswerten - aber eben auch erklärungsbedürftigen - Exponaten dieser Documenta. Wer als kunstinteressierter Laie diesen Werken hilf- und ratlos überlassen wird, wendet sich womöglich ab und trifft damit eine Fehlentscheidung, die er später bereuen könnte.

Etwa bei der Lektüre des großformatigen und deswegen für den Ausstellungsbesuch selbst untauglichen "Daybook" (Preis: 35 Euro), in dem Documenta-Künstler immerhin vorgestellt werden, wenn auch wiederum in schwer verständlichen Texten. Oder gar im 700 Seiten starken "Reader" (ebenfalls 35 Euro), in dem Szymczyk sein Konzept in einem Aufsatz präsentiert, der über weite Strecken so hermetisch angelegt ist wie seine Ausstellung. Man erfährt darin freilich eine Menge über das apokalyptische Weltbild des Kurators. Szymczyk sieht die Menschheit "in einem Zustand des Elends, ... täglich verletzt durch kriegshetzerische, ökonomische und ökologische Schädigungen ganzer Völker, gestützt auf Egoismus und die Privilegierung individueller, in das Gewand des Unternehmergeists gekleideter Profitmacherei".

Die Sprache des Documenta-Chefs weckt Erinnerungen an den neomarxistischen Jargon, mit dem sich sonst nur noch Soziologiestudenten im Seminar gegenseitig zu beeindrucken versuchen. Die meisten Besucher der Documenta 14 hingegen dürfte Szymczyks dichotomes Weltbild von bösem Kapitalismus und geknechteten Individuen eher unterfordern.

Gewiss, den Flüchtlingen geht es schlecht, der Demokratie, den Homosexuellen, dem Frieden und vielen Menschen in Afrika und Asien ebenfalls. Und doch passiert auf diesem Planeten eine Menge mehr, was Künstler (und ihre Adressaten) beschäftigen sollte. Das große Thema des 21. Jahrhunderts etwa, die digitale Revolution, spielt auf der Documenta 14 überhaupt keine Rolle.

Weil Szymczyk überall nur den Weltuntergang wittert, interessiert er sich auch für das Leichte nicht, für Spaß und Humor, gelacht wird selten in Kassel - was den Besuch natürlich noch anstrengender macht.

Frank Lorberg führt seine Gruppe am Ende des Rundgangs immerhin zu einem Denkmal der Lebensfreude, zu einer Installation, die der malische Künstler Igo Diarra zur Erinnerung an seinen Landsmann Ali Farka Touré errichtet hat. Die Hütte mit Tourés Plattencovern steht gleich am Eingang der Documenta-Halle und enthält alte Gitarren und andere Devotionalien des 2006 gestorbenen Ethnopop-Musikers; auf einem Bildschirm laufen Musikvideos. Wortlos und etwas verlegen betrachten die Kunstfreunde das Arrangement: Was mag es bedeuten, was will es uns sagen? Aber niemand fragt.

Schließlich bricht wieder der pensionierte Studienrat das Schweigen, er meint den US-Musiker Ry Cooder auf einem Foto zusammen mit Touré entdeckt zu haben. Nein, widerspricht ein anderer Besucher, das sei doch Carlos Santana. Nun melden sich andere Popexperten aus der Gruppe, endlich kommt ein kurzes Gespräch in Gang, Ry Cooder wird auf einem weiteren Foto identifiziert.

Lorberg ist am Ziel, er dankt den Teilnehmern, geht zum Ausgang und sucht dort in einer Plastiktonne noch sehr lange nach seinem Regenschirm.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
wolfgang-till-busse 28.07.2017
1. Museumspädagogik ist eine Kunst
Ich kann die Erfahrungen, die im Artikel geschildert wurden, nur bestätigen. Auch das Daybook folgt im Übrigen einer erratischen, kaum nachvollziehbaren Reihenfolge. Am meisten störte mich bei den Arbeiten der penetrante Versuch einer neomarxistischen Indoktrinierung, am stärksten bei einer Kunstaktion in der Ausstellungshalle neben dem Friederizianum, die den Teilnehmern ihre durch das kapitalistische System verursachten narzisstischen Störungen vorführen sollte. Mal abgesehen davon, dass gerade das kommunistische System narzisstische Persönlichkeiten wie Ceaucescu, Mao oder Stalin begünstigt hat, ist die Selbstgerechtigkeit, mit der diese Erziehungsmaßname auftritt, geradezu atemberaubend. Ähnlich störend fand ich eine Installation, in der Joseph Beuys inmitten lauter Nazigrößen aufgeführt wird. Weder die Jugend des Künstlers in der Nazizeit, noch die Gehirnwäsche, der man als Jugendlicher in Deutschland unterzogen wurde, noch das Faktum, dass Beuys wie viele Deutsche dann auch aus dieser Ideologie hinausgewachsen ist, finden anscheinend Gnade vor den Augen des Künstlers und der Kuratoren. Die chorischen Führungen sind eigentlich ein alter Hut. Ich arbeite seit 30 Jahren als Museumspädagoge in Köln und ein Grundprinzip der Vermittlung ist eigentlich immer die Einbeziehung des Betrachters gewesen. Das geht allerdings nur in einem Wechselspiel von Input und Dialog. Wenn die Gesprächsteilnehmer nicht mehr weiter wissen, gebe ich möglichst schnell Hintergrundinformation. Der erste Schritt in eine Diskussion ist zunächst ein gemeinsames Beschreiben dessen, was da ist, was man also sieht - und eben ein wenig Background ... Wir hatten auf der Documenta zwei Führungen gebucht, von denen eine grandios war, da genau dieses Spiel von Info und Dialog funktionierte. Die zweite Führung war in ihrer Wurstigkeit und Verlogenheit kaum zu ertragen, da der Führer Kritik an den Kunstwerken und dem Ausstellungskonzept nicht vertragen konnte und er die holzschnittartige Weltsicht des Kurators offensichtlich ganz fantastisch fand. in den vergangenen Jahrzehnten sind Biennalen und Documentas immer mehr zum Vehikel einer von Kuratoren und weniger von den einzelnen Künstlern getragenen Botschaft geworden. Sie dokumentieren eben nicht mehr den den Stand der Dinge in der (Kunst-)Welt, sondern sind oft zu subjektiven politischen Brandreden geworden. Ausstellen heißt natürlich immer auch Auswählen, aber mit tatsächlichen Tendenzen in der Kunstszene hat eine solche linke Stammtischveranstaltung nichts mehr zu tun. Die nächste Documenta schenke ich mir.
Marvel Master 28.07.2017
2.
Ich habe in der Vergangenheit öfter solche Ausstellungen besucht. Ziel: Über den Tellerand hinausschauen. Mein aktuelles Endfazit für mich. "Ist das Kunst oder kann das weg." Es gibt so eine Folge bei den Simpsons wo Homer Simpson durch Zufall ein künstlicher wird und aus Müll irgendeinen Schrott für die hippe Gesellschaft konstruiert. Und es gibt dann Menschen die das toll finden und sehr viel Geld dafür bezahlen. Ich persönlich verstehe es nicht. Meine Theorie ist die, dass sich solche Menschen einbilden, sie würden darin einen höheren Sinn drin sehen um sich so vom Pöbel abzugrenzen. Erinnert mich jetzt auch wieder an den Künster Manzoni, welcher in Dosen geschießen hat und diese jetzt für 150.000 bis 500.000 Dollar verkauft werden. Quelle : https://de.wikipedia.org/wiki/Merda_d’artista Kranke Welt. VG
ironcock_mcsteele 28.07.2017
3.
Zitat von wolfgang-till-busseIch kann die Erfahrungen, die im Artikel geschildert wurden, nur bestätigen. Auch das Daybook folgt im Übrigen einer erratischen, kaum nachvollziehbaren Reihenfolge. Am meisten störte mich bei den Arbeiten der penetrante Versuch einer neomarxistischen Indoktrinierung, am stärksten bei einer Kunstaktion in der Ausstellungshalle neben dem Friederizianum, die den Teilnehmern ihre durch das kapitalistische System verursachten narzisstischen Störungen vorführen sollte. Mal abgesehen davon, dass gerade das kommunistische System narzisstische Persönlichkeiten wie Ceaucescu, Mao oder Stalin begünstigt hat, ist die Selbstgerechtigkeit, mit der diese Erziehungsmaßname auftritt, geradezu atemberaubend. Ähnlich störend fand ich eine Installation, in der Joseph Beuys inmitten lauter Nazigrößen aufgeführt wird. Weder die Jugend des Künstlers in der Nazizeit, noch die Gehirnwäsche, der man als Jugendlicher in Deutschland unterzogen wurde, noch das Faktum, dass Beuys wie viele Deutsche dann auch aus dieser Ideologie hinausgewachsen ist, finden anscheinend Gnade vor den Augen des Künstlers und der Kuratoren. Die chorischen Führungen sind eigentlich ein alter Hut. Ich arbeite seit 30 Jahren als Museumspädagoge in Köln und ein Grundprinzip der Vermittlung ist eigentlich immer die Einbeziehung des Betrachters gewesen. Das geht allerdings nur in einem Wechselspiel von Input und Dialog. Wenn die Gesprächsteilnehmer nicht mehr weiter wissen, gebe ich möglichst schnell Hintergrundinformation. Der erste Schritt in eine Diskussion ist zunächst ein gemeinsames Beschreiben dessen, was da ist, was man also sieht - und eben ein wenig Background ... Wir hatten auf der Documenta zwei Führungen gebucht, von denen eine grandios war, da genau dieses Spiel von Info und Dialog funktionierte. Die zweite Führung war in ihrer Wurstigkeit und Verlogenheit kaum zu ertragen, da der Führer Kritik an den Kunstwerken und dem Ausstellungskonzept nicht vertragen konnte und er die holzschnittartige Weltsicht des Kurators offensichtlich ganz fantastisch fand. in den vergangenen Jahrzehnten sind Biennalen und Documentas immer mehr zum Vehikel einer von Kuratoren und weniger von den einzelnen Künstlern getragenen Botschaft geworden. Sie dokumentieren eben nicht mehr den den Stand der Dinge in der (Kunst-)Welt, sondern sind oft zu subjektiven politischen Brandreden geworden. Ausstellen heißt natürlich immer auch Auswählen, aber mit tatsächlichen Tendenzen in der Kunstszene hat eine solche linke Stammtischveranstaltung nichts mehr zu tun. Die nächste Documenta schenke ich mir.
Interessanter Kommentar, ich kann mir vorstellen, dass Sie es beizeiten schwer haben, die Arbeit der Kuratoren zu vermitteln. Kunst hat eben manchmal ein Sender-Empfänger-Problem. Insofern wäre es interessant, wenn Sie als Experte kurz die Führung nennen können, die aus Ihrer Sicht grandios war?
Thomas Mank 28.07.2017
4. Eine Form der Ausbeutung
Nicht zuletzt die documenta 6 war für mich seinerzeit als Heranwachsenden ein wichtiger Impuls, später selbst Kunst zu studieren und als freischaffender Künstler zu leben. Ich war bislang auf jeder documenta seitdem und kann, nicht zuletzt aufgrund meiner Berufserfahrung, sagen: einmal mehr zeigt sich überdeutlich, dass Kuratoren sich offensichtlich für die eigentlichen Deuter und Schaffenden halten, die Künstler werden dabei zu Materialgebern für verkopfte Theorien degradiert. Dumm nur, dass man sich dem permanent unterwerfen muss, will man von der Kunst leben. Solche Schauen, ob documenta oder irgendeine Ausstellung oder auch Filmreihen sind für mich nichts weiter als eine perfide Form der Ausbeutung. Der Mangel an Transparenz und Information geht zu Lasten der Ausstellenden, die dann aber auch noch dankbar sein müssen, überhaupt ausgewählt worden zu sein. Habe ich alles selbst schon erlebt.
dr.haus 28.07.2017
5.
Kunst kommt von Können und Wunst kommt von Wollen,dafür steht die Dokumenta seit der "Fetteckenbadewanne" von Hutträger B. seit Jahrzehnten . Mein erster Besuch in der Tate Galerie in London 1969, mit entsprechendem "Inhalt", hat seitdem dieses o.a. Motto immer wieder bestätigt. Kein Problem,wenn die ,die wie auch immer zu ihrem Vermögen "gekommen sind", dies teuer bezahlen. Öffentliche Gelder ,vom hart schaffenden Bürger, hierfür verwendet, sind wohl eine Art Finanzierung für politisch genehme "Wünstler".
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