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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2012

Emanzipation: Frauen können alles haben

Von Claudia Voigt

Sie sollten nur viel früher Kinder bekommen.

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Corbis

Sie heißen Sabine, Andrea oder Martina, sie wurden in den sechziger Jahren geboren, und einige von ihnen tragen einen wehmütigen Zug im Gesicht. Gern hätten sie mehr Kinder gehabt. Zwei oder drei, das waren so ihre Wünsche damals mit Anfang zwanzig. Doch das Studium war wichtiger oder das erste eigene Gehalt. Damals dachten sie: Kinder kann ich immer noch bekommen.

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Die Jahre vergingen. Der berufliche Erfolg stand an erster Stelle, und irgendwann war es fast zu spät. Heute sitzen manche dieser Frauen von Mitte vierzig auf Spielplätzen herum und gucken ihrem einzigen Sohn, ihrer einzigen Tochter beim Schaukeln zu. Für ein Geschwisterkind sind sie mittlerweile zu alt. Andere Frauen der Generation sind kinderlos geblieben, die Traurigkeit darüber gehört zu ihrem Leben.

Die biologische Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, nimmt ab Mitte dreißig dramatisch ab. Und obwohl Ehepaare in Deutschland die Kosten für künstliche Befruchtungen seit 2004 zur Hälfte selbst tragen müssen, ist die Anzahl der Behandlungen seitdem um ein Viertel gestiegen, von knapp 60.000 Behandlungen auf 76.000. Ehepaare, die sich dafür entscheiden, nehmen hohe Kosten in Kauf, und die psychischen Belastungen treiben nicht wenige Frauen an den Rand einer Depression.

Sie heißen Anna, Kathrin oder Nina, sie wurden in den siebziger Jahren geboren, und sie sind auf der Suche nach dem richtigen Mann. Vielleicht steht er am Sonntagmorgen in der Schlange beim Bäcker, also gehen sie Brötchen holen. Vielleicht sitzt er ihnen in der U-Bahn gegenüber, also fahren sie nicht mehr mit dem Fahrrad zur Arbeit. Sie sind Mitte dreißig und wünschen sich eine eigene Familie. Natürlich suchen sie auch im Internet, wenn es sein muss, gehen sie sogar auf eine Ü-30-Party. Auf diese Weise lernen sie eine Menge Männer kennen, manchmal verlieben sie sich, doch sobald das K-Wort fällt, sind die meisten Liebschaften schnell wieder vorüber.

Der feministische Pakt: Verzicht auf die Mutterrolle in jungen Jahren

Männer berichten, dass die mühsam gezähmte Panik der Frauen in diesem Alter unerträglich sei. Das ist fies. Aber leider ist es nicht aus der Welt zu schaffen, dass die Evolution in dieser Hinsicht einen Schlamassel angerichtet hat. Auch wenn die Herren nicht ganz so uneingeschränkt bis ins hohe Alter zeugungsfähig sind, wie sie gern glauben, können sie länger Kinder zeugen, als es Frauen möglich ist, schwanger zu werden. Ein Dilemma. Viele kluge Köpfe haben sich damit befasst, darunter auch die Jerusalemer Soziologin Eva Illouz. Sie regt an, das Kinderkriegen nicht länger an die große Liebe zu knüpfen. Eine Idee, die zumindest nicht verleugnet, dass inzwischen jede dritte Ehe geschieden wird.

Zahlreiche Frauen, ob sie nun Sabine oder Anna heißen, ob sie dreißig oder vierzig sind, haben viele Jahre in der Gewissheit verbracht, sie hätten noch Zeit. Zeit, um einen Partner zu finden, und Zeit, um Kinder zu bekommen. Womöglich war das ein Irrtum.

In die Welt kam er durch den Feminismus der späten sechziger und frühen siebziger Jahre. Damals heirateten die Frauen klassischerweise früh, gründeten eine Familie und blieben fortan zu Hause, allein mit Hausarbeit und Erziehung beschäftigt. Die meisten von ihnen gaben ihren Beruf auf und verzichteten auf die Möglichkeit, das Land, die BRD, politisch und gesellschaftlich zu prägen.

Viele Frauen der Generation Sabine, Andrea, Martina erinnern sich an die Ermahnungen ihrer Hausfrauen-Mütter, erst mal einen "guten Beruf" zu ergreifen. Das haben sie brav getan. Sie haben den Auftrag der Mütter erfüllt, wie Alice Schwarzer es nennen würde. Seit 1977 steigt das durchschnittliche Alter bei der ersten Geburt kontinuierlich an. Mittlerweile liegt es bei 30,5 Jahren, bei Akademikerinnen dürfte es deutlich höher sein.

Aus Sicht der Feministinnen von damals war die frühe Familiengründung eine wesentliche Ursache für die große Ungleichheit zwischen Mann und Frau. Und diese Analyse war richtig. In einem feministisch bewegten Leben nehmen deshalb eine gute Ausbildung und selbständig verdientes Geld einen hohen Stellenwert ein. Als Bedingung dafür gilt der Verzicht auf die Mutterrolle in jungen Jahren. Das ist der feministische Pakt. Er wurde Ende der sechziger Jahre besiegelt. Mehr als vierzig Jahre später ist es an der Zeit, ihn noch mal genauer zu betrachten.

Akademikerinnen gehen als Mütter beruflich auf Tauchstation

Heute könnte es eine sehr gute Idee sein, ein Kind mit Anfang zwanzig zu bekommen. Oder auch zwei. Vor allem für angehende Akademikerinnen. Mehr Frauen als Männer schließen heute ein Studium ab, und keine Studentin muss mehr darum kämpfen, an der Uni ernst genommen zu werden. Gutausgebildete und berufstätige Frauen sind mittlerweile eine Selbstverständlichkeit.

Doch wie sich Berufstätigkeit und Familie vereinbaren lassen, ist noch immer eine unbeantwortete Frage, obwohl sie seit Jahren diskutiert wird. Vor allem Akademikerinnen gehen als Mütter zwischen Mitte dreißig und Mitte vierzig beruflich oft auf Tauchstation. Sie entscheiden sich für Teilzeit, weil in den meisten Büros noch immer Arbeitsbedingungen herrschen, die nicht zu einem Leben mit Kindern passen. Ein beliebtes Argument deutscher Mütter lautet aber auch: Ich möchte für meine Kinder da sein. Und wenn der Nachwuchs irgendwann kein warmes Mittagessen mehr braucht, sind die meisten von ihnen zu alt, um noch mal durchzustarten.

Aber wie wäre es, nur mal angenommen, man würde seinen 40. Geburtstag feiern und die Kinder würden demnächst zu Hause ausziehen? Da wäre plötzlich eine Menge überschüssiger Kraft, und es blieben noch über zwanzig Jahre Berufstätigkeit, um sie einzusetzen. Zeit, um Führungspositionen zu übernehmen, Zeit, sich einzumischen. Viele Frauen, die in der DDR groß geworden sind, haben solche Biografien. Bei ihnen gibt es ein freundlich kaschiertes Unverständnis den ehemaligen West-Frauen gegenüber und ihren endlosen Diskussionen über Karriere und Kinder.

Vor einigen Wochen erschien im amerikanischen Magazin "Atlantic Monthly" ein vieldiskutierter Artikel von Anne-Marie Slaughter, einer Professorin, die zum Planungsstab Hillary Clintons gehörte. Sie beschreibt, wie sie sich mit Anfang fünfzig dabei ertappte, auf einem Empfang der Uno in Anwesenheit von Obama den Gesprächen nur unkonzentriert zu folgen. In Gedanken war sie bei ihren beiden Söhnen, 12 und 14 Jahre alt, die sie ausschließlich am Wochenende sah und zu denen sie den Kontakt zu verlieren drohte. Es muss ein Schlüsselmoment gewesen sein: Sie gab den Job im State Department auf, kehrte heim nach New Jersey. Heute arbeitet sie dort als Professorin. Ihr Fazit: Frauen können nicht alles haben.

Auf den Frohsinn der Kinder hat Geld keinen Einfluss

Doch ist Rückzug die Lösung? Im Fall von Anne-Marie Slaughter mag es eine richtige Entscheidung gewesen sein. Weil sie wie viele Frauen ihrer Generation früh in ihrem Leben eine falsche Entscheidung getroffen hat: Sie hat ihre Kinder zu spät bekommen. Mit über fünfzig noch die Pubertätsprobleme der eigenen Söhne oder Töchter zu wälzen ist nicht ideal.

Sie heißen Jule, Lisa und Clara, sie wurden Anfang der neunziger Jahre geboren, und seit wenigen Semestern studieren sie. Diese jungen Frauen sollten sich fragen: Was spricht eigentlich gegen ein Kind? Die Jahre an der Uni sind jene Phase im Leben, in der man sich Zeit am besten einteilen kann. Natürlich ist der Leistungsdruck im Studium hoch, trotzdem ist es möglich, während des Semesters zwei Wochen ganz individuell in eine vorlesungsfreie Zeit zu verwandeln, weil der Nachwuchs Windpocken hat.

Bei der Vergabe von Kita-Plätzen werden studierende Eltern häufig bevorzugt, oft gibt es auch Uni-Kindergärten. Und wer ein geringes Einkommen hat, zahlt die geringsten Beiträge. Überhaupt, das Geld. Selbstverständlich wird es knapp sein. Auf den Frohsinn der Kinder hat Geld aber keinen Einfluss, das könnte ein Trost sein. Und zu Beginn ihres Lebens sind Kinder auch noch nicht so teuer, die Diskussionen um Markenklamotten und elektronische Geräte kommen erst später. Zusätzlich unterstützt der Staat junge Eltern neben dem Eltern- und Kindergeld mit Extraregelungen beim Bafög.

Was stünde zum Verzicht? Schlaf und unverplante Zeit. Die sogenannte Selbstverwirklichung. An diesem Punkt ist es schwer zu argumentieren, weil jeder Einzelne dem einen unterschiedlichen Wert beimisst. Nur so viel: Mit einem gewissen Abstand betrachtet, scheint die Selbstverwirklichung in jungen Jahren überschätzt zu werden. Vor allem birgt sie die Gefahr, sich endlos hinzuziehen.

Wer früh Mutter oder Vater wird, verzichtet auf eine Menge unbeschwerten Spaß

Die Annas, Kathrins und Ninas, die Frauen, die heute Mitte dreißig sind, verzweifeln nicht selten an Männern, die diese Phase ins Unermessliche dehnen. Die zögerlichen Männer. Mit Anfang zwanzig dagegen kann man noch jene Partner kennenlernen, die wirklich eine Familie gründen möchten. Und die deshalb mit Mitte dreißig längst in festen Händen sind.

Junge Eltern, was bedeutet das eigentlich? Zuerst mal haben sie mehr Energie. Und junge Eltern sind weniger ängstlich. Sie sind auch weniger angespannt, weil ein Baby für sie kein Projekt ist, das ihr Leben krönen soll. Aus der Perspektive von Anfang zwanzig betrachtet ist noch vieles möglich, Beruf und Freundschaften entwickeln sich erst, das Kind muss noch keine unerfüllten Wünsche kompensieren. In Chinesisch-Kursen für Vorschulkinder sitzen wenige studentische Eltern dabei. Kleine Kinder mit jungen Eltern können meist auch noch mit ihrem Großvater Fußball spielen, und in der schwierigen Zeit der Pubertät können sie bei den Großeltern eine Zuflucht finden, weil diese dann schon älter, aber nicht uralt sind.

Selbstverständlich lassen sich auch Argumente finden, die gegen so eine Entscheidung sprechen. Jeder, der früh Mutter oder Vater wird, verzichtet auf eine Menge unbeschwerten Spaß. Und sind junge Eltern beispielsweise schon erwachsen genug, um die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen?

Alle Fragen, die hier gestellt werden, lassen sich letztlich nur persönlich beantworten. Was bleibt, ist die Aufforderung, sich gedanklich zu lösen von einer scheinbar unumstößlichen Regel: Wenn Frauen ein unabhängiges Leben führen wollen, muss ihr Engagement in den Jahren zwischen zwanzig und dreißig allein der Ausbildung und dem Berufseinstieg gelten, Kinder kriegt man später.

Diese klassische Akademikerinnen-Biografie wird von vielen erfolgreichen Frauen mantraartig gepriesen. Niemand, der heute vierzig, fünfzig ist, gibt gern zu, dass er sein Leben rückblickend besser anders gelebt hätte. Da ist es leichter, allein den Umständen die Schuld zu geben, wie Anne-Marie Slaughter es tut, und zu dem Schluss zu gelangen: Frauen können nicht alles haben. Vielleicht können sie das ja doch, vielleicht können Frauen Kinder und Karriere haben ohne das bohrende Gefühl, eines von beidem komme zu kurz. Sie müssten sich nur früher für beides entscheiden.

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insgesamt 351 Beiträge
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1. Sagt das den Männern
Streitaxt 21.08.2012
Bin selber Mann. Meine Geschlechtsgenossen sind aber mit Ende 20 Anfang 30 noch nciht reiuf genug für die Vaterschaft. Man will lieber großer Junge sein und sich noch nicht so einengen. Vater sein heisst ja heute auch mal Windeln wickeln und nachts schreiende Kinder trösten. So wirds natürlich nichts........
2. Über 7 Milliarden Menschen
zufriedener_single, 21.08.2012
Welcher vernünftige Mensch will da noch ernsthaft Kinder in die Welt setzen?
3. Kernsatz
kneumi 21.08.2012
>> "Jeder, der früh Mutter oder Vater wird, verzichtet auf eine Menge unbeschwerten Spaß. "
4. ...
Chora 21.08.2012
Guter Artikel, könnte meine Haltung (m, noch Student, keine Kinder) nicht besser zusammenfassen. Klar ist es immer eine individuelle Entscheidung. Aber der Weg, früh Kinder zu bekommen, scheint gerade für Studentinnen regelrecht exotisch zu sein.
5. Guter Artikel
KarlRad 21.08.2012
...viele Leute gehen mit dem Kinderkriegen viel zu verkrampft um. Es ist etwas ganz natürliches und auch wir wurden mal geboren! Interessant auch, dass die "sozial schwächeren" (Hartz-4, Migranten etc.) diese ganzen Probleme gar nicht haben.
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