AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2018

Schicksalhaftes Kinderfoto Der Zufall ihres Lebens

Wie zwei Eheleute entdeckten, dass sie schon als Kinder ineinander verliebt waren.

Ehepartner Ed und Heidi 2017

Ehepartner Ed und Heidi 2017

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Heidi Savitt, geborene Parker, wird auf ewig die Frau mit der schönen Geschichte sein. Das sagen ihr die Leute immer. Kollegen, Freunde, Bekannte. So eine schöne Geschichte. Das sagte auch Rory, der Cousin ihres Mannes, der für die "Daily Mail" arbeitet, eine der größten Zeitungen Englands. Die Geschichte ist so schön, dass Rory sechs Monate mit ihrer Veröffentlichung wartete. Er kannte die Einzelheiten dieser Geschichte schon seit vergangenem Sommer, als Heidi und Ed heirateten, aber er hob sich den Text für die Weihnachtsausgabe auf. Die Leser erfuhren darin, was an der Liebe von Heidi und Ed Savitt so schön ist, so einzigartig schön: Heidi und Ed Savitt fanden als Erwachsene heraus, dass sie sich schon als Kinder liebten.

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Heft 11/2018
Depression: Wie gerät man hinein - wie kommt man heraus?

Ihre Geschichte begann vor über 20 Jahren. Die Parkers, eine Familie aus Sheffield, South Yorkshire, flogen in die Türkei in den Sommerurlaub. Genauer gesagt nach Gümbet, unweit von Bodrum, im Südwesten des Landes. Es war der Sommer 1997, Gümbet war schon lange kein verträumtes Fischerdorf mehr, vor allem die Engländer hatten es entdeckt, um für wenig Geld einen richtigen Sommer erleben zu können.

Ungefähr zur selben Zeit stiegen in London, gut drei Autostunden von Sheffield entfernt, die Savitts ins Flugzeug.

Ihr Ziel war ebenfalls Gümbet, wo sie einen sensationell günstigen Jachturlaub in der türkischen Ägäis gebucht hatten.

Beide Paare hatten kleine Kinder. Heidi Parker war sechs, ein lustiges Kind mit langen blonden Haaren, das den ganzen Tag lachend verbrachte. Ed, ebenfalls sechs, war der älteste Sohn der Savitts. Er war etwas ernster von seinem Wesen, ein vielleicht etwas zu artiger, aber hübscher Junge. Auch er sehr blond.

Heidi Savitt kann sich an Einzelheiten aus diesen Tagen nicht mehr erinnern. Ihre Eltern haben ihr erzählt, dass sie jeden Tag mit Ed verbrachte. Und dass sie sich viel an den Händen hielten. Dass es aussah wie die erste große Liebe.

Heidi Savitt ist mittlerweile 26 Jahre alt und arbeitet in der Pressestelle eines japanischen Elektronikkonzerns in London. Sie ist eine attraktive Frau, die inzwischen über eine gewissen Routine verfügt, wenn sie von sich erzählt. Die Menschen lieben ihre Geschichte. "Es ist seltsam, es scheint ihnen irgendwie Halt zu geben. Eine Art Hoffnung", sagt sie.

Der Urlaub ging zu Ende. Die Savitts und die Parkers flogen, in unterschiedlichen Flugzeugen, zurück nach England, und schon kurze Zeit später muss Heidi Parker Ed Savitt vergessen haben. Noch Jahre später brachte sie mit diesem Urlaub eigentlich nur in Verbindung, dass sie sich damals in der Türkei zum ersten Mal die Nägel lackiert hatte. Ed sprach sowieso nicht so viel, schon gar nicht über Heidi Parker. Er sprach, wenn überhaupt, über Tottenham Hotspur, seinen Lieblingsverein in der englischen Premier League.

"Der erste große Zufall war, dass wir beide unabhängig voneinander beschlossen, nach Newcastle zu gehen, um dort zu studieren. Wir hätten ja überallhin gehen können", so geht die Geschichte, erzählt von Heidi Savitt, weiter. Sie sagt, sie glaube eigentlich nicht an so etwas wie Schicksal, aber wäre ihre Geschichte noch so schön, wenn man ihr das Schicksalhafte nähme?

Und so erzählt Heidi Savitt weiter, von zwei Leben, die, wie auch immer, zueinanderkommen mussten. Heidi selbst schrieb sich in Volkswirtschaft und Management ein, Ed wählte unter anderem Psychologie. Sie lernten sich in den ersten Wochen kennen. Ed zog in dasselbe Studentenwohnheim und sprach sie an, weil er angeblich Hilfe beim Bedienen des Wäschetrockners brauchte, der nur einen einzigen Knopf hatte.

Irgendwann waren sie dann ein Paar. Sie stellten einander die Eltern vor, sie gingen auf Familienfeste, und nie dachte irgendjemand an den Urlaub in Gümbet. Vier Jahre lang ging das so. Bis bei einem Mittagessen Heidis Mutter erwähnte, dass es in einem der Urlaube einen gewissen Ed gegeben habe, in den sich Heidi, nun ja, verliebt habe. Als Kind, mit sechs. Einige Tage später fand die Mutter dann endlich ein Foto, das während des Türkeiurlaubs aufgenommen worden war. Auf dem Bild ist der kleine Ed zu sehen, vorsichtig lächelnd, daneben Heidi, die wie immer grinst.

Das ist die Geschichte zu einer Meldung, die um die Welt ging. Heidi Savitt glaubt, dass ihre Geschichte eine Lücke füllt. Dass der Begriff "Schicksal" in dieser Welt zu oft mit Katastrophen verbunden wird. Dass es so gut wie nie um schöne Schicksale geht. Dass man aus ihrer Geschichte auch den Trost ziehen kann, nicht für alles selbst verantwortlich zu sein, nicht für Glück, nicht für Unglück, nicht für Reichtum, nicht für Armut, nicht für Gesundheit, nicht für Krankheit. Wenn es das Schicksal gibt, gibt es auch jemanden, der dafür verantwortlich ist. Und der ist man jedenfalls nicht selbst.

Ed Savitt, gut aussehend und still geblieben wie damals in Gümbet, möchte sich zu dieser Geschichte nicht äußern. Er hat auch gar keine Zeit dafür. Er hat gerade ein Café eröffnet, das er DropShot Coffee genannt hat. Er möchte es zu einer Kette ausbauen, es soll irgendwann die Familie ernähren. Er sagt, er könne dabei nichts dem Zufall überlassen.



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