AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 44/2016

Elbphilharmonie-Architekt Jacques Herzog "Der Auftrag würde so nicht mehr erteilt"

Jacques Herzog hat viele Großprojekte geplant. Sein umstrittenster Bau, die Hamburger Elbphilharmonie, ist jetzt endlich fertig. Was ist schief gelaufen? Im SPIEGEL-Gespräch zweifelt der Stararchitekt an seinem Auftraggeber.

Elbphilharmonie
DPA

Elbphilharmonie


        Jacques Herzog        , 66, gründete mit seinem Kollegen Pierre de Meuron 1978 ein Architekturbüro in Basel. Die Firma Herzog & de Meuron hat bis heute etwa 140 Bauprojekte vorzuweisen. Das Museum Tate Modern in London - ein umgebautes Kraftwerk an der Themse - galt im Jahr 2000 als der endgültige Durchbruch. 2005 folgte die Allianz Arena in München, 2008 das Nationalstadion in Peking. In Berlin übernimmt das Büro den Neubau der Nationalgalerie. Jetzt steht die Hamburger Elbphilharmonie vor der Vollendung - mit knapp 800 Millionen Euro Kosten für die Stadt. In einem ersten Schritt wird am 4.November die öffentliche Plaza eingeweiht.
Kostas Maros / 13photo / DER SPIEGEL

Jacques Herzog , 66, gründete mit seinem Kollegen Pierre de Meuron 1978 ein Architekturbüro in Basel. Die Firma Herzog & de Meuron hat bis heute etwa 140 Bauprojekte vorzuweisen. Das Museum Tate Modern in London - ein umgebautes Kraftwerk an der Themse - galt im Jahr 2000 als der endgültige Durchbruch. 2005 folgte die Allianz Arena in München, 2008 das Nationalstadion in Peking. In Berlin übernimmt das Büro den Neubau der Nationalgalerie. Jetzt steht die Hamburger Elbphilharmonie vor der Vollendung - mit knapp 800 Millionen Euro Kosten für die Stadt. In einem ersten Schritt wird am 4.November die öffentliche Plaza eingeweiht.

SPIEGEL: Herr Herzog, die Elbphilharmonie prägt Hamburgs Stadtbild schon jetzt. Entwickelt ein Architekt so etwas wie eine Bindung zum entstehenden Gebäude?

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Heft 44/2016
Der erste Wutbürger

Herzog: Ja, das ist eine echte Beziehung, fast eine Liebesbeziehung. Man kann auch sagen, es ist wie mit diesen Kometen, die manchmal ganz nah an die Erde herankommen. Ist das Projekt schließlich vollendet, entfernt man sich und ist auf ganz anderen Flugbahnen unterwegs. Die Nähe gibt es nicht mehr. Und irgendwie, glaube ich, ist es auch ganz wichtig, als Architekt treulos zu sein.

SPIEGEL: Warum das?

Herzog: Als Architekt muss ich alles geben und wissen, dass solch ein Projekt nur einen Moment lang währt. Danach muss ich mich etwas anderem zuwenden. Und zwar nicht nur, weil ich als Architekt das Gebäude abstoßen möchte, sondern weil dieses Gebäude auch mich abstößt. Denn einmal vollendet, braucht es den Architekten nicht mehr; es lebt nicht von ihm. Der Architekt spielt keine Rolle mehr, es sind die Nutzer und Benutzer, die es lebendig erhalten.

SPIEGEL: Der Entwurf für die Elbphilharmonie hat viele Hamburger begeistert, viele Bürger dürften sich allerdings darüber geärgert haben, dass der Bau viel teurer wurde als geplant. Nun scheint es doch eine gewisse Vorfreude zu geben. Lauter Emotionen also. Funktioniert Architektur letztlich nur so: über Gefühle?

Herzog: Sie lebt tatsächlich davon. Der Architekt muss es schaffen, sein Gebäude so hinzukriegen, dass die Leute es annehmen, dass es tatsächlich geliebt, betreut und unterhalten wird. Bisher hat dieses Projekt durch sein Äußeres überzeugt. Wir hoffen, dass es weiter Emotionen wecken wird, positive Emotionen, wenn bei der Premiere die ersten Klänge tönen. Das ist für uns das Entscheidende, daran messen wir uns auch. Denn nur dann können wir mit gutem Gewissen sagen: Jetzt ist das Gebäude fertig.

SPIEGEL: Die Musiker waren nach den ersten Proben begeistert.

Herzog: Wir haben den besten Akustiker der Welt für uns gewonnen, Yasuhisa Toyota aus Japan. Ein großer Experte, aber als Architekt muss man mit seinen akustischen Vorgaben auch wirklich etwas machen wollen.

Großer Konzertsaal
Maxim Schulz / Elphilharmonie

Großer Konzertsaal

SPIEGEL: Das heißt?

Herzog: Es geht nicht darum zu sagen, ich hänge irgendwelche Platten rein, damit der Schall in Ordnung ist, sondern ich muss die Akustik zum Kernstück, zur Stärke des Entwurfs machen. Ob ein Konzertsaal funktioniert, entscheidet eben dieser Klang, es gibt entweder einen wunderbaren oder einen hölzernen oder dumpfen Klang. Wir haben Stadien gebaut, Museen, Wohnbauten, Firmenbauten, aber die Elbphilharmonie ist unser erstes Konzerthaus. Das ist eine besonders große Herausforderung und erfordert viel Sensibilität.

SPIEGEL: Würden Sie sich aber noch verantwortlich fühlen, wenn die Öffentlichkeit das Gebäude nicht akzeptierte?

Herzog: Ja, natürlich. Es ist die Aufgabe von uns Architekten, so lange an etwas dranzubleiben, bis es funktioniert. Es gibt Beispiele in der Geschichte der Architektur, wo Enttäuschung und Schlamassel geblieben sind und ein Bauwerk deshalb sogar abgerissen wurde. Da ist die Welt gnadenlos.

SPIEGEL: Zu Recht?

Herzog: Auf jeden Fall! Akzeptieren die Menschen hingegen ein Gebäude und sehen sie, dass es für ihre Umgebung ein Gewinn ist, empfinden sie es als prägend für ihre Stadt - dann ist das der beste Schutz für dieses Gebäude, und es ist fast egal, ob es aus Papier, Holz oder Stein gebaut ist. Diese Art Schutz sorgt dafür, dass Gebäude über Generationen erhalten bleiben.

SPIEGEL: Waren Sie angesichts der vielen Auseinandersetzungen immer sicher, die Philharmonie vollenden zu können?

Herzog: In diesem Fall ist das Zustandekommen geradezu unglaublich. Wir haben auch bei anderen Projekten Ungewissheiten erlebt, aber dieses hier belegt mehr als die anderen, dass Architektur eine Geduldsfrage ist. Der reine Wahnsinn, wie lange das gedauert hat! Und weil das letztlich so viel Zeit unseres Lebens gekostet hat, hat es auch etwas Trauriges. 2001, als wir begonnen haben, kam mein Sohn auf die Welt. Er ist so alt wie das Projekt, 15.

SPIEGEL: Die Idee einer Philharmonie hatte der private Initiator Alexander Gérard, er kam auf Sie zu.

Herzog: Ja, und schon bei unserem ersten Treffen 2001 ist die Idee zu dem entstanden, was heute zu sehen ist: dass man den Kaispeicher als Sockel nutzt und oben etwas draufsetzt, das gegenüber der archaischen Masse des Speichers eine ganz andere, expressive Form hat.

Rolltreppen
Achim Multhaupt / DER SPIEGEL

Rolltreppen

SPIEGEL: Sie haben schon mit einigen Projekten Debatten ausgelöst, aber keine war so heftig wie die über die Elbphilharmonie. Was stand für Sie auf dem Spiel?

Herzog: Das war für uns eine bedrohliche Situation, und wir mussten uns ihr stellen. Aber das alles hat uns auch stärker gemacht.

SPIEGEL: Inwiefern?

Herzog: Als das Projekt begann, waren wir Gott sei Dank kein ganz kleines Büro mehr. Wir hatten auch zuvor schon mit Juristen, Ökonomen, mit diversen anderen Fachleuten und ganzen Gremien zu tun gehabt. Aber die Elbphilharmonie nahm eine andere Dimension an, und uns ist bewusster denn je geworden: Der Architekt muss wirklich jeden Schritt begründen und verantworten können - und zwar jederzeit. Alles muss auf den Tisch kommen, ständig. Gerade mein Kompagnon Pierre de Meuron hat in jener Anfangsphase Außergewöhnliches zum Gelingen und zu dem heutigen Erfolg des Projektes beigetragen. Diese Einstellung zwingt einen zu einer Offenheit, die so vielleicht nicht bei allen anderen Beteiligten zwingend gegeben ist. Aber das ist noch nicht alles.

SPIEGEL: Was ist da noch?

Herzog: Als Architekt musst du lernen, dich zuerst gnadenlos selbst zu hinterfragen: Ist das wirklich der richtige Weg? Müssen wir es so machen? Können wir es so machen? Du musst radikal ehrlich sein, sonst hast du verloren. Ich sage das bewusst nicht aus moralisierenden Gründen, sondern weil Architektur, so wie wir sie verstehen, uns zu dieser Nacktheit zwingt.

SPIEGEL: Das klingt fast mystisch, aber gestritten wurde um konkrete Summen. Ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss kam zu dem Ergebnis, dass die entscheidenden Fehler vom Bauherrn, der Stadt Hamburg, gemacht wurden, dass zu früh, zu ungenau ausgeschrieben wurde. Fühlten Sie sich als Opfer dieser Zustände?

Herzog: Wir fühlen uns nie als Opfer. Das wäre wirklich falsch.

SPIEGEL: Aber die Buhmänner waren Sie und Pierre de Meuron, es war oft genug die Rede davon, dass selbst Stararchitekten wie Sie nicht planen und rechnen könnten.

Herzog: Natürlich ist es unangenehm, wenn man verantwortlich gemacht wird für Dinge, die man nur zum Teil selber beeinflussen kann. Grundsätzlich glaube ich aber, dass es schwierig wird, wenn eine demokratische Regierung die Bauherrenschaft für so ein großes Ding übernimmt.

SPIEGEL: Weshalb?

Plaza
DPA

Plaza

Herzog: Eine Stadt ist nicht dafür gemacht, Bauherr zu sein. Wenn ich für jemanden ein Privathaus baue, fühlt der Bauherr sich selbst verantwortlich, denn der will in seinem Haus auch zur abgemachten Zeit in die Badewanne steigen können, ist also unmittelbar betroffen. In einem Fall wie der Elbphilharmonie muss vieles von dieser Bauherrenschaft delegiert werden, dann kommt es aber darauf an, wie gut alles strukturiert und gemanagt wird, wie man mit den anderen Beteiligten verbunden ist. Die Bauherren aus der Politik, wir als Planer, dazu die ausführende Firma - dies hatten wir in der Komplexität vorher nicht gehabt. Und es lag auch nicht an uns, diese Strukturen zu bilden.

SPIEGEL: 2001 wurde die Idee geboren, 2003 die erste Skizze veröffentlicht, 2007 zu Baubeginn war von 114 Millionen Euro städtischem Anteil an den Baukosten für das Konzerthaus die Rede. Nun sind es aber knapp 800 Millionen Euro. Wäre alles nach Plan gelaufen, was hätte die Elbphilharmonie dann gekostet? Tatsächlich 114 Millionen?

Herzog: Ich denke, es war sicher absurd, die anfänglich genannten tiefen Summen anzunehmen, wenn man ein Konzerthaus dieser Größe plant. Aber wenn ich nun eine konkrete Zahl nennen würde, wäre die auch wieder zu hoch oder zu tief oder würde falsch wahrgenommen. Ich denke, viel wichtiger ist die Frage, was die Stadt in Zukunft davon hat. Das Gebäude hat womöglich einen so großen Einfluss auf die Stadt, dass alles plötzlich wieder in einem anderen Licht erscheint und sich relativiert. Und das ist natürlich unsere große Hoffnung.

SPIEGEL: Sie haben mit Ihren Gebäuden schon ganze Städte verändert. In London ist das etwa geschehen durch Ihren Museumsbau für die Tate Modern. Durch ihn wurde die Stadt erst als Kunstmetropole wahrgenommen, weiter aufgewertet. Wird sich auch Hamburg verändern, und wie könnte sich diese Stadt wandeln?

Plaza
Michael Zapf / Elbphilharmonie

Plaza

Herzog: Das ist eben ein wesentlicher Punkt: Hamburg ist eine europäische Stadt, das heißt, eine Stadt mit einem Maßstab von vier-, fünf-, sechsgeschossigen Gebäuden, von Kirchtürmen, die darüber hinausragen, von Plätzen, Parks, dazu die wunderbare Alster. Es ist eine unglaublich schöne Stadt, die sehr klar definierbar ist. Denn auch wenn sie groß ist und eine ausufernde Agglomeration hat, ist sie doch einigermaßen fassbar. Die HafenCity, in der die Elbphilharmonie steht, schlägt in dieser Stadt wiederum ein völlig neues Kapitel auf, weil sie stadträumlich ganz woanders hingeht, weg von der Alster und stattdessen hin an die Elbmündung, quasi zum Meer hin. Da öffnet sich ein anderer Raum.

SPIEGEL: Was bedeutet das?

Herzog: Die Elbphilharmonie wirkt an diesem Standort nicht monumental, obwohl sie ein großes Gebäude ist, sie steht eben in diesem anderen räumlichen Zusammenhang. Es ist der Auftakt für eine Entwicklung Hamburgs zu einer anderen Stadt.

SPIEGEL: Zu welcher?

Herzog: Deutschland hat mehrere große, weltweit wichtige Städte, wie Berlin, Frankfurt, München. Alle diese Städte haben ein eigenes Gepräge und eine eigene Qualität; dieser Eindruck hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eher noch verstärkt. Sicher kann sich Hamburg mit diesem Gebäude stärker in diesen Wettkampf der großen Städte einbinden.

SPIEGEL: Wie wird sich das niederschlagen? Klassische Musik, wie sie in der Elbphilharmonie dargeboten wird, lockt womöglich weniger Menschen an als moderne Kunst.

Herzog: Hamburg ist nicht London mit seinen vielen Touristen, aber es ist dennoch klar, dass Hamburg mehr Besucher erwarten kann als bisher, eine andere Aufmerksamkeit in der Welt der Musik auf sich ziehen wird. Natürlich ist ein Konzerthaus im Grunde für eine viel geschlossenere Gesellschaft gemacht als ein Museum. In einem Museum - gerade in London - bezahlst du manchmal nicht mal Eintritt, da gehst du einfach rein und raus, wie es dir gefällt. Darum haben wir dieses Element von der Tate Modern übernommen: Auch die Elbphilharmonie kann man einfach so besuchen. Man kann mit einer Rolltreppe bis zu einer öffentlichen Etage hinauffahren und kann sich da aufhalten, mitten im Gebäude. Wir finden es toll, wenn Kulturbauten für alle Leute da sind und nicht nur für diejenigen, die von Beethoven etwas verstehen oder den Picasso anschauen wollen.

Herzog und SPIEGEL-Redakteurin Knöfel
Kostas Maros / 13photo / DER SPIEGEL

Herzog und SPIEGEL-Redakteurin Knöfel

SPIEGEL: Ärgert es Sie, dass der Stadtteil drum herum, die ganze HafenCity, weniger anspruchsvoll, liebloser geraten ist als Ihre Philharmonie?

Herzog: Stadt ist immer alltäglich. Es gibt kulturelle Gebäude, es gibt wichtige wirtschaftliche Campus, und dazwischen gibt es die gewöhnliche Stadt. Und darin gibt es natürlich bessere und schlechtere Quartiere. Und leider muss ich sagen, dass die alten Quartiere meist die schöneren sind. Die historisch gewachsenen Viertel haben mehr Charme und Qualität.

SPIEGEL: Das gilt auch für Hamburg?

Herzog: Natürlich, aber es ist ein globales Phänomen. Es ist wichtig, dass in diesem Brei, in diesen neuen Entwicklungsgebieten immer wieder Leuchttürme entstehen.

SPIEGEL: Die Fertigstellung fällt in eine Zeit, in der viele eine Architektur fordern, die bescheiden wirkt und soziale Aufgaben erfüllt. Wohnungen für Flüchtlinge sind ein Thema. Passt das Haus mit seiner imposanten, strahlenden Aura noch in diese Gegenwart?

Herzog: Es ist ganz klar, dass das Gebäude heute so nicht mehr in Auftrag gegeben werden würde, und zwar genau aus diesen Gründen. Die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse sind andere, die allgemeine Großwetterlage ist damit eine andere.

SPIEGEL: Was bedeutet das für die Rezeption Ihrer Philharmonie?

Herzog: Dass man sich heute anderen, sozialeren Fragen zuwendet, finde ich völlig richtig. Aber dieses Projekt ist für diese Stadt dennoch ein Beitrag, denn es drückt ihren Geist aus. So wie Kirchen früher für etwas standen, so wie Hochhäuser für einen Boom der Wirtschaft stehen, so drückt auch dieses Konzerthaus etwas aus. Es geht in dieser Stadt um Kultur, ums Bürgertum. Man kann an den einzelnen Vierteln in einer Stadt wie Hamburg verschiedene gesellschaftliche Zustände ablesen, da gibt es repräsentativ Gründerzeitliches oder protestantische Einfachheit. Und nun kommt ein neuer Maßstab. Es gibt aber insgesamt kein Richtig und kein Falsch.

SPIEGEL: Nicht?

Herzog: Nein, auch nicht in ästhetischen Fragen. Ich zum Beispiel habe kaum irgendwelche ästhetischen oder stilistischen Präferenzen. Der sogenannte gute Geschmack ist doch oft nichts anderes als das Resultat eines eingeschränkten Blicks auf die Welt. Heute fällt es doch allen viel schwerer, abweichende Meinungen, Mentalitäten, Geschmäcke, eben Vielfalt gelten zu lassen. Stattdessen Ausgrenzung, Leute, die unter sich bleiben. So entstehen dann auch Städte, die ausgrenzen, Gated Citys.

Schriftzug "fertig" auf der Fassade der Elbphilharmonie
manager magazin

Schriftzug "fertig" auf der Fassade der Elbphilharmonie

SPIEGEL: In vielen Städten führen Ihre Bauten zu einem enormen Anstieg der Immobilienpreise in der Umgebung. Das könnte in Paris geschehen, wo Sie eines der höchsten Gebäude der Stadt errichten wollen, das könnte auch in Berlin passieren, wo Sie die Masterplanung für ein neues Quartier rund um das Kulturhaus Tacheles übernehmen. Das wird auch in Hamburg so sein. Sie sind der Motor für eine schnelle Gentrifizierung.

Herzog: Sind Sie sich da so sicher? Hier handelt es sich doch um ein sozioökonomisches Problem, das mit unserer Architektur lediglich besonders klar zutage tritt. Wir als Architekten können dieses Problem nicht lösen, aber wir müssen es kennen, weil wir in diese urbanen Transformationsprozesse involviert sind. Ein Investor oder eine Stadt betreibt viel Aufwand, holt einen Architekten mit einem Namen, und der macht dann ein tolles Gebäude. Für eine funktionierende Gesellschaft ist es aber wichtig, dass sich die anderen Kräfte auch entfalten können, jene Kräfte, die eben Raum zur Verfügung stellen für genossenschaftliches oder alternatives Wohnen. Nur so funktioniert eine Stadt. Und auch die sogenannten gehobenen Quartiere profitieren davon. Radikales Beispiel ist die Tate in London. Dort finden Sie in der Nachbarschaft keinen Wohnraum mehr, in dem normale Leute wohnen. Es gibt Wohntürme, in denen vermögende Menschen ihre Zweit- oder Drittwohnungen haben und die deshalb auch meistens unbewohnt bleiben. Reine Investitionsobjekte eben.

SPIEGEL: Es soll Beschwerden der Anwohner geben, weil Museumsbesucher leicht in ihre Wohnzimmer blicken können - weltweit wurde darüber berichtet.

Herzog: Die Wohntürme wurden dorthin gebaut, weil die Tate Modern das Quartier zu einem schicken Stadtteil machte. Nun beklagen sich ein paar wenige, die in einen dieser total transparenten Glastürme zogen, dass man vom Museum aus in ihre Wohnung blicken kann. Das ist doch absurdes Theater! In der Nachkriegszeit hatten wir die unglaubliche Phase, in der es ein Gleichgewicht in vielen europäischen Städten gab, in der die Mittelschicht und die weniger gut verdienende Bevölkerung teilhaben konnten an einer Gesellschaft, auch an Kultur, an Wohnungen, an anderen Leistungen. Um das aufrechtzuerhalten, braucht es eine pragmatische, unideologische Demokratie. Doch wo gibt es die noch?

SPIEGEL: Viele Ihrer Kollegen üben sich in einem extremen Manierismus. Das jüngste Privatmuseum in Paris, die Louis-Vuitton-Stiftung, sieht aus wie eine hyperexpressive Comicwolke, entworfen hat sie der Amerikaner Frank Gehry. Der neue New Yorker Bahnhof am Ground Zero stammt vom Spanier Santiago Calatrava und ist ein kathedralenartiges, überhohes Stahlgerippe. Was halten Sie von dieser Entfesselung der Formen?

Herzog: Wir verstehen Architektur nicht als Exzess. Es gibt Orte, wo das egal ist, wenn ein Haus noch höher ist als das Nachbarhaus. Dubai hat sich so definiert, und andere Städte tun das nun auch. Städte wie London hat dieser Wildwuchs an Hochhäusern allerdings nicht sehr positiv verändert, er hat Wachstum gebracht, aber keine neue Qualität.

SPIEGEL: Sie selbst haben an vielen Orten gebaut, aber fast immer nur an einem gelebt, in Basel, Ihr Teilhaber Pierre de Meuron ist ein alter Schulfreund.

Herzog: Ein nomadisches Leben hätte nicht funktioniert, wir brauchen es auch nicht für unsere Architektur, die immer etwas sehr Geerdetes, sehr Archaisches besitzt.

SPIEGEL: Und deswegen sehen Ihre Bauten anders aus als die anderer Architekten?

Herzog: Das wollen wir selbst nicht beurteilen. Wenn es Sinn ergibt, machen wir ja auch mal krasse Formen und Räume, gleichzeitig besitzen diese aber immer auch eine große Normalität. Die Tate Modern ist ein ehemaliges Kraftwerk, und für den Erweiterungsbau - das Switch House - haben wir die ehemaligen Tanks im Boden ausgehoben, sie als Ausstellungsräume ins Museum integriert. Die schweren Träger und diese Verdrehung der Wände haben wir also vor Ort vorgefunden, und das wirkt dadurch viel normaler, als wenn wir irgendeine Form aus dem Computer rausgezaubert hätten. Oder auch die Elbphilharmonie. Der futuristische Glasaufbau ist natürlich viel stärker, weil der alte Backsteinsockel unten die Schwere behält. Das ist besser, als wenn er direkt auf der Straße stünde.

SPIEGEL: Herr Herzog, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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insgesamt 9 Beiträge
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was-zum-teufel... 01.11.2016
1. Ein schönes Ding.
Dass sich die Baukosten verzehnfacht haben, ist nach Murphy völlig klar ;-) Da war die Planung wenig stringent und die Politik konnte ihren Mund auch nicht halten. Das kostet nun mal. Mindestens 20% Korruption und schon wird der Baupreis immer höher. Das Ergebnis besticht allerdings wirklich.
Greggi 01.11.2016
2. Aus vielen Jahrzehnten ...
Geschäfts- und Projekttätigkeiten mit öffentlichen Auftraggebern stelle ich bis zum heutigen Tag fest: Das Thema "Projektmanagement" wird sehr stiefmütterlich behandelt in dem Sinne, dass es nix kosten darf. Unbedarfte Kommunen- und Staatsrepräsentanten verstehen darunter nur Einladen zu gemeinsamen Meetings mit Geplauder bei Kaffee und Keksen am runden Tisch, Austausch und Zusammenführung von sehr viel (geduldigem) Papier, Erstellen von Excel-Sheets und Powerpoint-Folien und dann funzt das Ganze schon. Von wegen. Anspruchsvolles Projektmanagement hat sehr mächtige Tools (wie z.B. Siemens) und setzt sehr viel Erfahrung und Know-how voraus. Es gibt internationale, hoch professionelle Firmen, die nur davon leben. Und die haben selbstverständlichen ihren Preis. Aber auch die kommen nicht gegen das Argument der Beamten an: Wir müssen sparen, koste es was es wolle.
realplayer 01.11.2016
3.
In 50 Jahre wird über die Probleme beim Bau nur noch geschmunzelt.
spon_3363503 01.11.2016
4. Ein deutliches psychiatrisches Krankheitbild
haben die Personen, welche die 1. Idee zu diesem Projekt hatten und die vielen anderen, welche den Kostenplan nicht einhalten konnten. Ein Architekt, der nicht in der Lage ist einen verbindlichen Kostenplan zu erstellen und im Laufe der Bauphase auch nicht in der Lage ist diesen einzuhalten, sollte dafür haftbar gemacht werden können und keine öffentliche Aufträge mehr erhalten dürfen !
cybernic 01.11.2016
5. Herausragende Bauprojekte dürfen ruhig etwas mehr kosten
und die Fertigstellung auf sich warten lassen. Schade nur, dass sich z.B. beim süddeutschen Streitobjekt "Stuttgart 21" der größte Teil der architektonischen Kreation unter der Erde befinden wird.
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