AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 2/2018

Geschwister Eva und Robert Menasse "Das stimmt nicht, Robert. Frag den Papa."

Eva und Robert Menasse sind das derzeit erfolgreichste Geschwisterpaar der deutschsprachigen Literatur. Hier geben sie ihr erstes gemeinsames Interview: über ihre Familie und ihren Umgang mit der Wahrheit.

Eva und Robert Menasse
Steffen Jänicke/ DER SPIEGEL

Eva und Robert Menasse

Ein SPIEGEL-Gespräch von


Eine Altbauwohnung in Berlin-Wilmersdorf. Der Schriftsteller Robert Menasse, 63, ist für dieses Interview aus Wien zu seiner Schwester, der Schriftstellerin Eva Menasse, 47, gereist. Er komme gern nach Berlin, hatte er gesagt. Einzige Bedingung: ein Ort, an dem er rauchen kann. Menasse ist ein leidenschaftlicher Raucher. Seine Schwester meinte, gut, einmal im Jahr könne ihre Wohnung gern mal ordentlich eingedampft werden. Außerdem habe sie irgendein Gerät zur Luftreinigung. Die beiden Geschwister haben noch nie ein Interview zusammen gegeben. Jetzt aber hat der große Bruder im Herbst 2017 den Deutschen Buchpreis für seinen Roman "Die Hauptstadt" gewonnen und Eva Menasse kurz danach den Österreichischen Buchpreis für ihren Erzählungsband "Tiere für Fortgeschrittene". Dieser doppelte Familienpreis ist Anlass für unser Gespräch. Sie machten das "für unseren Vater", sagen beide. Ihr gemeinsamer Vater, der Jude Hans Menasse, 87, wurde im Alter von 8 Jahren mit einem Kindertransport von Wien nach England verschickt. Nach dem Krieg war er österreichischer Fußballnationalspieler. Eva Menasse hat ihn in ihrem Roman "Vienna", der in weiten Teilen auf Erlebnissen ihrer Familie beruht, porträtiert.


SPIEGEL: Frau Menasse, Sie leben in Deutschland und haben den Österreichischen Buchpreis gewonnen. Sie, Herr Menasse, leben in Wien und haben den Deutschen Buchpreis gewonnen. Hilft Ferne bei der Anerkennung?

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Heft 2/2018
Geschlechterrollen und Sexualität 2018

Robert Menasse: Also wär meine Anerkennung in China am größten. Aber das ist ja nachweislich nicht der Fall.

SPIEGEL: Aber Ihre Werke, Herr Menasse, wurden in der österreichischen Presse von Anfang an besonders kritisch rezipiert, während sie in Deutschland gleich sehr wohlwollend oder begeistert besprochen wurden.

Eva Menasse: Das war bei mir genauso.

Robert Menasse: Es gibt in der österreichischen Öffentlichkeit ein grundsätzliches Ressentiment gegen lebende kritische Autoren. Das ist zwar ein Österreichklischee, aber gerade ein Klischee muss sich immer wieder in der Wirklichkeit bestätigen, sonst könnte es ja nie eines werden.

Eva Menasse: Ich glaube, dass das kein Österreichspezifikum ist. Ich habe immer das Gefühl gehabt, im Unterschied zu Deutschland kann man die Nachfolgestaaten der K.-u.-k.-Monarchie miteinander vergleichen. Also Tschechien, Ungarn, Österreich. Da hat die Politik qua Kaiserreich immer etwas Theatralisches gehabt. Dadurch ist auch die Kunst politisch. Während das in Deutschland zwei streng getrennte Genres sind.

SPIEGEL: Frau Menasse, Sie haben für Martin Schulz Wahlkampfreden gehalten. Ihr letztes Buch, der Erzählungsband "Tiere für Fortgeschrittene", ist im Gegensatz zu dem Europaroman Ihres Bruders auf den ersten Blick unpolitisch. Trennen auch Sie auf deutsche Weise die beiden Sphären streng voneinander?

Eva Menasse: Ich lese bei Veranstaltungen oft aus der Erzählung "Haie" vor, da geht es um ein ausländisches Kind, das in der Schule gemobbt wird. Und die Leser empfinden diese Geschichte als eminent politisch. Mich interessiert am Erzählen, was gesellschaftlich relevant ist, erst mal ohne Botschaft. Aber tatsächlich einen politischen Roman zu schreiben wie du, Robert - das ist mir noch nicht eingefallen.

SPIEGEL: Herr Menasse, haben Sie schon Wahlkampfreden gehalten wie Ihre Schwester?

Robert Menasse: Nein, ich engagiere mich nicht für Parteien. Sondern für Ideen. Politisches Engagement im Sinne einer Idee ist mir wichtig, und ich finde, das gehört auch zum Amt des Schriftstellers dazu. Das Problem der engagierten Literatur ist allerdings, dass dieser Begriff im 20. Jahrhundert völlig desavouiert worden ist. Es hat sich durchgesetzt, dass politisches Engagement bedeutete: parteipolitisches Engagement. Das ging so von den Autoren, die in die Sowjetunion gereist sind und als Kommunisten zurückgekommen sind, bis zu Günter Grass mit seinem Engagement für die Sozialdemokratie. Emile Zola, das erste große Exempel für einen politisch engagierten Intellektuellen, war keiner Partei verpflichtet, sondern der Wahrheit, dem Anstand und dem Gewissen. Dieses Rollenbild wurde im 20. Jahrhundert durch die Gleichsetzung von politisch und parteipolitisch unselig verballhornt. Mit dem Tod von Günter Grass ist wieder eine Zäsur eingetreten. Der letzte parteipolitische Romantiker hat die Bühne verlassen, jetzt ist Platz für jene, die die Rolle neu interpretieren, mit Rückgriff auf ihre ursprüngliche Bedeutung.

SPIEGEL: Ihnen, Frau Menasse, war Günter Grass immer nah, oder?

Eva Menasse: Ich finde, dass man dem Grass unrecht tut. Er hat die SPD niemals bedingungslos unterstützt. Er ist aus der SPD ausgetreten, hat der Partei mehr Ärger und Stress gemacht als irgendein anderer prominenter Unterstützer.

SPIEGEL: Er hat aber Wahlkampf für eine Partei gemacht und nicht für seine eigenen Ideen, seine Utopien.

Eva Menasse: Ja, für Willy Brandt hat er das ursprünglich gemacht. Und das war auch eine besondere Zeit. Sein Buch "Aus dem Tagebuch einer Schnecke" ist ein Meilenstein. Ich will einfach nicht immer den ganzen Grass in die Tonne getreten sehen.

Robert Menasse: Ich bewundere ihn als Romancier. Als der war er für mich sehr wichtig in einer Zeit, als das Erzählen unter Trivialitätsverdacht stand, was ja grotesk war. Da hat Grass in seiner Beharrlichkeit, mit der er auf das Erzählen insistiert hat, für mich eine eminent wichtige Rolle gespielt.

Eva Menasse: Ich bin ja kein Mitglied einer Partei, ich kann hier in Deutschland auch nicht wählen. Aber ich habe mich damals für Rot-Grün engagiert, weil mir das Runterschreiben dieser Regierung 2005 so gegen den Strich gegangen ist. Anders als die Grünen hat die SPD einfach den Kontakt zu mir gehalten. Es gab auch ein paar Treffen von Martin Schulz mit Künstlern - in früheren Jahren mit Steinmeier, Steinbrück, mit Gabriel. Da gehe ich hin, weil mich das interessiert. Ich würde auch hingehen, wenn mich die Grünen oder die CDU einladen würden. Nur tun sie das nicht.

SPIEGEL: Wie sahen diese Treffen aus? Sind die Schriftsteller da nicht nur so ein Schmuck, um an die gute alte Zeit mit Grass zu erinnern?

Eva Menasse: Ich spreche von Treffen, bei denen überhaupt keine Journalisten dabei sind. Und da geht es hoch her. Das ist ja das Sympathische und das Enervierende an der Sozialdemokratie. Dass sie so selbstkritisch ist. So dialogisch. So läuft das auch bei diesen Treffen. Da wird herumgeschrien und diskutiert und der Schulz mittendrin.

Robert Menasse: Der Schulz will sich sicher nicht schmücken. Der will wissen. Das muss man anerkennen.

SPIEGEL: Herr Menasse, die Grundthese Ihres Romans ist: Europa ist unter die Pragmatiker gefallen. Die Pragmatiker haben die Krise verursacht, und sie werden sie nicht lösen. Sondern wir brauchen Träumer und Utopisten.

Robert Menasse: Ja, wir brauchen das Träumerische wieder! Das aber erfahrungsgesättigt ist. Das war ja die Stärke der Gründergeneration.

Vater Hans Menasse 1955: "Eigentlich immer Zeitung gelesen"
Votava / Imagno

Vater Hans Menasse 1955: "Eigentlich immer Zeitung gelesen"

SPIEGEL: Das Auftauchen Emmanuel Macrons war ja für viele ein regelrechter Schock, ein positiver Schock, weil er das Gemeinschaftliche wieder in eine Erzählung gefasst hat.

Eva Menasse: Das ist das Faszinierende an ihm: dass ihm das wirklich gelingt. Bei den osteuropäischen Staaten kann man ja verstehen, dass sie jetzt wegdriften. Die können jetzt endlich von Herzen nationalistisch sein, nachdem sie dem Ostblock entkommen sind.

Robert Menasse: Da bin ich ganz anderer Meinung. Die Nationalisten aus den osteuropäischen Staaten haben das Habsburger Reich in die Luft gesprengt, haben damit einen zweiten dreißigjährigen Krieg ausgelöst und haben seit damals, seit sie also ihre Nationen bilden konnten, nicht einen einzigen Tag in größerer Freiheit, größerer Rechtssicherheit und größerem Wohlstand gelebt als zuvor in der Habsburger Monarchie. Und Wohlstand, Rechtssicherheit und Freiheit sind erst wiedergekehrt, als sie in die nachnationale Gemeinschaft der EU eingetreten sind. Aber der Nationalismus ist halt ein Nervengift. Das tröpfelt in die Köpfe der Menschen ein, die eine Sehnsucht haben nach einem Wirgefühl, und sei es auch fiktional.

SPIEGEL: Was brauchen wir in Europa?

Eva Menasse: Keine Ahnung. Ich versuch nur zu verstehen, warum das so ist.

Robert Menasse: Wir brauchen einen Roman. Viele Romane. Eine neue Comédie humaine. Man muss es erzählen. Man muss Realität erzählen.

Eva Menasse: Aber es liest doch keiner mehr Bücher.

Robert Menasse: Ich wär da nicht so pessimistisch. Ich bin ja nicht egozentrisch, aber hier muss ich mich als Beispiel wichtig machen: Ich wäre nicht der, der ich bin, wenn ich nicht Romane gelesen hätte. Wenn ich nur die Erfahrung hätte, die ich habe, minus meine Leseabenteuer, dann wäre ich vielleicht auch ein Freiheitlicher. Ich habe in der Schule Gewalt kennengelernt. Ich hatte Sehnsucht nach Stärke in einer Gruppe, Überlegenheit gegenüber anderen, nach alldem, was die Führer versprechen. Aber durch das Lesen von Romanen kriegt man einfach eine andere Welthaltung.

SPIEGEL: Lassen Sie uns über Geschwisterliches sprechen. Sie beide sind Halbgeschwister...

Robert Menasse: Geschwister, bitte.

Eva Menasse: Wir wehren uns gegen dieses schreckliche Wort Halbgeschwister, wir finden das blöd.

Robert Menasse: Das ist wie Halbjude. Auch so ein blöder Begriff. Wir sind Geschwister. Und haben uns auch immer so gesehen.

SPIEGEL: Aber Sie sind unterschiedlich alt und also nicht gemeinsam aufgewachsen. Aber es gab immer engen Kontakt zwischen Ihnen?

Eva Menasse: Ja, seit ich schreiben kann.

Robert Menasse: Schon früher. Seitdem du Geschichten zuhören konntest.

Eva Menasse: Es gibt ein herrliches Foto von uns: Da bist du 18, und ich bin 2 Jahre alt und sitz auf deinem Knie. Der Robert ist ja nach Brasilien gegangen, als ich zehn war. Unsere Briefe damals gehören zu meinen großen Kindheitserinnerungen. Das war damals noch wahnsinnig kompliziert, weil das ja Luftpostbriefe waren, sehr teuer und ewig lange unterwegs. Aber alle paar Monate ist so ein Luftpostbrief an mich aus São Paulo gekommen. Auf diesem ganz dünnen Luftpostpapier. Das waren Ereignisse. Ich erinnere mich besonders an einen Brief von dir. Du hast mich immer gefragt, wie es mir in der Schule geht und was ich da mache. Da habe ich mich bei dir beschwert, dass mein Deutschlehrer mir eine schlechte Note für einen Aufsatz gegeben hat, weil ich darin Wörter unterstrichen habe.

Robert Menasse: Ich kann mich erinnern, dass du mir Aufsätze geschickt hast, und dann habe ich geantwortet und bekam eines Tages vom Papa einen Brief, in dem er mir geschrieben hat: Robby, du sollst nicht immer die Eva für ihre Aufsätze so loben, sie glaubt womöglich auch noch, sie wird Schriftstellerin.

Eva Menasse: Die Geschichte kenn ich gar nicht.

Robert Menasse: Ja, er hat sich Sorgen gemacht. Er hat sich überhaupt nicht vorstellen können, dass man von der Arbeit als Schriftsteller leben kann. Und er hat Panik gehabt, dass wir in der Gosse landen.

Eva Menasse: Genau. Brotlose Kunst.

SPIEGEL: Sie wollten ihm kein zweites Schriftstellerkind zumuten und sind zunächst Journalistin geworden.

Eva Menasse: Ja, Journalistin, das war in unserer Familie, die auch von im Kaffeehaus sitzenden, zeitungslesenden Juden geprägt war, ein extrem angesehener Beruf. Eines der Bilder meiner Kindheit ist: unser Vater, der abends im Bett liegt mit weißen Baumwollhandschuhen und die "Variety" liest. Er war ja in der Filmwirtschaft. Und die "Variety" kam aus Los Angeles mit der Post, und die Druckerschwärze färbte so wahnsinnig ab, und dann hat er sich immer diese Handschuhe angezogen und die "Variety" gelesen. Er hat eigentlich immer Zeitung gelesen. Und eine Visitenkarte mit einer Zeitungsredaktion drauf und dem Namen seiner Tochter, das hat ihm sehr gut gefallen. Sein Schock ist dann gekommen, als ich ihm gesagt habe: Du, ich habe einen Roman begonnen und werde jetzt bei der Zeitung kündigen. Da hat er den schönen Satz gesagt, den er bis heute im Scherz gern wiederholt: drei Kinder, zwei Schriftsteller! Womit hab ich das verdient?

SPIEGEL: Wie war das, als der große Bruder aus Brasilien zurückgekehrt war?

Eva Menasse: Er war sehr wichtig für mich. Ich hab mir eigentlich nur ein Auto gekauft, weil Robert dieses Haus im Waldviertel hat, von seiner Mutterseite her, und ich da so gern war. Und dann hast du mal zu mir gesagt: Du kannst jederzeit kommen. Daraufhin hab ich mir ein Auto gekauft. Weil ich jedes Wochenende zu ihm und seiner Frau Sissy und meiner kleinen Nichte ins Waldviertel gefahren bin. So habe ich das Jahrzehnt zwischen zwanzig und dreißig in Wien verbracht.

Robert Menasse: Wenn ich im Waldviertler Haus war, während du da geschrieben hast, war das für mich immer sehr anregend. Denn ich neige ja zur Faulheit. Ich bin der Typus Schriftsteller, der deswegen Schriftsteller wurde, weil das ein Beruf ist, wo man nicht viel schreiben muss. Ich bin mehr der Träumer. Ich sitze gern in einem bequemen Sessel, die Beine hochgelagert, am Beistelltisch ein Glas Wein, eine gute Zigarette, und dann kann ich stundenlang so vor mich hin sinnieren und träumen. Und so nach und nach denk ich mir: Das musst du jetzt aber langsam aufschreiben. Und wenn die Eva da war, die immer geschrieben hat, habe ich mir gesagt: Na geh, wenn wir nachher miteinander Abendessen und sie mich fragt: Was hast du heute geschrieben¿...? Da hab ich mich dann immer viel schneller an den Schreibtisch gesetzt.

SPIEGEL: Wie gemeinschaftlich ging denn eigentlich die Erforschung der Familiengeschichte, die Sie, Frau Menasse, in "Vienna" verarbeitet haben, vonstatten? Dazu gehört ja auch zunächst die Entdeckung, dass Ihr gemeinsamer Vater aufgrund seiner jüdischen Herkunft 1938 Österreich verlassen musste. Also, dass Sie beide jüdischer Herkunft sind. Und dann später die Erkenntnis: Ja, aber Juden sind wir auch nicht ganz. Denn Ihre beiden Mütter sind keine Jüdinnen.

Robert Menasse: Wir sind Feuilleton- und Kulturjuden.

Geschwister Menasse in Wien um 1972: "Luftpost aus São Paulo"
Privat

Geschwister Menasse in Wien um 1972: "Luftpost aus São Paulo"

SPIEGEL: Wie fand diese Entdeckung statt?

Eva Menasse: Ich wollte einfach ein paar Sachen genauer wissen, von denen ich den berechtigten Verdacht hatte, dass das alles nur lustige Anekdoten sind und dass gar nicht alles so stimmt, wie es in der Familie immer erzählt worden ist.

Robert Menasse: Wenn erzählt worden ist.

Eva Menasse: Ja. Es sind ja immer nur die guten, erfolgreichen Geschichten erzählt worden. Wie zum Beispiel: Der Papa spricht perfekt Englisch. Und der Papa war ein großer Fußballspieler. Aber der Rest ist in meiner Kindheit - da warst ja du nicht dabei - unterschlagen worden.

Robert Menasse: In meiner auch.

Eva Menasse: Also das Traurige und das Tragische daran, das habe ich selbst entdecken müssen. Und deswegen hat es mich dann wahrscheinlich auch so getroffen. Vor allem die eine Geschichte, die aus meinem Kopf nicht mehr rausgehen wird für den Rest meines Lebens: wie ich zum ersten Mal verstanden habe, dass es diesen Abschied gegeben haben muss von dem Kind, unserem Vater, als er acht war, in dem Bahnhof. Das ist die Gründungsgeschichte meines literarischen Schreibens.

Robert Menasse: Es gab auch viele Geschichten - zumindest in meiner Kindheit war das so -, auf die war man stolz. Zum Beispiel dass der Onkel Kurt, der war alt genug, in die British Army eintreten konnte und sozusagen mit der Waffe in der Hand als Befreier zurückgekommen ist. Das ist eine Heldengeschichte. Da waren wir alle sehr, sehr stolz.

Eva Menasse: Genau. Und die Hauptheldengeschichte ist, dass sie nach 1945 zurück in die arisierte Wohnung gegangen sind. Mein Onkel in der britischen Uniform hat zu seinem Vater, also unserem Großvater, gesagt: Komm, jetzt gehen wir noch mal in die Wohnung. Der Großvater wollte nicht. Aber der Onkel Kurt hat darauf bestanden und ist mit dem Großvater, der ängstlich hinter ihm hergetrottet ist, dahingegangen. Er hat geklingelt und gesagt: Ich möchte die Wohnung noch mal sehen. Und der Nazi, der da immer noch drin gewohnt hat, ist natürlich zusammengebrochen, innerlich, weil er geglaubt hat, jetzt fliegt er raus. Und Onkel Kurt ist nur einmal durchgegangen, hat sich alles in Ruhe angeschaut und hat gesagt: "Wiedersehen. Schönen Tag noch." Und das hat ihm etwas gegeben, dem Onkel Kurt. Dass er klargemacht hat: Wir sind wieder da. Wir haben gewonnen. Wir sind nicht im KZ umgebracht worden, und wir sind sogar so großmütig, dass wir Ihnen die Wohnung lassen. Aber wissen sollen Sie's. Der neue Bewohner, Rainer hieß der, war ein Spieler aus dem österreichischen Wunderteam.

Robert Menasse: Er war Rechtsaußen bei der Vienna. Und als unser Vater zurückkam aus England, hat er bei der Vienna Fußball gespielt und hat den dann aus der Mannschaft verdrängt.

Eva Menasse: Nein, nein, der Rainer war schon viel zu alt.

SPIEGEL: Wir glauben gern die Version Ihres Bruders. Die ist doch sehr poetisch.

Eva Menasse: Nein, der war Wunderteam-Spieler in den Dreißigerjahren. Unser Vater hat in den Fünfzigern gespielt. Das stimmt nicht, Robert. Frag den Papa.

Robert Menasse: Also mir gefällt die Geschichte wesentlich besser in meiner Version. Ich hab die so im Ohr¿...

Eva Menasse: Ja. Das ist typisch. Ich bin immer die, die sagt, nein, so war es nicht¿...

Robert Menasse: Wir sind da oft nicht einer Meinung, weil sie so ein journalistisches Reinheitsgebot hat.

Eva Menasse: Ich bin für die Fakten.

Robert Menasse: Wir haben immer wieder Auseinandersetzungen, was die Familiengeschichte betrifft. Auch die weiter zurückreichende.

SPIEGEL: Hat Ihr Buch das Familiengespräch verändert?

Eva Menasse: Wenn man sich bei Familientreffen über irgendwas nicht einigen kann, sagt immer irgendeiner: Na, schaut's nach bei der Eva im Buch. Und ich sag dann immer: Leute, das ist ein Roman. Das ist nix zum Nachschlagen. Aber so wie es im Buch steht, muss es dann gewesen sein. Das ist auch eine typische Haltung für unsere Familie, mit Geschichten umzugehen. Da sind die schon entspannt.

SPIEGEL: Die Frage, ob Sie jüdisch sind oder nicht, war die für Sie nie so problematisch wie für Ihre Schwester, Herr Menasse?

Robert Menasse: Es wäre nicht problematisch gewesen, wenn ich nicht in so einer radikal katholischen Schule gewesen wäre.

Eva, Robert Menasse beim SPIEGEL-Gespräch (mit Redakteur Volker Weidermann in Berlin): "So ein journalistisches Reinheitsgebot"
Steffen Jänicke / DER SPIEGEL

Eva, Robert Menasse beim SPIEGEL-Gespräch (mit Redakteur Volker Weidermann in Berlin): "So ein journalistisches Reinheitsgebot"

SPIEGEL: Wie sah das konkret aus?

Robert Menasse: Also, mein Vater ist Jude, meine Mutter ist ohne religiöses Bekenntnis, politische Anarchistin. Ich bin weder getauft noch in der jüdischen Gemeinde registriert.

Eva Menasse: Die uns mit unseren nicht jüdischen Müttern auch nicht nehmen würde...

Robert Menasse: Jedenfalls war ich freigestellt vom Religionsunterricht in dieser katholischen Schule. Und da musste ich immer rausgehen, im Gang stehen und habe mich zu Tode gelangweilt. Da habe ich gesagt: Ich möchte lieber drinnen bleiben und zuhören. Und dann hat der katholische Religionslehrer plötzlich geglaubt, ich bin eine zu rettende Seele. Und ab dem Moment hat er sich besonders um mich gekümmert. Der hat ununterbrochen auf mich eingeredet. Dann ist mir das zu viel geworden, und ich wollte doch lieber wieder draußen stehen.

Eva Menasse: Dadurch warst du markiert.

Robert Menasse: Ja, es kam also der Moment, in dem er gemerkt hat, ich lass mich nicht taufen, und da hat er schroff zu mir gesagt: "Menasse Christusmörder!" Ich habe ihn fassungslos angeschaut, und er hat gesagt: Ja, einer der Hohepriester, die Jesus zum Tode verurteilt haben, ein besonders scharfer, der hieß Menasse. Und hat mit dem Zeigefinger so auf mich hingetupft und gesagt: Christusmörder! Und das hat mich in einer Weise schockiert, da ist mir zum ersten Mal klar geworden, dass das ein kleiner Rucksack ist, den ich trage. Später habe ich damit kein Problem mehr gehabt. Im Gegenteil. Ich habe mir gedacht: So eine Herkunft ist auch eine Impfung. Man ist sensibel für bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen.

Eva Menasse: Also mich hat es eine Zeit lang schon sehr irritiert. Diese Frage, was man jetzt ist. Wo man dazugehört. Erst hat man mir die jüdische Herkunft des Vaters verschwiegen. Und dann habe ich ihn kaum in Händen gehabt, diesen Fetzen Identität, schon ist er mir wieder miesgemacht worden von jüdischen Freunden, die gesagt haben: Jetzt komm, bei so vielen nicht jüdischen Ehefrauen, da muss man gar nicht drüber nachdenken. Da bin ich ärgerlich geworden, weil ich gedacht habe: Moment, ich habe jetzt gerade verstanden, was für eine leidvolle Kindheit mein Vater gehabt hat, und jetzt will man mir das schon wieder wegnehmen. Das hat mich in meinen Zwanzigern massiv irritiert. Inzwischen reagiere ich ganz genervt, wenn mir diese Frage gestellt wird. Ich lasse mir keine Fragen mehr zu meiner Identität stellen und habe mir vorgenommen, in Zukunft zu sagen: Ja, danke, stellen Sie sich vor, ich habe eine.

Robert Menasse: Das ist komisch, das war bei mir nicht so.

Eva Menasse: Ich habe oft das Gefühl gehabt, ich muss mich rechtfertigen.

Robert Menasse: Ich bilde mir ein, dass ich sehr früh damit zufrieden war, keine ethnische oder religiöse oder sonst irgendwie aufgesetzte Identität zu haben. Sondern dass ich mir das aussuchen kann. Und dass ich lieber in einer Republik der Dichtung leben möchte. Sozusagen.

Eva Menasse: Mir hat geholfen, nach Deutschland zu gehen. Hier war ich vor allem die Österreicherin, und das hat die ganzen anderen Fragen in den Hintergrund gedrängt.

Robert Menasse: Das ist lustig.

Eva Menasse: Das meine ich ernst.

Robert Menasse: Ja, du meinst es ernst, aber es ist trotzdem lustig. Österreicherin!

Eva Menasse: Ich habe immer noch das Gefühl, dass ich in Deutschland freier bin. In Österreich fühle ich mich immer bedrückt, durchleuchtet, komisch angeschaut. Das ist möglicherweise auch eine Paranoia von mir.

Robert Menasse: Aber es hat auch etwas mit zu Hause sein und Heimat zu tun, und da bin ich wie der Opa. Der Opa hat es geliebt, in ein Kaffeehaus hineinzugehen, und der Oberkellner hat gesagt: Grüß Sie, Herr Menasse...

Eva Menasse: ...Kleiner Brauner, wie immer.

Robert Menasse: Und ich mag das auch gern.

Eva Menasse: Ich mag das auch gern, aber ich mag es lieber in Berlin. In Wien wissen auch immer alle alles über unsere Familie. Wir sind bunte Hunde. Die glauben alle, sie wissen schon was über mich, obwohl sie mich noch gar nicht kennengelernt haben. In Berlin ist das nicht so. In Berlin mach ich den Mund auf, und sie sagen: Ach, Sie sind aus Österreich. Wie nett.

Robert Menasse: Ich versteh es sehr gut. Aber ich lebe wahnsinnig gern in Wien.

SPIEGEL: Auch jetzt unter der neuen schwarz-blauen Regierung?

Robert Menasse: Als Österreich die erste schwarz-blaue Regierung hatte, im Jahr 2000, habe ich gesagt, dass man, wenn es die EU nicht gäbe, eigentlich wieder für den Anschluss Österreichs an Deutschland sein müsste, aber diesmal aus antifaschistischen Gründen. Da ist es mir dann eine Zeit lang in Österreich schlecht gegangen. Da war ich froh, dass ich die Wohnung in Amsterdam hatte.

SPIEGEL: Es wirkt noch beunruhigender. Weil es so ein schleichender Gewöhnungsprozess zu sein scheint.

Robert Menasse: Man konnte 2000 wirklich entrüstet sein durch diesen legalen Putsch, der stattgefunden hat. Wolfgang Schüssel war Dritter nach der Wahl und hat sich mithilfe von Jörg Haider zum Kanzler gemacht und die Freiheitlichen in die Regierung geholt. Während jetzt die beiden Parteien, die die Wahl gewonnen haben, gemeinsam eine Koalition bilden, müssen wir das als demokratische Normalität anerkennen und abwarten, was sie machen. Und das dann kritisieren. Und der zweite große Unterschied ist: Jörg Haider war ein politischer Abenteurer. Der H.¿C. Strache ist das nicht. Der ist ein ideologisch gefestigter Rechter, der war schon rechts, als der Zeitgeist noch lange nicht rechts war, und jetzt erntet er. Das heißt aber, dass er auch berechenbarer ist. Aber das entbindet uns nicht, das zu kritisieren, was mit hundertprozentiger Sicherheit extrem kritikwürdig werden wird.

SPIEGEL: Und Sie, Frau Menasse, betrachten das alles aus großer Ferne?

Eva Menasse: Ich ziehe aus alldem eine Kraft. Aus dem Fremdsein. Fremdbleiben. Ich bin einfach keine Deutsche. Ich bin schon gar keine Berlinerin. Aber ich bin schon so lange da, dass mir alles irgendwie vertraut ist. Und ich mag das gern.

SPIEGEL: Wie oft kommt die Menasse-Familie noch zusammen? An Weihnachten zum Beispiel?

Robert Menasse: Weihnukka.

SPIEGEL: Wie feiern Sie das?

Robert Menasse: Alle Menasses, die noch leben und die woanders leben und bereit sind anzureisen, die treffen sich dann zum gemeinsamen Abendessen.

Eva Menasse: Und der Robert kocht.

Robert Menasse: Und ich koche, und dann werden Geschichten erzählt. Viele zum hundertsten Mal, aber jedes Mal wieder eine Spur besser.

Eva Menasse: Und ich korrigiere sie.

Robert Menasse: Und ich übertreibe sie, damit sie wahr werden. Exemplarisch.

SPIEGEL: Frau Menasse, Herr Menasse, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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