AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2017

Präsidentschaftswahl Wie Macron Frankreich erneuern will

Vom Außenseiter zum aussichtsreichsten Bewerber: Emmanuel Macron ist die Überraschung im französischen Wahlkampf - und er könnte der jüngste Präsident werden. Hier äußert er sich im SPIEGEL-Gespräch über seine Pläne.

Emmanuel Macron
Ugo Amez/SIPA/Action Press

Emmanuel Macron

Von Britta Sandberg und


TGV 8434, Bordeaux-Paris. Emmanuel Macron, 39, früher Wirtschaftsminister, jetzt Präsidentschaftskandidat, reist 2. Klasse. Es ist stickig im Abteil, was auch an den Kamerateams liegt, die Macron auf Schritt und Tritt begleiten. Jetzt, fünf Wochen vor dem ersten Wahlgang, ist ihm die Anstrengung anzusehen. Macron ist die Sensation dieses Wahlkampfs: Vom Außenseiter wurde er zu einem der aussichtsreichsten Kandidaten. Denn gegen den Konservativen François Fillon ermittelt die Staatsanwaltschaft, weil er seiner Frau und seinen Kindern vom Staat bezahlte Jobs verschafft haben soll, die sie nie ausübten. Seither hat Macron ihn in den Umfragen für den ersten Wahlgang am 23. April überholt. Auch die Rechtspopulistin Marine Le Pen liegt nur knapp vor ihm - im zweiten Wahlgang würde er sie wohl deutlich schlagen. Dann könnte Macron der jüngste Präsident der Fünften Republik werden. Beim Gespräch im Zugabteil wirkt er erschöpft vom Wahlkampf, aber er bleibt stets zugewandt und konzentriert.

SPIEGEL: Herr Macron, Sie sind in diesem irrwitzigen Wahlkampf quasi aus dem Nichts zum Favoriten geworden - als unabhängiger Kandidat, ohne die Unterstützung einer Partei. Überrascht Sie das? Und lastet ein großer Druck auf Ihnen?

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 12/2017
Wissenschaft: Besser essen, einfach essen

Macron: Wenn ich den Druck in diesem Wahlkampf nicht aushalten könnte, hätte ich als Kandidat hier nichts zu suchen. Und nein, dass ich so weit gekommen bin, überrascht mich nicht. Ich habe über alles gut nachgedacht: Wenn ich nicht daran glauben würde, gewinnen zu können, hätte ich das ganze Unterfangen auch bleiben lassen können.

SPIEGEL: Sie konnten beim besten Willen nicht ahnen, dass gegen den Konservativen Fillon ein Strafverfahren eröffnet werden würde. Sie konnten auch nicht ahnen, dass die Sozialisten einen chancenlosen Kandidaten aufstellen würden.

Macron: Aber ich wusste, dass das politische System, wie wir es kennen - und wie ich es auch als Minister kennengelernt habe -, am Ende ist. Etwas Neues musste her. Hätten wir im April nicht die politische Bewegung "En Marche!" gegründet, dann wären die Vorwahlen wahrscheinlich ganz anders ausgegangen. Sowohl bei der bürgerlichen Rechten als auch bei den Sozialisten.

SPIEGEL: Wann war Ihnen klar, dass Sie antreten würden?

Macron: Im Prinzip wusste ich das, als ich "En Marche!" ausrief. Meine Rede in der Pariser Mutualité, unsere erste große Veranstaltung, war ein ungeheurer Erfolg. Das führte dazu, dass ich von meinem Ministerposten zurücktrat und im November meine Kandidatur erklärte.

SPIEGEL: Warum sind Sie so überzeugt davon, dass Ihr Land gerade Sie braucht?

Macron: Frankreich braucht natürlich niemanden. Ich glaube nicht an Heilsbringer. Aber die Art und Weise, wie unser Land regiert wird, muss sich radikal ändern. Das fängt beim politischen Personal an und hört bei unserem Wahlsystem noch nicht auf. Was wir brauchen, ist eine tief greifende Erneuerung. Und ich biete den Franzosen dieses Neue an: Meine Bewegung hat nichts mit der fast hermetisch abgeschlossenen politischen Landschaft zu tun, die wir hier bisher kennen.

SPIEGEL: Auf der ganzen Welt wenden sich Wähler gegen das Etablierte, die Eliten - in Frankreich ist die elitäre politische Klasse besonders stark ausgeprägt.

Macron: Da liegt viel im Argen, das stimmt. Unser politisches System begünstigt das: Wir haben kein Verhältniswahlrecht, deshalb haben wir ein Problem bei der Repräsentation. Unsere politische Klasse erneuert sich kaum, immer dieselben Gesichter. Und an Moral fehlt es auch: eine Affäre nach der anderen. Ein solches System kann nicht erfolgreich sein.

SPIEGEL: Warum sollten wir glauben, dass Sie alles anders machen? Auch Sie waren Wirtschaftsminister unter François Hollande, auch Sie haben Eliteschulen besucht.

Macron: Trotzdem bin ich kein klassischer Politiker, die gängigen Phrasen des Politikbetriebs beherrsche ich nicht. Ich stehe dazu, dass ich anders an die Dinge herangehe. Ich möchte, dass die Menschen denen, die sie gewählt haben, wieder vertrauen können. Deshalb wollen wir zeitlich beschränkte Mandate. Keine Interessenkonflikte mehr! Die Einkünfte der Gewählten müssen transparent sein.

SPIEGEL: Seit Wochen reisen Sie kreuz und quer durchs Land. Was für ein Frankreich erleben Sie da?

Macron: Mir begegnet vor allem immer wieder eine ungeheure Energie. Die Franzosen haben, obwohl man ihnen oft das Gegenteil unterstellt, Lust, etwas aufzubauen, etwas zu schaffen. Da ist eine Vitalität, die man spürt, die aber anscheinend nicht allzu oft wahrgenommen wird. In den französischen Medien kommt sie einfach nicht vor. Aber natürlich gibt es auch viel Unsicherheit, Zukunftsängste, manchmal auch Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die es so in Wirklichkeit vielleicht gar nicht gegeben hat. Und immer wieder ein Gefühl der Deklassierung.

SPIEGEL: Wer fühlt sich deklassiert?

Macron: Die Metropolen sind die Gewinner in Frankreich. Sie haben keine Probleme. Fahren Sie nach Lyon, Marseille oder Bordeaux - dort sitzen diejenigen, die Erfolg haben. Dort weiß man mit der Globalisierung umzugehen. Aber es gibt auch das Frankreich des Randes, das ländliche Frankreich, das an sich zweifelt. Diese beiden Teile müssen wir wieder zusammenbringen. Der Schlüssel dazu liegt bei der Mittelschicht, sie bildet den Sockel unserer Demokratien. Wir dürfen sie nicht verlieren, wir müssen sie fördern.

Rechtspopulistin Marine Le Pen bei einem Wahlkampfauftritt in Loubersan
Vincent Nguyen/Riva Press/Laif

Rechtspopulistin Marine Le Pen bei einem Wahlkampfauftritt in Loubersan

SPIEGEL: In diesem zweifelnden Frankreich sind Marine Le Pen und ihr Front National besonders erfolgreich - wie wollen Sie dort punkten?

Macron: Ich versuche, Optimismus zu verbreiten, und vertrete eine Gegenposition zu all jenen, die wollen, dass wir uns abkapseln. Bei meinen Wahlkampfauftritten spreche ich nicht immer nur davon, dass wir das Land reformieren müssen und dass das wehtun wird. So wurde ja 30 Jahre lang geredet. Ich glaube, dass Frankreich sich nicht reformieren lässt - in normalen Zeiten. Aber glücklicherweise gleicht die Gegenwart eher einem Ausnahmezustand. Der Moment, wo alles möglich wird.

SPIEGEL: Und Sie sehen Ihr "window of opportunity", Ihre Gelegenheit, gekommen?

Macron: Genau. Ich glaube, dass wir uns in einer radikalen Transformationsphase befinden. Egal ob es sich um die Digitalisierung, die Umwelt oder den Terrorismus handelt. Wir können in dieser neuen Welt erfolgreich sein, wir haben dafür die Veranlagung. Die Franzosen sind erfindungsreich und innovativ. Aber wir müssen uns jetzt endlich aufraffen.

SPIEGEL: Was wäre Ihre erste Amtshandlung als Präsident?

Macron: Drei große Reformen: Der Arbeitsmarkt muss geöffnet werden, die Ausbildung muss verbessert werden, und das Schulsystem sollte wieder die Chancengleichheit befördern.

SPIEGEL: Ganz konkret: Was würde Ihren Regierungsstil von dem Ihrer Vorgänger unterscheiden?

Macron: Sowohl Nicolas Sarkozy als auch François Hollande haben ihr Kabinett quasi erstickt. Das würde ich anders machen. Ein Präsident sollte nicht regieren. Er soll unparteiisch über den Dingen stehen, die Verantwortlichkeiten delegieren und die passenden Leute ernennen. Weder soll er so tun, als sei er für alles verantwortlich, noch als könne er alles im Alleingang regeln. Ein Präsident ist vor allem Garant der Institutionen; er gibt die große Richtung vor.

SPIEGEL: Sie treten als ausgesprochener Proeuropäer an. Ist das nicht riskant? Marine Le Pen attackiert die EU und hat viel Erfolg damit.

Macron: Ich verteidige Europa zwar, aber ich bin nicht naiv, was seine Fehler angeht. Das Europa, das nicht funktioniert, gibt es natürlich auch. Aber man darf die Kritik nicht den Antieuropäern überlassen. Seit zehn Jahren räumen wir ihnen immer mehr Platz ein. Immer die gleichen Diskussionen: erst Grexit, dann Brexit. Wir schauen zu, wie Ungarn oder Polen europäische Werte mit Füßen treten, tun aber nichts dagegen. Diese gemeinsame Unfähigkeit, unseren Mitbürgern etwas Ambitioniertes für Europa vorzuschlagen, zermürbt den europäischen Traum. In Europa gab es immer einige Länder, eine Avantgarde, die weitergehen wollte. So entstand auf Initiative von Deutschland und Frankreich 1951 mit der Montanunion die Basis für die europäische Einigung.

SPIEGEL: Sie wollen ein Kerneuropa, das sich enger zusammenschließt?

Macron: Wir brauchen eine viel engere Integration der Eurozone. Das Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten ist längst Realität; wir sollten gar nicht erst versuchen, alle gemeinsam vorwärtszukommen. Ein großer Fehler der vergangenen Jahre! Wir haben die Eurozone nicht weiterentwickelt, weil wir Angst hatten, die Briten oder die Polen zu verschrecken. Und wohin hat das geführt? Die Briten haben trotzdem für den Ausstieg gestimmt, und die Polen erklären uns nun, dass Europa eine grausige Sache sei. So haben wir viel Zeit verloren.

SPIEGEL: Was ist die Lösung?

Macron: Wir brauchen einen gemeinsamen Finanzminister, einen festen Vorsitzenden der Eurogruppe. Wir müssen jetzt ran an die Institutionen, müssen sie justieren, sie zukunftstauglich machen. Das Prinzip muss sein: Kein Mitgliedstaat darf von vornherein ausgeschlossen werden, aber es darf auch kein Mitgliedstaat die anderen daran hindern voranzugehen. Und der Anstoß dafür muss von Deutschland und Frankreich ausgehen.

Macron beim SPIEGEL-Gespräch
Stephanie Füssenich/DER SPIEGEL

Macron beim SPIEGEL-Gespräch

SPIEGEL: In den vergangenen Jahren hat sich das Gewicht innerhalb der EU immer mehr verschoben: Deutschland wurde wichtiger, Frankreich unwichtiger.

Macron: Wir werden Europa nicht wieder auf Vordermann bringen, wenn Frankreich seinen Job nicht macht. Das ist jetzt unsere Aufgabe: endlich die Reformen durchziehen. Frankreich muss seine Glaubwürdigkeit wiederherstellen, indem es den Arbeitsmarkt reformiert, indem es seinen Haushalt ernsthaft führt. Zugleich müssen wir es schaffen, zusammen mit Deutschland, das Wachstum wieder anzukurbeln. Ich glaube, die kommenden fünf Jahre werden entscheidend sein für unsere Zukunft, vielleicht sind es auch nur drei. Jetzt, 2017, haben wir ein Wahljahr - in Frankreich und in Deutschland. Darauf folgen drei Jahre ohne Wahlen, in denen müssen wir Europa gestalten.

SPIEGEL: Mit wem würden Sie lieber zusammenarbeiten, mit Angela Merkel oder mit Martin Schulz?

Macron: Meine Devise lautet, mich nicht bei anderen einzumischen. Mir reicht es, in meinem eigenen Land Politik zu machen.

SPIEGEL: Wie beurteilen Sie die Präsidentschaft von François Hollande, dem unbeliebtesten Präsidenten der Fünften Republik?

Macron: Ich will eine Wahl gewinnen und mein Land für die Zukunft fit machen. Um die Vergangenheit zu bewerten, dafür stehe ich im Augenblick nicht zur Verfügung.

SPIEGEL: Was passiert, wenn nicht Sie die Wahl gewinnen, sondern Marine Le Pen?

Macron: Unser Land würde verarmen - wenn Frankreich die EU verlässt, wird nicht nur unsere Wettbewerbsfähigkeit sinken, sondern auch die Kaufkraft. Wahrscheinlich käme es im ganzen Land zu Ausschreitungen. Le Pen würde Europa und die Eurozone zertrümmern. Ich nehme sie und ihr Programm sehr ernst. Ich kämpfe jeden Tag dagegen an, weil ich glaube, dass es falsch für unser Land ist. Es schadet unseren Mitbürgern und unseren Unternehmen. Ein Wahlsieg Marine Le Pens hätte schwere Konsequenzen für Frankreich.

SPIEGEL: Und wie sollte man mit den Populisten Ihrer Meinung nach umgehen?

Macron: Wir dürfen ihnen jedenfalls nicht das Feld überlassen! Sehen Sie, was bei uns passiert: Die bürgerliche Rechte kopiert den Front National. Sie vergisst ihre Prinzipien. Sie versucht, auf diese Weise eine Wahl zu gewinnen, um jeden Preis. Nicolas Sarkozy hat das bereits 2012 versucht, und schon damals hat es nicht geklappt. Sie verkaufen die Leute für dumm, es ist wirklich dramatisch.

SPIEGEL: Apropos bürgerliche Rechte. In Deutschland hätte jemand wie François Fillon, gegen den ein Strafverfahren läuft, wohl kaum weitermachen können. Warum ist das in Frankreich anders?

Macron: Ich glaube, das liegt an dem Unterschied zwischen protestantischer und katholischer Kultur. Bei uns Katholiken sündigt man, dann wird gebeichtet - und es ist alles wieder vergessen, denn man hat sich ja entschuldigt.

SPIEGEL: Werden die Franzosen Fillon vergeben?

Macron: Ich bin niemand, der in dieser Sache eine neutrale Sicht vertritt. Aber ich glaube, viele meiner Landsleute verstört Fillons Verhalten. Er glaubt, für ihn gelte nicht, was für andere gilt. Genau diese Art von Politikern haben die Franzosen satt.

Macron mit seiner Frau Brigitte
AFP

Macron mit seiner Frau Brigitte

Brigitte Macron, die 63-jährige Ehefrau des Kandidaten, betritt das Zugabteil und setzt sich schweigend dazu. Jeans, hellblauer Kaschmirpullover, blonder Pagenschnitt. Sie begleitet Macron auf fast alle Wahlkampfveranstaltungen, ist "der Fels in seinem Leben", wie es in einem jetzt erschienenen Buch über die Beziehung der beiden heißt. Brigitte Macron war Lehrerin an Macrons Schule in Amiens, verheiratet, Mutter von drei Kindern. Sie verließ ihren Mann, um mit Macron zusammenzuleben. 2007 heirateten die beiden.

SPIEGEL: Es gab in den vergangenen Wochen auch gezielte Angriffe auf Ihr Privatleben. Es wurde behauptet, Sie seien homosexuell, führten ein Doppelleben. Sie haben diese Gerüchte sehr direkt dementiert, auf einer Wahlkampfveranstaltung.

Macron: Ich wollte seit Langem auf diese Gerüchte reagieren. Es ist immer besser, die Dinge beim Namen zu nennen und solchen Geschichten keinen Raum zu geben. Ich bin dem Ganzen eher mit Ironie begegnet, und damit war es auch zu Ende.

SPIEGEL: Hatten Sie diese Strategie mit Ihrer Frau abgestimmt?

Macron: Hatten wir darüber gesprochen, Brigitte? Nein, ich glaube nicht.

Brigitte Macron: Nein, ich wusste nicht, dass er das so machen würde. Wissen Sie, er denkt durchaus eigenständig inzwischen.

SPIEGEL: Die Tatsache, dass ein jüngerer Mann mit einer Frau zusammenlebt, die um einige Jahre älter ist ...

Brigitte Macron: Danke für diese Formulierung, das ist nett von Ihnen - einige Jahre ...

SPIEGEL: ... die, um genau zu sein, 24 Jahre älter ist, scheint auch im Jahr 2017 noch viele zu schockieren. Haben Sie sich daran gewöhnt, oder verletzt Sie das jedes Mal aufs Neue?

Macron: Wissen Sie, wenn ich mit einer 20 Jahre jüngeren Frau zusammen wäre, käme niemand auf die Idee, das irgendwie komisch zu finden. Im Gegenteil, alle fänden das toll. Aber ich habe mein Leben nie danach ausgerichtet, was andere darüber denken könnten.

SPIEGEL: Und Sie können sich einfach so von allen Bösartigkeiten und Gerüchten distanzieren?

Macron: Natürlich gibt es verletzende Momente, am schlimmsten sind die, die einen nicht selbst betreffen, sondern andere Familienangehörige. Aber man muss sich davon distanzieren, sonst wird man unglücklich. Wir haben irgendwann beschlossen, dass die Dummheit der anderen uns nicht mehr anficht.

SPIEGEL: Und das klappt?

Macron: Ja. Brigitte und ich, wir sind gegen diese Art von Bösartigkeit immunisiert.

SPIEGEL: Wie würden Sie Ihren derzeitigen Zustand fünf Wochen vor dem ersten Wahlgang beschreiben - eher euphorisch oder eher nervös?

Macron: Wie hat es einmal ein großer französischer Rugbytrainer formuliert? Ich bin ruhig, mit mir im Reinen, doch sehr entschlossen. Aber natürlich kann noch viel passieren, es gibt viele Risiken.

SPIEGEL: Welche?

Macron: Zweifel, die die Franzosen auf einmal bekommen könnten.

SPIEGEL: Zum Beispiel, dass Sie zu jung für ein solches Amt sein könnten?

Macron: Nicht nur das. Wir könnten Fehler machen. Der kommende Monat wird entscheidend sein.

SPIEGEL: Im Gegensatz zu Ihren Konkurrenten können Sie nicht auf eine solide, seit Jahren gefestigte Gruppe von Stammwählern zählen.

Macron: Das bereitet mir keine schlaflosen Nächte. Umso besser! Es bedeutet, dass ich die Franzosen mit Inhalten und Ideen überzeugen muss. Links und rechts, diese Kategorien stammen aus einer Welt von gestern.

SPIEGEL: Ihre Äußerung, die französische Kolonialzeit sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, hat Ihnen viel Ärger eingebracht. Sind Sie mittlerweile vorsichtiger geworden, was und wie Sie etwas sagen?

Macron: Ich sage die Dinge gern, wie sie sind. Ich habe mir auch meine Worte zu Algerien genau überlegt.

SPIEGEL: Ja? Sie haben dann aber viele umfangreiche Erklärungen nachgeliefert.

Macron: Ich fand das notwendig, weil ich nicht mit solchen Reaktionen gerechnet hatte. Ich wusste nicht, dass dieses Thema noch so schmerzhaft für die Franzosen ist. Ich werde und möchte nicht auf Floskeln ausweichen, das ist eine Politikerkrankheit.

SPIEGEL: Wissen Sie schon, wo Sie am 7. Mai, dem Tag der Stichwahl, sein werden?

Brigitte Macron: Emmanuel und ich werden in Le Touquet wählen; der Bürgermeister dort ist schon ziemlich nervös wegen all der Sicherheitsvorkehrungen. Es ist ja nur ein kleiner Badeort an der nordfranzösischen Küste.

Macron: Am Abend werden wir dann in Paris sein, im Hauptquartier von "En Marche!", mit all meinen Mitarbeitern.

SPIEGEL: Und das nächste Mal treffen wir Sie im Élysée?

Er antwortet nicht, schaut sich kurz um und klopft dann mit seiner Hand auf die eigene Stirn.

SPIEGEL: Was machen Sie da?

Macron: Wenn man nicht auf Holz klopfen kann, soll man auf Affen klopfen.

SPIEGEL: Herr Macron, Frau Macron, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

DER SPIEGEL


insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Redeye 17.03.2017
1. Emmanuel Macron
Ein sympathischer Kandidat, der Optimismus ausstrahlt und ehrlich und integer wirkt. Ich drücke ihm die Daumen.
allessuper 17.03.2017
2. Macron
ist ein optimales Marketingprodukt. Würden Sie bitte einmal über andere Kandidaten berichten? Hamon, Mélenchon? Oder fällt Ihnen nichts Besseres ein, als über denjenigen zu berichten, der nun sehr wahrscheinlich Präsident wird? Vielleicht muten Sie das Ihren Lesern nicht zu, weil es sie verwirren würde?
ysl 18.03.2017
3. Sorry, aber ich weiß immer noch nicht was der Typ will...
hätte man das noch besser im Interview oder Video herausarbeiten können? Was möchte er außenpolitisch verändern, wie sieht seine Sozial- und wie sieht seine Migrationspolitik aus? Hier äußert er sich im SPIEGEL-Gespräch nur so sehr ungenau über einen Teil seiner Pläne.
waldi54 23.03.2017
4. Warum gibt es das Interview nur auf deutsch?
Ich würde gerne mal den Originaltext lesen, weil es in der Sprache der Politik oft (und meiner Meinung nach gerade im Französischen) darauf ankommt, wie bestimmte Äußerungen im Wortlaut sind, um sie korrekt interpretieren zu können. Eine Übersetzung gibt da leider auch oft die Interpretation der/s Übersetzenden wider. Vorschlag für die Zukunft zu übersetzten Interviews: Unten einen Link zum Originaltext zu haben, wäre grandios!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 12/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.