AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2018

Der Fall Claas Relotius Ein Albtraum

Der Reporter Claas Relotius hat den SPIEGEL mit ganz oder teilweise gefälschten Artikeln in eine schwere Krise gestürzt. Wie konnte es dazu kommen? Neue Details zur Aufdeckung der Affäre.

Der SPIEGEL
Getty Images

Der SPIEGEL

Von Clemens Höges


Ein perfekter Sturm auf dem Meer beginnt meistens, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen: Die Wassertemperatur spielt eine Rolle, die Verteilung von Hoch- und Tiefdruckgebieten, der Jetstream in eisigen Höhen.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 52/2018
In eigener Sache: Wie einer unserer Reporter seine Geschichten fälschte und warum er damit durchkam

In den Morgenstunden des Donnerstags vergangener Woche wird klar, dass ein perfekter Sturm über den SPIEGEL hereingebrochen ist. Im Büro des Leiters der IT-Abteilung stehen mehrere Kollegen um einen Computer herum. Der Leiter der Rechtsabteilung ist dabei, der Personalchef, der Betriebsratschef, ein designierter Chefredakteur. Denn es muss der dienstliche Mail-Account eines jungen Reporters geöffnet werden. Das ist rechtlich einwandfrei, aber es soll selbstverständlich absolut korrekt zugehen.

Denn um zu belegen, dass er Menschen, die in seiner jüngsten Reportage vorkamen, tatsächlich getroffen hat, hatte Relotius die kurze Mail von einer Kontaktperson aus Arizona vorgezeigt. Darin heißt es, er sei mehrere Stunden dort gewesen.

Aber es gab noch eine zweite Version dieser Mail, mit demselben Absender, vom selben Tag, mit ähnlichem Wortlaut - bis auf diesen einen Satz. Und in dieser Version der Mail stand, dass Relotius nicht dort war. Eine der beiden Mails musste gefälscht sein.

Ein Techniker öffnete die Mail in Relotius' Inbox und ging in dazugehörige Daten, die auch auf dem Server liegen. Und dort sah er, dass jemand die Mail Tage nach ihrem Eingang bearbeitet hatte. Diese entlastende Version der Mail, von Relotius vorgezeigt, war also gefälscht. Und damit schien eindeutig, dass auch die dazugehörige Geschichte falsch war. Wenn Relotius aber die gefälscht hat, dann wahrscheinlich auch andere.

Mehrere Faktoren waren zusammengekommen für diesen perfekten Sturm: ein junger Reporter, den Skrupel, wenn er sie hatte, nicht stoppten. Der seine beträchtlichen Fähigkeiten nutzte, um Fälschungen zu tarnen. Das deutsche Nachrichten-Magazin, dessen Redaktion stolz darauf ist, dass hier besonders um die Präzision der Fakten gerungen wird. Das ohne das Vertrauen der Leser nichts wäre. Dazu eine politische Debatte im ganzen Land und anderen Ländern auch, in der es um "Fake News" geht und in der Medien wie dem SPIEGEL - meist in politischer Absicht - vorgeworfen wird, dass sie Fakten verdrehten.

Der SPIEGEL hat in den vergangenen Jahren über 50 Texte von Claas Relotius gedruckt. Viele davon sind ganz oder teilweise erfunden, verfälscht, gefälscht. Auch andere Redaktionen haben Relotius-Geschichten veröffentlicht, aber wesentlich weniger. Der SPIEGEL hat die Affäre im eigenen Haus in dieser Woche selbst aufgedeckt. Dies ist eine vorläufige Rekonstruktion der Ereignisse.

Sie kann noch nicht vollständig sein. Denn die Ermittlungen gehen weiter, sie werden tiefer gehen, als die Redaktion bislang graben konnte, weil Recherchen Zeit brauchen. Sie werden Wochen oder eher Monate dauern. Und sie werden - das sind wir unseren Lesern und uns selbst schuldig - ohne Rücksichten geführt.

Die Geschichte beginnt am 26. Oktober, einem Freitag. Das aktuelle Heft ist fertig produziert, vor allem freitags debattieren die Ressorts neue Themen. In Mexiko bewegt sich eine Karawane von Migranten auf die US-Grenze zu. Matthias Geyer, Leiter des Gesellschaftsressorts, kommt auf die Idee, das Thema von zwei Seiten zu beleuchten: Ein Reporter soll Migranten begleiten, ein anderer auf der US-Seite eine jener rechten und oft bewaffneten Milizen, die an der Grenze auf eigene Faust etwas gegen die Einwanderer unternehmen wollen.

Der Reporter Juan Moreno hatte die Karawane ohnehin bereits im Auftrag des Auslandsressorts begleitet und befand sich bereits in Mexiko. Claas Relotius sollte versuchen, an eine Miliz heranzukommen, und dann beide Teile zu einem Text zusammenfügen. Drei Tage später flog er in die USA.

Recherchen sind oft schwierig, kein Wunder also, dass am 30. Oktober dann eine Mail von Relotius an die Ressortleitung kommt: Die meisten Gruppen seien verschlossen gegenüber Journalisten. Relotius schreibt: "Drückt uns die Daumen."

Doch dann, am 4. November, eine optimistische Mail. Er habe jetzt Zugang "zu einem echten Haufen Schweinebacken bekommen": "Fünf Typen, die in Uniformen mit allem Militärgerät und absurden Decknamen (ich verrate nichts, es ist zu gut) auf einem Berg über der Wüste lauern." Er sei schon eine halbe Nacht und einen halben Tag da gewesen.

Die Recherche scheint zu funktionieren, allerdings recherchiert Relotius nun allein, ohne Fotografen. Der Kollege Moreno ist beeindruckt, er hatte gehört, dass amerikanische Journalisten schon Wochen brauchten, bis solche Männer mit ihnen redeten.

Bald liefert Moreno seine Textpassagen aus Mexiko, Relotius verbindet sie mit seinen Erzählungen.

Es entsteht eine packende Geschichte unter der Überschrift "Jaegers Grenze". Denn Chris Jaeger, so heißt angeblich die Hauptperson in Relotius' Textteilen. Ein Mann mit deutschen Vorfahren, dessen Tochter auch noch von mittelamerikanischen Einwanderern süchtig nach Drogen gemacht wurde, eine junge Frau, die nun zerstört ist. Und der Vater jagt mit Kameraden, einem Scharfschützengewehr und Videokameras Migranten an der Grenze. So steht es zumindest in der Geschichte.

Die Erzählung ist grauenhaft. Man könnte zynisch sagen, dass sie perfekt grauenhaft ist.

Moreno hat Zweifel, er führt in einer Mail an Relotius Punkte an, die er nicht glauben mag. Er hält es für möglich, dass die Milizmänner Relotius angelogen haben. Aber das heiße nicht, "dass wir deren falschen Scheiß einfach unkommentiert und ungecheckt übernehmen". Es ist der 13. November. Relotius ignoriert Morenos Warnungen.

Erscheinen soll der Artikel am 17. November. In den Tagen davor macht sich, wie bei jeder Zeile im SPIEGEL, die Dokumentation daran, den Text zu überprüfen. Diese Abteilung hat über 60 Dokumentationsjournalisten, ein großer Apparat, dessen Chef sagt: "Wir glauben erst mal gar nichts."

Zuständig für das Gesellschaftsressort ist Dr. André Geicke, 63 Jahre alt und seit 1986 beim Heft. Der Dokumentar befragt Relotius zur Recherche, will wissen, wie der Reporter an die Miliz herangekommen ist. Er schaut sich die Orte des Geschehens auf Karten und Google Earth an und prüft, ob die Angaben dazu passen. Er findet Fehler im eigentlichen Text: Eine Armeeeinheit, in der Jaeger in Afghanistan gedient haben soll, war zu der Zeit nicht in Afghanistan. Dann geht es darum, wie viel Drogen durch die Region geschmuggelt werden, da finden sich unterschiedliche Quellen. Schließlich spricht er mit Relotius, der jetzt wieder in Hamburg ist, über Jaeger. Es gibt ein Foto, erschienen 2016 in der "New York Times". In der Zeitung heißt Jaeger aber Chris Maloof.

Relotius behauptet, seine Hauptfigur nutze zwei Identitäten oder einen Doppelnamen. Die echte Identität sei Chris Jaeger. Es geht ihm vielleicht darum, die Prüfung der Identität von Jaeger zu erschweren. Und Relotius hat ja angeblich mit ihm gesprochen. Misstrauisch betrachtet Geicke auch den Schlussabsatz der Geschichte, in dem die Hauptfigur Jaeger angeblich einen Schuss in die Nacht abfeuert, womöglich auf einen Migranten. Relotius erwidert laut Geicke, der Mann ballere häufiger in der Gegend herum. "Ich habe ihm dann geglaubt", sagt Geicke.

Und das ist die schwache Stelle der Dokumentation: Sie kann sehr vieles überprüfen, mit Datenbanken, im digitalen Archiv. Aber was eine Quelle einem Reporter erzählt hat oder was ein Mann in der Wüste in einer Nacht macht, kann sie schwer vollständig überprüfen. Sie markiert diese Stellen dann mit einem Zeichen für "eigene Recherche". Da setzt sie auf Plausibilität und vor allem das Vertrauen unter Kollegen. Einen meisterhaften Lügner in den eigenen Reihen kann sie nur schwer entlarven. Vorsätzlicher Betrug ist im System nicht vorgesehen. Und Relotius betrügt genauso gut, wie er schreibt, erfindet im Austausch mit Kollegen etwa kleine Unsicherheiten, die ihn glaubwürdiger erscheinen lassen.

Moreno ist in der Zeit auch nach Deutschland zurückgekehrt, die Sache lässt ihn jedoch nicht los. Er sammelt Indizien, informiert Dokumentar Geicke über die Zweifel. Auf Geicke wirkt er etwas erregt, und der Dokumentar erkennt keine eindeutigen Fehler im Text. Und er meldet Ressortleiter Geyer nichts von den Zweifeln, nach eigenen Angaben auch deshalb, weil Moreno ihn nach dem Gespräch gebeten habe, die Mail, die immerhin einen Top-Reporter schwer beschuldigt, zu vernichten.

Die Geschichte wird gedruckt.

Am Freitag, 16. November spätnachmittags, meldet sich Moreno bei Geyer. Er ist in diesem Gespräch ebenfalls aufgewühlt, denn auch sein Name steht über dem Text, der nun nicht mehr zu ändern ist. Er sagt, der Artikel sei eine Fälschung, nennt Geyer Namen, Fakten, etwas unstrukturiert. Geyer fordert ihn auf, all das aufzuschreiben.

Geyer informiert Ullrich Fichtner, Reporter, Ex-Leiter des Gesellschaftsressorts und ab 1. Januar einer der Chefredakteure des SPIEGEL. Am Sonntag kommt die Mail, die Vorwürfe gegen Relotius sind massiv.

Video: In eigener Sache - Reporter Juan Moreno über den Fall Relotius

DER SPIEGEL

Am Montag geht Ressortchef Geyer zu Relotius und konfrontiert ihn mit den Vorwürfen. Am Dienstag antwortet Relotius in einer langen Mail. Er versucht, alle Zweifel zu entkräften, schreibt etwa, er habe Namen und Adressen mit einem Tagespass bei der US-Adressdatei "White Pages" geprüft. Die Sache scheint Geyer und Fichtner jetzt offen, aber nur einer kann recht haben. Dass zunächst Relotius mehr Glauben geschenkt wird, ist hier in einem Text Juan Morenos nachzulesen. Ein Gespräch mit beiden Reportern zusammen soll Klarheit bringen.

Doch Moreno schreibt, er könne nicht teilnehmen, er sei dann auf Recherche für ein anderes Ressort in den USA. Und diese Recherche verlängert er insgeheim auf eigene Faust, um zu prüfen, ob Relotius gefälscht hat. Es geht ihm um seine Glaubwürdigkeit.

Er findet zwei der Männer, deren Fotos im SPIEGEL abgedruckt waren und von denen Relotius behauptet, er habe sie beide begleitet. Moreno hält den beiden Männern in zwei Interviews sein Handy mit einem Foto von Claas Relotius vor und fragt sie, ob sie den Reporter kennen. Beide sagen Nein. Und einer der beiden nimmt dann in dem langen Interview die Geschichte Stück für Stück auseinander - praktisch alles erfunden, sagt er.

Am 6. Dezember schickt Moreno weitere Informationen und die beiden Videos an Ullrich Fichtner. Diese Videos müssen jeden Journalisten fassungslos machen. Fichtner druckt sich einen großen Stapel Relotius-Texte aus dem Archiv aus und geht sie durch. Falls Relotius "Jaegers Grenze" erfunden hat - was heißt das für all die anderen Artikel?

Relotius legt auf Facebook ein Fake-Profil an. Es stützt seine Version.

Am Sonntag, 9. Dezember, konfrontieren Fichtner und Geyer Claas Relotius mit den Videos, doch der bleibt bei seiner Version. Und er kann immer noch recht haben. Denn vielleicht wollen die Hauptfiguren, deren illegale, verbrecherische Methoden die Geschichte beschrieb, jetzt nichts mehr davon wissen. Vielleicht leugnen sie, weil ihnen sonst Strafverfahren drohen.

Die Kollegen fragen ihn, ob er einen Beweis habe, dass er überhaupt mit den Männern unterwegs war. Ein Video, ein Foto, irgendetwas? Ein Handyfoto von einer der Hauptfiguren, das hatte er schon mitgeteilt, könne er leider nicht mehr finden, er wisse auch nicht, warum.

Jetzt scrollt Relotius durch sein Smartphone, und schließlich tut er so, als habe er überraschend doch noch einen Beweis gefunden. Er zeigt die Mail der Kontaktperson in Arizona.

Relotius hat einen weiteren vermeintlichen Beleg, allerdings einen extrem wackligen: eine Mail, angeblich von einem der Milizionäre mit einem Foto von vier Uniformierten von hinten in der Wüste. Absender der Mail: mikepmorris614@yahoo.com.

Eine solche Mailadresse kann jeder leicht schaffen. Moreno kommt am Montag, dem 10. Dezember, nach Hamburg, um Fichtner den Fall aus seiner Sicht darzulegen. Am Dienstag legt Relotius auf Facebook ein Fake-Profil eines Mannes namens Chris Jaeger an, des erfundenen Milizionärs, mit Fotos, die zu Relotius' Version passen. Es stützt seine Geschichte. Er schickt einen Link an die Kollegen im Ressort. Nur verschwindet das Profil bald wieder. Wann genau, ist unklar.

Relotius' engste Vertraute im Ressort ist die stellvertretende Leiterin Özlem Gezer, mit 37 Jahren nur wenig älter als er. Der Facebook-Account bringt sie auf die Spur. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag vergangener Woche um 0.16 Uhr schickt sie Relotius eine WhatsApp-Nachricht: "Ich komme jetzt gleich, und du kommst raus."

Sie nimmt sich einen DriveNow-Wagen, fährt zu seiner Wohnung, ruft an, er kommt runter. Es ist 1 Uhr, sie sitzen im Auto, sie reden bis kurz nach vier Uhr. Dann schickt Gezer eine WhatsApp an Fichtner und Geyer: "Es ist schlimmer als jeder Albtraum."

Wenige Stunden später öffnet der IT-Kollege die Mail, die Relotius Fichtner und Geyer auf seinem Handy gezeigt hatte. Er stellt fest: Sie war kurz vor dem Gespräch mit den beiden manipuliert worden. Moreno hatte sich von seinen Kontakten das mutmaßliche Original besorgt. Und Morenos Version ist echt.

Am Nachmittag kommt Relotius zu Fichtner nach Hause, Geyer und Gezer sind auch da. Relotius gesteht, "Jaegers Grenze" weitgehend erfunden zu haben. Und er gesteht, mehrere andere Geschichten manipuliert oder erfunden zu haben. Natürlich kann man die Angaben nicht unbesehen glauben, auch nicht, wenn es ein Geständnis ist. Die Recherchen gehen weiter, bei einigen Artikeln ist die Lage bis Mittwoch dieser Woche klar genug. Um 12.30 Uhr hören die SPIEGEL-Mitarbeiter bei einer Versammlung von den Chefredakteuren, was passiert ist. Sie erfahren es im großen Atrium des SPIEGEL-Gebäudes, dort, wo Rudolf Augsteins Motto für die Redaktion an der Wand hängt: "Sagen, was ist."

Die meisten Kollegen reagieren erschüttert. Bei einigen fließen Tränen.

Um 12.45 Uhr veröffentlicht SPIEGEL ONLINE einen Text von Fichtner über die Affäre, ihr Ausmaß und ihre Bedeutung. Dieser Artikel ist für manche selbst inzwischen ein Teil der Geschichte geworden.

Denn es gibt viel Lob für die Schonungslosigkeit in eigener Sache. Es gibt aber auch Kritik, im Haus und von Externen: Fichtner war Reporter. Er kann so schön erzählen wie wenige. Und das tut er in dem Text. "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo kritisiert ihn im SPIEGEL-Gespräch. Leser kritisieren ihn in ihren Reaktionen.

Manche sagen nun, die Affäre habe ja wohl auch mit dem Willen Relotius' zu tun, um jeden Preis schöne Geschichten zu erzählen, schöner oft als die Wirklichkeit. Geschichten, die Preise gewinnen. Eine fatale Sucht, glauben Kritiker, gerade im Gesellschaftsressort, das viele Geschichten hervorbringt, die Preise gewinnen.

Und deshalb dürfe es bei der Aufklärung nicht um Schönheit gehen, sondern ausschließlich um Präzision bei den Fakten. Aber schadet es, sie gut geschrieben darzustellen? Sie können den Text von Fichtner hier lesen.


Der SPIEGEL hat eine Kommission eingesetzt, die den ganzen Fall Relotius untersuchen soll. (Mehr dazu lesen Sie hier)

Die von Relotius verfassten Artikel bleiben bis zu einer weitgehenden Klärung der Vorwürfe unverändert, aber mit einem Hinweis versehen im Archiv, das online zugänglich ist, auch um Nachforschungen zu ermöglichen. Wir bitten um Hinweise an hinweise@spiegel.de.

© DER SPIEGEL 52/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.