AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2017

Unterschätzte Regionen Wie die deutsche Provinz gerettet werden kann

Die Metropolen boomen, das Hinterland stirbt? Stimmt so nicht. Vier Beispiele, wie kleinere Städte und Dörfer ihre Lebensqualität sogar steigern konnten.

Kunstmuseum Moritzburg in Halle
DPA

Kunstmuseum Moritzburg in Halle

Von , Hauke Goos, , , und


Deutschland im Herbst 2017, das ist, auf den ersten Blick, ein Land im Sonnenschein. Die Arbeitslosigkeit bei 5,5 Prozent, das Bruttoinlandsprodukt mit 38.114 Euro pro Einwohner so hoch wie nie. Es steigen die Haushaltseinkommen, der private Konsum, die Exporte, die Lebenserwartung. Auf den Straßen kommt man vor lauter Baustellen kaum voran. In den Zustandsberichten, die das Wirtschaftsministerium ins Land schickt, ist fast alles "robust", "beschleunigt" oder "dynamisch".

Die Städte wachsen. Bis 2035 wird die Einwohnerzahl von Frankfurt am Main um 11 Prozent steigen, die von München oder Berlin sogar um mehr als 14 Prozent, in der Hauptstadt werden dann mehr als vier Millionen Menschen leben. Doch Deutschlands Gesamtbevölkerung nimmt seit Jahren kaum zu; wenn die Metropolregionen wachsen, muss anderswo etwas kleiner werden. Der Boom geht zulasten der Provinz.

In den Jahren 2005 bis 2015 schrumpfte die Bevölkerung in 37 Prozent der Mittelstädte und in 52 Prozent der Kleinstädte. An diesem Auseinanderklaffen von Großstadt und Hinterland wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern, wie der noch unveröffentlichte Raumordnungsbericht 2016 des Bundes deutlich macht. Die Diskrepanz, heißt es dort, werde "künftig weiter an Dynamik gewinnen".

Von Hamburg und München, Stuttgart, Köln, Düsseldorf, Frankfurt und, vor allem, Berlin aus gesehen ist der Rest von Deutschland, in Abstufungen: Provinz. Doch wer durch diese Gegenden reist, der entdeckt schnell, dass vieles dem schnellen Befund widerspricht. Es gibt schrumpfende Gemeinwesen, sterbende Dörfer. Es gibt aber auch prosperierende Kleinstädte, funktionierende Mittelzentren und blühende Dörfer.

Warum die einen Kommunen Erfolg haben und die anderen nicht, hat in der Politik lange Zeit niemanden so richtig interessiert. Erst die Rede von den "Abgehängten" der Republik, die AfD wählen und offenbar vornehmlich in der Provinz leben, hat das Interesse am Land geweckt. Politiker von den Grünen bis zur CSU bemühen sich seitdem, den Geschichten von der abgehängten Provinz eine positive Erzählung gegenüberzustellen. Plötzlich ist viel von Heimat die Rede, wird über die Einrichtung von Heimatministerien nachgedacht. Als wenn mit einer neuen, alten Vokabel die Probleme schon gelöst wären.

Aber die Fragen, die diskutiert werden, sind die richtigen: Was ist unverzichtbar, wenn man den Niedergang einer Stadt oder eines Kreises stoppen oder einen Trend sogar umkehren will? Worauf kommt es an? Wie macht man das Land, wie macht man die deutsche Provinz zukunftsfest?

Es gibt Antworten auf diese Fragen. Antworten, die manche Dörfer, Städte und Kreise selbst geben. Die Antworten heißen, unter anderem, Halle (Saale), Offenbach am Main, Freyung-Grafenau und Werra-Meißner. Zweimal Ost, zweimal West. Zweimal Stadt, zweimal Land.

Halle (Saale)
Bildung, Forschung und Kultur sind auch abseits der Metropolen anziehend. Besuch in einer "Schwarmstadt".

DER SPIEGEL

Halle, 40 Kilometer vor Leipzig gelegen, ist ein schönes Beispiel dafür, dass sich Trends tatsächlich umkehren lassen. Lange litt die Stadt unter Bevölkerungsschwund und Niedergang, in den letzten Jahren erlebte sie eine Wende zum Positiven. Leipzig geht es wieder gut, deshalb geht es auch Halle besser, vielleicht liegt es daran. Wissenschaftler bezeichnen solche Phänomene als "Überschwappeffekte".

Zu DDR-Zeiten hielt Halle an der Saale Republikrekorde. Mehr als 40 Prozent der Chemieproduktion der DDR stammte aus dem Bezirk, das sorgte für Arbeit, Wohlstand und Selbstbewusstsein. Die Menschen im Bezirk Halle kauften mehr Mopeds oder Motorräder als die anderen, sie rauchten mehr und tranken mehr Milch.

Nach dem Zusammenbruch der DDR blieb davon nicht viel. Halle erlebte eine massive Deindustrialisierung, Massenarbeitslosigkeit war die Folge.

Bert-Morten Arnicke, 44, machte 1990 in Halle sein Abitur. Heute steuert er seinen Dienst-VW-Kastenwagen auf einen riesigen Parkplatz, der früher, zu DDR-Zeiten, Sperrzone war: Er gehörte zu einer sowjetischen Kaserne.

Die Soldaten sind längst abgezogen. Arnicke ist Projektmanager für den neu entstandenen Weinberg-Campus, nach Berlin-Adlershof der zweitgrößte ostdeutsche Technologiepark - das komplette Münchner Oktoberfest mit all seinen Zelten und Fahrgeschäften würde mehr als dreimal auf das Gelände passen.

"Spitzenforschung", sagt Arnicke. Und dann fährt er das Who's who von Halle ab: ein Fraunhofer-Institut, ein Gebäude der Max-Planck-Gesellschaft, das Bio-Verfahrenstechnik-Zentrum, zwei LeibnizInstitute. Mittendrin Gebäude der Universität, kleinere und größere Labore von Firmen und am Rande die Universitätsklinik. Ein Ebola-Wirkstoff wurde in Halle mitentwickelt, einer der bekanntesten Festplatten-Wissenschaftler der Welt hat hier sein Labor, Forscher suchen nach Wirkstoffen gegen Alzheimer und Diabetes. In der Weinberg-Mensa sind Spanisch oder Englisch sprechende Gäste fast so normal wie Besucher mit Hallenser Dialekt.

So viel Internationalität verändert eine Stadt. Es gibt exotische Restaurants und Kneipen, die Kreativwirtschaft blüht, angetrieben durch die drittgrößte Kunsthochschule der Republik - heute werden in der Stadt an der Saale sogar Hollywoodfilme vertont. Halle wurde zur Schwarmstadt: So bezeichnen Soziologen Orte mit einer "beträchtlichen Anziehungskraft auf Bildungssuchende".

Noch immer verdienen Menschen in Halle - wie auch im Rest der neuen Bundesländer - weniger als Menschen in Hannover oder Bonn. Ursache für die Lohnlücke ist der Mangel an Großunternehmen, weil hauptsächlich Großunternehmen hohe Gehälter zahlen. Bei der Stadt überlegt man also, wie Platz für Werke und Verwaltungen von Konzernen geschaffen werden kann.

Halle hat nicht einfach Glück gehabt. Halle hatte einen Plan.

Weniger Flächenförderung und Gießkanne, dafür Konzentration auf Forschung und Entwicklung.

Eine Milliarde Euro floss seit 1990 in das Weinberg-Gelände, durch Investitionen von Bund, Land, EU und natürlich Halle selbst. Die Stadt ging in Vorleistung und kaufte dem Bund das Kasernenareal ab. Es half, dass es auch zu DDR-Zeiten eine Tradition für Wissenschaft in Halle gegeben hat, daran konnte man anknüpfen; Ähnliches erlebte Jena mit seiner reichen Produktionsgeschichte von optischen Geräten.

Die Politik, die allenfalls Rahmenbedingungen setzen kann, hat in diesem Fall vieles richtig gemacht. Auf dem Entwicklungsstand, auf dem sich Deutschland inzwischen befindet, entstehe Wirtschaftswachstum hauptsächlich durch Innovation, sagt Oliver Holtemöller, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Leiter der Abteilung Makroökonomik am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle.

Was das bedeutet, für Halle, aber auch für andere Städte, die einen Strukturwandel hinter sich haben? Weniger Flächenförderung, sagt Holtemöller, weniger Gießkanne, dafür Konzentration auf die Förderung von Forschung und Entwicklung sowie der Standortattraktivität für Hochqualifizierte. Denn nur wo Spitzenforschung stattfindet, besteht die Chance, dass Ausgründungen erfolgreich sind und dass sich irgendwann die private Wirtschaft andockt - was wiederum Arbeitsplätze und damit Wachstum mit sich bringt.

Offenbach am Main
Vielleicht hängen ein hoher Ausländeranteil und Kreativität zusammen. Über den Standortvorteil Heterogenität.

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Wer mit dem ICE auf dem Weg nach Frankfurt durch Offenbach fährt, sieht erst einmal nicht viel von der Stadt: ein paar Wiesen, einige Gewächshäuser, Brache. Wenig lässt darauf schließen, was dahinterliegt. "Ein Drecksloch", wie der Rapper Ree in seinem Song "Offenbach" singt? Oder das Ausland? "Geh hin, wo du herkommst, wenn's dir hier nicht passt, Mann, geh zurück nach Deutschland", rappt er - "das ist Offenbach."

Offenbach hat einen Ausländeranteil von 37 Prozent, das ist ein bundesdeutscher Spitzenwert; er macht die Kommune zu einer der internationalsten Städte Deutschlands.

Rund 60 Prozent der Einwohner haben ausländische Wurzeln, in der Innenstadt sind es sogar 70 Prozent. Lange gab es Spannungen, die Kriminalitätsrate war immer wieder großes Thema, Rapper wie Haftbefehl machten Karriere mit Stücken, in denen sie die Prostituierten und Drogendealer Offenbachs besangen. In Offenbach sei man es gewohnt, sich "zu fetzen und zu bluten", rappen sie, "Kanacken jumpen up vor den abgefuckten Cops."

Dabei ist die Stadt längst nicht so verroht, wie die Songtexte glauben machen wollen. Die Gewaltkriminalität geht zurück, auch die Gesamtzahl der Straftaten sinkt: 2016 wurden 11.607 Fälle registriert, minus zehn Prozent, obwohl die Bevölkerung wächst. Die Arbeitslosigkeit liegt derzeit bei knapp zehn Prozent. Einer Umfrage der Industrie- und Handelskammer zufolge wollen jedoch 27 Prozent der Unternehmen künftig mehr Mitarbeiter einstellen. Fast 70 Prozent der Firmen gaben an, dass sich die Standortbedingungen in den vergangenen fünf Jahren verbessert hätten.

"Die Stadt muss sich nicht verstecken", sagt Maziar Rastegar, 36, Grafikdesigner mit iranischen Wurzeln und Offenbacher Lokalpatriot. Rastegar hat in Offenbach an der renommierten Kunsthochschule HfG studiert und sich vor einigen Jahren im Stadtteil Nordend in einer ehemaligen Pelzfabrik ein Arbeits- und Wohnloft eingerichtet: große Fenster, viele Holzmöbel, Ledersofa, Perserteppich.

Das Viertel am Mainufer war einst ein Problembezirk, inzwischen sind auf der anderen Seite des Hafenbeckens Hunderte neue Wohnungen entstanden. Restaurants und Kindergärten gibt es hier, auch für die Pendler, die in Frankfurt arbeiten und in Offenbach leben.

Was in Offenbach auffällt: der hohe Anteil Kreativer. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Multikulturalismus und Kreativität?

Rastegar entwirft Logos für seine Kunden, gestaltet die Inneneinrichtung von Restaurants oder verkauft T-Shirts mit Offenbach-Aufdruck. Er hat eine eigene Schriftart entworfen, die "Offenbach Neue": eine Mischung aus deutscher Fraktur und arabischer Schrift. "Ich finde, das drückt den Charakter der Stadt perfekt aus", sagt er.

Kleinunternehmern und Kreativen wie Rastegar ist es zu verdanken, dass sich Offenbachs Image langsam von der Schmuddelstadt zur kleinen Kultmetropole wandelt. Der Anteil der Kreativwirtschaft liegt bei mehr als 7 Prozent der Bruttowertschöpfung. Im Vergleich: In Berlin beträgt die Kennziffer 8,5 Prozent, in ganz Deutschland rund 2 Prozent.

"Es gibt immer noch Viertel, da ist man in der Jogginghose overdressed", sagt Rastegar. "Hier ist nicht alles aufgeräumt und poliert. Aber das ist okay so. Aus so etwas entsteht Kreativität."

In Deutschland, sagt der Wirtschaftsforscher Oliver Holtemöller, bilde man sich immer noch viel auf die Stärke des Verarbeitenden Gewerbes ein. "Es könnte sein, dass sich das als kurzsichtig erweist."

Kreis Freyung-Grafenau
Günstiges Bauland ist gut. Schnelles Internet ist besser. Der Wert digitaler Infrastruktur.

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Auf den ersten Blick ist Freyung-Grafenau kein guter Standort für eine Firmengründung. Für fast alles braucht man hier ein Auto, München ist genauso weit entfernt wie Prag. Im gesamten Kreisgebiet gibt es nicht einen Kilometer Autobahn, keine nennenswerte Zugverbindung und keine Universität, die Hightech und Ideen bringen könnte. Weil eine Universität fehlt, fehlen Akademiker. Viele junge Leute verlassen die Region.

Trotzdem ist Freyung-Grafenau eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte. Von 2000 bis 2014 wuchs die Wirtschaftskraft pro Kopf durchschnittlich um 3,4 Prozent pro Jahr, in ganz Deutschland waren es im selben Zeitraum nur 2,4 Prozent. Die Arbeitslosenquote lag 2016 bei 3,4 Prozent, das ist praktisch Vollbeschäftigung. Überdurchschnittlich ist die Zahl der Selbstständigen. Der Freyung-Grafenau-Kreis ist das, was in der alten Bundesrepublik "Zonenrandgebiet" hieß. Die Nähe zur tschechischen Grenze war lange ein Problem, die Öffnung der Grenze brachte Chancen.

Auch Christina und Daniel Gotsmich sind zum Studium erst einmal weggezogen, nach Berlin. Umso überraschender, dass sie ihre erste Firma nicht etwa in Kreuzberg gegründet haben, sondern eben in Freyung, 7400 Einwohner, kurz vor der tschechischen Grenze. 2011 starteten sie mit einer Kommunikationsagentur, fünf Jahre später folgte mit der Möbelmarke Kommod das zweite Start-up.

Die Treiber der guten Entwicklung im Kreis sind nicht einige wenige weithin sichtbare Großunternehmen. Hinter dem Wachstum stehen viele kleine Unternehmer: Spezialisierte Maschinenbauer gibt es ebenso wie Hersteller von Kameraobjektiven, Produzenten von Styropor oder eben die Möbelfirma von Christina und Daniel Gotsmich.

Ein Quadratmeter Bauland kostet im Osten Bayerns 34 Euro, in deutschen Städten ist es mit 280 Euro rund achtmal so viel. Das ist auch für Unternehmen ein Wettbewerbsvorteil. Für das Firmenbüro in Freyung zahlen Christina und Daniel Gotsmich eine Miete von drei Euro pro Quadratmeter.

Doch billig sein allein reicht nicht. Lange surften die Einwohner im Kreis quälend langsam durchs Netz. Für Privatpersonen war das lästig, für Firmen unter Umständen existenzgefährdend. Erst seit die bayrische Landesregierung den Breitbandausbau fast komplett subventioniert, wird das Internet auch in Freyung-Grafenau schneller - und erst das macht es möglich, dass Gründer aus Berlin auch in der Provinz arbeiten können.

Der Sachverständigenrat Ländliche Entwicklung sieht das ähnlich. Er formuliert es nur etwas beamtenhaft. "Die Verfügbarkeit von schnellen und leistungsstarken Breitbandanbindungen ist ein entscheidender Standortfaktor", heißt es in einer Stellungnahme des Rats zum Thema "Ländliche Räume". Die Experten sehen darin ein Problem für die gesamte Volkswirtschaft. Deutschland könne die Chancen der Digitalisierung nur nutzen, wenn auch in ländlichen Räumen flächendeckend eine hochleistungsfähige digitale Infrastruktur entstehe. Wird dieses Ziel verfehlt, bestehe die Gefahr, dass die ländlichen Gebiete beim Übergang zur "Gigabitgesellschaft" nicht mitkommen.

Mindestens genauso wichtig wie das digitale Internet sind in Freyung-Grafenau die analogen Netzwerke: das Provinzielle. Man kennt sich. "So ein Bezirksamt in Berlin ist sehr anonym", sagt Daniel Gotsmich. "Wenn ich hier zum Landratsamt fahre, muss ich mindestens eine Stunde einplanen, weil man sich auf dem Flur verratscht."

Werra-Meißner-Kreis
Wenn die Bürger die Toiletten im Gemeindehaus selbst renovieren. Die Aussagekraft ehrenamtlichen Engagements.

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Das Problem von Landrat Stefan Reuß ist, dass er etwas schaffen muss, was erst einmal aussichtslos erscheint: Er muss Geld sparen und gleichzeitig den Kreis attraktiv halten - damit nicht noch mehr Menschen wegziehen, sondern womöglich sogar neue kommen. "Wir brauchen Infrastruktur, sonst ist der ländliche Raum im Eimer", sagt er.

Reuß will seinen Kreis als Wohnstandort profilieren. In den nächstgrößeren Städten Göttingen und Kassel sind die Mieten hoch, Wohnraum ist knapp und das Bauen teuer. "Aber für den Weg aufs Land entscheiden sich die Leute nur, wenn es hier genug gibt", sagt Reuß - genug Schulen, Busse, Ärzte, Supermärkte eben. Und da wird es eng.

Junge Ärzte ließen sich auch mit Ansiedlungsprämien von bis zu 50.000 Euro, die das Land Hessen im Rahmen eines "Gesundheitspakts" bezahlt, nicht in die Region locken, wenn ihre Kinder keine Schule in der Nähe fänden, sagt Reuß. Obwohl sich die Zahl der Erstklässler seit 1995 fast halbiert hat, hat Reuß deshalb keine Schule geschlossen.

Die Nachmittagsbetreuung an Kindergärten und Grundschulen hat der Kreis bis 16 Uhr ausgebaut, knapp 260.000 Euro hat das gekostet. Um Geld zu sparen, wurden die Anfangszeiten an den Schulen so gestaffelt, dass es morgens weniger Busse braucht, um alle Kinder pünktlich zum Unterricht zu bringen.

"Ohne bürgerschaftliches Engagement könnte ich das Licht ausknipsen."

Die Lücken im öffentlichen Nahverkehr sind trotzdem riesig. In einigen Gemeinden fährt außer dem Schulbus morgens und nachmittags kein weiterer Bus. Im Ringgau, einer Gemeinde im Südzipfel des Kreises, gibt es deshalb seit dem Jahr 2011 das "Bürgermobil". Über 20 Ehrenamtliche fahren den Kleintransporter, der von einem Verein gekauft wurde, und sammeln an zwei Tagen pro Woche Mitfahrgäste in den Dörfern ein. Die Abfahrtzeiten sind auf die Arzttermine abgestimmt, damit Patienten, die mit dem Bürgerbus zum Arzt fahren, auch die Rückfahrt nicht verpassen.

"Ohne bürgerschaftliches Engagement könnte ich das Licht ausknipsen", sagt Bürgermeister Burkhard Scheld in Herleshausen. Vor Kurzem hätten ihn ein paar Ehrenamtliche gefragt, ob er 1000 Euro zur Verfügung stellen würde, um die Toiletten im Gemeindehaus zu sanieren. Neue Fliesen, Kloschüsseln und anderes Material sind nötig. Eingeplant sind für das ganze Haus nur 300 Euro im Jahr. Scheld schichtete daraufhin mühsam in seinem Haushalt hin und her. "Dafür arbeiten zehn, zwölf Leute umsonst. Wenn ich eine Firma für die Klos beauftragen müsste, könnte ich das doch gar nicht bezahlen."

Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, hat sich in mehreren Studien mit den Zukunftsperspektiven des Landes beschäftigt. Wann immer Klingholz und seine Kollegen nach den Ursachen dafür forschen, warum und wie es einzelnen Gemeinden gelungen ist, sich gegen den Niedergang zu stemmen, stoßen sie auf einen Indikator: die Vereinsdichte. "Wenn sich Menschen in einer Gemeinde engagieren und der Bürgermeister mitzieht, dann läuft es."

Sinnvoller als aufwendige Förderprogramme aus Brüssel seien für viele Gemeinden oder private Initiativen "5000 Euro ohne Bürokratie". Klingholz empfiehlt obendrein, den Gemeinden größere finanzielle Autonomie zuzugestehen, wie es etwa in Skandinavien geschehe. Dort bekommen die Gemeinden ein Regionalbudget, das sie für Schulen, Straßen oder Altenpflege ausgeben können. Sie dürfen auch selbst entscheiden, ob sie kleine Schulen am Leben erhalten oder lieber den Nahverkehr ausbauen wollen.

Die Zukunft
Die Provinz durchlebt, was Deutschland insgesamt bevorsteht. Das Land als Experimentierfeld.

"Das Land leidet an kollektiver Depression und Lethargie", sagt Gabriela Christmann vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung in Erkner. Wenig überraschend, wenn jahrzehntelang das Ergebnis beinahe jeder Studie gewesen sei: Das Land stirbt. "Es gab immer nur Negativbotschaften", sagt Christmann. "Diesen Diskurs müssen wir umdrehen und die Chancen auf dem Land in den Vordergrund stellen."

Um die Chancen zu nutzen, braucht es Zugang zu Wissen ebenso wie den Einsatz der Menschen, die dort leben. Ländliche Räume, das sagen Forscher ebenso wie Politiker, werden wieder wichtiger. Nachdem sich Aufmerksamkeit und Förderung in den vergangenen Jahrzehnten auf die Metropolregionen richteten, rückt jetzt das Land in den Blickpunkt: Dörfer und Gemeinden, aber auch Städte wie Offenbach, Halle, Kaiserslautern oder Bremerhaven, Wismar oder Itzehoe. Land ist wichtig: als Kraftzentrum, als Erholungsraum, auch als Gegenentwurf.

Was die Provinz gerade durchlebt, ist in manchem auch ein Vorgriff auf die Zukunft Deutschlands insgesamt. Manche Veränderungen, die den Metropolregionen noch bevorstehen, sind hier längst angekommen. Für die Überalterung etwa gilt das allemal.

Um seine Bevölkerungszahl stabil zu halten, das hat die Uno vor ein paar Jahren ausgerechnet, müssten jährlich rund 350.000 Zuwanderer nach Deutschland kommen. Um das Verhältnis von Erwerbstätigen zu Älteren aufrechtzuerhalten, brauchte es über 3,6 Millionen im Jahr.

Das ist unrealistisch. Werden diese Zahlen verfehlt, dann wäre das Land Vorreiter eines grundlegenden Strukturwandels. Die Menschen in den "ländlichen Räumen" erproben schon jetzt, wie die Deutschen künftig leben werden - als Pioniere, nicht als Abgehängte.

Gerade auf dem Land gebe es Freiräume, um Neues auszuprobieren, sagt Markus Mempel vom Deutschen Landkreistag. "Das kann alles Mögliche sein, von großen Rechnerfarmen über Flächen für Künstler und andere Freigeister oder große Höfe, in denen man Mehrgenerationenhäuser einrichten kann", sagt Mempel.

Deutschlands Zukunft ist in manchem eher in der Provinz zu besichtigen, nicht in den Städten. Das gilt für die Probleme - und die Lösungen.

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