AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2017

Einschüchterung im Namen Erdogans "Wer bist du Ratte, dass du der Türkei drohst"

Sie pöbeln, hetzen, drohen mit Mord: Getreue des türkischen Präsidenten Erdogan greifen Andersdenkende an - mitten in Deutschland. Wie ist das möglich?

Wohnhaus in Berlin-Neukölln: Fortsetzung der Kämpfe aus der alten Heimat
Dagmar Gester

Wohnhaus in Berlin-Neukölln: Fortsetzung der Kämpfe aus der alten Heimat

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Can Dündar zögert. Er schaut sich um, sein Blick wandert durch den Raum, ehe er das Café in Berlin-Mitte betritt. "Sorry", sagt er. "Routine."

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Heft 47/2017
Mitten in Deutschland - Hetze und Einschüchterung im Namen Erdogans

Dündar ist der bekannteste Kritiker der türkischen Regierung. Er hat als Chefredakteur der Tageszeitung "Cumhuriyet" einen Artikel über Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an Extremisten in Syrien veröffentlicht. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan stellte Strafanzeige gegen ihn, Dündar saß mehrere Monate lang in Untersuchungshaft. Im Sommer 2016 floh er nach Berlin, doch sicher fühlt er sich auch in Deutschland nicht.

Jeden Tag erhält er Drohungen - über E-Mail, Twitter, Facebook. Anhänger Erdogans beschimpfen ihn als Terroristen oder als Agenten des deutschen Bundesnachrichtendienstes. "Ich werde wohl nie wieder ganz ohne Angst leben können", sagt er.

Der Journalist verlässt seine Wohnung nur noch selten, er besucht überwiegend Cafés und Restaurants, die er kennt. Er hat sich ein Auto gekauft. Er wollte nicht länger mit dem Taxi fahren, nachdem türkischstämmige Fahrer ihn mehrmals beleidigt und bedroht hatten.

Dündar hat in Berlin ein deutsch-türkisches Nachrichtenportal gegründet, er kritisiert die türkische Regierung weiterhin. Für Erdogan ist er damit ein Staatsfeind, der sich mit den Deutschen gegen die Türkei verschworen habe. Im türkischen Fernsehen wurde darüber diskutiert, ob es nicht besser wäre, ihn von Agenten im Ausland umbringen zu lassen. Sein Nachrichtenportal hat er "Özgürüz" genannt, das bedeutet "Wir sind frei". Dabei fühlt sich Dündar auch in Deutschland längst nicht mehr frei.

Die Angriffe würden zum Teil aus Ankara und vom türkischen Geheimdienst gesteuert, glaubt Dündar. Vor einigen Monaten sprach der Moderator eines türkischen Fernsehteams vor Dündars Berliner Redaktion in die Kamera: "Hier ist das Nest der Verräter." In einem im Internet veröffentlichten Video sitzt Dündar allein in einem Café. Jemand kommt auf ihn zu und sagt: "Sind Sie nicht der Vaterlandsverräter Can Dündar?" Auf den Facebook-Seiten von Erdogan-Fans wurde das Video mehr als 20.000-mal angeklickt. Darunter stehen Kommentare wie "Runter vom Stuhl und die Fresse polieren, bis der Dünndarm = Dündar verblutet". Oder: "Einen türkischen Namen verdient dieser Hausköter nicht. Klar würde man ihm gerne eine schallern aber lieber nicht vor so vielen Zeugen."

"Wie soll man sich da sicher fühlen?", fragt Regierungskritiker Dündar.

Diese Frage stellen sich derzeit viele Türken, die Erdogan kritisch sehen, nicht nur prominente Regimegegner wie Dündar oder der Kölner Schriftsteller Dogan Akhanli. Der deutsche Staatsbürger wurde im Spanienurlaub verhaftet, weil die Türkei ein Festnahmeersuchen gegen ihn an die internationale Polizeibehörde Interpol übermittelt hatte. Spanische Richter lehnten die Auslieferung ab. Als Akhanli im Oktober endlich wieder deutschen Boden betrat, traf er am Düsseldorfer Flughafen zuerst auf einen pöbelnden Türken. Der Mann drohte Akhanli, er sei auch in Deutschland nicht sicher.

Bundestagsabgeordnete wie die Linke Sevim Dagdelen und der Grüne Cem Özdemir erhalten Morddrohungen, weil sie sich gegen Erdogan und seine Politik aussprechen. Dessen Unterstützer hetzen auf Facebook gegen Özdemir: "Wer bist du Ratte, dass du der Türkei drohst?" Auch Frauenrechtlerinnen wie Seyran Ates werden bedroht. Sie hatte es gewagt, eine liberale Moschee zu gründen. Zielscheibe ist ebenso die Psychologin und Buchautorin Lale Akgün, die gegen das Kopftuch als Symbol weiblicher Unterdrückung kämpft.

Fast drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln leben in Deutschland. Es ist also kein Wunder, dass die teils brutal ausgetragenen Auseinandersetzungen in der alten Heimat hier ihre Fortsetzung finden. Da ist der Konflikt zwischen der Regierung in Ankara und der Minderheit der Kurden, die in der Türkei um Anerkennung kämpfen. Da ist das Ringen zwischen Modernisierern, die den säkularen Staat bewahren wollen, und den religiösen Fundamentalisten, die die Scharia höher achten als die Verfassung.

Seit dem Putschversuch in der Türkei im Juli 2016, den laut Erdogan der islamistische Prediger Fethullah Gülen gesteuert haben soll, müssen sich dessen Anhänger auch in Deutschland fürchten. Und je weiter sich Erdogan von der Demokratie entfernt, je stärker er auf Nationalismus und Islamismus setzt, desto tiefer werden die Gräben zwischen den Gruppen in Deutschland.

Der Hass der Erdogan-Gläubigen richtet sich dabei oft gegen jene selbstbewussten Deutschtürken, die all das machen, was sich weite Teile der Politik und der Gesellschaft in Deutschland immer von ihnen gewünscht haben: Sie bringen sich ein, prangern Missstände in der eigenen Community an, streiten für die Modernisierung der Religion.

Wie hoch der Preis ist, den manche von ihnen dafür zahlen, wissen die meisten Deutschen bis heute nicht. Die einen betrachten das Ringen als Konflikt unter Türken. Die anderen tun sich schwer damit, ausgerechnet Migranten Nationalismus und Rechtsextremismus vorzuwerfen. Erst seit Erdogans Anhänger immer massiver liberale Demokraten unter den Deutschtürken angreifen, rückt verstärkt ins Bewusstsein, dass die Fans des türkischen Präsidenten nicht alle Freunde der freiheitlich demokratischen Grundordnung sind.

Journalist Dündar: "Wie soll man sich da sicher fühlen?"
Milos Djuric / DER SPIEGEL

Journalist Dündar: "Wie soll man sich da sicher fühlen?"

Wie viele Deutschtürken Sympathien für Erdogan hegen, weiß niemand genau. Man weiß nur, dass mehr als 60 Prozent der wahlberechtigten Türken hierzulande bei der Volksabstimmung im April für Erdogans neues Präsidialsystem gestimmt haben. Das sind 412.000 Menschen, also nur ein kleiner Teil der türkeistämmigen Bürger in Deutschland. Auch von denen beteiligt sich nur eine Minderheit an der Hetze gegen Andersdenkende. Doch es sind genug, um ein System der Angst zu etablieren.

Den Ton gibt Erdogan anscheinend selbst vor. US-amerikanischen Medienberichten zufolge sollen hochrangige türkische Regierungsvertreter einem ehemaligen Berater des US-Präsidenten Donald Trump bis zu 15 Millionen Dollar angeboten haben, wenn er die heimliche Auslieferung Gülens in die Türkei ermögliche. Die Botschaft ist klar: Auch wer sich in den Westen gerettet hat, kann sich keinesfalls sicher fühlen.

Viele von denen, die im Sinne des türkischen Präsidenten agieren, tun dies auf eigene Faust. Aber Erdogan hat auch seine Handlanger, die Befehle aus Ankara befolgen. In kaum einem anderen europäischen Land hat die türkische Regierung so viele Verbindungen zu seiner türkischen Basis wie in der Bundesrepublik. Der Moscheeverband Ditib mit seinen mehr als 900 Gemeinden steht unter direktem Einfluss der Religionsbehörde in Ankara. So kann die türkische Regierung die Moscheegänger mit nationalistischem Gedankengut erreichen. Die Ditib-Imame werden aus der Türkei geschickt und erhalten auch ihr Gehalt von dort.

Den Türkischunterricht an etlichen deutschen Schulen geben Lehrer, die von türkischen Behörden ausgewählt werden. Im vergangenen Jahr gründeten Deutschtürken die Partei Allianz Deutscher Demokraten und warben vor der Bundestagswahl mit Erdogans Konterfei. Auch die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) kooperiert eng mit der Präsidentenpartei AKP. Die UETD organisierte immer wieder umstrittene Auftritte Erdogans oder seiner Getreuen in Deutschland.

Deutsche Sicherheitsbehörden warnen vor flächendeckenden Infiltrationsversuchen der türkischen Regierung und der Regierungspartei AKP. Ein Mann mit Verbindungen zum türkischen Geheimdienst hatte sich sogar als Mitarbeiter des Verfassungsschutzes beworben. Bei einer Sicherheitsüberprüfung flog der angehende Doppelagent auf.

Noch beunruhigender als Erdogans organisierte Macht ist vielleicht sein emotionaler Einfluss auf die Türkeistämmigen hier. Seine Appelle an den Nationalstolz haben dazu beigetragen, dass eine breite identitäre türkische Bewegung entstanden ist, eine Art Gegenbewegung zu den europäischen Identitären, die rechtsextreme und kulturrassistische Ansichten pflegen. Die türkischen Identitären setzen denen ihre eigenen Ideale entgegen: die Treue zum Vaterland. Und damit ist nicht Deutschland gemeint.

Als die ersten Gäste an einem Samstagabend Anfang November im Hamburger Lüx Event House eintreffen, läuft zur Einstimmung neben dem Rednerpult ein Film: Soldaten robben durch den Dreck, Opfer von Kämpfen werden zu Grabe getragen, Kinder klettern auf einem Panzer herum, und immer wieder schaut Recep Tayyip Erdogan mit entschlossenem Blick in die Ferne.

Buchautorin Akgün: "Der Tod wartet auf Dich"
Theodor Barth / DER SPIEGEL

Buchautorin Akgün: "Der Tod wartet auf Dich"

Es folgt die Livedarbietung vaterländischer Gesänge: "Ich würde für dich sterben, meine Türkei", dann wird die türkische Nationalhymne abgespielt. Rund 150 Leute haben mittlerweile Platz genommen, Kristallleuchter hängen von der Decke, auf Tischen ist ein Buffet mit türkischen Süßspeisen aufgebaut, am Rand hat jemand eine zerknitterte deutsche Nationalflagge drapiert.

Normalerweise geben sich in dem Veranstaltungsraum in einem Hamburger Gewerbegebiet türkische Hochzeitspaare das Jawort. Heute spricht auf Einladung der UETD Mustafa Sen, ein Berater der türkischen Regierung. Titel der Konferenz: "Bewahrung und Weiterentwicklung der Identität und Kultur in Europa".

Was Sen in den kommenden zwei Stunden referieren wird, gewährt Einblick in die Gedankenwelt Erdogans und seiner Getreuen. Zu Beginn erläutert Sen ein Konzept, das auch der türkische Staatschef immer wieder bemüht hat: die Unterscheidung in die übergeordnete und die untergeordnete Identität. Türke zu sein, das sei die übergeordnete Identität, erklärt Sen. Alles andere - kurdischer oder alevitischer Abstammung zu sein oder in Deutschland zu leben - gehöre zur untergeordneten Identität. "Erst wenn ihr eure Überidentität gefestigt habt, könnt ihr euch um die Unteridentität kümmern", sagt Sen. Seine Identität zu schützen, sagt er, "bedeutet, sein Vaterland zu verteidigen".

Präsident Erdogan hat den Deutschen vorgeworfen, sie wollten die Türken dazu zwingen, ihre Herkunft zu verleugnen. "Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit", wetterte er schon 2014 in Köln. "Was passiert, wenn wir unsere Identität und Tradition nicht schützen?", fragt Sen. Die Antworten führt er in einer Powerpointpräsentation auf.

Unter anderem heißt es dort:

  • Hasan wird zu Hans.
  • Muslime werden zu Ungläubigen.
  • Menschen werden zu Terroristen
  • Es wächst eine Generation von Verrätern heran, deren Treue anderen gilt.
  • Sie kommen und zetteln einen Putsch an.
  • Moscheen werden zu Kirchen.
  • Sie mögen die Tarhana-Suppe ihrer Mutter nicht mehr, fahren aber nach Frankreich und essen Froschschenkel.

Wie dieser Vortrag zu den Aussagen der UETD passt, sie wolle eine Brücke zwischen Europa und der Türkei bilden, bleibt ihr Geheimnis. Immerhin sagt Sen später, dass die Türken in Deutschland ihr Bestes geben müssten, um erfolgreich zu sein und das Land voranzubringen. Er ärgert sich sogar darüber, dass die deutsche Flagge im Saal nicht gebügelt wurde. "Das wäre eine Sache des Respekts gewesen!"

Viele der Teilnehmer dieses Abends sind hier geboren, sprechen akzentfrei Deutsch, arbeiten als Unternehmer oder Juristen. Was sagen sie dazu, dass durch solche Veranstaltungen Feindbilder geschaffen werden? "Ach, man sollte das alles nicht so ernst nehmen", sagt einer der Konferenzgäste. Aber genau das scheinen viele Erdogan-Fans zu tun - und meinen dann, sie handelten im Namen ihres Vorbilds.

Etliche jener Menschen mit türkischen Wurzeln, die nicht Regimegegner, Politiker oder Aktivisten sind, hat die aufgeheizte Stimmung verstummen lassen. Im Büro oder beim Schwatz auf der Straße versuchen sie, politische Themen zu vermeiden.

Staatschef Erdogan in Istanbul: Appelle an den Nationalstolz
AFP

Staatschef Erdogan in Istanbul: Appelle an den Nationalstolz

Ali Ertan Toprak, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland und CDU-Mitglied, glaubt, dass Staat und Mehrheitsgesellschaft hierzulande noch nicht erkannt hätten, wie zerstörerisch diese Stimmung sei. Auch für ihn selbst werde es immer schwieriger. "Ich hatte noch nie so viel Angst wie in den vergangenen zwei Jahren", sagt der 48-Jährige, der als Zweijähriger mit seiner Familie nach Deutschland kam. Nach Sens Logik gehört Toprak wohl zu jenen, deren Seele "okkupiert wurde, ohne dass sie es bemerkten".

Toprak bezeichnet Erdogan als Diktator und kritisiert ihn für seine "autoritäre Politik" - und die deutsche Bundesregierung dafür, dass sie Erdogan gewähren lasse. "Deutschland hat viel zu lange weggeschaut", sagt Toprak. Der türkische Staatschef habe in den vergangenen Jahren ungehindert seine Strukturen in Deutschland aufbauen können.

Toprak nennt das nicht "Parallelgesellschaft", das sei verniedlichend, er sagt "Gegengesellschaft". Eine "türkische Pegida" sei entstanden, die "aktiv und aggressiv unsere Werte bekämpft und die sich nicht von der Ideologie der Rechtsextremen unterscheidet". Bitter sei vor allem, dass sich auch junge Menschen in der dritten und vierten Generation anschlössen, die eine demokratische Bildung in Deutschland genossen hätten.

Ali Ertan Toprak hat sich auf ein Leben in Unsicherheit eingestellt. "Ich passe auf, in welches Lokal ich gehe oder in welches Taxi ich steige", sagt der Vorsitzende der kurdischen Gemeinde. Den Grünenpolitiker Cem Özdemir warnte sogar das Bundeskriminalamt, er möge beim Taxifahren vorsichtig sein. Es soll schon vorher Fahrer gegeben haben, die gedroht hätten: "Ich mach den kalt" oder "Ich spuck dem ins Gesicht". Einmal stieg Özdemir mit seinem kleinen Sohn ins Auto. Als der Fahrer ihn erkannte, raste er plötzlich in angsteinflößendem Tempo um die Kurven.

Es ist verständlich, dass es in Deutschland eine Scheu gibt, türkeistämmigen Menschen ihre antidemokratischen Ansichten vorzuhalten. Deutsche Neonazis steckten 1993 in Solingen ein Haus an, in dem fünf türkeistämmige Menschen starben, deutsche Neonazis des NSU ermordeten neun Migranten, die meisten davon stammten aus der Türkei. Türken in Deutschland werden immer wieder Opfer von Rechtsextremisten. Diese Mischung aus Scheu und Schuldgefühlen erklärt möglicherweise die Nachsicht, mit der viele in Deutschland lange auf rechte Umtriebe von Türken blickten.

Manche türkischen Verbände nutzten das sogar aus: Wer etwa die problematische Struktur der Ditib ansprach oder den türkischen Konsulatsunterricht infrage stellte, sah sich schnell dem Vorwurf des Rassismus ausgesetzt.

Toprak sagt, schlimm sei, dass man nie wisse, wie ernst es die Leute mit ihren Drohungen meinten. Als er vor einiger Zeit für ein Fernsehinterview in einem Hamburger Straßencafé saß, sprang ein Türke am Nachbartisch auf und schrie, er solle aufhören, "solchen Scheiß über unseren Präsidenten zu erzählen". Die sozialen Netzwerke spülen täglich verbalen Unrat in seinen Facebook-Messenger: "Pass gut auf Dich auf, Du Zuhälter, Nachkomme von Armeniern. Die Zeit für eine Abrechnung ist gekommen."

Toprak löscht solche Botschaften meistens sofort. "Meine Frau soll das nicht auch noch sehen müssen", sagt er. Toprak wollte lange Zeit nicht öffentlich zugeben, dass er Angst hat. "Diesen Triumph gönne ich denen eigentlich nicht", sagt er. "Aber irgendwann muss die deutsche Öffentlichkeit ja wissen, was hier los ist."

Toprak fühlt sich vom deutschen Staat im Stich gelassen. Politiker wie Özdemir oder Sevim Dagdelen haben zumindest bei öffentlichen Auftritten Personenschützer, seitdem sie 2016 im Bundestag dafür stimmten, den Völkermord an den Armeniern anzuerkennen. Die Polizei geht von einer realen Gefahr für die beiden Politiker aus. Erdogan hatte damals gesagt, sie hätten "verdorbenes Blut". Auch die Frauenrechtlerin Ates steht unter Polizeischutz, weil sie regelmäßig Morddrohungen erhält. In der Ibn Rushd-Goethe Moschee in Berlin, die sie gegründet hat, dürfen nicht nur Frauen neben Männern beten, auch Homosexuelle sind willkommen.

Kurdenvertreter Toprak: "Eine türkische Pegida ist entstanden"
Dmitrij Leltschuk / DER SPIEGEL

Kurdenvertreter Toprak: "Eine türkische Pegida ist entstanden"

Ates weiß, wozu türkische Nationalisten fähig sind. In den Achtzigerjahren wurde sie angeschossen, weil sie Migrantinnen beriet, die häusliche Gewalt erlebt hatten. Ihre Klientin starb, Ates wurde lebensgefährlich verletzt.

"Es muss immer erst etwas passieren, bis wir zivilen Leute Unterstützung bekommen", sagt Toprak. Pöbeleien und Facebook-Drohungen reichen in der Regel nicht als Begründung für Personenschutz aus.

Manche versuchen das Problem zu lösen wie der Heidelberger Rechtsanwalt und ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete Memet Kiliç: Er geht nicht mehr im Dunkeln von der S-Bahn-Haltestelle nach Hause, weil er fürchtet, dass ihm jemand folgen könnte. Er kontrolliert jedes Mal, bevor er in sein Auto steigt, ob alle Schrauben an den Rädern noch fest angezogen sind. Hüseyin Tolu, der Bruder der in der Türkei inhaftierten deutschen Journalistin Mesale Tolu, hat an seinem Haus eine Kamera installiert, um sicherer zu sein.

Nicht nur, dass sich etliche mit ihren Problemen vom deutschen Staat alleingelassen fühlen, sie sehen mit Unverständnis, dass Deutschland die Ditib-Moscheegemeinden viele Jahre mit Millionen Euro unterstützte. Die Ditib galt lange als Partner, als gemäßigtes Gegengewicht zu vielen religiös strengeren Vereinen. Mittlerweile hat die Bundesregierung entschieden, die Gelder für Ditib-Projekte drastisch zu kürzen, noch 2016 hatte sie dafür mehr als drei Millionen Euro gegeben. Dass Imame im Auftrag Ankaras Anhänger der Gülen-Bewegung ausspioniert haben sollen, brachte offenbar ein Umdenken. Etliche Beiträge von Ditib-Mitgliedern in sozialen Netzwerken, die gegen Christen oder das Weihnachtsfest hetzten, machten die Sache nicht besser.

Wer sich eine Freitagspredigt der Ditib anhören möchte, kann das problemlos in der Kölner Zentralmoschee machen. Platzanweiser vor dem futuristisch anmutenden Gebäude im Stadtteil Ehrenfeld erklären, wo es zum Frauenabteil geht und wo die Schließfächer für die Schuhe sind. Höflich bittet eine Anweiserin die Frauen, ein Kopftuch anzuziehen.

An diesem ersten Freitag im September sind mehr als tausend Männer zum Gebet gekommen und sitzen eng gedrängt auf dem hellblauen Teppich. Frauen beten oben auf der Empore. Es ist Opferfest, einer der wichtigsten islamischen Feiertage. Sonnenstrahlen fallen durch die Glasanteile der Kuppel.

Der Imam spricht zu seiner Gemeinde von dem Gefühl, nicht in der Heimat leben zu können. "Egal welche Probleme es dort gibt, es wird immer der Ort sein, an dem unser Herz hängt. Dort werden wir begraben werden." Später predigt er: "Wenn wir nicht dazu bereit sind, für unsere Kinder, unser Vaterland, unsere Nation und unsere Flagge Opfer zu bringen, dann werden wir selbst zu Opfern." Ein Narrativ, das auch zum türkischen Regierungsberater Sen passen würde.

Dieser Teil der Ansprache ist nicht an offizieller Stelle nachlesbar, er ist nur für die anwesenden Muslime gedacht. Der Ditib-Bundesverband gibt zwar vor, transparent zu sein. Die Freitagspredigten sind im Internet auf der Ditib-Seite einsehbar, auch auf Deutsch. Allerdings ist das nur ein Teil dessen, was der Geistliche sagt. Von Vaterland, Nation und Flagge ist dort im Netz nicht mehr die Rede.

Auch die Facebook-Seiten mancher Ditib-Gemeinden erscheinen mehr als Orte politischer Agitation denn der inneren Einkehr. Die Ditib im süddeutschen Bad Wurzach veröffentlichte den Beitrag eines UETD-Vorstandsmitglieds, das Deutschland vorwirft, die kurdische Terrororganisation PKK dürfe ungehindert Kämpfer in Deutschland rekrutieren. Mit Geld aus Deutschland würden "Menschen in der Türkei ermordet". Die Nachbargemeinde Bad Waldsee beklagt eine junge Generation, der das neueste Modell ihres Smartphones wichtiger sei als ihr Vaterland. "Wie sollen sie ihre Leben geben, um ihr Vaterland zu verteidigen?"

Nicht allen innerhalb der Ditib gefällt ein solcher Kurs. Im Verband gab es etliche Konflikte. Im Frühjahr trat der Vorstand der Ditib-Jugend geschlossen zurück; auch ein Mitglied des Ditib-Vorstands warf hin. Geblieben sind vor allem jene, die es Erdogan gern recht machen.

Schriftsteller Akhanli: Als er am Flughafen ankam, traf er zuerst auf einen pöbelnden Türken
Theodor Barth / DER SPIEGEL

Schriftsteller Akhanli: Als er am Flughafen ankam, traf er zuerst auf einen pöbelnden Türken

"Man versucht, gerade unter dem Radar zu bleiben, und setzt darauf, dass die deutsche Politik das Problem weiterhin ignoriert oder wieder vergisst", sagt ein Funktionär, der nicht namentlich genannt werden will. Keiner traut sich mit Kritik am eigenen Verband in die Öffentlichkeit. "Alles wird sofort nach Ankara gemeldet", sagt der Funktionär. Besonders die Religionsattachés an den türkischen Generalkonsulaten haben ein Auge darauf, dass alle auf Regierungslinie bleiben.

Gegen die Imame, die Informationen über angebliche Anhänger der Gülen-Bewegung zusammengetragen haben sollen, wurde kein Haftbefehl erlassen. Die Bundesanwaltschaft hatte dies zwar wegen dringenden Tatverdachts beantragt, doch der Bundesgerichtshof teilte diese Einschätzung nicht und lehnte ab. Die Spitzeleien, die manche Sicherheitsexperten an nachrichtendienstliche Methoden erinnern, blieben für die Täter bislang weitgehend folgenlos. Nicht aber für die Diffamierten.

Tolga Öztürk, der in Wahrheit anders heißt, steht in einem 800 Quadratmeter großen Laden, von dessen Decke Kabel baumeln. Ende Dezember will Öztürk in einer deutschen Großstadt einen Lebensmittelladen eröffnen. Draußen wirbt ein Transparent für die Neueröffnung: Produkte von Edeka und Metro soll es geben, dazu Lebensmittel aus der Türkei, alles günstig, alles frisch. Öztürk hat nicht viel Zeit, er hängt im Zeitplan ein paar Tage hinterher.

Seinen bisherigen Laden in einem benachbarten Stadtbezirk musste er aufgeben. Wenige Tage nach dem Putschversuch in der Türkei gab es Boykottaufrufe gegen ihn auf Facebook und in WhatsApp-Gruppen. Männer standen vor seinem Laden und bedrängten Kunden und Mitarbeiter. Ob sie denn wüssten, dass das Geschäft einem Terroristen gehöre?

Öztürk, der seit 27 Jahren in Deutschland lebt, hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er der Bewegung Fethullah Gülens angehört. Er engagiert sich im örtlichen Unternehmerverband der islamischen Bewegung, seine vier Kinder haben Gülen-Schulen besucht. In den zehn Jahren, in denen er seinen Laden betrieben habe, sei das nie ein Problem gewesen, sagt der Unternehmer. "Klar, wir haben in unserem Laden heftig diskutiert", sagt Öztürk, "aber alle kamen wieder, um bei mir einzukaufen."

Damit war es nach dem Putschversuch in der Türkei vorbei. Beamte des Landeskriminalamts besuchten ihn und sagten, er stehe auf einer Liste verdächtiger Terroristen, die der türkische Geheimdienst MIT den deutschen Behörden übergeben habe. Sie empfahlen ihm, vorsichtig zu sein und keinesfalls in die Türkei zu reisen.

Zeitweise kursierten viele solcher Listen, mal standen Gülen-Funktionäre darauf, mal Polizisten, mal Unternehmer, die mit den angeblichen Staatsfeinden zusammenarbeiteten. Nach Einschätzung deutscher Sicherheitsbeamter sollten die Listen kurz vor dem Referendum für Erdo¿ans Verfassungsreform im April systematisch Angst verbreiten.

Tatsächlich, Erdogan gewann das Referendum, wenn auch knapp, mit 51,2 Prozent. Türken aus Deutschland stimmten mit 63,1 Prozent dafür und sicherten so sein autoritäres Machtsystem ab. Seit dem Referendum erhielten die deutschen Behörden keine angeblichen Terrorlisten mehr.

Sein Laden habe im vergangenen Jahr 600.000 Euro weniger Umsatz als vorher gemacht, sagt Öztürk. Der 52-Jährige musste nach und nach alle 25 Mitarbeiter entlassen und eines der beiden Familienautos verkaufen. Zwei AKP-Anhänger, die eine seiner Mitarbeiterinnen massiv unter Druck gesetzt hatten, zeigte er bei der Polizei an. Er hatte Bilder einer Überwachungskamera als Beleg. Als er nach seinem Besuch bei der Polizei Anrufe erhielt, man werde ihn endgültig "vernichten", zog er die Anzeigen zurück.

Stattdessen entschied er sich für einen stillen Neuanfang: Er verkaufte den alten Laden und nahm einen Kredit auf. Sein neues Geschäft trägt einen deutschen Namen, Öztürk will vor allem deutsche Kunden gewinnen. Und er hofft, dass seine Gegner nie herausfinden, wer hinter der Neueröffnung steckt.

Neben den Kurden in Deutschland spüren die Anhänger Gülens, der 1999 in die USA auswanderte und seine weltweite Bewegung seitdem von Pennsylvania aus steuert, den Verfolgungsdruck Erdogans besonders. 135 Bildungsvereine der Gülen-Bewegung gab es in Deutschland. Sie betrieben zum Beispiel Nachhilfezentren. 55 mussten sich auflösen, weil Eltern von 8000 Kindern und Jugendlichen sie auch aus Angst vor Repressionen abgemeldet hatten.

Das ist nicht unbedingt ein Verlust für eine liberale, demokratische Gesellschaft. Zwar galt die streng religiöse Organisation Verfassungsschützern nicht als verfassungsfeindlich, aber doch als problematisch; Aussteiger berichteten von Gruppendruck wie in einer Sekte.

Den deutschen Behörden zeigt der Niedergang der umstrittenen Gülen-Bildungszentren, wie weit Erdogans Einfluss hierzulande reicht. Es gebe ein Netz potenzieller Informanten im ganzen Land. Sie arbeiteten in Ausländerbehörden, beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, bei der Polizei, in Sicherheitsunternehmen, in der Privatwirtschaft oder für Ditib. Und dort hätten sie oft Zugang zu Informationen über Erdogans Gegner. Der türkische Präsident brauche nicht aufwendig Zuträger einzuschleusen, sie meldeten sich von selbst. Die deutschen Sicherheitsbehörden sehen die Spitzeleien der Türken deshalb als bedrohlicher an als etwa die Aktivitäten russischer Spione im Kalten Krieg.

Grünenchef Özdemir: Warnung vom Bundeskriminalamt
Wolfgang Stahr / laif

Grünenchef Özdemir: Warnung vom Bundeskriminalamt

Tatsächlich sind die Kanäle der türkischen Regierung in die deutsche Wirklichkeit überraschend vielfältig. Die deutschen Behörden vermuten, dass der türkische Geheimdienst MIT vor Jahren bei der Gründung der gewaltbereiten Rockergang Osmanen Germania im Raum Frankfurt am Main mitwirkte. Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes sind die meisten Türkenrocker Nationalisten, die gegen vermeintliche Feinde der Türkei agitierten. Auch besuchten die Osmanen Pro-Erdogan-Kundgebungen, obwohl der Besuch politischer Vorträge gemeinhin als rockeruntypisch gilt. Typisch scheint dagegen ihr Hang zu Gewalt.

"Es gibt kaum etwas, wovor die zurückschrecken würden", sagt ein Ermittler. In einem vertraulichen Lagebericht eines Landeskriminalamts heißt es, wenn Osmanen auf verfeindete Kurden träfen, sei mit "exzessiver Gewalt" zu rechnen. Sie seien "Wahnsinnige", die alles täten, beschreibt ein ehemaliges Führungsmitglied der Osmanen die Brutalität der Gang, die derzeit schätzungsweise 500 Mitglieder hat und wie andere Rockergruppen ihr Geld mit Drogenhandel und Zuhälterei verdient.

Osmanen-Rocker arbeiteten als Sicherheitspersonal auf Veranstaltungen der UETD, einzelne Osmanen unterhalten gute Kontakte zu UETD-Funktionären. Ein Bericht des Düsseldorfer Innenministeriums beschreibt "eine Verbindung des türkischen Staates zur Rockergruppe Osmanen Germania und Vertretern der AKP sowie Beratern von Staatspräsident Erdogan". Demnach empfing Erdogans Berater Ilnur Çevik im Oktober 2016 eine Osmanen-Rocker-Delegation in Ankara. Hinterher kommentierten die Osmanen das Gipfeltreffen im Netz: Çevik habe erklärt, "man werde stets hinter den türkischen Staatsbürgern stehen, die im Ausland Terrororganisationen bekämpfen".

Nicht nur die Kölner Psychologin Lale Akgün, 64, findet es "beängstigend, aus welchen Ecken Erdogan Unterstützung erwarten kann". Sie sagt: "Diese Leute bekämpfen unsere demokratischen Strukturen, und man hat es ihnen in den vergangenen Jahren zu leicht gemacht, sich auszubreiten." Alle Facetten der türkischen Gesellschaft bildeten sich eben auch in Deutschland ab. "Man hat viel zu lange so getan, als wäre jede Zuwanderung ausschließlich eine Bereicherung", sagt sie. "Das war bequem, entspricht aber natürlich nicht der Wahrheit, der politische Islam ist keine Bereicherung."

Akgün wird verunglimpft, weil sie sich auf ihrer Facebook-Seite über ein Gerichtsurteil freut, das deutschen Islamverbänden den Status einer Religionsgemeinschaft versagt. Sie bezeichnet Erdogan als "Diktator" und bewertet Kopftücher als Zeichen für die Unterdrückung der Frau. Eine solche Haltung schürt den Hass ihrer Widersacher.

"Was bist Du für eine Türkin? Der Tod wartet auf Dich", habe ihr ein Mann geschrieben, den sein Profil als Erdogan-Anhänger auswies. Ein anderer habe gehetzt: "Ich ficke Deine tote Mutter, Deinen toten Vater, Deine Kinder, Du Nutte Lale" und "Ich ficke Dich Rassistin". Auffallend oft hätten die Pöbeleien einen sexuellen Bezug, sagt die Buchautorin Akgün. "Ich finde es hochinteressant, dass mir gerade diese angeblich strenggläubigen Männer mit dem F-Wort drohen", sagt sie. Auch wenn sie natürlich wisse, dass es darum gehe, sie als Frau herabzuwürdigen: "Was sind das denn für Moralvorstellungen?"

Akgün hat herausgefunden, dass viele ihrer Kritiker Erdogan-Fans sind, weil sie sich die Facebook-Profile der "Jungs" angeschaut hat. Dort wimmelte es von Fotos mit türkischer Flagge, Soldaten in Kampfmontur und dem türkischen Regierungschef.

Bei den Jugendlichen komme er gut an, weil er ihnen bei der Identitätsfindung helfe, die für Jugendliche mit Migrationshintergrund belastend sein könne, glaubt die Psychologin. Erdogan gebe ihnen Orientierung, indem er sage: Ihr seid Türken, egal wo ihr lebt, und das ist gut so.

"Wir sind Erdogan", hatte einer, der Akgün bepöbelte, als Slogan gepostet, dazu den pubertären Spruch: "Jeder Mensch stirbt nur einmal. Wenn wir sterben, lasst uns wie Männer sterben." Früher habe sie ähnliche Zuschriften von Gülen-Leuten bekommen. "Seitdem die aber gerupft sind wie ein armes Hühnchen, kommt da nicht mehr viel", sagt sie. "Erdogans Leute haben jetzt das Monopol."

Akgün hat viel darüber nachgedacht, warum Erdogan so große Macht bekommen konnte. Sie erzählt, wie lange die säkularen, gebildeten und europäisch ausgerichteten Türken in Ankara und Istanbul das Sagen gehabt hätten. Wer fromm gewesen sei oder vom Land, sei belächelt worden. Frauen mit Kopftuch durften bis vor wenigen Jahren keine öffentlichen Gebäude betreten. "Da hat sich viel Wut angestaut auf diejenigen, die erfolgreich waren und die Regeln der Gesellschaft bestimmten." Erdogan stellte die Verhältnisse auf den Kopf. "Er ist stellvertretend für die Unterschicht, aus der er kam, reich und mächtig geworden."

Das Gefühl der Kränkung hätten die Türken, von denen viele aus eher bildungsfernen Schichten stammten, in Deutschland gleich doppelt gespürt. Sie seien mit dem Traum von Wohlstand und Prestige nach Deutschland gekommen und auch hier wieder auf die hinteren Plätze verwiesen worden. "Erdogan ist ihr Rachegott."



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