AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 24/2017

Frankreichs neuer Präsident Wie Macron sein Land verzaubert

Was Präsident Macron anpackt, scheint ihm zu gelingen. Die Stimmung in Frankreich hat sich radikal verbessert, Freude und Stolz sind zurück. Das politische Erdbeben könnte sich bei den Parlamentswahlen fortsetzen. Wie macht er das?

Präsident Macron mit Anhängern, Paris, 3. Juni 2017
REUTERS

Präsident Macron mit Anhängern, Paris, 3. Juni 2017

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Fast drei Jahre lang residierte der Mann mit dem dunklen Haar und dem markanten Kinn im vornehmen Faubourg Saint-Germain in einem prächtigen Palais am linken Seine-Ufer. Im gepflasterten Innenhof warteten, zu jeder Uhrzeit, seine Chauffeure auf ihn. Sein Büro hatte nicht nur die Maße eines mittelgroßen Ballsaals, es war auch so verziert. Ein paar Schritte übers glänzende Parkett, durch eine Flügeltür hindurch, und schon stand der Mann in einem der schönsten Parks von Paris, angelegt 1725.

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Heft 24/2017
Wie Paare friedlich auseinandergehen

Manuel Valls, 54 Jahre alt, war bis vor wenigen Monaten Hausherr im Matignon, dem Sitz des französischen Regierungschefs. Bevor Valls Premierminister unter François Hollande wurde, war er ein ziemlich beliebter Innenminister. Er benutzte gern Worte wie Kraft, Stärke und Autorität. Ging es um Terrorismus oder um Reformen, zwei große Themen seiner Amtszeit, schob er entschlossen sein Kinn nach vorn und guckte grimmig.

Es ist noch nicht lange her, da galt Manuel Valls als Hoffnungsträger der französischen Sozialisten. Jetzt kämpft er gegen 21 andere Kandidaten um seinen Einzug in die Assemblée nationale, sein Wahlkreis liegt in der Essonne, einer nicht sehr wohlhabenden Gegend im Pariser Süden. Valls' Wahlkampfbüro dort hat die Größe einer Imbissbude, es liegt an einer Ausfallstraße neben einem Inder, der immer geschlossen zu haben scheint. An Matignon erinnert hier nichts.
Wenn die Franzosen an den kommenden zwei Sonntagen ihr Parlament wählen, dann ist ungewiss, ob es Manuel Valls, dem Expremier, gelingen wird, auch nur einfacher Abgeordneter zu bleiben. Denn nach diesen Parlamentswahlen, so sieht es im Augenblick aus, wird nichts oder zumindest kaum mehr etwas sein, wie es vorher war. Das Bild eines Bebens ist zu schwach, um zu beschreiben, was da im Augenblick passiert in Frankreich. Es ist, als würde die politische Landschaft heimgesucht von einem Erdrutsch mit simultanem Vulkanausbruch, während am Horizont eine gewaltige Flutwelle anrollte.

Seit ein 39-Jähriger das Präsidentenamt übernommen hat, man muss das so sagen, gleicht die Gefühlslage der Republik ein wenig der eines frisch verliebten Backfischs. Emmanuel Macron hat sie verzaubert und verführt, dank ihm freuen sich die Franzosen wieder, und sie sind wieder stolz auf sich. Vor allem aber auf ihren neuen Präsidenten. Egal ob Macron Donald Trump die Hand schüttelt, bis die Fingerknöchel weiß werden, oder ob er Putin mit dem Golfcart durch den Schlossgarten von Versailles kutschiert, bevor er ihm höflich, aber bestimmt während der gemeinsamen Pressekonferenz die Leviten liest.

Selbst diejenigen, die zuvor keine ausgewiesenen Macron-Fans waren, finden es gut, wenn ihr Präsident sich auf Englisch an amerikanische Klimaforscher wendet und sie einlädt, in Frankreich weiterzuforschen.

"Make our planet great again", twitterte Macron nach der Ankündigung des US-Präsidenten, aus dem Pariser Klimaabkommen auszusteigen. Ein Slogan, hingeworfen wie ein Fehdehandschuh, millionenfach geteilt. Es hat keine vier Wochen gedauert, bis das konservative Magazin "Le Point" Macron zum "Leader der freien Welt" ausrief, und nichts daran war ironisch gemeint.

Im Video: SPIEGEL-Korrespondentin Amalia Heyer über die ersten Wochen von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron

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Aber nicht nur Frankreich befindet sich in einer Art Honeymoon-Zustand, auch im Ausland ist man verzückt. Die "New York Times" wirbt mit dem Konterfei des frisch gekürten Präsidenten um ein Jahresabo: "Seien Sie dabei, wenn Emmanuel Macron Europa und die Welt verändert!"

Es ist noch gar nicht so lange her, da sah das alles ganz anders aus, und Frankreich war das Land der Deprimierten, in dem aus der Lust am Niedergang sogar ein eigenes literarisches Genre entstand: der sogenannte Déclinisme. Wo ein Schwanengesang auf den anderen folgte.

Erinnert sich vielleicht jemand an François Hollande als Werbeträger?

Und doch, in der Politik wie im wirklichen Leben, ist es meistens viel zu schnell vorbei mit der ersten Verliebtheit - und dann wird es ernst. Die Herausforderungen, die auf Macron warten, werden sich allein mit Symbolik und schönen Bildern nicht beantworten lassen. Macron weiß, dass er schnell handeln muss. Dass er sofort damit anfangen muss, das Land umzubauen, will er auf längere Sicht Erfolg haben. Seine Beliebtheit jetzt ist ein Vertrauensvorschuss, der sich im Zweifel rasch verbraucht. Sein Vorgänger Hollande dient ihm dabei als Negativbeispiel. 2012 machte der, neu gewählt, erst einmal ausgedehnte Sommerferien. Macron habe seine ersten hundert Tage minutiös durchgeplant, heißt es aus seinem Umfeld; in die Ferienfalle werde er nicht tappen.

Zuallererst gilt es allerdings, die Parlamentswahlen zu gewinnen, aber auch hier scheint ihm bisher alles gewogen: Macrons Bewegung En Marche!, gegründet am 6. April 2016 in einer Mehrzweckhalle im nordfranzösischen Amiens, hat laut Umfragen realistische Aussichten, alleinige Regierungspartei zu werden. Seine Kandidaten, so die Prognose, könnten in der Assemblée die absolute Mehrheit erobern. Bis zu 400 von 577 Sitzen könnte La République en marche! (LRM) erringen.

Das Siechtum der Altparteien wäre damit offiziell besiegelt; die Republikaner, die bis vor Kurzem noch an eine eigene Mehrheit glauben wollten, haben den Traum einer sogenannten Kohabitation, einer eingehegten Opposition, bereits abgeschrieben. Selbst Jean-Luc Mélenchons linksextremes Sammelbecken "Aufmüpfiges Frankreich" soll nach dieser Wahl mehr Abgeordnete stellen als die Sozialisten. Ein Verfall, wie er zuletzt die griechische Pasok ereilte.

Präsident Macron im Hof des Élysée-Palasts: Gegen eine gewisse Hybris nicht gefeit
Denis Allard/REA/Laif

Präsident Macron im Hof des Élysée-Palasts: Gegen eine gewisse Hybris nicht gefeit

Emmanuel Macron wäre damit frei, all das zu tun, was er versprochen hat. Sein erstes "Projekt", wie es im Jargon der Marcheurs heißt, läuft bereits: Die Franzosen sollen wieder Vertrauen fassen in ihre Demokratie, in ihre Politiker. Deshalb will Macron so schnell wie möglich ein Gesetz zur "Moralisierung des öffentliches Lebens" erlassen - und es dürfte ihn dabei ziemlich ärgern, dass just zu diesem Zeitpunkt Richard Ferrand, sein Verbündeter der ersten Stunde, den er zum Minister gemacht hat, in eine geradezu filloneske Affäre verwickelt ist. Ferrand, ein bretonischer Hinterbänkler, war der erste sozialistische Abgeordnete, der sich ihm anschloss. Auch seine Antiterror-Taskforce will Macron zügig auf den Weg bringen, am liebsten noch im Juni.

Es gibt keinen Grund, warum er mit diesen beiden eher gefälligen Vorhaben scheitern sollte, bevor er endlich das anpackt, was tatsächlich als Lackmustest in Sachen Erneuerung gelten dürfte: die Arbeitsmarktreform. Über sie werden im Élysée in diesen Wahlkampfzeiten nicht viele Worte verloren, aber, so viel steht fest, die Reform soll schnell kommen - und bereits im Sommer vorangetrieben werden. All das wird deutlich mehr Kraft kosten, als Trump lange und kräftig die Hand zu schütteln.

Wer sich wunderte, wie selbstbewusst und selbstverständlich Emmanuel Macron, trotz seiner Jugend, als Gleicher unter Gleichen auftrat mit den anderen Staatschefs in Brüssel oder während des G-7-Gipfels, der mag vergessen haben, dass sich Macron schon vor seiner Wahl erstaunlich leichttat. Er hat das Unternehmen Präsidentschaft einfach genauso weiterlaufen lassen, wie er es begonnen hat: mit unendlichem Vertrauen in sich selbst.

Bereits bei seiner Amtseinführung demonstrierte Macron, wie er das Amt wahrnimmt, das er nun innehat. Wie er es auszufüllen gedenkt. Er will kein normaler Präsident sein, wie Hollande, und auch keine hyperaktive Karikatur, zu der Sarkozy schließlich wurde. Er will die Funktion dieses Amtes, das so gelitten hat unter seinen Vorgängern, restaurieren, will seinen Glanz wiederherstellen. Mit allem, was dazugehört. Deshalb fuhr er mit einem Militärfahrzeug die Champs-Élysées entlang wie Ben Hur auf seinem Streitwagen. Deshalb der Kurztrip nach Mali, zu seinen Truppen, mit einer handverlesenen Auswahl an Journalisten, wie immer sehr auf das Bild bedacht, das er abgibt.

Er wolle ein "jupitergleicher Staatschef" sein, verkündete er bereits im vergangenen Jahr, noch bevor der Wahlkampf überhaupt richtig begonnen hatte. Frankreich, sagte er, brauche einen allmächtigen Präsidenten. Da ist er, der Anspruch Emmanuel Macrons - oder eher: die Anmaßung? Denn Jupiter, so erzählt es die Mythologie, herrscht nicht nur über den Himmel und die Erde, sondern auch über die anderen Götter. Mächtiger ist schlecht möglich.

Zumindest bis jetzt aber scheint ihm alles wohlgesinnt. Er hat sein Kabinett zusammengestellt, nicht sonderlich originell, aber klug genug, um nicht der Hochstapelei bezichtigt zu werden. Er hat, wie versprochen, Alt und Neu, Rechte und Linke berücksichtigt. Ob sich diese Mischung bewährt, wird sich erst noch zeigen.

In Acht nehmen muss er sich wohl vor allem vor sich selbst. Denn gegen eine gewisse Hybris ist auch Emmanuel Macron nicht gefeit, und es gibt einige, die nur darauf warten, ihn als arrogant oder herablassend zu enttarnen.

Dass er es auch versteht zu demütigen, hat er nicht zuletzt im Umgang mit seinem früheren Chef bewiesen - Manuel Valls. Denn Valls war derjenige, der 2014 darauf drängte, Macron trotz seiner Jugend, trotz seiner Unerfahrenheit zum Minister zu machen, weil dieser, sozialliberal wie er selbst, längst überfällige Reformen vorantreiben wollte.

Für die Parlamentswahlen wäre Valls in seinem Wahlkreis in der Essonne gern für Macron und La République en marche! angetreten, aber sein früherer Wirtschaftsminister ließ ihn kühl abblitzen, weil er sein Bewerbungsformular nicht ordentlich ausgefüllt hatte. Bei den Sozialisten gilt Valls seitdem als Verräter.

Und so traut sich der Mann, der bis vor Kurzem das Land regierte, nicht einmal mehr, öffentlich aufzutreten.

Wenn Manuel Valls über die Märkte von Évry oder Corbeil geht, um Hände zu schütteln und Flugblätter zu verteilen, lässt er einen Mitarbeiter vorher das Terrain sondieren, um seinen Besuch dann schnell und ohne Zwischenfälle hinter sich zu bringen. Zusammenkünfte mit Bürgern organisiert er am liebsten in Privatwohnungen. Wenn er twittert, für welche Themen er sich als Abgeordneter einsetzen möchte, wird das sofort kommentiert. "Wir wollen dich nicht mehr", steht da dann. Oder: "Du bist nichts mehr".

Im Frankreich der Gegenwart, das, zumindest im Moment, ganz im Zeichen Emmanuel Macrons zu stehen scheint, gibt es dafür jetzt einen eigenen Begriff: "Dégagisme" wird der Überdruss an all dem genannt, was vorher da war und jetzt verschwinden soll. "Dégage!" bedeutet nichts anderes als "Hau ab!"



insgesamt 14 Beiträge
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citizen01 10.06.2017
1. Es scheint sich bei Macron um eine Art Erlöser zu handeln.
Die Verzauberung der Wähler bringt ihm sicher die Stimmen derjenigen ein, die sich überwiegend nach dem äußeren Anschein richten. Erfahrene Wähler blenden dies weitgehend aus und sind gerade deswegen skeptisch. Sein bisher bekanntes Programm wird in Frankreich extrem schwer durchzusetzen sein.
Sumerer 10.06.2017
2.
"Was Präsident Macron anpackt, scheint ihm zu gelingen. Die Stimmung in Frankreich hat sich radikal verbessert, Freude und Stolz sind zurück. Das politische Erdbeben könnte sich bei den Parlamentswahlen fortsetzen. Wie macht er das?" Ich freue mich jedenfalls für Frankreich. Macron, das haben die Franzosen erkannt und gewürdigt, liefert eine aufbrechende Dynamik, die seine Vorgänger bisher haben vermissen lassen.
Mister Stone 10.06.2017
3.
Der Mann hat ein gewinnendes Charisma und eine sehr kluge Image-Beraterin. Mal abwarten, was er macht, wie er handelt. Bin mal gespannt, was mit dem französischen Arbeitsmarkt (öffentlicher Dienst vs Privatisierungen) und den Renten geschieht. Er kann ja kaum etwas anderes tun als dem neoliberalen Kurs der "überzeugten Europäer" zu folgen. Allerdings hat er das Talent, diese Politik besser zu verschleiern als es die SPD in Deutschland geschafft hat. ("Man soll auf Politiker nicht hören, sondern auf sie achten!" Dieter Hildebrandt)
thomas_gr 10.06.2017
4.
Also die Stimmung im Lande ist ein Maßstab, den ja jeder frei darstellen kann wie er will. Ist die Stimmung seit Macron wirklich so gut? Haben sich die 40% FN Wähler nun umentschieden und freuen sich auf einmal über einen ehemaligen Ex-Investmentbanket als Präsidenten? Ist das so? Und das Bilder und auch Worte voller Lügen sind, wissen wir alle eigentlich schon längst. Ich glaube nicht, dass die Franzosen auf einmal glücklicher sind, eher das Gegenteil wird der Fall sein, wenn sie begriffen haben, wer sie da eigentlich regiert.
arrache-coeur 10.06.2017
5.
"Was Präsident Macron anpackt, scheint ihm zu gelingen." - Aha. Bisher lieferte er nicht mehr als z.B. Trump;-)
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