AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2018

Ewald Lienen über Per Mertesackers Bekenntnisse "Die Spieler werden ausgelutscht"

Per Mertesacker hat den gewaltigen Druck im Profifußball offengelegt. Nun nennt sein langjähriger Trainer Ewald Lienen Gründe, warum die Bundesliga krank macht.

Hannover-96-Trainer Lienen, Profifußballer Mertesacker im Dezember 2004: "Hätte er mit dem aufhören sollen, was er auch liebt?"
Team 2 Sportphoto / Ullstein Bild - Team 2

Hannover-96-Trainer Lienen, Profifußballer Mertesacker im Dezember 2004: "Hätte er mit dem aufhören sollen, was er auch liebt?"

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SPIEGEL: Herr Lienen, Per Mertesacker hat im SPIEGEL gesagt, sobald er vor 15 Jahren Profifußballer geworden sei, sei es "null mehr um Spaß" gegangen. Sie waren in Hannover einer seiner ersten Trainer, müssen Sie Ihren Spielern den Spaß nehmen?

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Heft 12/2018
Der Giftanschlag und der neue Kalte Krieg

Lienen: Als Trainer haben wir es mit vielen Spielern zu tun, natürlich können wir nicht bei jedem einen Eindruck bekommen, wie sie sich fühlen. Per ist bei mir Stammspieler und Nationalspieler geworden. Eine hohe Anspannung schließt ja Glücksmomente nicht aus. Ich bin mir sicher, dass er auch Spaß beim Fußballspiel hatte.

SPIEGEL: Haben Sie seine Offenbarung trotzdem verstehen können?

Lienen: Natürlich, aber wir dürfen nicht den Fehler begehen zu generalisieren, zu glauben, dass alle Menschen gleich unter dem Druck leiden. Die einen brauchen ihn, um Höchstleistungen zu bringen, andere bekommen dadurch Angst. Das macht es für uns Trainer als Führungskräfte so schwierig. Und wir dürfen das Thema nicht allein auf den Fußball beziehen. Druck herrscht überall. Wir müssen heutzutage überall abliefern. In jedem Beruf.

SPIEGEL: Wie kann man die Folgen mildern?

Lienen: Indem wir die Achtsamkeit erhöhen. Wir kennen genügend Methoden, wie wir die emotionale Lage von Mitarbeitern erkennen, sie werden nur viel zu selten angewendet. Auch im Fußball bemühen wir uns viel zu wenig, völlig wertfrei herauszufinden, wie die Spieler eigentlich ticken. Es reicht nicht aus, im Training nur die physische Seite zu verbessern.

SPIEGEL: Wenn es das Handwerkszeug gibt, warum kommt dann so selten heraus, dass Spieler überfordert sind?

Lienen: Im Tagesgeschäft geht vieles unter. Fußballer müssen ja jeden dritten Tag abliefern. Und wir haben gelernt, im Fall Mertesacker und bei Robert Enke, dass sie vieles dafür tun, ihre wahren Empfindungen zu verbergen. Auch aus der Angst heraus, nicht mehr aufgestellt zu werden. Das führt dann dazu, dass man als Trainer zu viel verlangt, ohne es zu wissen.

SPIEGEL: Ist Fußball so attraktiv, auch finanziell, dass Spieler alles dafür tun, ihre Karriere fortzusetzen?

Lienen: Das könnte man so sehen. Es gibt aber auch andere Berufe mit hoher, auch finanzieller, Attraktivität: Musiker zum Beispiel oder Rennfahrer. Aber was wir generell unterschätzen, ist die Tatsache, dass oftmals der Respekt verloren geht, indem bei der Bewertung einer Leistung auch der Mensch getroffen wird. Es wird in diesem Geschäft zu oft vergessen, dass es Menschen sind, die diesen Sport betreiben und die auch im Misserfolg jeglichen Respekt verdient haben.

SPIEGEL: Gibt es Spieler, die psychisch für Profifußball nicht geeignet sind?

Lienen: Ich selbst habe sie nicht erlebt. Wenn man sich bemüht, kann man jeden talentierten Spieler auflaufen lassen. Es gibt auf der anderen Seite genügend Beispiele für das Gegenteil. Es gibt viele Spieler, die bekommen gesagt, sie hätten nicht das technische Rüstzeug für den Profifußball. Und dann spielen sie dort 15 Jahre lang. Mit ihrem Durchsetzungsvermögen, ihrer Einsatzbereitschaft und Mentalität machen sie ihre Defizite wett.

SPIEGEL: Sie sind über 40 Jahre im Profisport. Was hat sich verändert?

Lienen: Die Beachtung in der Öffentlichkeit hat sich eklatant vergrößert. Als ich Profi war, gab es noch Spiele ohne Kameras, da fuhren vielleicht ein paar Journalisten der Boulevardpresse oder vom Lokalblatt zu Auswärtsspielen mit. Heute verfolgt ein großer Tross von Kameras und Journalisten jeden Schritt. Und die Spieler halten sich die Hand vor den Mund, wenn sie sich unterhalten wollen, damit Lippenleser nicht enthüllen, was sie sagen.

SPIEGEL: Tragen nur die Medien Schuld?

Lienen: Nicht nur. Wir haben es geschafft, das Produkt auszuweiten, um möglichst viel Geld herauszupressen. Und das wird auf dem Rücken der Spieler ausgetragen. Die müssen jetzt bisweilen über 60 Pflichtspiele pro Saison austragen, sie werden ausgelutscht. Dieser Raubbau an der mentalen Kraft der Spieler ist unverantwortlich. Durch die Turniere im Sommer wird ihnen zusätzlich die Möglichkeit genommen zu regenerieren.

SPIEGEL: Anders als Spieler werden erfolglose Trainer gleich rausgeschmissen. Wie gehen die mit dem Versagensdruck um?

Lienen: Ich kann nicht für alle Trainer sprechen. Aber man darf ja nicht nur die hohe Belastung im Stadion sehen. Am Job der Trainer hängen ja meist Familien. Die müssen beim Rauswurf umziehen, ihre Kinder die Schule wechseln, sie verlieren den Kontakt zu ihren Freunden. Ich konnte mit dem Druck des Publikums immer ganz gut umgehen. Aber meine Familie auf der Tribüne, die hat gelitten, weil sie nur zugucken, hoffen und beten konnte.

SPIEGEL: Wie können sich Trainer wehren?

Lienen: Ich hatte es in Spanien einmal mit einem Journalisten zu tun, der sehr aggressiv und respektlos in seinen Bewertungen war. So wie auch heute Trainern oft die Frage gestellt wird, ob sie daran glauben, in der kommenden Woche noch Trainer des Klubs zu sein. Den besagten Journalisten traf ich kurze Zeit später zufällig auf dem Flughafen und habe ihn umgekehrt einmal gefragt, was denn in seiner Zeitung los sei, sein Chefredakteur habe mir davon berichtet, dass er darüber nachdenke, ihn auf seinem Posten auszuwechseln. Da wurde der Reporter aschfahl - er konnte sich nicht beruhigen, bis ich ihn darüber aufgeklärt habe, dass ich mir die Geschichte ausgedacht hatte.

SPIEGEL: Gtoku Sakai, Spieler des Hamburger SV, hat nach der 0:6-Niederlage bei Bayern München gesagt, seine Mannschaft habe "nicht männlich" genug gespielt. Spielt dieses Machogehabe immer noch eine Rolle im Fußball?

Lienen: Ein aggressives Zweikampfverhalten, das Sakai sicherlich gemeint hat, hat nichts mit Machogehabe zu tun. Noch mal: Eine respektlose Beurteilung von Menschen, denen man eine schlechte Leistung vorwirft, gibt es überall. Ich sehe aber einen bedeutenden Unterschied zu anderen Tätigkeiten, die nicht vor Publikum stattfinden: Sie können Ihren Artikel zu Hause schreiben. Sie sitzen nicht im Stadion, und es sehen nicht sofort Zehntausende, wenn Sie sich mal verschreiben. Da beginnt niemand zu pfeifen und zu schreien: Ludwig raus, Ludwig raus.

SPIEGEL: Da unterschätzen Sie die Strahlkraft meiner Vorgesetzten.

Lienen: Aber hinter Ihnen steht niemand und möchte Ihnen den Stift wegnehmen, mit dem Sie gerade schreiben. Das zeichnet den Fußball aus. Dort müssen die Spieler ihre Leistung gegen den Widerstand des Gegners durchsetzen. Es gibt einen Wettkampf um jeden Ball, nur einer von beiden kann gewinnen. Das gibt es in der Tat nur in Sportarten wie Fußball, auch die Musiker auf der Bühne haben neben sich keine Band, die ihnen die Instrumente wegnehmen will.

SPIEGEL: Halten Sie die Wucht der Menschenmasse auf der Tribüne für die größte Belastung?

Lienen: Sie haben mich nicht richtig verstanden. Es gibt Menschen, denen macht ein volles Stadion nichts aus. Deswegen greift ja auch der Einwand von Lothar Matthäus nicht, der Per Mertesacker wegen seiner Äußerungen kritisiert hat. Der äußerere Druck wird von jeder Person anders wahrgenommen und verarbeitet.

SPIEGEL: Matthäus meinte auch, Mertesacker hätte ja aufhören können, Fußball zu spielen.

Lienen: Hätte er mit dem aufhören sollen, was er auch liebt? Es gibt ja auch die Siege, die schönen Erlebnisse, die unglaublichen Momente. Und er konnte damit seine Familie ernähren. Bruce Springsteen litt unter ähnlichen Symptomen, und er hat trotzdem immer weitergemacht, weil er die Musik liebt.

SPIEGEL: In Hamburg hing vergangenen Samstag ein Banner am Trainingsplatz des HSV, auf dem stand: "Eure Zeit ist abgelaufen! Wir kriegen euch alle!" Daneben standen Kreuze. Kann man unter einer solchen Androhung Fußball spielen?

Lienen: Das ist unterirdisch, eine Ausnahmesituation, sie ist kriminell. Ich hoffe nicht, dass es wirklich zu einer körperlichen Bedrohung kommt. Und man muss auch eines sehen: Die Spieler des HSV verlieren, selbst wenn sie absteigen, nicht ihre Existenz. Der Druck auf einen Arbeiter, dem die Entlassung droht, ist ungleich größer.

SPIEGEL: Nach den Mertesacker-Aussagen lautete ein Vorschlag, man brauchte eine #Me-Too-Debatte im Fußball, um über Angst und Anspannung zu reden. Eine gute Idee?

Lienen: Es war eine sehr mutige Entscheidung von Per, seine persönliche Situation öffentlich zu schildern. Wir haben nun eine große Chance, etwas zu verändern. Es ist ein verdienstvoller Anstoß, da die Hemmschwelle nun niedriger geworden ist, über das Thema zu reden. Aber das kann nur der Anfang sein.

SPIEGEL: Wovon?

Lienen: Vom Mut zu sagen: Ich suche die Hilfe eines Psychologen, so wie es in den USA alltäglich ist. Eigentlich sollte das auch hier so normal sein, wie man zum Zahnarzt geht. Die Menschen müssen begreifen, dass psychische Belastungen oder mentale Schwächen zum Menschen gehören. Wir tun immer noch so, als wäre es ein Makel. Das gilt für das Wirtschaftsleben, aber eben auch für den Fußball. Normal ist es erst, wenn solche Geschichten wie die von Per nicht mehr an der großen Glocke hängen.



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