AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2018

CSU-Politiker Manfred Weber Der Bayer, der Europa anführen will

Der CSU-Politiker Manfred Weber bringt sich als Spitzenkandidat bei der Europawahl in Stellung. Wie tickt der Mann?

Europapolitiker Weber (Mitte), Festbesucher in Postmünster: "Er muss das machen"
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Europapolitiker Weber (Mitte), Festbesucher in Postmünster: "Er muss das machen"

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Der Absender spart nicht mit freundlichen Worten. Wie kein zweites Unternehmen stehe Siemens für "das bayerische Erfolgsmodell", heißt es in dem Schreiben aus Straßburg, die Firma sei ein "weltweiter Leuchtturm für Ideenreichtum". Daher wäre es umso schöner, wenn der "liebe Herr Kaeser" es einrichten könnte, beim Kongress der Europäischen Volkspartei (EVP) zum Thema "freier und fairer Welthandel" zu sprechen.

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Heft 21/2018
Wie Verbrecher und Heilige eine Weltmacht schufen

Der Siemens-Boss, so versichert der Autor des Briefes, werde sich in illustrer Gesellschaft befinden. Bundeskanzlerin Angela Merkel habe zugesagt, sogar Paul Ryan sei eingeladen, der Sprecher des US-Repräsentantenhauses.

Wer das Schreiben liest, mit dem Manfred Weber, der Fraktionschef der EVP im Europaparlament, für das Treffen seiner Fraktionsspitze wirbt, bekommt den Eindruck, er bereite eine Krönungsmesse vor.

Der Aufmarsch internationaler Prominenz mag auch der bayerischen Landtagswahl im Oktober geschuldet sein, bei der die CSU um die absolute Mehrheit kämpft. Doch CSU-Vize Weber, 45, geht es um mehr. Er trägt sich mit dem Gedanken, als Spitzenkandidat der EVP für die Europawahl ins Rennen zu gehen. Das Münchner Programm ist daher ganz auf ihn zugeschnitten. Erfolge im Europaparlament, Prioritäten der EU, Weber spricht zu allem. Damit es an Berichterstattung nicht mangelt, bietet seine EVP-Fraktion Journalisten, die aus Brüssel anreisen, sogar an, ihre Flug- und Hotelkosten zu erstatten.

Es geht um das höchste Amt, das Europa zu vergeben hat. Als Spitzenkandidat würde Weber nicht nur auf dem ganzen Kontinent für die EVP Wahlkampf machen. Seit der Europawahl 2014 ist die Wahrscheinlichkeit deutlich gestiegen, dass der Sieger anschließend zum Chef der Kommission aufsteigt, des mächtigen Brüsseler Beamtenapparats mit über 30.000 Mitarbeitern. Da die EVP mit ziemlicher Sicherheit als stärkste Parteienfamilie aus der Wahl in genau einem Jahr hervorgehen wird, ist die Frage ihres Spitzenkandidaten eine Art Vorentscheidung für den Posten des Kommissionspräsidenten.

Weber wäre der erste Deutsche auf dem Posten seit Walter Hallstein in den Sechzigerjahren. "Es ist gar keine Frage", sagt der Bundestagsabgeordnete Max Straubinger aus Webers Heimat, "er muss das machen." Parteichef Horst Seehofer, mit dem Weber vergangene Woche unter vier Augen in Berlin sprach, sieht das ähnlich.

Am vergangenen Sonntag sitzt Weber am frühen Nachmittag im Schatten vor einem Bierzelt in niederbayerischen Postmünster und stürzt einen halben Liter Mineralwasser hinunter. Eben hat er sich bei über 30 Grad schweißnass geredet, unter anderem warb er für mehr Demokratie in Europa, ein sperriges Thema fürs Bierzeltpublikum, noch dazu am Muttertag und bei bestem Grillwetter.

Weber hat das ganz gut hingekriegt, er ist beliebt in der Partei. In der CSU ist das für einen Europapolitiker eher ungewöhnlich. Offiziell lässt er sich nicht in die Karten blicken, ob er als Spitzenkandidat antreten will. "Die Frage steht jetzt nicht an", sagt er. Er fühle sich an der Fraktionsspitze wohl. Im kleinen Kreis jedoch hat er längst zu erkennen gegeben, wie sehr ihn der Job des Kommissionschefs reizt.

In den Tagen, an denen die CSU-Spitze im vorigen Herbst damit haderte, Markus Söder zum Alleinherrscher in Bayern aufsteigen zu lassen, ging es auch darum, ob Weber bereit wäre, von Brüssel nach Berlin oder München zu wechseln, um CSU-Parteichef zu werden. Weber liebäugelte zwar mit dem Posten, bestand aber darauf, die CSU von Brüssel aus zu führen. Der Grund, so vertraute er seinen Mitstreitern an: "Den Kommissionschef zu stellen, so eine Chance gibt es für die CSU so schnell nicht wieder."

In Europas Hauptstädten steht das Thema ebenfalls auf der Tagesordnung. Egal ob Weber im Élysée-Palast vorbeischaut oder am Wiener Ballhausplatz, überall soll er sich erklären, ob er antreten wird. Und immer ist seine Antwort die gleiche: Den Sommer über will er das Bewerberfeld sichten, dann soll die Entscheidung fallen. Die EVP will ihren Kandidaten im Herbst in Helsinki küren, klare Favoriten gibt es nicht, das macht die Sache so reizvoll.

Zwar macht sich Michel Barnier Hoffnungen auf den Posten. Der Franzose wollte bereits 2014 Spitzenkandidat werden, damals unterlag er Jean-Claude Juncker. Nun eilt der Brexit-Chefunterhändler genauso eifrig durch Europas Hauptstädte wie Weber. Als Barnier zuletzt in Berlin war, schaute er kurz bei Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer in der CDU-Zentrale vorbei, sicher kein Zufall.

Allerdings ist Barnier schon 67 Jahre alt, dazu kommt, dass Frankreichs Präsident Emmanuel Macron womöglich lieber einen Getreuen in die nächste Kommission schicken will als einen Vertreter genau jenes Parteiensystems, das er bei der Wahl in Frankreich eben erst atomisiert hat.

Christine Lagarde wiederum, die Präsidentin des Internationalen Währungsfonds in Washington, hat zwar einen klangvollen Namen. Ihr Problem ist aber, dass Wähler in den von Sparprogrammen geknechteten Ländern wie Griechenland oder Portugal es als Zumutung empfinden dürften, für die Chefin des verhassten IWF zu stimmen. Bedenken gibt es auch gegen die litauische Staatschefin Dalia Grybauskaite, deren Name in Brüssel zuletzt häufig fiel. Wer aber traut sich, die Dame mit dem sperrigen Namen in Aschaffenburg oder Taufkirchen zu plakatieren?

Weber kennt die Nachteile der Kandidaten genau, in ihren Schwächen sieht er seine Chance. Für die Operation Spitzenkandidat hat er sein Brüsseler Team verstärkt, Udo Zolleis wechselte vom Planungsstab der CSU-Landtagsfraktion nach Brüssel, der Politikprofessor schreibt nun Webers Reden und dient als Ideengeber.

Auffällig oft ist Weber derzeit auch in jenen Ecken Europas unterwegs, in denen die Unterstützung für einen deutschen Kandidaten alles andere als selbstverständlich ist. Zuletzt half er Parteifreunden in Slowenien im Wahlkampf. Ungewöhnlich häufig taucht Weber auch in italienischen Zeitungen auf, für den "Corriere della Sera" gab er im vergangenen halben Jahr gleich drei Interviews. Und wenn Silvio Berlusconi in Brüssel weilt, eilt Weber zum intimen Dinner, das der skandalumwitterte Pate der Forza Italia in seiner Suite im Steigenberger-Hotel an der noblen Avenue Louise zubereiten lässt.

Selbst mit Ungarns Premier Viktor Orbán kennt Weber keine Berührungsängste, auch dessen Fidezs-Partei hat mitzureden, wenn in Helsinki die Entscheidung fällt. "Die Politiker, die die Grenze in Europa sichern, haben Unterstützung verdient", ruft Weber im Bierzelt in Postmünster. Orbán weiß es zu schätzen, wenn sich ein Mann des Mainstreams hinter ihn stellt.

In Deutschland wird dieses Anbandeln mit den Mächtigen Europas kaum beachtet, doch Weber will ja nicht nur in seiner Heimat gewählt werden, sondern in allen 27 EU-Ländern. Im Ausland ist er eine feste Größe. Mitte April hatte Weber einen Termin bei Macron, seine Leute rechneten jede Minute mit einer Absage, es war der Tag, an dem zwischen Frankreich, Großbritannien und den USA die Entscheidung fiel, Syrien mit Raketen zu beschießen.

Doch Macron empfing Weber im Élysée-Palast, eine Dreiviertelstunde lang redeten die beiden unter vier Augen, auf Englisch. Zwischen zwei Telefonaten, in denen Macron, Theresa May und Donald Trump ihren Militärschlag gegen Assad planten, ging es um die Zukunft des Euro und die Frage, ob der siegreiche Spitzenkandidat auch Kommissionschef werden soll.

Macron ist kein Freund dieser Idee, auch deshalb nicht, weil seine Bewegung En Marche keiner der traditionellen Parteienfamilien angehört und er so keinen eigenen Kandidaten mit Aussicht auf Erfolg ins Rennen schicken kann. Doch das heißt nicht, dass Weber ohne Verbündete wäre, im Gegenteil. Gerade die jüngeren Regierungschefs im Europäischen Rat wünschen sich, dass nicht erneut ein ergrauter Ehemaliger wie José Manuel Barroso oder Juncker an die Kommissionsspitze rückt. Irlands Regierungschef Leo Varadkar denkt so, ebenso Österreichs Kanzler Sebastian Kurz; 39 ist der eine, 31 Jahre alt der andere. Logisch, dass es sich Kurz nicht nehmen lässt, bei Webers EVP-Sause in München vorbeizuschauen.

Eine entscheidende Rolle in Webers Bewerbung spielen seine Fraktionskollegen. Vielen Abgeordneten gilt es als Krönung der europäischen Demokratie, wenn erstmals einer wie sie, ein Parlamentarier, an die Kommissionsspitze rückt. "Wenn Manfred Weber als Spitzenkandidat der EVP antreten will, wird er die breite Unterstützung der Fraktion erhalten", sagt Daniel Caspary, der Chef der deutschen Unions-Europaabgeordneten.

Unklar ist noch, wieweit sich Weber mit seinem Kurs in seiner eigenen Partei durchsetzen kann. Zwar hat Parteichef Horst Seehofer intern bereits zu erkennen gegeben, dass die brachiale Anti-EU-Strategie der vergangenen Europawahl ein Fehler gewesen sei. Im Frühjahr 2014 zog der eigens zum stellvertretenden Parteichef beförderte EU- und Eurokritiker Peter Gauweiler als Spitzenmann durch Bayern und lästerte über Brüssel. Das Ergebnis: Die Zahl der CSU-Europaparlamentarier schrumpfte von acht auf fünf.

Auf der anderen Seite aber passt ein allzu europafreundlicher Kurs nicht zu der Strategie, der die CSU derzeit sonst alles unterordnet: Sie will so weit nach rechts rücken, dass für die AfD nur noch die rechtsradikale Schmuddelecke bleibt.

Hinterm Bierzelt in Postmünster winkt Weber ab. Wenn ein Bayer Kandidat für einen ganzen Kontinent würde, dann würde dies der CSU auch in Bayern gleich vier oder fünf Prozent mehr bringen, meint er.

Und ihn womöglich an die Spitze der EU.



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