AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2017

Ferngutachten zu Donald Trump "Sadistisch, unmoralisch, primitiv"

Amerikanische Psychiater und Psychologen haben den Geisteszustand des US-Präsidenten begutachtet - ihre Ferndiagnosen sind beängstigend.

Donald Trump
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Das Verhalten des Täters zeige charakteristische Merkmale eines Soziopathen, urteilt der Gutachter und Psychiater Lance Dodes. Es handle sich dabei um "eine der schwerwiegendsten aller seelischen Störungen". Soziopathen litten unter einem "Defekt in der grundlegenden Natur ihres Menschseins". Ihre typischen Eigenschaften: "Sadistisch, mitleidlos, grausam, abwertend, unmoralisch, primitiv, kaltschnäuzig, räuberisch, schikanierend, entmenschlichend."

Dodes lässt keinen Zweifel daran, dass er von einem gefährlichen Monstrum spricht. Doch gemeint ist nicht etwa der Attentäter von Las Vegas. Nein, die Rede ist vom amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Dodes' Expertise ist Teil eines Buchs, in dem 27 Fachleute - teils sehr namhafte Psychiater und Psychologen - ihr Urteil über Donald Trump abgeben(*). Der Band ist aus einer Konferenz hervorgegangen, die unter dem Motto "Duty to Warn" (Pflicht zu warnen) an der Uni Yale stattfand.

Entstanden ist ein unheimliches Seelenpanorama. Trump werden ein "hypermanisches Temperament", eine "wahnhafte Loslösung von der Wirklichkeit" und "paranoide Hyperempfindlichkeit" attestiert. Die Autoren unterstellen ihm nicht nur "Gedankenlosigkeit", "Leichtsinn" und "Selbstverherrlichung", sondern auch "Frauenhass", "Boshaftigkeit" und "Bewunderung für Gewaltherrscher".

Sogar vor Vergleichen mit Adolf Hitler schrecken die Fachleute nicht zurück.

Den Leser hinterlässt das Buch fassungslos: Wird das mächtigste Land der Welt wirklich von einem Verrückten regiert? Einem Größenwahnsinnigen, der nicht recht weiß, was er tut? Oder steigert sich hier nur eine Handvoll Psychiater, empört über Trumps irrlichternden Politikstil, in überzogene Horrorfantasien hinein?

Den ethischen Richtlinien ihres Berufsstands zufolge hätten die Autoren ein solches Buch nicht schreiben dürfen. Die sogenannte Goldwater-Regel verbietet es ihnen als Psychiatern, sich über Menschen des öffentlichen Lebens zu äußern. Erlassen wurde diese Vorschrift, nachdem 1964 mehr als tausend Psychiater dem damaligen republikanischen Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater im Rahmen einer Zeitschriftenumfrage bescheinigt hatten, er sei aus psychischen Gründen amtsuntauglich.

Goldwater verlor die Wahl, vor Gericht jedoch obsiegte er: Die Zeitschrift wurde zur Zahlung von Schadensersatz verpflichtet. Der amerikanische Psychiaterbund APA empfand es als Schmach für die Zunft und untersagte seinen Mitgliedern fortan jegliches fachliche Urteil über Politiker, die sie ärztlich nicht untersucht haben.

Die Autoren des Buchs begehren jetzt gegen dieses Schweigegebot auf. Im Fall Trump sei das Gefühl weit verbreitet, dass mit ihm psychisch irgendetwas nicht stimmt. Da sei es geradezu die Pflicht der Psychiater, den Menschen mit ihrer Expertise Erklärungshilfen anzubieten.

"Eine der seltsamsten Erfahrungen in meiner Karriere als Psychiaterin war es, festzustellen, dass die einzigen Leute, die nicht über einen Gegenstand sprechen dürfen, diejenigen sind, die am meisten darüber wissen", klagt Bandy Lee, die Organisatorin der Konferenz an der Universität Yale. Und auch der Psychiater Leonard Glass erklärt: "Wir sind die einzige medizinische Fachdisziplin, für die ein solcher Maulkorb gilt. Niemand stört sich daran, wenn sich ein Kardiologe über den Zusammenbruch von Hillary Clinton oder ein Orthopäde über die Verletzung eines Footballstars äußert."

Indem sich die Buchautoren nun an eine Bewertung von Trumps Persönlichkeit wagen, werden auch die Schwierigkeiten eines solchen Unterfangens offenbar. Die Herausgeber betonen, es könne nur um die Beurteilung von Trumps Verhalten in der Öffentlichkeit gehen, nicht hingegen darum, ihm eine bestimmte Geisteskrankheit zu attestieren.

Trotzdem prasseln die Diagnosen in dem Buch auf Trump nur so ein: Die meisten der selbst ernannten Gutachter favorisieren die "narzisstische Persönlichkeitsstörung", andere gehen noch weiter und glauben, Anzeichen von "bösartigem Narzissmus" zu erkennen. Aber auch die "dissoziale Persönlichkeitsstörung" steht hoch im Kurs. Dodes hält Trump für einen Soziopathen, Michael Tansey aus Chicago bringt die "wahnhafte Störung" als mögliche Diagnose ins Spiel. Und dann gibt es natürlich noch jene, die Trump für aufmerksamkeitsgestört erklären oder bei ihm eine beginnende Demenz zu erkennen glauben.

Kurzum: Alle Autoren sind sich einig, dass Trump irgendwie nicht richtig tickt, und dies auf äußerst beängstigende Weise. Nur: Welcher Natur seine Störung eigentlich ist, das wissen sie auch nicht genau. Es scheint, dass der US-Präsident an mehr als nur einer Geisteskrankheit leidet.

"Eindeutige Diagnosen zu erstellen ist nicht nötig, und es ist auch nicht hilfreich", sagt Psychiater Glass - schon deshalb, weil völlig unklar sei, was eine klare Diagnose eigentlich bedeuten würde. Denn in einem sind sich Glass und seine Kollegen einig: Eine seelische Erkrankung schließt die Ausübung des höchsten Staatsamts nicht automatisch aus.

Zahlreiche US-Präsidenten litten unter Symptomen seelischer Störungen.

Bei einer retrospektiven Analyse kamen Forscher im Jahr 2006 zu dem Schluss, dass rund ein Viertel von 37 betrachteten US-Präsidenten Symptome zeigte, die eine seelische Erkrankung nahelegen. Abraham Lincoln zum Beispiel weinte in der Öffentlichkeit, und Theodore Roosevelt war berühmt für seine manischen Tiraden. Bei John F. Kennedy konnten die Autoren der Studie zwar keinen unmittelbaren Hinweis auf eine seelische Störung finden, doch stand er oft unter dem Einfluss psychoaktiver Medikamente. Alle drei waren zweifellos erfolgreiche Präsidenten.

Bei Trump aber ist es irgendwie anders; und die Autoren mühen sich damit ab zu definieren, worin denn der Unterschied liegen könnte. Immer wieder kommen sie auf die Frage zurück, ob Trump wohl all die Lügen, die er verbreitet, selbst glaubt; ob er ein gerissener Publicityprofi oder ein geistig gestörter Besessener ist; ob er mutwillig Menschen manipuliert oder nur wahnhaften Impulsen folgt. Kurzum: ob Trump verrückt oder bösartig ist.

Eine verbindliche Antwort auf diese Fragen könne sie nicht liefern, sagt die Psychiaterin und Traumaforscherin Judith Herman: "Wahrscheinlich trifft auf Trump beides zu." Aber viel wichtiger: Letztlich komme es darauf gar nicht an. Entscheidend sei, wie gefährlich Trump eigentlich ist.

Die US-Verfassung sieht ein Verfahren vor, einen unfähigen Präsidenten des Amtes zu entheben.

Psychiater würden häufig hinzugezogen, wenn es darum gehe zu beurteilen, welche Gefahr von einem Menschen ausgeht, sagt Herman. "Bei der Bewertung greifen wir oft nicht auf ein persönliches Gespräch, sondern allein auf eine Beurteilung beobachtbaren Verhaltens zurück."

Wenn es um solche Gutachten geht, dann hat das Wort von James Gilligan Gewicht. Er ist forensischer Psychiater an der New York University, viele Jahre lang hat er ein Gefängnis für geistig kranke Straftäter geleitet. Er hat Mörder, Vergewaltiger und andere Kriminelle begutachtet. Was er über Trump zu sagen hat, fällt vernichtend aus: "Er ist auf beispiellose und abnorme Weise gefährlich."

Gilligan hat Berichte über Trump durchforstet, um nach Hinweisen auf seine Einstellung zur Gewalt zu suchen. Die Indizien, die er zusammengetragen hat, sind furchterregend:

  • Trump sponserte 1989 eine Kampagne, die das Ziel hatte, fünf Jugendliche in New York hinzurichten. Als dann deren Unschuld bewiesen war, ließ er das einfach nicht gelten.
  • Er prahlte damit, sich Frauen gegenüber jede Art von Übergriffen leisten zu können ("Greif ihnen an die Muschi. Du kannst alles machen").
  • Im Wahlkampf versprach Trump, er werde nicht nur das Waterboarding wieder zulassen, sondern "noch viel weiter gehen".
  • Er forderte seine Anhänger auf Wahlveranstaltungen auf, Protestler zusammenzuschlagen ("Prügelt ihnen die Seele aus dem Leib. Ich zahle den Anwalt. Versprochen").
  • Er rief Waffennarren kaum verhohlen dazu auf, seine Konkurrentin Hillary Clinton zu erschießen.
  • Er erklärte sich selbst für unantastbar ("Ich könnte mitten auf der Fifth Avenue jemanden erschießen, und es würde mich keine einzige Wählerstimme kosten").
  • Er äußerte verschiedentlich Unverständnis darüber, warum man Atomwaffen, wenn man sie schon habe, nicht auch nutzen dürfe.

"Androhung von Gewalt, Prahlerei mit Gewalt, Anstiftung zu Gewalt", resümiert Gilligan. Für ihn gibt es keinen Zweifel: Donald Trump spricht die Sprache eines Diktators.

Theodore Roosevelt (1901 bis 1909): Berühmt für manische Tiraden
AP

Theodore Roosevelt (1901 bis 1909): Berühmt für manische Tiraden

Gilligans Kollege Tansey pflichtet ihm in seinem Buchkapitel bei. Ihn ängstigt vor allem die Bewunderung, die Trump für Gewaltherrscher bekundet hat. Über Saddam Hussein sagte Trump: "Er hat Terroristen getötet. Das hat er so gut gemacht! Sie haben ihnen nicht ihre Rechte vorgelesen. Sie haben nicht geredet. Du warst ein Terrorist, und das war's." Und über Putin verkündete er im Wahlkampf: "In puncto Führung kriegt er ein A, und unser Präsident schneidet nicht so gut ab." Ähnliche Hochachtung wie für Saddam oder Putin, sagt Tansey, habe Trump früheren US-Präsidenten gegenüber nie zum Ausdruck gebracht.

Despoten hätten auf Trump eine große Anziehungskraft, erklärt Tansey, denn ihre absolute Macht sei das, wovon er selbst träume. Er sehne sich nach der bedingungslosen Verehrung seiner Fans und der physischen Vernichtung seiner Gegner, so wie es nur in einer Diktatur möglich ist.

John F. Kennedy (1961 bis 1963): Oft unter dem Einfluss von Psychopillen
AP

John F. Kennedy (1961 bis 1963): Oft unter dem Einfluss von Psychopillen

Das sind massive Vorwürfe. Und Gilligan steigert sie noch, indem er auf das nukleare Inferno verweist, das auszulösen nun einem möglicherweise Geistesgestörten überlassen sei: "Er kann in wenigen Sekunden mehr Menschen töten, als jeder Diktator der Vergangenheit es in seiner gesamten Regierungszeit konnte."

Doch was können die 27 Experten mit ihrer niederschmetternden Analyse erreichen?

Leonard Glass hofft, der Begeisterung der Trump-Anhänger mit seiner Expertise etwas entgegensetzen zu können: "Die Leute glauben, Donald Trump sei ein richtiger Kerl", sagt er. "Sie denken: Der hat Mumm, der hat Geld, der lässt sich von niemandem was sagen." Deshalb sei es wichtig, den Menschen zu erklären, dass all das aufgeblasene Geprahle vermutlich nur Ausdruck einer Ich-Schwäche sei. Wer es nötig habe, sich selbst so maßlos zu preisen, dem mangle es an Selbstwertgefühl.

Abraham Lincoln (1861 bis 1865): Weinen in der Öffentlichkeit
DPA

Abraham Lincoln (1861 bis 1865): Weinen in der Öffentlichkeit

Auch Judith Herman geht es vor allem darum, Augen zu öffnen. Die Gefahr sei groß, dass sich die Menschen an das Verhalten ihres Präsidenten gewöhnten, so lange, bis sie es für normal hielten. "Die Sehnsucht, dass der Kaiser Kleider hat, ist groß", sagt die Traumaforscherin. Auch hofften viele, dass die Verantwortung des Amts Trump mäßigen könne. Herman zufolge aber lehrt die psychiatrische Erfahrung, dass die Verleugnung von krankhaftem Verhalten ein Fehler und die Hoffnung auf Besserung bei einem so sehr in starren Stereotypen gefangenen alten Mann vergebens ist.

Herman hat zusammen mit zwei Kolleginnen eine psychiatrische Überprüfung des Präsidenten angeregt. Das Trio hat genaue Vorstellungen, wie ein solcher Tauglichkeitstest aussehen könnte, und jetzt werben sie unter Politikern dafür.

Tatsächlich sieht die amerikanische Verfassung ein solches Verfahren zumindest theoretisch vor: Dem vierten Absatz des 25. Verfassungszusatzes zufolge können Kabinett und Kongress den Präsidenten seines Amtes entheben, wenn sie ihn für unfähig halten, seinen Aufgaben nachzukommen. Dass es dazu kommen könnte, gilt unter den gegenwärtigen politischen Umständen allerdings als sehr unwahrscheinlich.

Trotzdem wollte die Chicagoer Psychiaterin Prudence Gourguechon genauer wissen, wann ein Präsident eigentlich dienstuntauglich ist. Was, so fragte sie sich, sind denn die Fähigkeiten, die eine Person mit solch extrem hoher Verantwortung aufweisen sollte?

Zu ihrem Erstaunen suchte Gourguechon in der Fachliteratur lange vergebens nach einer klaren Antwort auf ihre Frage. Fündig wurde sie schließlich beim Militär. Das Armeehandbuch über Führungskräfte definiert, solide begründet auf psychologische Forschung und militärische Erfahrung, welche Eigenschaften einen guten Offizier ausmachen.

Vor allem auf fünf Kriterien kommt es demnach an: Vertrauen, Selbstkontrolle, Urteilsvermögen, Selbstreflexion und Empathiefähigkeit.

Treffender lässt sich nicht zusammenfassen, was Trump nicht hat.


* Bandy Lee (Hg.): "The Dangerous Case of Donald Trump". Thomas Dunne Books; 384 Seiten.



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