AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2018

Emmanuel Macron Ihm liegt die Welt zu Füßen

Seit seiner Wahl sucht Präsident Emmanuel Macron die große außenpolitische Bühne, schäkert mit Trump, spricht mit Putin, umarmt Merkel, vermittelt in Saudi-Arabien. Er verändert Frankreichs Rolle in der Welt.

Präsident Macron mit Kanzlerin Merkel
AP

Präsident Macron mit Kanzlerin Merkel

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Noch im November, am französischen Gedenktag des Waffenstillstands von Compiègne, der den Ersten Weltkrieg beendete, trottete Vésuve de Brekka im Nieselregen mit seinem Präsidenten die Champs-Élysées hinauf. Keine zwei Monate später begleitete er ihn nach Peking. Jetzt steht der neunjährige Wallach in einem Pekinger Vorort in einer Box unter Quarantäne, wie es die Vorschriften verlangen.

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Heft 4/2018
Warum sich SPD, Grüne und Linke neu erfinden müssen

Das Pferd war Emmanuel Macrons Gastgeschenk anlässlich seines ersten Staatsbesuchs in China. Beim Bankett zu seinen Ehren überreichte er Parteichef Xi Jinping feierlich ein Foto des außergewöhnlich schönen Tieres aus dem Stall der Republikanischen Garde.

Die Anekdote ist sinnbildlich für die Außenpolitik des jungen Präsidenten: Auch diese kommt acht Monate nach seinem Amtsantritt gern überraschend daher, manchmal ungestüm. Und immer selbstbewusst, und das von Anfang an. Ob er Donald Trump einen Tick zu lang und zu fest die Hand schüttelt oder ihn fast erstickt in Herzlichkeit beim gemeinsam begangenen Nationalfeiertag. Ob er Wladimir Putin durch den Schlossgarten von Versailles kutschiert und ihm dann vor versammelter Presse die Leviten liest. Oder ob er sich zum obersten Klimaschützer aufschwingt und dazu die Parole ausgibt: Make our planet great again.

Jeder sollte von ihm, dem Neuen auf der internationalen Bühne, Notiz nehmen. Das Entrée des Außenpolitikers war lautstark und hallend. Und diesem Prinzip scheint er bis heute zu folgen: großer Einsatz, überall und unermüdlich; seltener sind die kleinen, wohlgesetzten Auftritte. Macron liebt die große Geste und pompöse Inszenierungen, was seinem Hang zur Symbolik geschuldet ist.

Präsident Macron mit Wladimir Putin: "France is back"
REUTERS

Präsident Macron mit Wladimir Putin: "France is back"

Berührungsängste kennt er nicht. Furchtlos umarmt er, tätschelt, strahlt, ist auf eine fast körperliche Art zugewandt, fasst Trump während der Militärparade an den Arm und den österreichischen Kanzler Sebastian Kurz beim Élysée-Besuch an die Hüfte.

Und es gefällt: Donald Trump nennt Macron einen "prima Kerl", er sei "smart" und "stark", so der amerikanische Präsident. Dem Anfang wohne ein Zauber inne, formulierte selbst Angela Merkel ungewohnt lyrisch bei ihrem ersten Treffen mit Macron nach dessen Wahl. Und Kanzleramtsminister Peter Altmaier schwärmte, Macron erinnere ihn an den französischen Dichter Rimbaud.

Seit Mai vergangenen Jahres schaut die Welt wieder öfter nach Frankreich und kann sich anscheinend nicht sattsehen an diesem jungenhaft wirkenden Mann mit dem großen Gestus. Macron hat innerhalb weniger Monate geschafft, was seine Vorgänger jahrzehntelang nicht vermochten: Frankreich wieder als modernes Land erscheinen zu lassen, als europäische Führungskraft mit einer wachsenden Einflusssphäre. Der Präsident habe ein ausgesprochenes Talent, den richtigen Ton für sein jeweiliges Gegenüber zu treffen, heißt es im Élysée. Das erlaube ihm auch, Dinge sehr direkt anzusprechen.

Präsident Macron mit Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz
DPA

Präsident Macron mit Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz

Es ist noch gar nicht so lange her, da galt die Republik als Land, das sich, eingeschnürt in ein Korsett sklerotischer Strukturen, nach und nach selbst die Luft abdrosselte. Da machte Frankreich nur Schlagzeilen, weil es Opfer wurde von terroristischen Attentaten oder von einer politischen Klasse, die so vermessen war zu glauben, kein noch so wuchtiger Skandal könne ihr etwas anhaben. Die innenpolitische Lethargie ging einher mit außenpolitischer Blässe.

Daran änderten auch die Versuche von Macrons Vorgängern nichts, dieses Bild durch internationale Militäreinsätze zu korrigieren. Nicolas Sarkozy wollte sich mit der Libyen-Intervention profilieren, François Hollande ließ IS-Stellungen bombardieren. Beide Vorhaben seien "grausame Fehler" gewesen, urteilt ihr Nachfolger heute.

Macron setzt auf den Dialog ("Wir sprechen mit allen"), er sucht Kontakt mit Baschar al-Assad, dem syrischen Diktator, er will der erste französische Spitzenpolitiker seit 1971 sein, der Iran besucht. Möglichst bald, möglichst schnell. Sein Aktionismus findet Widerhall.

Im Video: Monsieur le Diplomate

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Wahrscheinlich stehe Macron in einer Reihe mit Präsidenten wie Charles de Gaulle und François Mitterrand, schrieb jüngst die Zeitschrift "Foreign Policy". Das US-Magazin "Time" stellte schon im November fest, auch wenn Macron bestreite, der neue Führer der freien Welt sein zu wollen, höre er sich oft genau so an. Für den "Economist" war Frankreich der Gewinner des Jahres 2017. Das Land habe sich im Alleingang runderneuert: "Frankreich hat alle Erwartungen übertroffen", schrieben die Briten. France is back.

In Brüssel wundern sich langjährige französische Diplomaten, wie viel Gewicht die Worte ihres Präsidenten plötzlich haben können. Und auch Berlin konstatiert die Rückkehr eines Partners auf Augenhöhe. Dass etliche von Macrons Ideen für Europa, vorgetragen in einer Grundsatzrede an der Sorbonne kurz nach der Bundestagswahl, sich nun prominent im Sondierungspapier von Union und Sozialdemokraten finden, ist dafür nur ein Beleg. Am Mittwoch meldete die Kanzlerin ihren Besuch in Paris an, um Macron persönlich zu erklären, wie es um ihre Regierungskoalition steht.

Die Beziehungen zu Deutschland waren Macron von Anfang an wichtig. Auch deshalb hat er den früheren französischen Botschafter in Berlin, Philippe Étienne, zu seinem diplomatischen Chefberater ernannt. Étienne, 62, ist ein freundlicher Mann und erfahrener Diplomat mit stilsicherem Brillengeschmack. Er spricht nicht nur fließend Deutsch, sondern auch Russisch, Serbokroatisch und Rumänisch - und hat gemeinsam mit François Hollande die Ena absolviert.

Zur sogenannten "cellule diplo" gehören zwölf Berater, mit einigen hat Macron studiert, andere haben bereits im Wirtschaftsministerium für ihn gearbeitet. Darunter auch Clément Beaune, 35, dessen Referate zu Europa schon während seines Studiums kopiert und weitergereicht wurden, so brillant waren sie. Beaune wich auch während des Wahlkampfs nicht von Macrons Seite. Macrons Initiative für Europa trägt seine Handschrift. Beaune ist witzig, schlau und geradeheraus - eine eher seltene Charaktereigenschaft bei Diplomaten.

In China landete Macron mit seinem Geschenk einen Coup: Staatschef Xi Jinping soll geradezu gerührt gewesen sein von so viel Aufmerksamkeit. Seit einem Besuch in Paris 2014 schwärmt Xi von den Pferden der Republikanischen Garde.

Präsident Macron mit Chinas Staatschef Xi Jinping
Getty Images

Präsident Macron mit Chinas Staatschef Xi Jinping

Er werde nun jedes Jahr zu Besuch kommen, versprach Macron und zitierte de Gaulle, den die Chinesen lieben, seit Frankreich als eines der ersten Länder 1964 die Volksrepublik anerkannte. "Frankreich ist und wird die Macht im Herzen Europas sein, die den Dialog mit China führt", verkündete Macron und schien ganz vergessen zu haben, dass dies bisher eigentlich Angela Merkels Rolle war.

Der Chinabesuch habe ihn endgültig zum "Leader" Europas gemacht, schrieb eine italienische Zeitung; das "Handelsblatt" ernannte ihn gleich zum Chefdiplomaten.

Natürlich nutzt Macron seine Strahlkraft, um Frankreich zu profilieren. Sein Land, erklärt er unverhohlen, solle wieder Großmacht werden. "L'influence", das alte Prinzip, von französischer Seite aus Einfluss auf die Welt auszuüben, gilt im Élysée immer noch als Leitmotiv. Macron mag noch so jung sein, auch er beteuert wie all seine Vorgänger, alles dafür tun zu wollen, dass Französisch bald das Englische als Lingua franca ablöse.

Warum eigentlich?

Es ist ein kühner Spagat, dabei als "Chefdiplomat" auch noch die Interessen Europas im Auge zu behalten. Gerade in Ländern wie China. Schließlich geht es bei solchen Reisen auch um milliardenschwere Handelsverträge.

Präsident Macron mit US-Präsident Trump
AFP

Präsident Macron mit US-Präsident Trump

Mit Macron und der Politik ist es ein wenig wie bei Goethes "Fischer": Halb zog er sie, halb sank sie hin, heißt es in der Ballade - und so in etwa kann man sich das auch bei diesem Präsidenten und seinem Erfolg im Ausland vorstellen.

Denn der Stern Macrons strahlt im Augenblick ja auch deshalb so hell, weil da irgendwie keiner ist, der ihm Konkurrenz macht. In den USA regiert Trumps Willkür, die Briten igeln sich auf ihrer Insel ein, und Merkel hat den Zenit ihrer Macht unübersehbar überschritten. Zumindest in der westlichen Hemisphäre gibt es derzeit niemanden, der ihn aufhalten könnte. Dass ihm dabei aber auch ein Sparringspartner fehlt, sehen manche als Problem. Denn was will einer allein, sosehr er auch wirbeln mag, schon ausrichten?

Für Bertrand Badie, Professor für Internationale Beziehungen an der Pariser Universität Sciences Po, ist Macron zu umtriebig. Die Diplomatie, sagt Badie, sei eigentlich ein leises, ein diskretes Geschäft. Erfolgreiche diplomatische Initiativen kämen selten mit einem Trommelwirbel daher.

"Warum will er überall mitverhandeln, sich überall einmischen?", fragt Badie.

Was gewinnt man, wenn man Trump beschwichtigen, Iran im Zaum halten und zwischendrin auch noch den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern lösen will? Macron, so Badie, produziere bisher vor allem Bilder. Für ein richtiges Urteil über seine Außenpolitik sei es aber noch zu früh. Trotzdem, es sei eine "déformation française", sich immer und überall einmischen, überall präsent sein zu wollen.

Und es stimmt ja: Macron empfängt Netanyahu, kurz darauf Abbas, dazwischen fädelt er die Rückkehr des libanesischen Premiers Hariri aus Saudi-Arabien ein. Oder, so geschehen im Sommer, er verhandelt mal rasch in einem Schlösschen außerhalb von Paris einen Waffenstillstand in Libyen. Der Haupteffekt dieser "Friedensgespräche" war, dass Macron, der bei jeder Gelegenheit den Multilateralismus beschwört, mit diesem Alleingang einige ziemlich verärgerte.

Ehepaar Macron in Peking: Da ist sonst niemand
REUTERS

Ehepaar Macron in Peking: Da ist sonst niemand

Ende des Jahres dann schien er sich selbst übertreffen zu wollen. Innerhalb einer Woche reiste er drei Tage lang durch Westafrika, dann weiter nach Algerien und Katar. Er organisierte einen eigenen Klimagipfel und lud nicht nur Staats- und Regierungschefs ein, sondern auch den internationalen Charity-Jetset. One Planet Summit taufte er das zumindest medial wirksame Ereignis. Nur einen Tag später rief er die sogenannte "G5"-Sahel-Gruppe zusammen, um gemeinsame Ziele im Kampf gegen den Terrorismus zu erörtern.

Abgesehen vom manchmal übertrieben Theatralischen: Symbolik sollte in der Außenpolitik nicht unterschätzt werden. Macrons Ambitionen könnten weitreichende Folgen haben - vor allem für Europa. Seinen Vorschlägen zur Erneuerung der Union stehen bislang vor allem die Osteuropäer skeptisch gegenüber, ein slowakischer Minister verglich Macrons Europapläne mit einer Aufforderung, den Mount Everest ohne Sauerstoffgerät zu besteigen. Viele andere europäische Partner aber reagierten positiv auf Macrons Forderung nach Erneuerung.

Dass mit Macron auch ein Politiker einer anderen Generation spricht, machte er auf seiner Afrikareise klar, auf der er einen bislang ungekannten Ton anschlug: Vor einem ihm nicht sehr wohlgesinnten Publikum in Ouagadougou hielt er eine Rede; Burkina Faso war bis 1960 französische Kolonie. Bei der anschließenden Fragerunde ging ihn eine Studentin aggressiv an: Wie man denn erfolgreich studieren könne, wenn dauernd die Klimaanlage ausfalle, weil die Stromversorgung im Land so schlecht sei? Macron hörte aufmerksam zu und antwortete dann laut und klar: "Sie sprechen zu mir, als sei ich hier noch die Kolonialmacht. Aber ich will mich nicht um die Stromversorgung in Burkina Faso kümmern."

Es gab viel Kritik an dieser Äußerung - aber Macron ist nicht geschichtsvergessen, er wirbt für einen neuen, gleichberechtigteren Umgang miteinander. Lassen wir die Vergangenheit hinter uns, kümmern wir uns um die Zukunft, soll das heißen.

Bei den Franzosen kommt diese unverblümt nach vorn gerichtete Art gut an. Versank er noch im Sommer in einem Popularitätstief, hat Macron in den vergangenen Monaten in Umfragen wieder hinzugewonnen. Trotz seiner ungeliebten Sozialreformen zollen seine Landsleute dem internationalen Einsatz ihres Präsidenten Respekt: 75 Prozent mögen die Art, wie er Frankreich im Ausland repräsentiert.

Von einem solchen Wert konnten François Hollande und Nicolas Sarkozy fünf Jahre lang nur träumen.

Im Video: Macrons Karriere im Zeitraffer



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