AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2017

Enttäuschte Trump-Anhänger "Ich lag leider falsch"

Donald Trumps Ausfälle gehen selbst seinen Anhängern zu weit. Die Parteibasis bröckelt, ehemalige Fans wenden sich ab. Wie bedrohlich ist das für den Präsidenten?

Politiker Trump: Mal Teleprompter-Präsident, mal Polterer, Zyniker und Wahrheitsverdreher
Tom Brenner / The New York Times / Redux / LAIF

Politiker Trump: Mal Teleprompter-Präsident, mal Polterer, Zyniker und Wahrheitsverdreher

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Julius Krein sagt, es sei ihm peinlich, dass er voriges Jahr für Trump gestimmt habe. Die üblen Auftritte der vergangenen Wochen, die Relativierung von Nazigewalt, die Planlosigkeit, das Ungeschick, die Dummheit im Weißen Haus, er könnte die Liste noch beliebig lange fortsetzen. Krein ist 31 Jahre alt und war bis Ende voriger Woche einer der euphorischsten Anhänger des Präsidenten. Nach der Wahl hatte er die akademische Zeitschrift "American Affairs" gegründet, in der sich die Vordenker einer neuen Bewegung sammeln wollten.

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Heft 35/2017
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Heute sagt Krein: "Ich lag leider falsch."

Er sitzt vor einem Glas Eistee in einem Restaurant in New York. Draußen, vor dem Fenster, schaut die halbe Stadt gerade dem Mond zu, der sich vor die Sonne schiebt. Aber Krein interessiert der Mond nicht. Er ist erleichtert über seine Entscheidung, die er lange vor sich hergeschoben hat. Vorige Woche, kurz nachdem Donald Trump die rechten Ausschreitungen in Charlottesville verharmlost hatte, schrieb Krein auf der Meinungsseite der "New York Times", weshalb er ihn für einen schlechten Präsidenten halte. Er bereue, ihn unterstützt zu haben. Trump habe nichts von dem erreicht, was er habe umsetzen wollen. "Wir haben uns selbst belogen", schreibt Krein.

Das Echo war gewaltig. Krein war nicht irgendein Trump-Fan, sondern ein Intellektueller, der Trumps Ideen, Reden und Versprechen mit einem theoretischen Unterbau versehen wollte. Mit einer Trump-Doktrin. Renommierte Autoren schreiben für seine Zeitschrift, der Volkswirt Heiner Flassbeck, die Außenpolitikexpertin Anne-Marie Slaughter. Tagelang gab Krein Interviews, er war bei "Meet the Press" zu Gast, einer der bekanntesten Politsendungen. Die Reaktionen auf sein Bekenntnis erzählen viel über dieses hoffnungslos zerstrittene Land.

Das linksliberale Amerika feiert Krein seither als Konvertiten; die Twitter-Ideologen der neuen Rechten attackieren ihn als Deserteur.

Mit seinen Ausfällen, rassistischen Tönen und selbstzerstörerischen Auftritten verliert Trump mittlerweile immer mehr loyale Verbündete. Viele seiner Unterstützer sind nach Monaten voller Skandale ermüdet und enttäuscht. Zurück bleibt eine schrumpfende, zunehmend aggressive Basis, die dem Präsidenten zujubelt, fast gleichgültig, was er sagt.

Trump verstört ausgerechnet diejenigen, die er am dringendsten braucht. Republikanische Senatoren, Abgeordnete, das Militär, die Opposition, Wirtschaftsbosse, alte Verbündete - im Grunde alle, die ihm dabei helfen könnten, endlich ein paar notwendige politische Erfolge zu erzielen. Denn im September, wenn der Kongress aus der Sommerpause zurückkehrt, stehen wichtige Entscheidungen an.

Trump braucht Geld für sein Lieblingsprojekt, den Mauerbau an der Grenze zu Mexiko. Außerdem sollen Investitionen für Infrastruktur bewilligt werden und Steuersenkungen für Unternehmen, beides hatte er im Wahlkampf versprochen. Wenn der Kongress nicht mitmache, drohte Trump am Dienstag, werde er die Regierung lahmlegen.

Der Präsident irritiert damit selbst jene im rechtskonservativen Milieu, die gehofft hatten, er würde die Partei ein wenig aufmischen. Doch was er berührt, verwelkt. Dazu kommt, dass seine Basis nicht stabil ist. In einer "Politico"-Umfrage von voriger Woche sank Trumps Beliebtheit auf einen neuen Tiefstand, nur 39 Prozent sind mit seiner Arbeit noch zufrieden. Gefährlich für ihn ist, dass er auch unter seinen Wählern an Zustimmung verliert. Und je länger er braucht, um seine großen Wahlkampfversprechen umzusetzen, desto unruhiger wird die Partei.

Trumps Problem ist, dass er voriges Jahr nicht nur gegen Hillary Clinton und die Demokraten Wahlkampf führte, sondern auch gegen das konservative Establishment von Washington. Er wollte den Sumpf trockenlegen, nun steckt er darin fest. Wer John McCain als Loser bezeichnet, der im Vietnamkrieg in Gefangenschaft geraten war, darf sich nicht wundern, wenn bei der Abstimmung über die Gesundheitsreform die entscheidende Stimme fehlt. Und ohne Verbündete im Kongress ist Trump ein gelähmter Präsident.

Seine Berater sind entsetzt darüber, dass er sich in unnötige Kämpfe stürzt. Regelmäßig berichten die Medien über Streitigkeiten zwischen Trump und republikanischen Senatoren. Es ist unter Konservativen schick geworden, ihn zu kritisieren. Manche Senatoren greifen ihn offen an, Lisa Murkowski aus Alaska etwa, Lindsey Graham aus South Carolina, Bob Corker aus Tennessee oder Jeff Flake aus Arizona.

Mitch McConnell, der Mehrheitsführer der Republikaner im Senat, hat offenbar seit über zwei Wochen nicht mehr mit dem Präsidenten geredet. Ein Telefonat Anfang August endete in einem Wutanfall, in dem sich die Männer gegenseitig anbrüllten.

Dabei ist McConnell Trumps wichtigster Mann im Kapitol. Er hält seine Kollegen auf der Linie des Weißen Hauses, und wenn es gut läuft, organisiert er Mehrheiten für die Projekte des Präsidenten. Eigentlich kann Trump es sich nicht leisten, McConnell zu verärgern. Und doch attackiert er den Senator immer wieder öffentlich. Am Dienstag berichtete die "New York Times", McConnell habe Zweifel daran geäußert, dass Trump die Partei nächstes Jahr in die Zwischenwahlen führen könne. Das sind tödliche Worte für Trump.

Es hilft dem Präsidenten auch nicht, dass sein gefeuerter Chefstratege Stephen Bannon seit Ende voriger Woche wieder bei Breitbart arbeitet, dem bevorzugten Lautsprecher der neuen Rechten.

Vor seinem Rauswurf hatte sich Bannon einen Kleinkrieg mit den interventionsfreudigen "Globalisten" geliefert, darunter Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und die drei Generäle Herbert Raymond McMaster, James Mattis und John Kelly. Jetzt kann Bannon sie offen bekämpfen. Breitbart sei seine "killing machine", seine Todeswaffe, sagte Bannon, und es dauerte nicht lange, bis er die Waffe einsetzte.

Monatelang hatten Trumps Generäle versucht, den Präsidenten davon zu überzeugen, 4000 zusätzliche Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Bannon war vehement dagegen, auch Trump hatte im Wahlkampf versprochen, den US-Militäreinsatz am Hindukusch zu beenden. Am Montag verkündete er dann jedoch die Truppenaufstockung und erfüllte damit die Wünsche seiner Militärs. Wenige Minuten nach der Erklärung machte Breitbart mit der Schlagzeile auf: "Trumps 'America First'-Basis unglücklich über Kehrtwende in der Afghanistan-Rede".

Enttäuschter Trump-Fan Krein "Wir haben uns selbst belogen"
Johannes Worsoe Berg

Enttäuschter Trump-Fan Krein "Wir haben uns selbst belogen"

Das ist ein Problem für Trump, denn seine letzten treuen Verbündeten kommen aus der Basis, sie sind seine Lebensversicherung gegen die Republikaner im Kongress. Er braucht den Applaus seiner Fans, schon als therapeutische Maßnahme gegen die Verachtung in Washington. Bei Auftritten vor seinen Fans redet er ohne Manuskript, was seine Berater nervös macht, aber Trump weiß, dass seine Anhänger es lieben, wenn er seinen Instinkten folgt.

Nachdem also am Montag bei der Afghanistan-Rede der besonnene, präsidiale Trump zu besichtigen war, der Teleprompter-Präsident, zeigte sich am Dienstag in Phoenix, Arizona, der Polterer, Zyniker und Wahrheitsverdreher. Er lieferte 77 Minuten lang, ja, was? Einen Wahlkampfauftritt? Eine Bühnenshow? Hasstiraden? Jedenfalls war es ein gewaltiges Spektakel, das Trump da vor einer Menge von Tausenden grölenden Fans entfesselte.

Er hetzte gegen CNN und die "New York Times", die "unehrlichen Leute", die Amerika spalteten und "uns unsere Geschichte und unser Erbe stehlen wollen". Er hetzte gegen illegale Einwanderer, die er "Tiere" nannte, gegen ungerechte Handelsverträge, gegen den republikanischen Senator Jeff Flake aus Arizona, der ihn kritisiert hatte und dem Trump am Tag danach einen bösen Tweet hinterherschickte: "Kein Fan von Jeff Flake, schwach, was Kriminalität & Grenzen angeht."

Es war ein Salat aus Halbsätzen, Drohungen, Lügen, Beleidigungen und Gedankenfetzen. Er musste nur Hillary Clintons Namen nennen, da skandierte die Menge schon: "Sperr sie ein, sperr sie ein", als wäre Trump wieder oder immer noch Präsidentschaftskandidat. Ein Kommentator sagte danach, Trump sei dabei, Amerika in einen Bürgerkrieg zu führen. Und der frühere Geheimdienstchef James Clapper brachte auf den Punkt, was viele Republikaner zurzeit denken: "Wie lange muss das Land diesen Albtraum noch ertragen?"

Dabei würden sich wohl viele Republikaner Trump zu Füßen werfen, könnte er sich nur ein wenig zusammenreißen.

Julius Krein sagt, er habe in Trump zunächst einen unideologischen Geschäftsmann und Pragmatiker gesehen, der nicht zum Establishment gehörte und dabei helfen würde, Amerika aus der Erstarrung zu lösen. Krein gefiel es, wie Trump Konzerne bloßstellte, die Arbeitsplätze ins Ausland verlagerten; er stimmte Trump auch zu, wenn dieser auf das Silicon Valley schimpfte, weil dessen Firmen nicht zur Lösung von Amerikas Problemen beitrügen.

Trumps Kommentare im Wahlkampf über Einwanderer und Muslime fand Krein zwar "unnötig aufwieglerisch" - aber hatte der Milliardär nicht trotzdem recht? Die Einwanderungspolitik, sagt Krein, schade Amerikanern wie Immigranten gleichermaßen. Vor allem Reiche profitierten davon, weil sie so an billige Arbeitskräfte kämen. "Wir haben ernste Probleme in Amerika, die unsere etablierten Parteien und Politiker nicht lösen konnten."

Krein sah in Donald Trump einen Präsidenten, der stark genug sein würde, den Status quo zu zerschmettern. Jetzt wünscht er sich, dass Trump bald verschwindet.



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lokisflatmate 27.08.2017
1. Haben die eigentlich alle gepennt?
"Julius Krein sagt, er habe in Trump zunächst einen unideologischen Geschäftsmann und Pragmatiker gesehen, der nicht zum Establishment gehörte und dabei helfen würde, Amerika aus der Erstarrung zu lösen. Krein gefiel es, wie Trump Konzerne bloßstellte, die Arbeitsplätze ins Ausland verlagerten ..." Kann man tatsächlich jahrelang übersehen haben, dass Trump immer eine narzisstische Luftblase war? Wie selektiv muss man - als Intellektueller - diesen Menschen wahrnehmen, um solche Illusionen aufzubauen (und dann auch gleich auf der Basis dieser Illusionen eine Zeitschrift zu gründen)? Es war doch zum Beispiel allgemein bekannt, dass der Unternehmer Trump ebenfalls fast alles im Ausland produzieren ließ. Sogar in Deutschland konnte man das wissen, und lange bevor dieser eher mittelprächtige Fernseh"star" dann auch noch zum Präsidentschaftskanditaten mutierte.
Afrojüdischer_Sozi-Sinti 27.08.2017
2. intellektueller Unterbau für Menschenverachtung
Den gibt es nicht nur bei Trump, sondern überall auf der Welt. Die Wurzel des Übels nennt sich Kapitalismus, polit-neu-deutsch "Neoliberalismus", euphemistisch "Marktwirtschaft". Ein ganzes Heer von Ideologen steht bereit um den Leutzen zu erklären warum dies bis in alle Ewigkeit die beste, einzige, alternativlose Art zu wirtschaften ist. Gleich einer Religion wird die "natürliche" Verdorbenheit des Menschen gepredigt, und ihm zugleich die Errettung durch das machen von Profiten, Arbeit und Konsum gepredigt. Dies ist das Fundament auf dem neoliberale Erlösergestalten wie Merkel und Macron aufbauen, und es ist zugleich die Keimzelle der ungeliebten Kinder des Systems wie Trump, Putin, Erdogan etc.
Meckerameise 27.08.2017
3.
"Das konnte ich mir nie vorstellen." "Wer hätte sowas ahnen können?" "Das konnte niemand wissen." Solche Sätze sind wohlbekannt. Wenn man nicht direkt zur Opfergruppe gehört oder selbst als Opfer nicht wahr haben will, dass man das Opfer ist, ist es kein großes Problem, auf der Welle von Hetze und Inkompetenz mitzureiten. Wenn irgendwelche fanatischen Leute eine Gruppierung bilden und dann ein oder mehrere Verantwortliche für ein Problem erdichten, die man nur loszuwerden braucht, sollte man sehr genau hinschauen.
schropc3 27.08.2017
4. Fragen über Fragen
Ich habe nicht verstanden, wie man an Trump irgendetwas Positives finden kann. Ich denke fast jeden Tag darüber nach - die einzige Erklärung, die halbwegs logisch wäre: Trump tut als sei er nicht ein Teil der Elite des Landes, indem er eine "eigene" Sprache spricht, die nicht geschliffen ist und inhaltlich komplexe Sachverhalte so darstellt, wie sich ein Ungebildeter sie vorstellt. Seine Vorstellung findet Anhänger unter den Abgehängten und mit ihren Leben Unzufriedenen, weil sie keinen Weg finden, ihre Situation zu verändern. Trump bietet eine diffuse Projektionsfläche für eine Mischung aus Wut, Enttäuschung, Sehnsucht nach Veränderung und dem Wunsch nach Zerstörung des "Systems". Dass Trump selbst ein höchst unglaubwürdiger Mensch und ein hundertfach überführter Lügner ist spielt keine Rolle - er ist nun zu einer Art Messias der Underdogs geworden - sogar über die USA hinaus. Langsam kommen seine Anhänger zur Erkenntnis, wen sie da unterstützt haben.
Jota.Nu 27.08.2017
5. Der eigentliche Skandal...
...ist die hanebüchene Dummheit der Amerikaner, dieses leichtgläubige und unkritische Positiv-Geschwalle, was die USA in den 80ern und 90ern so attraktiv für die ganzen "Jeder-kann-Millionär-werden-Typen" dieser Welt war. Dieses Glauben an völlig substanzloses Geschwätz irgendwelcher Menschen, die Luftschlösser bauten und diejenigen, die das ihnen abgenommen haben... . Es ist dieses völlig verantwortungslose Umgehen mit Risiken, was uns in die Finanzkrise gestürzt hat., Trump ist die Fortsetzung dieses verantwortungslosen Verhaltens, was seit der Entfesselung der Finanzmärkte in den "Eliten" der USA um sich gegriffen hat. Jetzt zeigt der Mob, dass er auch verantwortungslos sein kann und auch will. Ich verstehe sogar die Wut der kleinen Leute in den USA! Dieses hochentzündliche Gebräu durch verantwortungsloses Handeln extrem zu bereichern und nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden kommt gerade bei der rechtsradikalen Unterschicht an! Die wollen auch mal was kaputt machen - They just want to see the world burn! Einfach nur aus Lust an der Zerstörung - und sie haben den richtigen Führer dafür im Weisen Haus!
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