AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2018

Maik Franz klagt gegen Hertha-Vize Wie Deutschlands härtester Fußballer sein Geld verlor

Als Verteidiger war Maik Franz eine Legende, doch finanziell lief es nicht so gut: Der Vizepräsident von Hertha BSC soll ihn und andere Profis hintergangen haben. Stimmt das?

Fußballprofi Franz 2013
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Fußballprofi Franz 2013

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Landgericht Berlin, Saal 128: Das Spielfeld hat diesmal keinen Rasen, nur einen grünen Linoleumboden, zwei Stahlrohrtische, einen für den Kläger, einen für den Beklagten, und bevor es losgeht, liegt über dem Platz eine gespannte Ruhe, dass man das Rascheln der Akten hören kann.

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Heft 8/2018
Die Schwäche der Volksparteien - die schwache Republik

Schwer, sich hier das Keuchen, Schwitzen, Brüllen, Fluchen vorzustellen, und trotzdem hat der Termin am Dienstag dieser Woche viel von einem Fußballmatch. Einem Regenspiel im November, mit Grätschen, die auf die Knochen gehen, Morast, der hochspritzt, Flecken, die hinterher nur schwer wieder rausgehen. Eine Schlammschlacht.

Es klagt: Maik Franz, 36, Ex-Profi, gegen Thorsten Manske, 53, im Ehrenamt Vizepräsident von Hertha BSC. Den Streitwert machen mehr als 600.000 Euro aus, die der Spieler mit riskanten Geldanlagen verloren haben will. Manske, früher mal sein Steueranwalt, soll ihn in Schrottpapiere hineingetrieben haben. Was der Fußballer nicht wusste: dass Manske ständig Provisionen kassiert hat. Von dem Finanzmakler, der die Risikofonds anbot. Der Kicker will die Verluste ersetzt haben. Es geht um Geld und Ehre, um die von Manske, aber auch um die eines Ex-Profis, der sich schon auf dem Rasen nichts gefallen ließ.

Denn dass Maik Franz die Sache beinhart durchziehen würde, muss keinen wundern. Franz spielte von 2001 bis 2014 für Wolfsburg, Karlsruhe, Frankfurt, Hertha, er war dafür berüchtigt, dass er auf dem Rasen durch-, nie zurückzog. Spitzname "Iron Maik". So eisern, dass Stuttgart-Stürmer Mario Gomez nach einer Partie in die Kamera blaffte: "dieses Arschloch". "Bild" kürte Franz zum "meistgehassten Spieler der Liga"; unter einem Kultvideo im Netz ist der erste Kommentar: "Größter Wichser aller Zeiten", der vierte: "Geilster Spieler aller Zeiten". Drei Ausrufezeichen.

Franz 2011
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Franz 2011

Privat, da sind sich alle einig, ist der Sohn einer Lehrerin ein ganz Lieber. Gute Erziehung, ordentliche Manieren, kann ganze Sätze, ohne hinten zu vergessen, was er vorn sagen wollte. Auf dem Platz kämpfte er aber verbissen wie ein Pitbull, und nach dem Karriereende 2015 ist sein Platz nun ein Gerichtssaal, sein Gegner ein Mann, dem er mal vertraut hat. So wie es aussieht, könnte es durchaus auch damit enden, dass der Hertha-Vize vom Platz getragen werden muss.

Dafür spricht erstens: Franz ist nicht der Einzige, der sich von Manske hereingelegt fühlt. Noch ein zweiter Ex-Profi klagt; die Sache hatte womöglich System. Der Anwalt der beiden Spieler, der frühere DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel, spricht von mehr als zehn Fällen, darunter "Fußballer der Nationalmannschaft, Fußballer, die jeder kennt".

Und zweitens: Im Team der Kicker steht offenbar einer, der mit Manske früher auf der anderen Seite spielte. Jener Finanzmakler, der den Profis die Investments vermittelt hat - Stefan A. Jetzt bietet Maik Franz ihn als wichtigsten Zeugen auf. Der Makler werde dem Gericht gern bestätigen, dass er immer wieder Vermittlungsprämien gezahlt habe, an Manske, als Belohnung dafür, dass der Anwalt die Geldanlagen wärmstens empfohlen habe.

Allerdings war Manske wohl nicht der Einzige, der solche Prämien bekam. Das Netz scheint bei einem König der Spielerberaterszene zusammenzulaufen: Jörg Neubauer. Von dem Berliner ließen sich schon Superstars wie die Weltmeister Jérôme Boateng und Sami Khedira betreuen. Auch Maik Franz war sein Spieler. Und weil der nun seinen Steueranwalt Manske vor Gericht zieht, wehrt Manske sich mit einer pikanten Behauptung: Der Spielerberater Neubauer habe von den Provisionen noch mehr abgebissen als er selbst.

Hertha-Vizepräsident Manske
picture alliance / City-Press

Hertha-Vizepräsident Manske

Die Fußballer und das liebe Geld: Es gab immer schon Profis, die konnten nur bis 35 rechnen, mit 35 war ihre Karriere zu Ende, das Geld weg. Gerade mal 15 Prozent haben eine Ausbildung, schätzt die Spielergewerkschaft VDV, zwei von drei Profis machen sich keine Gedanken, wie es nach dem Fußball weitergeht. Nationaltorwart Eike Immel, Weltmeister "Icke" Häßler, Torschützenkönig Ailton landeten im RTL-Dschungelcamp. Aus Helden der Südtribüne wurden Härtefälle des Sozialamts; auf dem Platz konnten sie mit den Beinen alles, im Leben danach bekamen sie kein Bein mehr auf die Erde.

So einer ist Maik Franz nicht. Er arbeitet heute als Assistent der Geschäftsführung beim 1. FC Magdeburg; schon als Spieler war ihm klar, dass das Fußballerleben endlich ist und das Leben danach noch elend lang werden kann. Franz wollte vorsorgen, aussorgen, und das rechtzeitig. In seiner Klage heißt es, er habe sein Geld sicher anlegen wollen. Hochspekulative Investments hätten ihn nicht interessiert.

Allerdings ging es ihm wie vielen Fußballern. Sie verdienen Irrsinnssummen, das Geld rauscht nur so auf ihr Konto, kümmern sollen sich andere. Gefragt sind "heiße Tipps" und irgendwas gegen die Steuern. Das macht die Spieler anfällig für Anlageberater, die Risikopapiere an den Mann bringen und dafür hohe Provisionen kassieren. Solche Leute sind gern auf der Jagd nach dem "stupid money", das sich leicht einsammeln lässt, mit blumigen Versprechen von tollen Renditen und hohen Abschreibungen.

Besonders gut läuft ihr Geschäft, wenn sie Vertraute der Spieler auf ihrer Seite haben: einen Klubmanager zum Beispiel, einen Spielerberater oder, wie Franz behauptet, den Steueranwalt. Ulf Baranowsky, VDV-Geschäftsführer, kennt mehrere Fälle, in denen Spielerberater heimlich Prämien dafür kassiert haben, dass sie ihre Schützlinge in windige Geldanlagen trieben.

Im April 2008, später noch mal im Dezember 2008 kaufte Maik Franz Schiffsbeteiligungen für insgesamt 350.000 Euro, über Stefan A. Dazwischen ging die Lehman-Bank pleite, die Weltwirtschaft kippelte am Abgrund, Anlageexperten mussten eigentlich längst wittern, dass die Schiffsbranche in eine Jahrhundertkrise hineinlief. In der Klage stehen acht Schiffe, in die Franz investiert hat, jedes eine eigene Firma. Heute sind alle acht pleite. Das Geld ist vermutlich weg.

Wenn stimmt, was Franz in seiner Klage behauptet, dann kam der Tipp für den Schiffsfonds von Manske. Der war mit seiner Kanzlei der Steuerberater von Franz, ein ausgewiesener Finanzexperte. Manske soll die Anlageprospekte gelesen und danach gesagt haben, Franz könne ruhigen Gewissens sein Geld in den Fonds stecken. "Ich habe Herrn Manske vertraut", sagt der Ex-Profi, er habe nicht geahnt, dass Manske dafür eine Prämie von Finanzmakler Stefan A. kassierte. Allerdings floss die wohl nicht direkt an Manske. Die Provision soll zur Tarnung bei Manskes Vater gelandet sein.

Pleiteschiff "Hellespont Challenger"

Pleiteschiff "Hellespont Challenger"

So geht das in der Klage über Seiten, immer nach demselben Muster: Franz investierte über den Makler Stefan A. in eine Ölbohrfirma, in einen Immobilienfonds, in noch mehr Schiffe, angeblich immer mit besten Empfehlungen von Manske. Später zahlte Stefan A. eine Provision, offenbar nicht an Manske selbst, dafür aber an Manskes Vater. Rechnet man alles zusammen, was Makler Stefan A. über die Jahre in Manskes Familienkasse gezahlt haben soll - nicht nur für Geschäfte mit Maik Franz -, dann kommen gut 300.000 Euro zusammen. Der Steueranwalt bestreitet die Höhe der Prämien, wie sie in der Klage stehen. Nicht aber Prämien an sich.

So viel ist sicher: Die Angelegenheit ist hochpeinlich für ihn; mit dem SPIEGEL wollte er darüber nicht sprechen. Ob sie ihm juristisch gefährlich wird, muss sich vor Gericht zeigen. Franz-Anwalt Diestel will ihm sogar die Rechtsanwaltszulassung entziehen lassen. Wenn sich im Verfahren die Vorwürfe bestätigten, sei "dies eine Verletzung anwaltlicher Standesregeln und Sorgfaltspflichten". Es gehe um einen schweren "Treuebruch", um Mandantenverrat. Maik Franz sagt, er sei so "schwer enttäuscht von einem Menschen wie noch nie".

Doch Manske wehrt sich: Schon richtig, dass er mit seiner Kanzlei die Einkommensteuererklärung für Franz gemacht habe, aber keine Vermögensberatung. Er habe Franz deshalb auch nie gesagt, wie er sein Geld anlegen solle. Was sein früherer Klient da erzähle, sei ein Märchen, eine reine Erfindung. So hat er es dem Berliner Landgericht vor dem Termin am Dienstag erklärt, dabei blieb er auch im Gerichtssaal. Nur einer habe den Kicker in Gelddingen beraten - Stefan A., der Finanzmakler.

Aber warum hat Manske dann Prämien kassiert? Wie er zugibt, bekam er von der Vermittlungsprovision, die Stefan A. bei Abschlüssen kassierte, tatsächlich einen festen Prozentteil ab. Manskes Erklärung: 1999 sei der Spielerberater Jörg Neubauer zu ihm gekommen und habe ihn gefragt, ob er jemanden an der Hand habe, der sich gut mit Steuersparanlagen auskenne. Dem habe er seinen Bekannten Stefan A. empfohlen. Offenbar war Neubauer zufrieden. Denn 2005, so Manske, hätten Neubauer und Stefan A. einen Vertrag gemacht. Darin habe Neubauer zugesagt, dem Makler Investoren zu schicken. Spieler zum Beispiel wie Maik Franz.

Maik Franz 2014 vor einem Saal des Arbeitsgerichts Berlin-Brandenburg
DPA

Maik Franz 2014 vor einem Saal des Arbeitsgerichts Berlin-Brandenburg

Die Provision habe er, Manske, sich mit den anderen beiden geteilt: 45 Prozent für Neubauer, 30 für Stefan A., 25 für sich selbst. Er will mitkassiert haben, weil er ganz am Anfang den Kontakt zwischen dem Finanzmakler und dem Spielerberater gemacht habe. Im Laufe der Zeit sei dieser erste Kontakt nicht mehr so ins Gewicht gefallen. Deshalb sei sein Anteil später auch auf 6 Prozent gesunken, der von Stefan A. im Gegenzug auf 49 Prozent gestiegen.

Damit kommt nun auch Neubauer in Erklärungsnot. Hat er hinter dem Rücken seiner Spieler Geschäfte gemacht? Hat er heimlich kassiert, während die Profis glaubten, er denke nur an ihr Bestes, wenn er sie zu Stefan A. schickte? Die Namen Jérôme Boateng und Sami Khedira fallen in diesem Zusammenhang nicht. Dafür aber andere aus seiner Spielerkartei. Neubauer antwortete auf Fragen des SPIEGEL nicht.

Das Gericht ließ Franz am Dienstag die Hoffnung auf einen Sieg. Wenn ihm Manske tatsächlich die Wackelfonds empfohlen habe, sei "die Klage schlüssig". Sonst eben nicht. Alles eine Frage der Beweise, und die sollen nun im Prozess auf den Tisch. Manskes Seite gab sich selbstsicher. Es könne keine Beweise für etwas geben, was nicht stattgefunden habe. Doch umgehend kündigte Franz an, beim nächsten Termin im Mai jede Menge Mails vorzulegen, die keinen Zweifel ließen, dass Manske in seinem und anderen Fällen den Profis zu Katastrophen-Investments geraten habe.

Franz-Anwalt Diestel sieht sich längst in einem größeren Kampf: "Die Profis wurden geschlachtet wie eine Weihnachtsgans", sagt er und prangert "Machenschaften im Profifußball" an, denen "ein Riegel vorgeschoben" werden müsse. Der Prozess sei nur der Anfang. "Das wird noch eine ganze Kette von Verfahren auslösen."

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