AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2018

Der Fall Relotius "Es war ein Gefühl"

SPIEGEL-Mitarbeiter Juan Moreno beschreibt, wie er den Betrug seines Kollegen Claas Relotius aufdecken konnte.

Reporter Moreno in Mexiko im November
Scott Dalton/ DER SPIEGEL

Reporter Moreno in Mexiko im November


Ich bekomme gerade viele E-Mails und Anrufe. Die meisten davon sehr nett, einige eher seltsam. Ein Verleger rief mich an, kurz nachdem der SPIEGEL die Texte über die Betrügereien meines Kollegen Claas Relotius veröffentlicht hatte. Er wolle mit mir über "das enorme Verwertungspotenzial der Geschichte" sprechen. "Sie haben die Sache ja aufgedeckt. Buch, Doku, Film, alles möglich", sagte der Mann. Er klang aufgeregt. Ich bedankte mich und sagte, dass ich in enger Zusammenarbeit mit dem SPIEGEL-Verlag derzeit an "Claas Relotius - DAS MUSICAL" arbeitete. Das habe gerade höchste Priorität im Haus.

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Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 52/2018
In eigener Sache: Wie einer unserer Reporter seine Geschichten fälschte und warum er damit durchkam

Ich bin in den letzten Tagen etwas geworden, das ich nie sein wollte: Protagonist einer Geschichte, Teil der Nachricht.

Eine der Fragen, die man mir in den letzten Tagen immer wieder gestellt hat, lautet: Wie hast du es gemerkt? Seit Jahren fälscht er Texte, keinem fällt es auf, du arbeitest ein einziges Mal mit ihm - und er fliegt auf?

So gern ich jetzt einen langen Vortrag über meinen "journalistischen Instinkt", mein "Reporternäschen" halten würde, mittlerweile bin ich der festen Überzeugung, dass es einfach nur Zufall war.

Zwei Dinge waren entscheidend, denke ich. Erstens: Ich bin Claas Relotius praktisch nie begegnet. Ich kannte ihn nur aus seinen Texten. Ich arbeite als freier Journalist in Berlin, er in der Zentrale in Hamburg. Die Male, die ich zu Konferenzen in die Redaktion fuhr, war er nicht da. Auf den Weihnachtsfeiern saßen wir an verschiedenen Tischenden. Ich hätte ihn auf der Straße nicht erkannt. Wir haben vor dieser Sache ein einziges Mal kurz telefoniert. Es ging um einen kleinen Text, den ich geschrieben hatte und den er für das Ressort betreute.

Relotius, so viel habe ich mittlerweile verstanden, muss der netteste Kollege des Planeten gewesen sein. Wirklich jedes Gespräch, das ich mit Kollegen führe, die mit ihm zu tun hatten und die jetzt enorm unter seinem Fall zu leiden haben, wirklich jedes Gespräch beginnt damit, dass sie mir versichern, was für ein toller Mensch er doch zu sein schien.

Das sind alles Spitzenjournalisten, Leute, die Porträts schreiben, die sich in andere hineindenken können. Ein Kollege sagte mir: "Juan, wenn du mir gesagt hättest, dass meine Mutter sich Reportagen ausdenkt, ich hätte das eher geglaubt, als dass Claas Relotius das tut." Ein anderer sagte erfrischend ehrlich: "Machen wir uns nichts vor. Man gönnt anderen Kollegen keine Reporterpreise, nur bei Claas dachte ich mir, der verdient es." Einer seiner früheren Chefs sagte mir: "Aber bei ihm war das Problem doch eher so, dass ich ihn viel zu kleinlich fand. Ich durfte keine Winzigkeit ändern, weil es hieß, so ist es aber nicht passiert." Claas Relotius ist ein Mensch, den man ins Herz schloss, wenn man ihn kennenlernte. Ich lernte ihn nie kennen.

Mein zweiter Vorteil? Ich hatte irgendwann, lange bevor Relotius beim SPIEGEL anfing, einen Text von ihm gelesen. Es ging um den angeblich ersten Steuerberater im sozialistischen Kuba. Der Mann verdiene 20.000 Dollar im Halbjahr, und "Schuhputzer" stünden Schlange, um sich von ihm beraten zu lassen. Ich dachte: "Also noch mal, Schuhputzer haben Steuergestaltungsfragen, und das auf Kuba!"

Genau.

Man muss sich das wie eine Impfung vorstellen. Wer heute einen Claas-Relotius-Text liest, wird sich fragen, wie dämlich der SPIEGEL und all die Preisjurys gewesen sein müssen, um den Unfug zu glauben. Es liest sich absurd, die Detailfülle, die Genauigkeit. Es liest sich ausgedacht. Jetzt.

Ich erzählte damals niemandem von dem Steuerberater, niemandem. Was auch?

Einen Reporter der Lüge zu bezichtigen ist so, als würde man einem Richter Käuflichkeit unterstellen. Der ultimative Vorwurf. Man ist sich da besser verdammt sicher. Glaubte ich, dass Schuhputzer auf Kuba zum Steuerberater gehen? Nein. Konnte ich beweisen, dass kein kubanischer Schuhputzer zum Steuerberater geht? Nein. Also hielt ich die Klappe, selbst als ich irgendwann sah, dass Relotius für den SPIEGEL schreibt. Was hätte ich tun sollen? Zu meinem Chef gehen und sagen, hey, schönes Layout letzte Woche, und übrigens, ich glaube, Claas ist ein Hochstapler? Es war ein Gefühl. Kein gutes übrigens.

Im Video: Reporter Juan Moreno über den Fall Relotius

DER SPIEGEL

Ebenso wie es ein Gefühl war, das mich dazu brachte, mich zum ersten Mal in meiner Karriere zu wehren, mit einem Kollegen zusammen eine Geschichte zu schreiben. Als es hieß, dass ich mit Claas Relotius zusammenarbeiten solle, benahm ich mich wie ein selten bockiger Idiot. Mein Chef musste annehmen, dass ich spinne. Es erklärt auch, warum man beim SPIEGEL lange dachte, dass ich, als nicht mehr ganz so junger Kollege, dem 33-jährigen Superstar der deutschen Reportage einfach den Erfolg nicht gönnte.

Ich wollte nicht mit ihm einen Text schreiben. Ich konnte nicht sagen, warum, ich konnte es ja mir selbst gegenüber nicht vernünftig erklären. Wie gesagt, ein Gefühl.

Und da wir schon bei Gefühlen sind: Bist du wirklich beim SPIEGEL gegen Wände gelaufen? War es wirklich so schlimm? Ja, war es. Es waren dicke, solide Betonwände, SPIEGEL-Qualität gewissermaßen. Es ging um meine Existenz. War ich genervt? Ich war noch viel mehr. Ich war verzweifelt. Man sollte, wie ich finde, aber für einen Moment etwas tun, was ein bisschen aus der Mode gekommen ist bei Debatten. Man sollte sich einen kurzen Moment in die Lage des anderen versetzen, in die des SPIEGEL. Und noch mal - ich bin nicht bei dem Laden angestellt. Ich bin freier Journalist - und außerdem sind die gerade alle sehr, sehr nett zu mir. Die würden es im Moment nicht wagen, mir Vorgaben zu machen, was ich in diesem Stück erwähnen oder weglassen soll.

Ich schreibe also meinen Chefs, dass ich Fragen zu dem Artikel "Jaegers Grenze" habe, das sei mein Recht, da stehe ja auch mein Name als Co-Autor drüber. Es gebe da viele Ungereimtheiten. Dass ein Protagonist vor zwei Jahren mal in der "New York Times" mit einem anderen Namen stand. Dass der Mann, der angeblich nicht fotografiert werden wollte, in einem berühmten Dokumentarfilm zu sehen war. Solche Sachen. Kein Unfug, berechtigte Fragen.

Claas Relotius antwortet darauf schriftlich. Und zwar brillant. Ich sehe das Schreiben erst Wochen später. Relotius legt E-Mails vor, in denen ihm der Fotograf der "New York Times" erklärt, dass er sich womöglich geirrt habe. Es gibt E-Mails, aus denen hervorgeht, dass Relotius ganz eindeutig die Menschen getroffen hat, Menschen, von denen ich andeute, dass es sie so nicht gibt. Die Erwiderung endet mit dem Verweis, dass nun auch die Kollegen von SPIEGEL TV zu der Gruppe unterwegs seien. Sie stünden in Kontakt mit der Gruppe.

Was hatten also die Chefs? Auf der einen Seite den nettesten Kollegen des Planeten, dem der deutsche Journalismus zu Füßen liegt und der ziemlich klar beweisen kann, dass er die Leute gesprochen hat. Dass Relotius so weit gehen würde, auch E-Mails zu fälschen, konnte nun wirklich keiner ahnen.

Und auf der anderen Seite: Juan Moreno, einen Typen, der nicht der netteste Kollege des Planeten ist, der sich in der Entstehungsgeschichte zum Text seltsam benommen hatte. Moreno legt zwar zugegebenermaßen große Ungereimtheiten vor, aber Beweise sind es nicht.

Hätten meine Chefs anders reagieren müssen? Ja, vermutlich. Hätte ich an ihrer Stelle anders reagiert? Nein, vermutlich nicht.

Können wir daraus etwas lernen? Ja, Journalisten sind Menschen. Menschen lügen.


Der SPIEGEL hat eine Kommission eingesetzt, die den ganzen Fall Relotius untersuchen soll. (Mehr dazu lesen Sie hier)

Die von Relotius verfassten Artikel bleiben bis zu einer weitgehenden Klärung der Vorwürfe unverändert, aber mit einem Hinweis versehen im Archiv, das online zugänglich ist, auch um Nachforschungen zu ermöglichen. Wir bitten um Hinweise an hinweise@spiegel.de.



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