AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2017

Deutschland und Amerika Bei uns kann es keinen Trump geben. Das ist nicht nur gut

Warum es unangebracht ist, behaglich darüber zu frohlocken, dass wir nicht diesen blöden Trump haben, sondern die supersolide Merkel.

Trump-Maske vor dem Reichstag
Jan Philip Welchering / DER SPIEGEL

Trump-Maske vor dem Reichstag

Ein Essay von


Einmal den Horror denken, den gesteigerten Horror: Trump wäre nicht Präsident der Vereinigten Staaten, Trump wäre Bundeskanzler. Der Bundeskanzler hätte gesagt, er fasse Frauen direkt mal in den Schritt, die Familie des Bundeskanzlers suchte bei den Russen Stoff für eine Schmutzkampagne gegen den politischen Gegner, der Bundeskanzler schickte täglich abstruse, dümmliche oder drohende Tweets in die Welt hinaus, der Bundeskanzler kündigte an, das Pariser Klimaabkommen aufzukündigen.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 31/2017
Wie wir leben, wie wir denken: Ein Heft über Deutschland

Unvorstellbar. Aber warum? Warum haben die USA, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die führende Nation der westlichen Welt waren, politisch, moralisch, militärisch, nun diesen Präsidenten, der eine gefährliche Lachnummer ist und sein Land international isoliert? Warum steht Deutschland, das damals der Paria war, politisch so gut da wie selten zuvor?

Ein Vergleich also: Was hat dort Trump möglich gemacht, was schließt ihn hier aus? Ein Blick in die Gesellschaften und die politischen Systeme, ohne Scheu vor Klischees, die manchmal Wirklichkeit ganz gut abbilden, und in dem Bewusstsein, dass jede Strömung, die derzeit dominant wirkt, ihre Gegenströmung hat. Wenn es gut geht, steht am Ende dieses Vergleichs ein aktuelles Porträt der Bundesrepublik, ein Porträt der politischen Lage des Landes im Jahr der Bundestagswahl.

Träume

Politik entsteht im Möglichkeitsraum einer Gesellschaft. Was können sich die Leute vorstellen, welchen Präsidenten halten sie für möglich? Der Möglichkeitsraum bildet sich aus realen Erfahrungen und aus den Visionen, Fantasien, Erzählungen, Träumen. Interessant ist hier, wie hoch die Mauer steht, die Realität und Träume trennt. Steht sie hoch, ist der Möglichkeitsraum klein und umgekehrt.

In den Kinos läuft derzeit "Die Erfindung der Wahrheit", das Porträt einer eiskalten Lobbyistin in Washington. Ein starker Film, und wer ihn gesehen hat, denkt hinterher: Im Prinzip ist es wohl so. Die Schlacht um die Mehrheiten wird auch in der amerikanischen Wirklichkeit skrupellos geführt, und die Lüge ist eine häufig gebrauchte Waffe. Zudem wird schon diskutiert, ob die Wirklichkeit unter Trump schlimmer ist als die Filmwirklichkeit von "House of Cards", einer Serie über einen brutalen Politiker, der sich ins Präsidentenamt intrigiert.

Ronald Reagan war Schauspieler, bevor er Präsident wurde. Jesse Ventura war Wrestler, also Showstar, bevor er Gouverneur von Minnesota wurde. Arnold Schwarzenegger war Schauspieler, bevor er Gouverneur von Kalifornien wurde, und nun ist er wieder Schauspieler. Donald Trump war Hauptfigur einer Realityshow, bevor er Präsident wurde. Diese Männer traten aus einer Scheinwirklichkeit in die politische Wirklichkeit. Die amerikanische Mauer ist niedrig, wenn es überhaupt eine gibt. Die Welten fließen ineinander. Auch die Traumwelt von Hollywood ist Teil der Wahrheit, aber halt erfunden. Präsident Trump ist das Produkt eines riesigen Möglichkeitsraums.

In Deutschland gibt es zwar auch politische Lügen, aber nicht eine so intensive Interdependenz zwischen den Erzählungen und der Wirklichkeit. Der Realismus ist hierzulande eine lange verpönte und unterentwickelte Kunstform. Politik gilt obendrein als zu langweilig, um ihr große Erzählungen abgewinnen zu können. Das hält den deutschen Möglichkeitsraum klein. Ein Trump ist gar nicht vorstellbar, weil es etwas Ähnliches nicht einmal auf der Leinwand oder auf dem Bildschirm gab. Zudem gilt, dass eine große Erzählung, ob real oder nicht, auch dem Größenwahn entspringt. Der aber hat in Deutschland seit 1945 seine verdienten Grenzen.

Es gibt in der Bundesrepublik ein anderes Konzept von Realität als in den USA, eine klarere Trennung der Sphären Traum und Wirklichkeit, eine hohe Mauer, was die politische Realität ein Stück weit verlässlicher, seriöser macht.

Erlösung

Der Urmythos der USA, das sind die Pilgrim Fathers, die Pilgerväter, die mit der "Mayflower" von Großbritannien nach Amerika segelten, religiöse Fanatiker, deren Ethos das Land noch immer ein bisschen prägt, vor allem der Glaube an die Erlösung. Bis heute hält sich die Hoffnung auf den Einen, der kommt und alles wiedergutmacht. Barack Obama war das von links, Trump ist das von rechts. Beide sind Pathetiker, Euphoriker, die nicht nur den Verstand bedienen wollen, sondern auch die Seele. Politik in den USA hält große Versprechen bereit: Die Welt kann neu entstehen, du musst nur mitmachen oder wenigstens den richtigen Kandidaten wählen.

Natürlich wissen die Amerikaner inzwischen, dass die Erlösung auf Erden nie kommt. Die einen ziehen sich zurück. Aber für die anderen zählt, wie in der Religion, nicht das Wissen, sondern der Glaube. Man glaubt, wird enttäuscht, glaubt weiter. Die Grundhaltung ist Optimismus.

Die Deutschen glaubten einmal, einen Erlöser gefunden zu haben. Der legte die Welt in Schutt und Asche, und nun hat es ein Ende mit dem Erlösungsglauben. Der Soziologe Helmut Schelsky entdeckte eine "skeptische Generation", die ganz jungen Kriegsteilnehmer, die dann die Bundesrepublik aufbauten. Mit großen Ideen musste man ihnen nicht mehr kommen, ihre Staatsreligion wurde Karl Poppers "piecemeal social engineering", die Politik der kleinen Maßnahmen, hier an einem Schräubchen drehen, dort ein Ventil vorsichtig öffnen und nur keine allzu großen Hoffnungen wecken. Angela Merkel macht das konsequent so.

Freaks

Politik hat einen Freakfaktor. Es fehlt eine Maßeinheit, aber der Freakfaktor drückt aus, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sich ein Außenseiter durchsetzt, ein Freak, ein Irrer, ein Systemfremder. Das hat mit dem Möglichkeitsraum zu tun, aber auch mit dem Rekrutierungssystem.

In den USA haben neben Showstars auch Mitglieder politischer Dynastien gute Chancen, nach oben zu kommen, also Kennedys, Bushs oder Clintons. Relativ klein ist dagegen die Rolle der Parteien. Trump wurde gegen eine starke Opposition bei den Republikanern Präsidentschaftskandidat. Die Vorwahlen sind eine Art Volksbefragung, es zählt die Kommunikation des Kandidaten mit den Bürgern, bei Auftritten, über die Medien und sozialen Netzwerke. Es zählt das Geld, das jeder aufbringen kann, um möglichst viel zu kommunizieren. Wer viel Geld hat, wer den Nerv der Zeit trifft, kann Präsident werden, ohne zum Führungskreis der Parteien zu gehören, auch als Irrer.

In Deutschland sind solche Karrieren nahezu ausgeschlossen. Die Parteien haben die Rekrutierung des politischen Personals komplett unter Kontrolle. Wer nach oben will, muss die Ochsentour durchlaufen, muss sich durch die Parteistruktur nach oben wühlen. Die Kandidaten werden geschliffen, gehen durch die Schule der Anpassung und des Kompromisses. Der größte Freak der vergangenen Jahrzehnte war, nun ja, Karl-Theodor zu Guttenberg, und der trat bald zurück. Wegen einer zum Teil plagiierten Doktorarbeit. Trump würde sich totlachen.

In der deutschen Politik herrscht das System, in den USA das Individuum. Damit ändern sich die Verhältnisse in Washington stärker, je nach Präsident. Das regierende System der Bundesrepublik dagegen ist stabiler, gleichförmiger, dauerhafter.

Frisuren

In seiner Studie "Wir amüsieren uns zu Tode" schrieb der Medienwissenschaftler Neil Postman in den Achtzigerjahren von den "redenden Frisuren". Denen gehöre die Zukunft in der Politik, weil sie vom Fernsehen besonders gemocht würden. Als hätte er Trump vorhergesehen, die blondeste aller redenden Frisuren. Für Postman war "Frisur" aber nicht nur die Metapher für Schlichtheit, sondern auch für fernsehtaugliche Schönheit. Kein Volltreffer also.

Jan Philip Welchering / DER SPIEGEL

Trotzdem lohnt es sich, Postman noch einmal zu lesen, weil er die fatalen Wirkungen des amerikanischen Fernsehens beschreibt, die Verdummung und ihre Rückwirkung auf die Politik. Das Fernsehen stellt Politik als Fernsehformat dar, und die Politiker liefern Politik im Fernsehformat ab, banal, überspitzt und übergagt. Logischerweise wird dann eine Fernsehgestalt wie Trump Präsident.

Postman kannte den Sender Fox News noch nicht. Sonst hätte er wohl geahnt, dass ein Programm, das rechten Populismus verbreitet, eines Tages einen rechtspopulistischen Politiker ins Präsidentenamt hieven würde. Trump und Fox gehören zusammen.

Wenn man Postman liest, hat man nie den Eindruck, dass das deutsche Fernsehen von heute schon so verkommen und wirkmächtig ist wie das amerikanische Fernsehen der Achtzigerjahre. Der entscheidende Unterschied ist jedoch, dass hierzulande kein starkes wirklich rechtes Medium existiert. Der Springer Verlag könnte das von den Neigungen her am ehesten sein, ist aber gebunden durch eine Festlegung des Gründers Axel Springer. Die Freundschaft mit Israel ist für seinen Verlag unverbrüchlich, damit gilt auch die Erinnerung an die Verbrechen der Nazis als Grenze für die Lust am Zündeln. Selbst "Bild" trägt dazu bei, dass der radikale rechte Rand schmal bleibt und Deutschland eine Gesellschaft der breiten Mitte ist.

Darin steckt auch ein Problem, wie sich im deutschen Krisenjahr 2016 zeigte. Manche Bürger fühlen sich in ihrer Wahrnehmung der Wirklichkeit, in ihrer Meinung medial nicht repräsentiert, fühlen sich ausgeschlossen. Ihr Resonanzraum ist das Internet geworden, in dem sich die politische Kommunikation ohne Vermittlung der Medien und der Parteien austoben kann. Das wird auch hierzulande irgendwann zur Chance für das Individuum, den Freak, den Außenseiter, der sich weitgehend unabhängig vom System zur politischen Macht entwickeln kann. Hier scheint, noch blass, die Möglichkeit eines deutschen Trumps auf.

Business

Die Aneignung von Land, also das Erobern einer Immobilie, ist der Ursprung amerikanischen Wirtschaftens. Dem großen Wagnis, dem Verlust des Skalps durch Komantschen oder Mohikaner, stand die Aussicht auf Reichtum gegenüber. Diese Hasardeurökonomie genießt seither hohes Ansehen und setzte sich fort bei den Sklavenhändlern, den Ölpionieren, den Immobilienhaien und Finanzspekulanten bis hin zu den Gründern in der Internetwirtschaft. Dass solche Geschäfte nicht ohne Ruchlosigkeit oder gar Brutalität auskommen, ist weitreichend akzeptiert oder vom Mythos überdeckt. Ein Immobilienkapitalist wie Trump steht nicht außerhalb der Gesellschaft, sondern zählt zu ihrem Kern. Bewunderung ist ihm gewiss.

Die Deutschen verehren nicht den Hasardeur, sondern den Ingenieur. Nicht der Landgewinn, sondern das geniale Produkt von Siemens, von Krupp, von Daimler bildet den Gründungsmythos des deutschen Kapitalismus. Dieser stellte sich dann zweimal freudig in den Dienst von Kriegstreibern und betrieb während der Nazizeit eine mörderische Sklavenwirtschaft.

Zudem brachte der deutsche Kapitalist, bevor es ihn so richtig gab, schon den größten Antikapitalisten hervor, Karl Marx, in dessen Gefolge die sozialdemokratische Idee erblühte. Dem Ingenieur wurde der Betriebsrat an die Seite gestellt. Gemeinsam bewerkstelligten sie das bundesrepublikanische Wirtschaftswunder, das mehr eine Sache des Kollektivs als der Individuen war.

Die einfache Herkunft gilt in Deutschland immer noch als Qualifikation für politische Ämter. Reich- und Unternehmertum sorgen für Misstrauen. Insofern ist Trump geradezu der Antideutsche, trotz seiner pfälzischen Wurzeln.

Bruchstellen

Die Amerikaner sind daran gewöhnt, dass die Welt alle paar Jahre neu entstehen kann. Auf Johnson folgte Nixon, auf Carter folgte Reagan. Der harte Bruch ist in ihrem politischen System angelegt, da hier vor allem das Mehrheitswahlrecht gilt und es keine Koalitionen gibt. Auf Obama folgte Trump, härter kann ein Bruch kaum sein.

Das bundesdeutsche System fördert vor allem die Kontinuität. In fast 70 Jahren gab es nur einen klaren Wechsel. Das war 1998, als SPD und Grüne aus der Opposition heraus die Regierung übernahmen. Sonst hat es immer mindestens eine Koalitionspartei wieder an die Macht geschafft. In Koalitionen blüht der Kompromiss, der Konsens. Das Land wird ewig von einer Großen Koalition regiert, manchmal informell, manchmal formell. Am liebsten sind den Deutschen sozialdemokratische Programme von konservativen Kanzlern.

Planeten

Der Roman "Ein wenig Leben" der Amerikanerin Hanya Yanagihara spielt rund um die Broome Street in New York in einem Milieu, in dem Hautfarbe, sexuelle Orientierung und Herkunft ohne Bedeutung sind. Bald sind alle reich, aber unglücklich. Ein größerer Unterschied zum ländlichen Leben in großen Teilen der USA mit seinen vielen Tabus und strengen Separationen in Falsch/Richtig, Gut/Böse, Schwarz/Weiß ist kaum vorstellbar. Diese Milieus haben so wenig miteinander zu tun, als lägen sie auf verschiedenen Planeten.

Die Gegensätze könnten größer kaum sein: die besten Universitäten, daneben die Ignoranz der Kreationisten, die alle wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Evolution ablehnen. Die Millionärs- und Milliardärsfabrik Silicon Valley, daneben ein massenhaftes Straßenelend in San Francisco. Das relativ hohe Risiko, als schwarzer Mann von einem weißen Polizisten erschossen zu werden. Extreme also, Spaltungen. Die eine Hälfte des Landes ist so voller Hass auf die andere, dass sich viele Wähler einen Trump zumuten, weil sie wissen, dass er für die andere Hälfte eine noch größere Zumutung ist.

In Deutschland ist dieser blinde Hass nicht so weit verbreitet. Ost/West, Arm/Reich, das sind auch bei uns Themen. Es fehlt vor allem an Chancengerechtigkeit, aber die Spaltungen sind nicht so groß, dass die Wut gegen andere einen Mann wie Trump an die Spitze der Regierung hieven könnte.

Egoismus

Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten die USA einen doppelten Schock verkraften, einen positiven, einen negativen. Sie waren die mit Abstand stärkste Macht des Westens, weil Großbritannien und Frankreich viel Kraft gelassen hatten. Die stärkste Macht des Westens war aber nicht mehr automatisch die stärkste Macht der Welt, denn der Krieg hatte die Sowjetunion trotz wahnsinniger Verluste in einen Herausforderer verwandelt.

Ein nukleares Wettrennen begann, das den Größenwahn förderte. Die Amerikaner glaubten, sie müssten die Stärksten sein, um überleben zu können. Um ihre Angst zu besiegen, mussten sie davon ausgehen, dass sie die Stärksten sind. Sie haben, mit ihren Verbündeten, dieses Wettrennen gewonnen.

Nach der Angst kamen die Zweifel. Die USA sind seit Anfang der Neunzigerjahre die einzige Supermacht, aber das machte das Leben nicht für alle groß und gut. Andere Länder lebten besser, und das, dachten viele, konnte ja nur auf Kosten der USA gehen. Ein großes Land, das nicht unbedingt Verbündete braucht, hat einen Hang zum Egoismus, Isolationismus. Es schwelt dort automatisch die Idee, dass man allein besser klarkäme, weil man von den anderen ausgenutzt werde. Ein weiterer Grund für Trump.

Ein Beleg für diese These ist leider auch die Bundesrepublik. Als sie in Europa immer größer und mächtiger wurde, entwickelten sich, leise noch, ebenfalls egoistische Vorstellungen. Aber die liegen gar nicht in der DNA dieses Landes. Es wurde nicht als unabhängige Entität gegründet, sondern als Teil größerer Einheiten, als Anhängsel der USA, als Mitglied der Nato, als Teil Europas. Es wurde über Bündnisse geschützt, gepäppelt und kontrolliert. Es war zu gebrochen für Egoismus, für Größenwahn. Es war und ist ganz zufrieden damit, sich mit anderen zu arrangieren, Kompromisse zu finden und das europäische Interesse im Großen und Ganzen als Eigeninteresse zu verstehen.

Germany first ist kein Satz für Deutschland.

Moral

Im Kalten Krieg war Moral eine Waffe. Die Amerikaner haben sie ausgiebig benutzt. Menschenrechte, Freiheit, Demokratie wurden zur Munition gegen die Sowjetunion, die USA führten sich als moralische Supermacht auf, mit einigem Recht, weil sie sich seit Gründungszeiten als Hüter von Menschenrechten, Freiheit und Demokratie verstehen konnten. Es war auch nützlich für die eigenen Interessen, als ewiger Vorwurf gegen die sozialistische Welt, als Konter auf den Vorwurf, viel Ungleichheit zuzulassen.

Nach dem Fall der Mauer verblasste die Nützlichkeit und damit der moralische Eifer amerikanischer Politik. Man leistete sich offene Verstöße gegen die Menschenrechte, in Guantanamo, in Folterzentren. Moral gehört nicht zum Fundament der Außenpolitik. Auch das machte einen Mann wählbar, von dem bekannt ist, dass er kein moralisches Gerüst besitzt.

Deutschland hat in dieser Frage keine Wahl. Nach der Nazizeit war außenpolitisch nur noch eine moralische Haltung möglich. Auschwitz wurde zum Fundament der Außenpolitik, zur Verpflichtung, gut zu sein, in allen möglichen Bereichen, äußerste militärische Zurückhaltung gehört dazu, auch Naturschutz. Man will im Prinzip niemandem mehr schaden. Der Flüchtlingsherbst 2015 machte Deutschland auf dem politischen Feld zur neuen moralischen Supermacht, die sich ihre pazifistische Neigung aber nur leisten kann, weil die Amerikaner noch immer über die deutsche Sicherheit wachen.

Tabu

Das Tabu dient unter anderem dazu, den Umgang der Geschlechter miteinander zu regeln, genauso den Umgang mit Minderheiten. Eine Unterform des Tabus ist die politische Korrektheit, die verhindern soll, dass sich andere Menschen zurückgesetzt oder beleidigt fühlen. Sie wird vor allem in linken und liberalen Kreisen gepflegt, besonders an amerikanischen Universitäten. Man muss hier sehr aufpassen, was man sagt, was man tut, weil jedes Wort, jedes Handeln als "Mikroaggression" aufgefasst werden könnte. Selbst das Personalpronomen "sie" für einen Menschen, der aussieht wie eine Frau, kann als Beleidigung gewertet werden, falls sich dieser Mensch nicht als Frau fühlt.

Auf der anderen Seite sind die USA ein Land, in dem Tabus besonders drastisch verletzt werden, durch eine gigantische Pornoindustrie, auch durch eine aggressive, cowboyhafte Männlichkeit, wie sie Trump ausstrahlt. Beides bedingt einander. Je stärker die Tabus, desto stärker deren Verletzung und umgekehrt. Amerika lebt mit einer extremen Polarität, mit Pendelausschlägen nach hier und dort. Wer Trump wählte, pfiff auf Tabus.

Wer könnte ein deutscher Trump sein? In der Politik gibt es keine Männer wie ihn, und sonst auch kaum. Dieser aggressive, primitive Typus findet hier keine Akzeptanz mehr. Der amerikanische Männermythos geht auf den Cowboy zurück, der deutsche auf den Soldaten. Und der hat sich im Zweiten Weltkrieg erledigt. Der wilde Kerl der Bundesrepublik war Götz George als Kommissar Schimanski, und der war irgendwie auch lieb.

Der Pendelschlag ist keine deutsche Bewegung. Das große deutsche Tabu liegt bei allem, was den Nazis nahekommt, und es wird weitgehend akzeptiert. Dieses Tabu hält die Polarität klein. Bewegt sich einer zu weit nach rechts, ist er schon in der Nähe der Nazis, und das war es dann. Man ist erledigt. An einigen Universitäten gibt es da schon eine Tendenz, die der amerikanischen Stimmung recht nahekommt. Doch da geht es um kleine Minderheiten, die einem Professor das Leben allerdings sehr vergällen können.

Alles in allem ist dies aber noch ein vergleichsweise entspanntes Land. Die Geschlechter gehen mehr oder weniger lässig miteinander um, ein bisschen Porno, ein bisschen politische Korrektheit. Die Debatte schaukelt sanft von hier nach dort, Mittellage, Merkel. Damit lebt es sich recht angenehm.

Vertrauen

Trump lässt sich auch so deuten: Die Amerikaner können sich einen wie ihn leisten, weil sie sich und ihren Institutionen vertrauen, weil ihre Demokratie eine Geschichte von fast 250 Jahren hat und von maximal acht Jahren Trump nicht auszulöschen ist.

Die deutsche Demokratie ist noch keine 70 Jahre alt, sie wurde nicht selbst erkämpft, sie wurde von den Siegern des Zweiten Weltkriegs verfügt. "Keine Experimente" - mit diesem Imperativ warb die CDU im Wahlkampf 1957 für Konrad Adenauer. Es ist ein Spruch, der immer noch passt. Da die Deutschen aus ihrer Geschichte kein großes Vertrauen gewinnen können, erwählen sie sich Bundeskanzler, die ihnen vor allem Stabilität bescheren sollen. 14 Jahre Adenauer, 16 Jahre Kohl, 12 Jahre und womöglich mehr Merkel. Das sind Zeiten für Könige.

Deshalb ist die amerikanische Demokratie näher an einer der Grundideen dieses Systems: durch ständigen Wechsel Kräfte zu entfesseln. Die Deutschen sind noch immer eher mit Zügelung befasst.

Motor

Die Bundesrepublik ist im Vergleich ein ruhiges, ausgeglichenes Gebilde, stabil, mittig. Die Verfassungsväter hatten genau das im Sinn, und wir können sagen, dass sie erfolgreich waren. In ihren beiden ersten Jahrzehnten hat die Bundesrepublik ein Wirtschaftswunder vollbracht, und nun steht sie auch politisch glänzend da in der Welt. Sie hat ein solides Fundament, sie kennt ihre Verpflichtung aus der Geschichte und scheut die Langeweile nicht. Das wird von ihr erwartet, das hat Vertrauen geschaffen, Hoffnungen in aller Welt geweckt. Nur 72 Jahre nach Kriegsende ist das durchaus ein Politikwunder.

Die USA haben fürs Erste das Vertrauen der Welt verspielt, weil ihr Gemüt, ihre politische Verfasstheit einen wie Trump hervorbringen konnte - entstanden aus Größenwahn, Erlösungsgeist, Tabuverletzung und einem eher schludrigen, von Hollywood geprägten Realitätsbegriff. Aber so wie Langeweile ihre guten Seiten hat, gilt das ebenfalls für diese Eigenschaften. Sie bestimmen auch das Silicon Valley, sie stehen hinter dem Erfolg von Welteroberungsfirmen wie Facebook, Apple, Google, Amazon, Tesla.

Deutschland kann da nicht mithalten. Es lebt immer noch, immer noch gut von einer alten, nun verrufenen Idee, dem Verbrennungsmotor. Aber die neue Zeit wird von den Erfindungen des Silicon Valley geprägt, von der Dynamik in den essenziellen Bereichen Kommunikation und Biotechnik.

Es ist daher nicht angebracht, behaglich darüber zu frohlocken, dass wir nicht diesen blöden Trump haben, sondern die solide Merkel. Man muss ja geradezu alles ablehnen, was er ist, aber er wurde möglich, weil die USA enorme Kräfte entfalten können, positive wie negative.

Und die Welt darf sich sicher sein, dass irgendwann wieder ein vernünftiger Mensch das Präsidentenamt erobern wird. Deutschland hingegen kann seine Wirtschaft nicht so bald dynamisieren. Deshalb ist das Politikwunder zwar eine schöne Sache für den Moment, aber für die Zukunft ist dieses Land der schönen Langeweile nicht besonders gut gerüstet.



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
abwäger 31.07.2017
1. Gute Analyse, aber ...
Aber der Ausblick am Ende ist m.E. nicht zutreffend. Sicher sind wir nicht vorne mit dabei, wenn es um den Hype des Silicon Valley geht, aber bei anderen Trends sehr wohl, insbesondere bei Umwelt-Technologien und spezialisierten Produkten. Und das deckt sich wieder mit der Analyse des Artikels: wir konzentrieren uns auf solide (Ingenieurs-)Produkte, die wir auch zu guten Preisen exportieren können. Solange dieser Pragmatismus auch in der Wirtschaft verankert ist, wird ein populistischer Lügen-Kanditat wie in den USA von dort kaun Geld bekommen, und es nie bis oben schaffen.
ruhepuls 31.07.2017
2. Solide, aber zu spät?
Zitat von abwägerAber der Ausblick am Ende ist m.E. nicht zutreffend. Sicher sind wir nicht vorne mit dabei, wenn es um den Hype des Silicon Valley geht, aber bei anderen Trends sehr wohl, insbesondere bei Umwelt-Technologien und spezialisierten Produkten. Und das deckt sich wieder mit der Analyse des Artikels: wir konzentrieren uns auf solide (Ingenieurs-)Produkte, die wir auch zu guten Preisen exportieren können. Solange dieser Pragmatismus auch in der Wirtschaft verankert ist, wird ein populistischer Lügen-Kanditat wie in den USA von dort kaun Geld bekommen, und es nie bis oben schaffen.
Solide ist grundsätzlich ja positiv, aber wenn man zu spät kommt, nützt das auch nichts...
Wofgang 01.08.2017
3.
Zitat von ruhepulsSolide ist grundsätzlich ja positiv, aber wenn man zu spät kommt, nützt das auch nichts...
Das mag in einigen Bereichen wie Elektromobilität durchaus zutreffen, aber auch in den Bereichen ist Amerika nicht besser. In den meisten bereichen punktet deutsche Ingenieurkunst und ist in der Welt sehr gefragt, trotz hohen Preisen.
Annabelle_ 01.08.2017
4. Auch bei uns wird es noch einen 'Trump' geben,
aber man wird ihn nicht mehr so krass wie den Gegenwärtigen wahrnehmen, weil politische Unkorrektheit mit Herumgehacke auf Minderheiten und "Minderleister" dann längst allgemeiner Umgangston sind.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 31/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.