AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2018

Mordanschlag in London "Für May ist es ein Riesenschritt, Russland so zweifelsfrei zu beschuldigen"

Misha Glenny, Autor einer BBC-Serie über die russische Mafia, nennt mögliche Gründe für den Anschlag auf den russischen Ex-Spion Sergej Skripal.

Misha Glenny
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Misha Glenny

Ein Interview von


Der Giftanschlag von Salisbury hätte auch im Drehbuch der neuen BBC-Serie "McMafia" stehen können. Deren Protagonist ist der in England aufgewachsene Sohn eines russischen Mafiabosses. Die Verfilmung basiert auf dem gleichnamigen Buch des britischen Journalisten Glenny, 59, der seit Jahren über organisierte Kriminalität schreibt.

SPIEGEL: In "McMafia" ermorden vom Kreml gedeckte Russen einen Rivalen in London auf eher konventionelle Weise. Übertrumpft im Fall Skripal die Realität gerade die Fiktion?

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Heft 12/2018
Der Giftanschlag und der neue Kalte Krieg

Glenny: Die Serie basiert ja auf harten Fakten. Und Tatsache ist, dass es ein immer stärker werdendes Geflecht von russischen Kriminellen und Oligarchen gibt, die ihre Auseinandersetzungen um Geld und Einfluss auf britischem Boden austragen. Vor allem London ist ein Schlachtfeld für innerrussische Streitereien.

SPIEGEL: Fällt die Vergiftung von Sergej Skripal auch in diese Kategorie?

Glenny: Nein, bis jetzt waren die meisten Fälle hier Teil eines innerrussischen Konflikts, fast alles drehte sich um den Streit zwischen Boris Beresowski und Wladimir Putin. Skripal aber war Teil eines Agentenaustauschs; über seinen Fall haben die britische wie die russische Seite ein Protokoll unterzeichnet. In der Theorie heißt es, wer Teil eines Agentenaustauschs war, ist geschützt vor Attacken der anderen Seite.

SPIEGEL: Was schließen Sie daraus?

Glenny: Ich sehe vier Möglichkeiten. Entweder der Kreml hat beschlossen, dieses Protokoll bewusst zu missachten, was ich für unwahrscheinlich halte. Oder innerhalb des russischen Geheimdienstes hat jemand auf eigene Faust gehandelt. Oder es war ein anderer Geheimdienst. Oder Skripal selbst hat das Protokoll missachtet und war wieder geheimdienstlich tätig.

SPIEGEL: Skripals Fahrer hat angegeben, er habe ihn häufig für "Geschäftsreisen" an den Flughafen gebracht.

Glenny: Ja, das könnte ein Hinweis sein.

SPIEGEL: Theresa May dagegen scheint sich unter Verweis auf das verwendete Nervengift Nowitschok sehr sicher zu sein.

Glenny: Experten gehen davon aus, dass jeder fortgeschrittene Industriestaat das Gift herstellen könnte. Ich vermute, die Behörden haben noch andere Belege, denn für May ist es ein Riesenschritt, Russland so zweifelsfrei zu beschuldigen.

SPIEGEL: Weshalb?

Glenny: Die britische Regierung realisiert immer mehr, wie diplomatisch schwach sie durch den Brexit geworden ist. Ihr gehen die Verbündeten aus.

SPIEGEL: Trifft es Moskau, dass nun 23 russische Diplomaten gehen müssen?

Glenny: Na ja, wir haben in den letzten 20 Jahren so viel russisches Geld ins Land gelassen, dass es hier inzwischen ein gewaltiges russisches Geheimdienstnetzwerk gibt. Das ist nicht mehr angewiesen auf Institutionen wie die russische Botschaft.

SPIEGEL: Russische Oppositionelle haben gesagt, es gebe effektivere Wege, Russland zu schaden: etwa Oligarchen wie Roman Abramowitsch vor die Tür zu setzen.

Glenny: Den Russen an den Geldbeutel zu gehen ist in der Tat eine Möglichkeit. Aber bei Abramowitsch wäre ich sehr vorsichtig. Er diente in der Vergangenheit häufiger als geheimer Kommunikationskanal, wenn die Dinge zwischen uns und den Russen schwierig wurden. Wenn die Regierung Leute wie ihn rausschmeißt, unterminiert sie ihre eigene Brexit-Strategie, das Land attraktiv für ausländisches Geld zu machen. Wenn Saudi-Araber oder Chinesen denken, dass ihr Geld hier nur sicher ist, solange es keine diplomatischen Verwerfungen gibt, werden sie zweimal nachdenken, bevor sie investieren.

SPIEGEL: Fest steht aber auch, dass seit Jahren schmutziges Geld ins Land fließt.

Glenny: Das sollte die Regierung endlich stoppen. Es gibt 10.000 Anwesen allein im Londoner Bezirk Westminster, von denen keiner weiß, wem sie gehören. Aber erst vor Kurzem hat May die Gelegenheit verstreichen lassen, ein Gesetz einzuführen, das britische Überseeterritorien gezwungen hätte, die Eigentümer hier investierender Offshore-Firmen offenzulegen.

SPIEGEL: Sonderlich nervös scheinen die Russen bislang nicht zu sein.

Glenny: Russlands Strategie in den letzten fünf Jahren war es, die Schwächen seiner Gegner auszunutzen. Sie wissen, dass May gerade sehr schwach ist. Diese ganze Skripal-Sache ist enorm effektiv: Sie produziert Chaos in einer Zeit, in der das Land genug andere Krisen hat.



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