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Ausgabe 52/2017

Anlagetipps Wie sinnvoll sind Indexfonds?

Indexfonds (ETF) werden selbst von Verbraucherschützern als Altersvorsorge empfohlen. Diese Geldanlage hat viele Vorteile - nachhaltig ist sie meist nicht.

Plastikmüll am Strand: In vermeintlich nachhaltigen Indexfonds sind Konzerne vertreten, denen an Nachhaltigkeit wenig gelegen ist
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Plastikmüll am Strand: In vermeintlich nachhaltigen Indexfonds sind Konzerne vertreten, denen an Nachhaltigkeit wenig gelegen ist


Drei Buchstaben begeistern eine wachsende Anzahl von Sparern, sie lauten: ETF. In die Fonds, die hinter der Abkürzung stecken, haben Anleger weltweit mittlerweile 4,2 Billionen Dollar investiert, das ist mehr als doppelt so viel wie noch vor fünf Jahren. Selbst die Stiftung Warentest empfiehlt ETF in der aktuellen Niedrigzinsphase als ideale Möglichkeit für Normalbürger, ohne große Vorbildung in Aktien zu investieren.

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Heft 52/2017
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Denn Exchange Traded Funds - wie die volle Bezeichnung lautet - bilden nüchtern und mechanisch einen Wertpapierindex nach. Mit einem ETF etwa auf den Dax erwirbt ein Anleger also Aktien der Dax-30-Unternehmen - sodass sich der Wert seiner Anlage genauso entwickelt wie der Börsenindex.

Weil trotz allen Auf und Abs der Märkte die großen Börsen der Welt auf lange Sicht wachsen, gilt diese Strategie als relativ sicher - und als kostenarm. Schließlich braucht ein ETF anders als herkömmliche Fonds keinen Manager, der sich um die Aktienauswahl kümmert.

Der Nachteil ist: Über viele ETF investieren Anleger in Waffenunternehmen, Klimasünder oder in Firmen, die mit ihren Mitarbeitern wenig zimperlich umgehen oder im Verdacht stehen, von Kinderarbeit zu profitieren.

Selbst Verbraucherschützer nennen als Standardempfehlung oft den Index MSCI World als Basis für einen ETF, auch im SPIEGEL. Der MSCI World bildet die Wertentwicklung der 1653 größten Unternehmen aus 23 Industrieländern ab - und scheint ideal für Laien.

Schließlich lautet eine Börsenweisheit, dass man über viele Regionen und Branchen hinweg investieren soll, um das Risiko zu minimieren.

Allerdings gehören zu den 1653 größten Unternehmen der Welt auch große Klimasünder, etwa der Ölkonzern Exxon Mobil; Unternehmen, die Atomwaffen oder entsprechende Trägersysteme herstellen, darunter Boeing, Lockheed Martin und Honeywell International; Bergbauunternehmen wie Glencore oder BHP Billiton, die wegen fragwürdiger Arbeitsbedingungen oder Umweltzerstörung in der Kritik stehen; Tabakkonzerne wie British American Tobacco oder Philip Morris, deren Produkte Millionen Menschen töten. Die Zulieferer der Zigarettenindustrie beschäftigen außerdem oft Kinder auf ihren Plantagen, wie etwa eine Studie der Nichtregierungsorganisation Facing Finance kürzlich warnte.

Nicht jeder will auf dieser Basis seine Altersvorsorge aufbauen.

Das Problem haben auch die Finanzdienstleister erkannt, die Aktienindizes zusammenstellen. So bietet die in New York ansässige Firma MSCI einen Schwester-Index für den MSCI World an, der soziale Aspekte berücksichtigt. Betreiber von Atomkraftwerken, Rüstungskonzerne, Glücksspielunternehmen und Firmen, die mit Gentechnik zu tun haben, sind beispielsweise tabu.

In dieser vermeintlich nachhaltigen Variante des MSCI World sind jedoch auch Konzerne wie der Ölriese Total oder Unilever vertreten. Letzterer stand im September in der Kritik, weil er immer noch in großem Stil Plastikverpackungen verwendet, obwohl diese nachweislich die Weltmeere verschmutzen.

Nicht weniger fragwürdig sieht es bei einem anderen zentralen Nachhaltigkeitsindex aus, den etwa ein ETF der Blackrock-Tochter iShares nachbildet: dem Dow Jones Sustainability World. Er wird vom gleichen Finanzdienstleister erstellt wie der berühmte Dow Jones Industrial Index und verfolgt - wie es oft beim Thema ethische Investments der Fall ist - den sogenannten Best-inClass-Ansatz. Das heißt, dass aus fast jeder Branche die nachhaltigsten Vertreter in den Index aufgenommen werden. So finden sich in dem Portfolio auch der Atomkraftwerksbetreiber Iberdrola oder der Chemiekonzern Bayer, der gerade den Gentechnik- und Pestizidgiganten Monsanto übernehmen will. In ihren umstrittenen Geschäftsfeldern gelten sie offenbar als die Besten.

So geht es immer weiter: Nimmt man die vermeintlich nachhaltigen ETF der großen Anbieter unter die Lupe, bleiben nur wenige, die einer strengen Prüfung standhalten - und die sind meist auf ein begrenztes Thema wie etwa alternative Energien fokussiert und damit riskant für ein größeres Investment. Es scheint, als müsse sich der Sparer entscheiden zwischen der Angst vor Verlusten und einem schlechten Gewissen.

Das gilt nicht nur beim Thema ETF: Auch bei anderen Anlageformen schmücken sich viele zweifelhafte Anbieter mit dem Label der Nachhaltigkeit, schließlich ist der Begriff nicht gesetzlich geschützt. Es gibt zig ökologische Fonds, die den Namen nicht verdienen oder bei denen man zumindest über die Ausrichtung streiten kann. Doch wer in diesem Bereich ein bisschen sucht, findet Alternativen, die den strengen Ansprüchen von Umweltschützern oder Nichtregierungsorganisationen wie Facing Finance gerecht werden.

Im Bereich der ETF dagegen ist das Angebot karg. Von den rund 1200 ETF, die es in Deutschland zu kaufen gibt, verfolgen der Ratingagentur Morningstar zufolge lediglich 30 einen nachhaltigen Ansatz. Das überrascht, denn in der Theorie ist die Nachfrage da: Bei Umfragen geben die Deutschen regelmäßig an, dass ihnen Nachhaltigkeit bei der Geldanlage wichtig sei. Entweder nehmen sie es in der Praxis nicht so genau. Oder die Finanzindustrie hat noch einiges aufzuholen, wenn sie ETF zum Standardprodukt für Kleinsparer machen will.

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