AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2018

Kannibalenmilieu Erregt, erhängt, zerstückelt

Ein Tod im Kannibalenmilieu beschäftigt den Bundesgerichtshof: Ermordete der Täter seinen Bekannten, bevor er ihn zerlegte? Oder brachte sich das Opfer um?

Tatort Keller: Blutrünstige Rollenspieler
Ronald Bonss/ momentphoto.de/ DER SPIEGEL

Tatort Keller: Blutrünstige Rollenspieler

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Es gibt Taten, die dem normalen Verstand nicht zugänglich sind. Wie kann ein unbescholtener Polizeibeamter, mit mehr als 30 Dienstjahren, einem Mann in seinem Keller den Kopf abschneiden, die Geschlechtsteile herauspräparieren und den Körper dann mit einer Elektrosäge der Länge nach halbieren? Wie zwei Schweinehälften im Schlachthaus baumelte das Opfer von der Decke. Es existiert ein Video der Horrorszenen: Detlev G., der Polizist, hantiert nackt, erregt und blutverschmiert an der Leiche.

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Heft 8/2018
Die Schwäche der Volksparteien - die schwache Republik

Die Irrsinnstat eines Beamten des sächsischen Landeskriminalamts bringt Juristen an ihre Grenzen, noch immer scheint zwischen einer milden Strafe und lebenslang jedes Urteil möglich. Fraglich ist, ob G. seine Internetbekanntschaft im November 2013 tötete - oder ob das Opfer sich selbst umbrachte.

In erster Instanz verurteilte das Landgericht Dresden den Polizisten wegen Mordes und Störung der Totenruhe 2015 zu acht Jahren und sechs Monaten Haft. 2016 hob der Bundesgerichtshof (BGH) das Urteil auf. Das Landgericht Dresden verhandelte Ende 2016 erneut und verhängte acht Jahre und sieben Monate. Am 21. Februar könnte der BGH auch dieses Urteil kippen.

Der Fall ist kompliziert, weil der im Keller des Polizisten gestorbene 59-Jährige kein gewöhnliches Opfer ist: Der polnische Wirtschaftswissenschaftler Wojciech S. wollte sterben und hatte schon früh die Fantasie, getötet und verspeist zu werden.

Eine Freundin sagte vor Gericht aus, S. habe bereits als Kind den Traum gehabt, auf einem Opferaltar zu liegen. Das habe ihn sexuell erregt. So trafen sich der Unternehmer aus Hannover und der Polizist aus Sachsen in einem Kannibalenforum blutrünstiger Rollenspieler im Internet.

Den einen erregte die Vorstellung, geschlachtet zu werden. Den anderen die Fantasie, selbst zum Schlachter zu werden.

Pension im Gimmlitztal
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Pension im Gimmlitztal

Am Ende kam man zusammen. Wojciech S. reiste ins Gimmlitztal im östlichen Erzgebirge, wo Detlev G. in einem abgelegenen Waldstück nebenbei eine Pension betrieb.

Bis dahin ähnelt der Fall jenem von Armin Meiwes, der ab 2002 als "Kannibale von Rotenburg" deutschlandweit Schlagzeilen lieferte.

Er hatte in Berlin einen lebensmüden Wesensverwandten gefunden und in seinem Haus in Hessen zerstückelt. Allerdings starb sein Opfer durch einen Stich in den Hals, den Meiwes ausführte. Tötung auf Verlangen, so argumentierte die Verteidigung. Doch am Ende wurde es lebenslang wegen Mordes, obwohl der ungewöhnliche Fall bis zum Bundesverfassungsgericht ging.

Wie Wojciech S. im Gimmlitztal zu Tode kam, ist dagegen strittig. Sicher scheint, dass der Unternehmer durch Erhängen starb. G. sagte aus, das Opfer habe sich die Schlinge aus einem Kletterseil selbst um den Hals gelegt. Die Hände habe er auf Wunsch von S. gefesselt und den Mund zugeklebt. S. habe ihn noch mit "strahlenden, glücklichen Augen" angesehen, dann habe G. den Raum verlassen. Nach 15 bis 20 Minuten sei er zurückgekommen, und der Mann sei tot gewesen.

Zeugen gibt es nicht. Das Video, das Detlev G. von der Zerstückelung drehte, gibt die entscheidenden Minuten nicht wieder. Er habe vergessen, so sagt er, das Gerät einzuschalten.

Gericht und Staatsanwaltschaft glauben, der verurteilte Polizeibeamte habe sein Opfer mit einer elektrischen Seilwinde nach oben gezogen und so getötet. Allerdings fand sich an der Fernbedienung der Winde einzig die DNA des Polen.

Beim letzten Prozess Ende 2016 war die Verteidigung lange von einem Freispruch vom Mordvorwurf ausgegangen.

Der Angeklagte Detlev G.
DPA

Der Angeklagte Detlev G.

In der Begründung der Revision beklagt sie, es habe kein faires Verfahren gegeben. Gezielt habe das Gericht falsche Erwartungen geweckt, um die Anwälte von weiteren Beweisanträgen abzuhalten. Es gab sogar einen sogenannten rechtlichen Hinweis des Gerichts im Verfahren, wonach eine möglicherweise mildere Verurteilung wegen Mordes durch Unterlassen in Betracht käme.

Auch deshalb sei es dann nicht mehr zu einer detaillierten Rekonstruktion der Vorgänge im Pensionskeller gekommen, wie sie der Bundesgerichtshof eigentlich angeregt hatte.

Immerhin haben die Richter festgestellt, dass der sächsische Polizist über Jahre wohl zu Unrecht als "Kannibale vom Gimmlitztal" galt. Der Wunsch von Wojciech S., verspeist zu werden, blieb offenbar unerfüllt. Detlev G. begnügte sich mit dem Zerlegen der Leiche.


Kannibalen-Prozess: Jenseits jeder Moral Zwei Männer verabreden sich, um ihre Fantasien auszuleben. Beide hatten Vorlieben für Kannibalismus: Der eine als Koch, der andere als menschliche Kost. SPIEGEL TV berichtete über den Fall im März 2014.

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