AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2016

Elbphilharmonie Hurra, ein Weltwunder - weil die Demokratie versagt hat

Nach zehn Jahren Bauzeit wird die Hamburger Elbphilharmonie eröffnet - ein Bau, der nicht in die Zeit und in dieses Land passt und gerade deshalb so wichtig ist.

Elb­phil­har­mo­nie am 31. Ok­to­ber 2016
DPA

Elb­phil­har­mo­nie am 31. Ok­to­ber 2016

Von und Joachim Kronsbein


An jedem Tag erscheint sie anders, je nachdem, ob es regnet, stürmt, Nebel wabert oder ob die Sonne auch einmal auf Hamburg strahlt. Mit dem Wetter verändert sie sich, schimmert oder glitzert, wirkt trotzig, fröhlich, oft geradezu unvernünftig. Ihre Dachlandschaft schwingt nach oben, zugleich ist sie verankert im Untergrund dieser Stadt, im Sand und Schlick der Elbe.

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Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 52/2016
Weihnachten in Zeiten des Terrors

Gerade erst ist die Hamburger Elbphilharmonie vollendet worden, und doch erhebt sie sich da am großen Fluss so selbstverständlich und selbstbewusst, als hätte die Welt nur auf sie gewartet. Von vielen Stellen der Stadt aus kann man sie sehen, wie eine Verheißung.

Dieses kristalline Gebäude ist beinahe ein Wunder. Und das hat nicht nur mit seiner Gestalt zu tun.

Wäre es mit rechten Dingen zugegangen, hätte es dieses Wunder nie gegeben. Wären die Vorschriften, all die üblichen Prozeduren des öffentlich-rechtlichen Bauens eingehalten worden, wäre alles so vernünftig abgelaufen, wie es in einer Demokratie sein sollte, gäbe es heute keine Elbphilharmonie im Hamburger Hafen. Dann gäbe es diesen gläsernen Bau auf dem Backsteinsockel nicht, der den eleganten Konzertsaal umschließt. Einen Saal, das kann man schon vor der Eröffnung sagen, mit einer himmlischen Akustik.

Die Geschichte dieses in jeder Hinsicht einmaligen Baus, der nun in Anwesenheit des Bundespräsidenten und der Kanzlerin mit einem Festkonzert eröffnet wird, ist auch die Geschichte öffentlichen Versagens. Und - das ist das Paradoxon - ohne dieses Versagen hätte es kein Gelingen gegeben.

Der Erste Bürgermeister der Stadt, Olaf Scholz, spricht vom Zauber dieses Klangraums, der ihn tief berühre. Und das Gebäude? "Es ist architektonische Kühnheit. Es ist die richtige Botschaft für die Stadt, es ist großartig."

Ohne das Scheitern, ohne eine Planungs- und Bauzeit, die sich endlos anfühlte, ohne die explosionsartige Steigerung der Kosten von geschätzten 77 Millionen Euro öffentliche Gelder auf tatsächliche 789 Millionen würde die Fertigstellung des Baus kaum als Elb- und Weltwunder wahrgenommen. Doch sind Weltwunder nicht immer Zeugnisse des Wahnsinns, des Größenwahns? Von Menschenhand erzeugte Artefakte, die beeindrucken, weil auf Befehl eines autokratischen Auftraggebers das Unvorstellbare doch Gestalt annahm?

In der Antike, Jahrhunderte vor Christi Geburt, führten Schriftsteller bereits Listen von "bestaunenswerten Sehenswürdigkeiten", meist waren es sieben Weltwunder. Das einzige, das überdauerte, ist die große Pyramide von Gizeh. Der ägyptische Pharao Cheops ließ vor 4500 Jahren für sein späteres Grabmal 2,5 Millionen Steinquader verarbeiten, jeder zweieinhalb Tonnen schwer. Hunderttausend Menschen waren im Einsatz. Die Stätte wuchs auf für die damalige Zeit unfassbare Maße, das Fundament ist mehr als 52.000 Quadratmeter groß, die Höhe betrug ursprünglich 147 Meter, heute sind es noch 137 Meter.

Diese Architektur ist Ausdruck von Reichtum, Macht und Narzissmus eines Bauherrn, der das eine wollte: für alle Ewigkeit unvergessen bleiben. Und bis jetzt hat das geklappt.

Und in Hamburg? Da lief es nicht so gut. Hier befahl kein Pharao, hier war der Bauherr eine Stadt, also eine Bürokratie.

Einen Bau wie diesen hat es noch nie gegeben, und der Verdacht drängt sich auf, dass ein solches Gebäude in diesem Land für lange Zeit kein zweites Mal errichtet werden wird. Die Philharmonie, 110 Meter hoch und auf einem trapezförmigen Kai angesiedelt, liegt direkt am Wasser und doch dicht am Kern einer Millionenmetropole.

Oben, im Glashaus, ein 12.500 Tonnen schwerer Konzertsaal, auf gigantischen Federpaketen ruhend, für 2100 Besucher, dazu ein zweiter Saal mit 550 Plätzen. In der sogenannten Mantelbebauung ein Hotel (mit Swimmingpool) und 45 Luxuswohnungen. Eine Schwierigkeit: all diese sich berührenden Bereiche wieder zu entkoppeln, damit der Schall weder in die Säle hinein- noch hinausdringt. Das ganze Bauwerk unter einem Dach, dessen Auf und Ab rasante Höhenunterschiede von 30 Metern verursacht, ein Dach, das mit Tausenden weißen Metallpailletten verkleidet wurde, die das Sonnenlicht reflektieren.

Das meiste ist einzigartig an diesem Bau. Wie die 82 Meter lange, konvex gebogene Rolltreppe, Tube genannt, durch die die Besucher ins Gebäude hineinfahren. Die Scheiben der Glasfassade sind individuell gewölbt, sogar bedruckt. Die Orgelpfeifen und die 10.000 Akustikplatten aus Spezialgips im Großen Saal sind sowieso Spezialanfertigungen. Von innen wie von außen erscheint das Gebäude imponierend und fremdartig, aber nicht verstörend.

Der Mut zu Neuem und die Kühnheit der Architektur erinnern an das Olympiastadion in München, das für die Spiele 1972 von den Architekten Behnisch & Partner entworfen wurde. Auch bei dieser Sportstätte dominiert ein geschwungenes Dach, das Vitalität und letztlich auch ein unbeschwertes Verhältnis zur Demokratie symbolisieren sollte. Das Attentat auf die israelische Mannschaft, bei dem 17 Menschen starben, machte den Traum von den fröhlichen Spielen 1972 zunichte.

So heiter sich das Olympiastadion eigentlich präsentieren sollte, so groß und selbstbewusst steht die Elbphilharmonie am Hamburger Hafen - ein neues Wahrzeichen der Stadt und darüber hinaus der europäischen Kultur mit weltweiter Strahlkraft: urbi et orbi.

Zu einem demokratisch regierten Gemeinwesen wie der Freien und Hansestadt Hamburg, die seit je mit Handel und Wandel Geld verdient und den Geist protestantischer Ornamentverweigerung atmet, passt ein solcher Solitär natürlich nicht. Gerade dieser Widerspruch macht den Charme der Elbphilharmonie aus.

Und um ein Haar wäre die Vision auch kläglich gescheitert. So grandios die Konstruktion des Baus war, so vermurkst geriet das eigentliche, das theoretische Fundament: das Vertragswerk. Es war Pfusch vorm Bau.

Per Vertrag entstand ein unseliges Dreiecksverhältnis. Die Beteiligten:

  • die Stadt Hamburg als Bauherrin;
  • die von einer Commerzbank-Tochter gegründete Projektgesellschaft Adamanta, die wiederum Auftraggeberin des Baukonzerns Hochtief war;
  • die Basler Weltarchitekten und in diesem Fall auch Generalplaner Jacques Herzog und Pierre de Meuron.

Alle arbeiteten mit voller Kraft - gegeneinander. Selbst Pressemitteilungen hatten gelegentlich die Rhetorik von Kriegserklärungen. Schließlich stand der Bau still, da war er halb fertig. Das Dach war einer der Streitpunkte geworden, nun gab es erst einmal gar keines: Es regnete rein. Ein "Titanic"-Projekt, ein an sich selbst zerschellender Eisberg.

Bald wurde die Philharmonie mit zwei anderen vergurkten Großvorhaben deutscher Kommunen verglichen: mit dem bis heute nicht flugtauglichen Berliner Flughafen BER und mit Stuttgart 21, dem als überflüssig angeprangerten, aber einige Milliarden Euro teuren Durchgangsbahnhof. Die öffentliche Hand, so die Botschaft, kann vielleicht Kitas bauen und Schlaglöcher stopfen, für Visionäres fehlen der Mut und die Kraft.

Heute ist es doch die Elbphilharmonie, die beweist, dass Großprojekte auch Großes hervorbringen können.

Epochal ist das Gebäude in vielerlei Hinsicht. Die Architektur bezieht sich auf das Hamburg (und das Deutschland) der Nachkriegszeit; aus dieser Ära stammt der kolossale Kaispeicher A. Jetzt ist die Lagerhalle, in der bis in die Neunzigerjahre auf 30.000 Quadratmetern Kaffee, Kakao und Tabak deponiert wurden, ein Sockel für die Musik. Vom Wirtschafts- zum Kulturwunder. Die Sinnstiftung der Gegenwart soll eine andere sein als die der Vergangenheit.

Die Idee, Hamburg an diesem Ort neu und besser zu erfinden, ohne das Alte zu tilgen, stammt von zwei Menschen, die sich als Zugezogene verstehen. Alexander Gérard, geboren in New York, ist Projektentwickler, seine Frau Jana Marko, eine gebürtige Österreicherin, ist Kunsthistorikerin. Sie sagt, Hamburg habe für sie beide immer etwas Schlummerndes gehabt. 2001 war das Jahr, in dem sie sich vornahmen, die Stadt aufzuwecken.

Sie leben in einer Altbauwohnung im Hamburger Univiertel. Jana Marko holt zwei Teile eines Architekturmodells aus einem Nachbarzimmer und steckt sie zusammen: unten der alte Kaispeicher, oben der expressive, lichte Aufsatz. Dass es dieses Gebäude jetzt gibt - das hat mit diesen beiden Menschen zu tun und mit einer alten Freundschaft.

Alexander Gérard ist ein Studienkollege der Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron. Sie kennen sich ungefähr seit 1970, sie sind alle in Zürich ausgebildet worden, an der Eidgenössischen Hochschule, einer der besten Akademien für Architektur weltweit. Die zwei Schweizer gründeten 1978 ihr Architekturbüro Herzog & de Meuron, wurden die großen Künstlerarchitekten, die intellektuellen Stars der Szene. Gérard arbeitete lange für Baufirmen, auch im Ausland, machte sich schließlich als Grundstücksentwickler in Hamburg selbstständig. Im alten Kaispeicher A sahen er und Marko ein besonderes Potenzial, sicher ging es für Gérard auch darum, sich mit einem überraschenden Projekt zu profilieren. In dem riesigen leer stehenden Gebäude könne man, so überlegte das Paar jedenfalls, einen Konzertsaal unterbringen. Der sollte dem neuen, gerade entstehenden Quartier der HafenCity echte Substanz geben.

Doch auch andere Entwickler waren auf die Idee gekommen, den stadtnahen Speicher umzunutzen, diese Leute waren sogar weiter. Ein holländischer Architekt sollte für eine Investorengruppe einen leicht nach vorn geneigten Büroturm aus der Dreiecksform des Kaispeichers aufragen lassen oder zumindest aus dem, was nach einem Teilabriss übrig geblieben wäre. Man wollte Flächen für die IT- und Medienbranche schaffen und sprach auch da schon von einem Wahrzeichen für Hamburg. Im Senat war man von dem Vorhaben mit dem Titel MediaCityPort angetan.

Ein Brief, der im Oktober 2001 im Rathaus einging und in dem ein Konzertsaal vorgeschlagen wurde, beeindruckte dagegen niemanden.

Am 21. Dezember 2001 machten sich Gérard und Marko trotzdem auf den Weg nach Basel zu ihren Architektenfreunden, im Gepäck eine Postkarte mit der Abbildung des Kaispeichers A. Herzog zeichnete eine Art Hahnenkamm darauf, einen ersten Strich, der alle elektrisierte, offenbar auch die Architekten selbst. Sie hatten bereits alte Gebäude neu erfunden, sie hatten schon dicht am Wasser gebaut: Eineinhalb Jahre zuvor, im Sommer 2000, war ihre Tate Modern in London eröffnet worden, ein zum Museum verzaubertes Kraftwerk an der Themse.

Die Geburt der Elbphilharmonie sei ein "Flash", ein Blitz, gewesen, sagte Herzog vor Kurzem bei einem abendlichen Podiumsgespräch im SPIEGEL-Gebäude.

Es war eine ähnliche und doch ganz andere Situation als in London. Zwei Monate vor dem Treffen in Basel war durch die Attentate von New York die Welt erschüttert worden; auch die Glaubenssätze der Architektur galten nun nicht mehr. Hohe Gebäude, Türme aller Art, waren von heute auf morgen Symbole der Angst. Herzog und de Meuron schufen an diesem Dezembertag 2001 für Hamburg die Vision eines Hochhauses, das nicht wie ein Hochhaus aussieht, sie skizzierten ein Monument, das unmonumental ist. Vielmehr haben sie, vielleicht unbewusst, eine Architektur des Trostes geschaffen, ein Festzelt für die Musik, einen Baldachin für alle, die an die Kraft der Kultur glauben. Denn an einen Baldachin, so sagen sie, hätten sie gedacht.

Vielleicht ist es auch ein Gebäude, das noch mehr als ihre anderen Werke - mehr als ihre Museen, ihre berühmten Sportstadien in München und Peking - deutlich macht, worin ihre große Begabung liegt: emotionale Architektur zu schaffen. Herzog und de Meuron galten früh als "Alchimisten" ihrer Branche. Ein Kollege von ihnen, der Spanier Alejandro Zaera-Polo, nannte sie in einem Buchbeitrag so, er begründete das: Wie zwei verrückt gewordene Apotheker lösten diese beiden mit ihren architektonischen Wundermitteln körperliche Reaktionen aus.

Würde aber ein Wundermittel wie diese Philharmonie zu Hamburg und seinem Mainstream-Geschmack passen?

Gérard und Marko waren davon überzeugt; sie gaben nicht auf. Sie redeten mit Fachleuten aus der Welt der Musik, ermittelten Kosten. "2003 dachten wir, wir haben so viele Projektbeschreibungen und Konzepte erstellt, genug notiert, wir brauchen jetzt ein Bild. Wir wollten eines, das der Realität so nah wie möglich kommt, kein blauer Himmel, keine spielenden Kinder, sondern die neue Konzerthalle im Hamburger Schietwetter."

Basel lieferte das Bild, eine Computersimulation mit einer fast unidyllischen Abendstimmung. Vor dem Himmel, der sich zur Hälfte dunkel färbte, erhob sich eine verführerische Glasarchitektur auf dem Kaispeicher. Sie gaben es im Juni 2003 an die Presse, machten bei einer Präsentation eine erste, verlockende Rechnung auf.

Die Stadt sollte den Kaispeicher inklusive Grundstück einbringen und dafür einen schlüsselfertigen Architekturtraum erhalten. Ein Investor würde vieles finanzieren, so wurde es vorgeschlagen, im Gegenzug dürfte er am Hotel und an den Wohnungen verdienen. Außerdem rechnete man fest mit Spenden. Das klang, als müsste Hamburg keine Mittel aufbringen, als bekäme man eine moderne Pyramide für lau, also für umsonst.

Allerdings war das vorgesehene Innenleben zuerst bescheidener: weniger Luxuswohnungen, ein kleineres Hotel. Der Kaispeicher sollte im Grunde bleiben, wie er ist, mit seinem Tragwerk, seiner rohen Anmutung. Gérard und Marko wollten dort sowohl einen Raum für subkulturelle Projekte als auch Stellplätze für Autos einrichten - der Wahn, alles größer und großartiger machen zu wollen, setzte später ein.

Heute ist da neben den sogenannten Kaistudios, also weiteren kleineren Sälen, ein mehrgeschossiges Parkhaus, dessen spiralförmige Auffahrt an die Besucherrotunde des Guggenheim Museum in New York erinnert. Wie konnte es so weit, so prachtvoll kommen?

Ein anderer Protagonist dieser seltsamen, verdrehten Geschichte ist Ole von Beust. Von 2001 an regierte er den Stadtstaat. Mitten in der City, nicht weit von Jungfernstieg und Gänsemarkt entfernt, hat der ehemalige Erste Bürgermeister ein Büro, der Jurist ist heute als Berater tätig.

Im Juni 2003 berichteten alle Zeitungen von der Idee einer Konzerthalle auf dem Kaispeicher. Abgeordnete kamen zu ihm, sagten, das sei doch großartig, er spürte bald auch das "öffentliche Wollen", wie er es nennt, in der gesamten Stadt, "das war sehr groß".

"Ich war am Anfang skeptisch, nicht wegen der Architektur, sondern wegen des Standorts, aber das bekam eine Eigendynamik. Ich fand auch diese Wellen auf dem Dach zuerst etwas übertrieben, aber ich habe mich mitreißen lassen, und es passt auch eigentlich gut zu Hamburg."

Wen interessierte noch der MediaCityPort, dieses Medienhochhaus?

Im Dezember 2003 entschied sich Beust, den Vorschlag von Marko und Gérard offiziell zu befürworten. Noch etwas sprach wohl für dieses Umschwenken: Der Entwickler Gérard tat sich mit dem Investor und Bauunternehmer Dieter Becken zusammen - den hatte Beust einst in sein Wahlkampfteam geholt, als Experten für Stadtplanung. Bürgermeister und Baulöwe waren also gute Bekannte. Das Projekt schien ein Selbstläufer zu sein. Wenig später erhob Beust den Selbstläufer zur Chefsache.

Ole von Beust
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Ole von Beust

Er und die Leute, die er dafür beauftragte, erweckten den Eindruck, als wäre nur die Politik in der Lage, so etwas vernünftig durchzuziehen. Man müsse das Vorhaben, so hieß es unter diesen Leuten, erst einmal vom Kopf auf die Füße stellen. Das ging vor allem gegen den Initiator Gérard.

Er und Becken wurden mit drei Millionen Euro abgefunden. Mit den Baumeistern aus Basel wurden eigene Verträge aufgesetzt.

Nun, als es so aussah, als würde aus ihrer ziemlich exzentrischen, ziemlich guten Idee Realität werden, waren Gérard und Marko draußen. Es habe sich so angefühlt, sagt Marko, als "müsse man ein Land verlassen, in dem man gern weiter leben möchte, oder wie das Ende einer Liebesbeziehung, die man doch nicht aufgeben wollte".

Im Rathaus aber wurde die Begeisterung für die Elbphilharmonie zum Fieber, mit allen Auswirkungen, die eine hohe Temperatur haben kann. Man glaubte, rational zu agieren, und verhielt sich doch gegen alle Vernunft. Ausgerechnet in der Stadt der Kaufleute rechnete niemand nach; man wollte es nicht so genau wissen.

Eine Machbarkeitsstudie von 2005 besagte, dass die Stadt - höchstens - 77 Millionen Euro ausgeben müsse. Schnell wurde ausgeschrieben. Schon das war ein Skandal, die Architekten, die ja auch Generalplaner waren, jedenfalls warnten, es sei noch viel zu früh.

Beust erklärt das so: Man habe ihm gesagt, ein solches Projekt habe es noch nie gegeben, "die Idee, auf ein vorhandenes Gebäude neu zu bauen und dort einen Konzertsaal hineinzuhängen, auch die Lage am Wasser, die Statik. Es hieß, weil das alles so ist, könne man nicht präzise jeden einzelnen Bauabschnitt ausschreiben, wie man es normalerweise machen müsste, man macht also eine Grobausschreibung und entwickelt den Wert des Baus im Fortgang".

Bereits diese "Grobausschreibung" erwies sich als wucherndes Gebilde, die Stadt selbst schob lauter Änderungen nach. Pierre de Meuron, der Architekt, zog im SPIEGEL-Interview später diesen Vergleich: "Schauen Sie diese Tasse hier an, die vor mir steht. Sie symbolisiert jetzt mal die Elbphilharmonie. Man sagte anfangs, sie müsse weiß sein und irgendwie Tee beinhalten. So in etwa wurde damals ausgeschrieben. Aber wie groß sie sein soll, dass es noch eine Untertasse geben soll und möglicherweise noch einen Löffel, das hat niemand gesagt. Und wenn das nicht alles drin ist im Leistungsverzeichnis, dann können Sie weder guten Gewissens einen Preis festlegen noch feste Terminpläne vereinbaren."

Die Stadt aber wollte Tempo machen, loslegen, zwei Baukonzerne waren am Ende noch im Rennen. Doch die eine Firma - der österreichische Baukonzern Strabag - stieg kurz vor Ablauf der Angebotsfrist im September 2006 angesichts der seltsamen Abläufe aus. Strabag rügte das Vergabeverfahren, es drohte eine Verzögerung noch vor Baubeginn. Das Unternehmen wurde mit der Aussicht auf andere Aufträge offenbar beruhigt. Auch das war die Hansestadt unter Beust.

Der Vertrag, 2007 mit dem anderen Bewerber, ebender Adamanta, unterzeichnet, war alles andere als wasserdicht, er war beschämend naiv. Ein Festpreis für vage umschriebene Leistungen, das war ein Widerspruch in sich.

Die Stadt war nun Bauherr, aber nicht Herr über den Bau. Vor allem die städtische Realisierungsgesellschaft fiel durch Missmanagement auf, sie war mitverantwortlich für das Chaos, das so viel kostete.

Die Stadt selbst müsse nun doch 114 Millionen Euro aufbringen, hieß es damals. Das sei immer noch wenig.

Bald wuchs der städtische Anteil auf über 300 Millionen Euro, über 500 Millionen Euro. Und das war nicht das Ende.

Und die Luxusapartments und das Hotel? Sie sollten doch viel Geld bringen, möglichst viel querfinanzieren. Deshalb nahmen sie doch innerhalb des Gebäudes immer mehr Platz ein, fraßen sich in das öffentliche Raumprogramm hinein, etwa ins Konzertfoyer. Die Stadt schloss umstrittene Deals. Eine Firma, an der Hochtief beteiligt ist, besitzt die Wohnungen und verdient am Verkauf. Die Verpachtung des Hotels übernahm der Commerzbank-Ableger Adamanta.

Von Anfang an ließen diese Adamanta und Hochtief die Muskeln spielen, aber nicht auf dem Bau, sondern am Schreibtisch. Sie bezogen sich - Grobausschreibung hin oder her - sehr wohl auf ein "Bausoll" und ließen sich kleinste Abweichung, "Verschiebungen aus Planung", bezahlen. Man schickte, in hoher Schlagzahl, "Projektänderungsmeldungen", sogenannte Päms, dazu passende Nachforderungen, mal knapp 18.000 Euro, mal knapp 1,7 Millionen Euro, hier mehr Stahl, dort zusätzlicher Aufwand für Bohrpfahlarbeiten, Zeiten des Stillstands wurden in Rechnung gestellt. Und Beust? Ließ sich, wie er sagt, alle paar Monate informieren.

Es wurde ein Drama in mehr als tausend Akten - ungezählte Ordner, Zehntausende Einzeldokumente kamen zusammen, eine Flut der Schriftstücke. Die meisten befinden sich heute, in Kartons verpackt, in einem Abstellraum der Kulturbehörde.

Als wegen der Kostensteigerungen ein Untersuchungsausschuss eingesetzt wurde, stellte sich heraus, wie sehr Missgunst eine Rolle spielte. Der zuerst zuständige Chef der städtischen Realisierungsgesellschaft, der seit 2004 eingebunden war, entwickelte offenbar eine Abneigung gegen die Architekten, er warf ihnen auch später noch vor, illoyal zu sein. Er selbst hatte auf Druck Beusts gehen müssen.

Tatsächlich war der Perfektionismus der Baumeister nicht unanstrengend, auch kostentreibend, aber es waren die Manager der Stadt, die zwar mit dem Auftreten der Künstlerarchitekten fremdelten, aber doch deren Künstlerarchitektur wollten.

Beust sagt, 2008 habe es bei einer Besprechung im Rathaus mit allen Beteiligten "richtig geknallt", er habe gehofft, vermitteln zu können, doch "die haben sich teilweise angeschrien und gegenseitig beschuldigt, und man merkte, das Verhältnis untereinander war völlig zerrüttet". Und was passierte? Hochtief erhielt einen Nachschlag und dazu eine "Einigungssumme" von 30 Millionen, mit der der Konzern besänftigt wurde.

Immer neue Skurrilitäten, Beust nennt selbst ein Beispiel: "Dann ist die Statik ausgerechnet worden für diesen Saal, die ersten Aufträge wurden vergeben. Und irgendwann fragt jemand in einer Sitzung, ist mal daran gedacht worden, was eigentlich passiert, wenn über 2000 Leute rhythmisch klatschen? Was da anfängt zu schwingen? Es stellte sich heraus, dass der Statiker daran nicht gedacht hatte. Das musste neu berechnet werden, das ist die Kategorie 'shit happens'."

Aber der Shit kostete eben, auch Zeit. Der Bau sollte 2010 fertig werden, doch 2010 trat Beust zurück. Nun, Jahre später, lässt er es so klingen, als wäre ihm seine Chefsache nie wirklich wichtig gewesen, als hätten nur alle anderen, vor allem die Bürger, die Elbphilharmonie gewollt, als hätten nur andere, die Fachleute, die Fehler gemacht.

Sein Rücktritt habe mit der Elbphilharmonie nichts zu tun gehabt, "die Leute können sich nie vorstellen, dass ein Politiker freiwillig aufhört".

Eine andere Adresse im Zentrum Hamburgs, das Rathaus: Olaf Scholz empfängt in einer der Amtsstuben, dunkelgrüne Prägetapeten. Was er vorgefunden habe, als er 2011 Erster Bürgermeister wurde? "Ein Gebäude, das seit ein paar Jahren im Bau war und für das die Architekturpläne noch nicht vollständig vorlagen. Um es ganz offen zu sagen, es war absurd. Ich glaube, zuletzt hat man im Mittelalter so gebaut. Da haben die Handwerker das nach Gefühl gemacht - und mit Gott."

Olaf Scholz
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Olaf Scholz

Für Scholz war die Elbphilharmonie eine dieser Hinterlassenschaften seiner Vorgänger, bei ihm in etwa so beliebt wie der Skandal um Veruntreuung bei der HSH Nordbank.

Scholz sagt, es sei doch klar gewesen, dass man ein solches Gebäude nicht für 77 oder 114 Millionen bekommt, "das war auch nie für 200 Millionen zu bauen, das war gemogelt", es hätte "nie weniger als 500 oder 600 Millionen gekostet". Sein Ziel sei es gewesen, die "ewigen Nachforderungen" von Hochtief zu stoppen, "ich wollte einen Vertrag mit denen abschließen, der dann auch der allerletzte ist".

Hochtief brachte sich seinerseits in Stellung und rief, das war im November 2011, den Baustopp aus.

In einer späteren Pressemitteilung zur strittigen Konstruktion des Saaldaches erwähnte Hochtief eine "Geheimstatik" der Stadt, gerügt wurde deren "Blockadepolitik". Alle verklagten sich gegenseitig.

Viele in Hamburg glaubten damals ernsthaft nicht mehr an eine Vollendung dieses Gebäudes, "es gab", sagt Scholz, "die Diskussion, ob man das nicht als Ruine oder Mahnmal des Größenwahns so stehen lässt". Doch das hätte verheerende Konsequenzen gehabt, "wenn der Staat ohnmächtig wirkt, dann löst das Legitimationskrisen aus".

So wurde aus einer Baustelle in der sonst eher unaufgeregten Stadt Hamburg ein Beispiel dafür, dass der Glaube der Bürger an ihren Staat selbst auf einem alten Kaffeespeicher zerbrechen kann.

Scholz hat das Projekt gemeinsam mit der inzwischen verstorbenen Kultursenatorin Barbara Kisseler gerettet, so sagen es viele, die daran beteiligt sind. Das gelang ihm auch, weil auf der Gegenseite eine Figur in den Vordergrund trat, die diesen Krieg auf der Baustelle ebenfalls beenden wollte.

In der Nähe des Hauptbahnhofs in Essen ist die Zentrale des Baukonzerns Hochtief ansässig. Sie sieht aus wie eine Behörde, von außen und von innen. Seit 2012 leitet der Spanier Marcelino Fernández Verdes das Unternehmen, er kam vom ACS-Konzern aus Madrid, der Hochtief seit einer feindlichen Übernahme beherrscht. Fernández gilt als harter Sanierer, wirkt dabei gut gelaunt, er sagt, ein Baukonzern müsse schon auch bauen wollen. Hochtief sei zwar vorwiegend im Ausland tätig, nur sechs Prozent des Umsatzes würden in Deutschland selbst erlöst - doch welchen Eindruck mache es, wenn ein solches Unternehmen auf dem Heimatmarkt ein bestelltes Gebäude nicht auch abliefere?

Fernández
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Fernández

"Reputation" ist das Wort, das er an diesem Tag häufig verwendet. Und dann sagt er etwas, das gut passt zur Geschichte der Elbphilharmonie und der Frage, warum alles schiefging, was schiefgehen konnte - und sogar noch einiges mehr. In Deutschland, sagt Fernández, würden Entscheidungen gern auf der Basis von Gutachten, im Kreise ganzer Gremien getroffen.

Kurz, es geht darum, dass hier niemand eigene Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen will, dass niemand riskieren will, im Falle eines Misserfolgs Schuld zu haben, lieber bremst man sich gegenseitig aus. Im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss der Hamburger Bürgerschaft sagte 2010 einer der Zeugen, es sei wie ein Spiel gewesen, jeder habe jeden "als denjenigen versucht zu detektieren, der Schuld hat".

Fernández und Scholz trafen sich dann regelmäßig. War Fernández in Hamburg, wurde er durch einen Geheimgang zum Bürgermeister geführt, niemand sollte wissen, dass der Konzernchef im Rathaus war. Die beiden hatten es insofern leicht, als die eigentlichen Fehler von ihren Vorgängern gemacht worden waren, aber beide haben endlich Entscheidungen getroffen.

Eine Entscheidung von Scholz bestand darin, Hochtief vor die Wahl zu stellen: Entweder man finde gemeinsam einen Weg, die Elbphilharmonie fertigzustellen, oder man baue eben in Eigenregie weiter. Hochtief nahm das ernst, ließ sich auf einen neuen, dieses Mal endgültigen Fixpreis ein und garantierte ein Datum der Fertigstellung.

Wo der Baukonzern Verantwortung übernahm, gaben die Architekten Verantwortung ab, sie wurden auf dieser Baustelle quasi zu Subunternehmern von Hochtief. Das befreite sie auch davon, haften zu müssen. Die neuen Verträge nahmen Druck aus dem Vorhaben Elbphilharmonie, das Herzog und de Meuron längst als bedrohlich empfanden.

Die Lösung kostete die Stadt noch einmal über 200 Millionen Euro, man war nun bei Kosten von 789 Millionen Euro angelangt. Aber man bekam dafür einen Vertrag, der, so formuliert es Scholz, "keine Haarrisse mehr aufwies, durch die die nächsten Nachforderungen hätten durchrutschen können". Auf das Ergebnis sind nun alle stolz, die Leute von Hochtief, die Mitarbeiter von Herzog und de Meuron.

Geschafft.

Aber was genau? Hamburg besitzt nun eines der teuersten Gebäude der Welt.

Klaus-Michael Kühne, Herrscher über den Logistikkonzern Kühne + Nagel, kann man in diesen Tagen oben in der Elbphilharmonie treffen, in einer Skylounge, an deren Tür sein Name und der seiner Frau stehen. In der Lounge sollen Empfänge und Diners veranstaltet werden. An 15 Tagen im Jahr darf der Milliardär sie nutzen. Zur Lounge gehört auch eine Dachterrasse. Kühne will mit der Kulturbehörde darüber verhandeln, dass der Boden dort draußen erhöht wird, damit seine Gäste die Skyline der Stadt besser sehen können.

Kühne hat in der Nacht zuvor zum ersten Mal im Hotel in der Elbphilharmonie übernachtet, "gegenüber liegt unser Bürohaus, die Leuchtreklame brennt die ganze Nacht". Das sei wunderbar.

Er ist nicht der einzige Mäzen, der für die Elbphilharmonie gespendet hat. Insgesamt vier Millionen Euro hat er, 79 Jahre alt, aufgebracht, sehr viel weniger als das, was er in den letzten Jahren ausgegeben hat, um beim Bundesligaverein HSV eine markante (und für manche auch provokante) Rolle zu spielen, doch er sagt, hier, in der Elbphilharmonie, sei das Geld "in jedem Fall" besser angelegt. "Eine Sportstadt wird Hamburg nie."

Natürlich hat er mit den Jahren und angesichts des Bauverlaufs den Kopf geschüttelt, auch er hat zwischenzeitlich kaum noch an ein gutes Ende der Philharmonie geglaubt, aber er hat inzwischen auch Verständnis, weil er derzeit ein Luxushotel an der Außenalster baut, das auch ein Jahr später eröffnet wird als geplant.

Hamburg wirkt von Jahr zu Jahr immer reicher, das mag manchem nicht geheuer sein. Kühne gefällt der Aufschwung hier, es könnte für seinen Geschmack noch mehr davon geben, Hamburg müsse sich immer wieder wachrütteln, sagt er. Er stammt aus dieser Stadt, er komme von ihr nicht los, sagt er, auch wenn die Familie und der Hauptsitz der Firma ja vor Jahrzehnten in die Schweiz übergesiedelt seien.

Für einen wie ihn, der Hamburg und die Musik mag, ist die Elbphilharmonie wie gemacht, er nennt sie grandios, er wirkt begeistert. Aber die Philharmonie steht da auch als unübersehbares Versprechen, sich für alle zu öffnen, alle mitzureißen.

Und jetzt, kurz vor der Eröffnung, für die Wolfgang Rihm mit einer Komposition beauftragt wurde, muss doch noch die Frage erlaubt sein, die für einige schon ganz am Anfang stand: Braucht Hamburg überhaupt einen neuen Konzertsaal?

Berlin, München, Wien, London und New York sind die großen Musikmetropolen. Das wird auch so bleiben. Dort spielen Orchester von Weltgeltung. Das traditionsreiche NDR Sinfonieorchester, das sich zur Feier seiner neuen Residenz in NDR Elbphilharmonie Orchester umbenannt hat, genießt zwar einen guten Ruf, spielt aber nicht in der Liga der Berliner oder Wiener Philharmoniker.

Thomas Hengelbrock, der Chefdirigent des NDR-Orchesters, hofft aber sehr wohl, dass sein Orchester im neuen Haus "zur Weltspitze aufschließen" werde.

Alles ist möglich, im neuen Kulturbau, im neuen Hamburg.

Am 23. August 2005 wurde der damals noch amtierende Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters, Christoph von Dohnányi, von Abgeordneten der Bürgerschaft befragt, ob es denn überhaupt einen Bedarf für eine Philharmonie gebe. Dohnányi, der auf der ganzen Welt dirigiert, antwortete souverän: "War ein Bedürfnis für Beethovens Neunte da? Oder ein Bedürfnis für Coca-Cola?"

Dohnányi hatte sich für den 11. Mai 2010 schon einen Eintrag in seinem Terminkalender gemacht: "Eröffnungskonzert". Es findet nun sechs Jahre und acht Monate später statt. Inzwischen ist Dohnányi 87 Jahre alt, 2011 folgte ihm eben Thomas Hengelbrock nach. Er wird dirigieren.

Den meisten Menschen ist es wahrscheinlich gleichgültig. Sie wollen hinein, egal wer was spielt. Auf dem Schwarzmarkt kursieren Kartenangebote zu obszönen Preisen. Zwei Tickets für ein Recital des chinesischen Pianisten Lang Lang wurden zeitweise für 9980 Euro offeriert, Versandkosten inklusive.

Die Elbphilharmonie ist jetzt schon der Magnet, der sie werden sollte. Es könnte ein Vuvuzela-Ensemble aus Georgsmarienhütte auftreten, der Saal wäre rammelvoll.

Hat sich das Warten also gelohnt?

Der Saal ist schön geworden, keine Frage. Er fasst eben 2100 Menschen, wirkt aber angenehmerweise so, als wären weniger als die Hälfte vorgesehen. Hell, klar und doch nicht nüchtern, sondern fast organisch. Statt der üblichen Schuhschachtelbauweise ist der Saal nach dem Weinbergprinzip konstruiert: die Bühne nahezu in der Mitte, die Sitzplätze wie steile Rebflächen drumherum. Kein Platz ist in der Luftlinie weiter als 30 Meter vom Dirigentenpult entfernt. Eine demokratische Architektur für ein großbürgerliches Vergnügen (oder für den Genuss der Einstürzenden Neubauten).

Und dann noch das: Die neue Philharmonie erfüllt die hohen Erwartungen an ihre Klangqualitäten. Der japanische Akustiker Yasuhisa Toyota hat es geschafft, den Saal so auszutarieren, dass er, so scheint es wenigstens jetzt, für alle Besetzungen, ob für Kammermusik oder Bruckner-Breitklang, herausragend transparent klingt.

Nach den ersten Proben freut sich Chefdirigent Hengelbrock jedenfalls "wie ein kleiner Junge". Toyota habe eine Tendenz, Säle mit einer gewissen klanglichen Kühle auszustatten. In Hamburg sei ihm aber eine "wunderbare Mischung aus Klarheit und Sinnlichkeit" gelungen.

Fast wäre es nie zu diesem Bau gekommen, fast wäre er dann im Werden noch gescheitert.

Jacques Herzog sagte vor Kurzem mit dem für ihn typischen nüchternen Selbstbewusstsein: "Ich denke, die Schönheit des Projektes hat es gerettet. Wäre es hässlich gewesen, hätte man es langsam sterben lassen. Natürlich ist Schönheit nicht alles, aber Schönheit ist wichtiger, als man landläufig annimmt. Letztlich ist es das, was uns trägt."

Drohnenvideo: Fliegen Sie durch die Elbphilharmonie

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Giancarlo 11.01.2017
1. nach 12 Jahren amortisiert
Bei einem Durchschnittsverkaufspreis pro Ticket von 50 Euro müssen 15,6 Mio Menschen die Elfi besuchen. Bei 200 Spieltagen im Jahr und einem Durchschnittsbesuch von 3000 Personen pro Spieltag dauert es 26 Jahre bis der Baupreis über Ticketverkäufe hereingekommen ist. Da Baustellen dieser Größenordnung vermutlich Dauerbaustellen bleiben werden, ist es gerechtfertigt davon auszugehen, dass durchschnittlich 50% des Ticketpreises zur Erhaltung aufgewendet wird, damit verdoppelt sich die Dauer der Egalisierung des Baupreises über Ticketverkäufe auf 52 Jahre.. Diese Zeit wird allerdings wieder verkürzt durch eine andere Überlegung. Nimmt man an, dass durch die Elbphilarmonie zusätzlich 200.000 Touristen pro Jahr nach Hamburg kommen, mit einem durchschnittlichen Ausgabeverhalten von 1000 Euro pro Person, können der Elbphilarmonie wieder 200.000.000 Euro an indirekt erzeugten Einnahmen (die Hotels, Gastronomie, Kleidungsgeschäften usw. zu gute kommen) gutgeschrieben werden. Die direkt anrechenbaren Kosten sind die Steuern auf die zusätzlichen Einnahmen, diese steigen bei einem durchschnittlichen Steuersatz von 20% (alle Steuern incl) um 40.000.000 Euro. Dies bedeutet, dass die Einnahmen aus dem Ticketverkauf pro Jahr (600.000x(50Euro-(25 Euro Erhaltungsaufwand)) plus dem zusätzlichen Steueraufkommen insgesamt 65 Mio. Euro betragen, somit sind die Aufwendungen der Elfi nach 12 Jahren egalisiert
irene_vaplus 11.01.2017
2. Antidot
Niemand liebt das Kleinherzige und Engstirnige. In diesem Sinne ist der Bau ein Antidot zur herrschenden Unkultur. Fast eine Milliarde für die Kunst. Das ist das Wunder. So schafft man Identifikation.
darthmax 11.01.2017
3. Geschmäckle
Nun ist der Trumm endlich fertig, ob er nun gefällt oder nicht. Eigentlich geht es doch um die in Ihm gespielte Musik, was diese dann , da es ja Spitzenorchester sein müssen noch kostet ( nicht von den Eintrittspreisen gedeckt ) niemand hat dies bislang berechnet. Auch ohne Baumängel wird die Erhaltung jedes Jahr Summen verschlingen, von denen man sicherlich nicht nur die Schultoiletten renovieren könnte sondern auch den Kunstschaffenden Musikern und Verbrauchern jede Menge Subventionen zahlen könnte. Vieleicht sogar neue kreative Künstler bedenken könnte. Nun, egal, der Glaspalast steht. Warten wir mal ab, wieviel Philharmonie nun stattfindet, ob der Inhalt der Verpackung entspricht.
zbv10 11.01.2017
4. Weinberg- oder Schuhschachtel?
Paris hat jetzt auch eine neue Philharmonie. Sieht ähnlich aus wie die an der Elbe: ein Weinberg. Die armen Zuhörer hinter dem Klavier beim Schumann-Konzert mit Martha Argerich. Und die Blasinstrumente blasen auch nur in eine Richtung. Na ja, Streicher, Harfe und Schlaginstrumente hört man überall gleich. Aber man kann dem Dirigenten schön ins Gesicht sehen! Nun bin ich verwöhnt. Wer sich einmal an die Akustik in den Schuhschachteln gewöhnt hat, mag die modernen Superbowls nicht (der Hinweis auf das Vuvuzelakonzert war köstlich). Gleich heute Abend geht's mit Barenboim in den schönsten Schuhkarton der Welt: den großen Saal des Wiener Musikvereins.
didi2212 11.01.2017
5. Sehr guter Beitrag,
der vermittelt, dass man dieses Projekt nicht dem Flughafen, der unter dem code: BER gelistet ist, vergleichen kann, wo, verursacht durch Korruption, Schusseligkeiten und Unfähigkeiten täglich 1 Millionen Euro in den Sand gesetzt werden. Hier hat unter kurioser Planung das Auge und nicht die Ohren das Projekt angeschoben. Jetzt werden ( vermutlich) beide Sinnesorgane befriedigt und ist guter Hoffnung, längerfristig die hohen Kosten wieder einzuspielen. Beim BER wird das so schnell nicht der Fall sein. Glück gehabt!!??
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