AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2017

Erzieheralltag Diesen Job halten nur wenige durch

Erzieher sind wichtig und werden dringend gesucht. Warum nur dauert ihre Ausbildung dann so lange und ist so schlecht bezahlt?

Angehende Erzieherin Mila, Kitakinder: Samstags jobbt sie auf dem Wochenmarkt
Nicole Maskus-Trippel / DER SPIEGEL

Angehende Erzieherin Mila, Kitakinder: Samstags jobbt sie auf dem Wochenmarkt

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Mit 22 Jahren sollte man eine eigene Wohnung haben, findet Maximilian Bialas. Mit 22 sollte man auf eigenen Beinen stehen. Man sollte nicht wieder bei den Eltern einziehen, wenn der Absprung doch eigentlich geschafft war.

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Heft 47/2017
Mitten in Deutschland - Hetze und Einschüchterung im Namen Erdogans

Bialas, 22 Jahre alt, wird sich in absehbarer Zeit keine Wohnung leisten können. Nicht einmal ein kleines WG-Zimmer. Dabei sind junge Männer wie er auf dem Arbeitsmarkt äußerst begehrt: Bialas möchte Erzieher werden.

Fast überall im Land klagen Kitaleitungen über unbesetzte Stellen, auf die sich kaum jemand bewerbe. Mehr als 300.000 Fachkräfte könnten bis zum Jahr 2025 fehlen, haben Wissenschaftler des Deutschen Jugendinstituts (DJI) und der TU Dortmund ausgerechnet. Möchten die Parteien wie angekündigt nicht nur den steigenden Bedarf an Kitaplätzen decken, sondern auch die Qualität der Betreuung verbessern, würden weitere fast 300.000 Kräfte benötigt.

Doch um Hunderttausende für den Erzieherberuf zu begeistern, wird es nicht ausreichen, sich wie bisher auf den Idealismus junger Menschen wie Maximilian Bialas zu verlassen. Der Beruf und vor allem die Ausbildung müssten attraktiver werden. Wohl kaum eine andere Berufsgruppe muss während der Lehrjahre so leidensfähig sein.

Angehende Erzieher lernen nach dem mittleren Schulabschluss in der Regel fünf Jahre lang, vor allem theoretisch. Sie absolvieren eine schulische Ausbildung zum Sozialassistenten oder Kinderpfleger, danach eine meist dreijährige Fachschule. Wer das Abitur hat, kann nach einem einjährigen Praktikum oft direkt in die Fachschule einsteigen. Doch auch dann gilt: Während der Ausbildung verdient man die meiste Zeit nichts, viele müssen sogar dafür bezahlen. Gut die Hälfte aller Erzieherfachschulen ist privat, dort ist oft Schulgeld zu zahlen: 700 Euro und mehr können es pro Schuljahr sein.

Maximilian Bialas ist ein engagierter junger Mann. Schon als Jugendlicher leitete er Ferienlager, heute setzt er sich bei Ver.di für die Rechte Auszubildender ein. Wenn er von seinem Beruf spricht, schwankt seine Tonlage zwischen Empörung und Hingabe. Die "ganz Kleinen", die Krippenkinder, haben es ihm besonders angetan. Sie lernten jeden Tag etwas Neues: lächeln, krabbeln, greifen.

"Da kannste stundenlang zusehen", schwärmt Bialas. "Wenn ein Kind mich anlächelt, ist das toll - aber das bezahlt leider nicht meine Miete." Dabei hat Bialas noch Glück gehabt. Er macht seine Ausbildung in Bayern, bei der Stadt Nürnberg, und erhält dort immerhin rund 350 Euro im Monat. In einer Befragung der Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte aus dem Jahr 2014 gab mehr als die Hälfte der Vollzeit-Erzieherschüler an, ihre Ausbildung vor allem mit dem Geld der Eltern oder durch einen Nebenjob zu finanzieren. Zwei von fünf bezogen Bafög.

Im Gegensatz zu den meisten Studierenden können Erzieher nicht darauf hoffen, dass sich die Schulzeit fern der Praxis irgendwann auszahlt. Auch wenn die Erzieherausbildung formal einer Meister- oder Technikerschule gleichgestellt ist: "Entsprechend bezahlt werden die Absolventen nicht", sagt Anke König, Projektleiterin der Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte beim DJI. 2014 verdienten Vollzeit-Erzieherinnen in Westdeutschland im Schnitt 2953 Euro brutto im Monat, im Osten 2765 Euro. Tatsächlich bekommen viele deutlich weniger, weil die Mehrzahl der Erzieher in Teilzeit arbeitet - freiwillig oder weil es nicht genügend Vollzeitstellen gibt.

"Ich wusste, dass man in dem Job nicht reich wird", sagt Bialas. "Aber als ich mir überlegt habe, dass es für mich schwer werden kann, eine Familie zu ernähren, hat mich das echt frustriert."

Schüler privater Ausbildungsinstitute trifft es noch härter, weil sie in den langen Lehrjahren oft draufzahlen. 50 Euro im Monat überweist Malin Mila, 19 Jahre alt, aus Singen am Bodensee an ihre Schule. Das Ticket für den Regionalzug, mit dem sie zum Institut pendelt, kostet 56 Euro pro Monat. Schulbücher muss sie selbst anschaffen. Auch Mila wohnt noch bei ihren Eltern, "zum Glück", wie sie sagt.

Warum tut ein junger Mensch sich das an? Ließe sich Mila zur Krankenschwester ausbilden und nicht zur Erzieherin, erhielte sie im ersten Ausbildungsjahr monatlich rund tausend Euro brutto, könnte sich vielleicht eine kleine Wohnung leisten, öfter mit Freunden ausgehen, vom eigenen Geld in den Urlaub fahren.

Doch sie hat sich anders entschieden. Auch sie: aus Idealismus. "Ich wollte immer mit Kindern arbeiten", sagt Malin Mila. Um ihre Eltern ein bisschen zu entlasten, jobbt Mila samstags auf dem Wochenmarkt, verkauft Obst und Gemüse. "Gerade vor den Prüfungen, für die wir viel lernen müssen, ist das sehr stressig."

Kein Wunder, dass viele nicht durchhalten. 42 Prozent der angehenden Kinderpfleger und 15 Prozent der Sozialassistenten schließen schon den ersten Teil der Ausbildung nicht ab. An der Erzieherfachschule bleiben weitere 8 Prozent auf der Strecke. Stefan Sell, Professor für Sozialwissenschaften an der Hochschule Koblenz, sagt: "Die Erzieherausbildung ist gleich doppelt unattraktiv: durch die fehlende Vergütung und durch die Länge. Dadurch ist es sehr schwer, ausreichend und gut qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen, die man den Eltern versprochen hat."

Ohnehin stellt sich die Frage, warum die Ausbildung so lange dauert. Krankenpfleger, Tischler, Chemielaboranten - sie alle lernen maximal dreieinhalb Jahre. "Die Erzieherausbildung ist ein Überbleibsel der klassischen Frauenbildung", sagt Anke König vom DJI. "Eine Vorbereitung auf das Berufsleben war nicht wirklich vorgesehen." Frauen sollten nur beschäftigt werden, bis sie heirateten.

Erst seit den späten Sechzigerjahren können Männer den Beruf lernen. Zu der Zeit seien andere Sozialberufe an die Hochschule verlegt worden, so König, "Sozialpädagogik oder Grundschullehramt". Sie empfiehlt eine Reform: die schulische Ausbildung mit der Praxis zu verweben und mehr Möglichkeiten zur Spezialisierung zu schaffen, etwa in Richtung Sprachförderung, Inklusion, Leitung und Fachberatung. "Das würde den Beruf insgesamt aufwerten, inhaltlich und auch finanziell."

Ute Rodenwald und ihre Kolleginnen von der Arbeiterwohlfahrt in Schleswig-Holstein spüren täglich, dass etwas passieren muss. Rodenwald leitet seit fast 20 Jahren die Kita Dolli-Einstein-Haus in Pinneberg. Werden Mitarbeiterinnen schwanger, kehren sie häufig nicht ins Berufsleben zurück, weil es sich finanziell nicht lohnt. Und seitdem auch Kinder unter drei Jahren einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz haben, sei der Markt leer gefegt. "In Pinneberg profitieren wir von der Nähe zu Hamburg", sagt Rodenwald. Auf dem Land spitze sich die Lage noch zu.

Dabei vermelden Erzieherschulen steigende Anmeldezahlen. Rund 36.000 junge Menschen beginnen derzeit jährlich eine Erzieherausbildung, so viele wie nie zuvor. Doch es müssen noch mehr werden, sagen Experten. Weil der Anspruch für die unter Dreijährigen schon bestehe und im Wahlkampf eine Ganztagsbetreuung an Grundschulen versprochen worden sei. Weil zugewanderte Kinder zu fördern seien und die Inklusion von Kindern mit Behinderung voranzutreiben sei. Und weil Kinder heute länger in der Kita blieben als früher: Die Öffnungszeiten passen sich den Arbeitszeiten der Eltern an. Zudem werden in den kommenden Jahren sehr viele Erzieherinnen in den Ruhestand gehen. Besonders schlimm ist die Lage in Ostdeutschland. In Sachsen-Anhalt ist gut ein Viertel aller Erzieherinnen älter als 55 Jahre.

Eine neue Bund-Länder-Arbeitsgruppe unter dem Vorsitz von Noch-Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) soll versuchen, das Problem zu lösen. "Wir haben jetzt die Chance, den Beruf so attraktiv zu machen, wie er es verdient", sagt Barley. Gegen Ende des Jahres will die Gruppe erste Eckpunkte vorstellen.

Bislang bastelt jedes Bundesland an eigenen Modellen. Sachsen-Anhalt hat in einigen Kitas ein revolutionäres, aber umstrittenes Projekt gestartet. Fachkräfte lernen dort nur noch drei statt fünf Jahre lang, arbeiten vom ersten Tag an in einem Kindergarten oder einer Krippe mit und bekommen dafür eine Vergütung. "Wir haben uns an der dualen Ausbildung orientiert", sagt Landessozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD), die das Modell eingeführt hat. Wie die Inhalte einer fünfjährigen Ausbildung in drei Jahre passen? "Wir haben in der klassischen Erzieherausbildung drei große Bereiche: Kindergarten, Hort und Jugendhilfe. Die haben wir getrennt und uns ausschließlich auf Kindergärten fokussiert." Deshalb trägt der neue, dreijährige Ausbildungsgang den Titel "Fachkraft für Kindertageseinrichtungen".

Wie das in der Praxis aussehen könnte, erprobt derzeit Moritz Jaquet aus Dessau. Der 20-Jährige gehört in Sachsen-Anhalt zum ersten Jahrgang, der das neue Modell durchläuft. Sein Arbeitsplatz ist die Kita Fuchs und Elster, er ist dort der einzige Mann. Vier Wochen durchgängig betreut er an der Seite einer älteren Kollegin eine Gruppe Drei- bis Vierjähriger, dann folgen vier Wochen in der Berufsfachschule.

Dass sich Jaquet für diesen Weg entschied, hat auch mit den Rahmenbedingungen zu tun. "Für mich war es schon wichtig, dass ich nur drei Jahre lang lerne und nicht fünf", sagt er. Das Gehalt sei nicht ausschlaggebend, aber "eines von mehreren guten Argumenten" gewesen, die Ausbildung zu beginnen. Er bezieht gerade seine erste eigene Wohnung.

Für die Stadt Dessau ist das Modell ebenfalls praktisch, weil die Auszubildenden mitarbeiten, jedoch weniger kosten als ein ausgebildeter Erzieher. "In Wahrheit können die Azubis aber nicht als vollwertige Arbeitskraft eingesetzt werden", kritisiert Björn Köhler, Bundesvorstand der Bildungsgewerkschaft GEW. Im Gegenteil: Die anderen Erzieher müssten nicht nur die Kinder betreuen, sondern auch den pädagogischen Nachwuchs anleiten. Er befürchtet, dass mit einem Wechsel zum dualen System der Beruf abgewertet werde.

Der Gewerkschafter hat einen Gegenvorschlag: Er plädiert für eine weitere Akademisierung - und für die entsprechende Bezahlung. "Erzieher sollten an Fachhochschulen studieren", fordert er. "Denn sie legen den Grundstein für den weiteren Bildungsweg der Kinder."

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