AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2018

Geheimprojekt aus dem Kalten Krieg Wie das Nervengift Nowitschok in die Welt kam

Der Anschlag auf den Ex-Spion Skripal hat das Gift Nowitschok bekannt gemacht. Tatsächlich streiten West und Ost seit Jahren über das Mittel.

Produktionsanlage im usbekischen Nukus um 1997
Andrew Weber

Produktionsanlage im usbekischen Nukus um 1997


Kein Problem, sagt Andrew Weber, ich kann Ihnen die Aufnahmen zeigen. Der Waffenexperte, der ein hochrangiger Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums war, sitzt in einem Hotel in Berlin. Er wischt über sein Smartphone, dann hat er die Fotos gefunden.

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Heft 17/2018
Es geht um Freiheit und Demokratie - Macron braucht Hilfe, doch Deutschland versagt

Sie zeigen einen metallenen Reaktor, in dem der tödliche Kampfstoff hergestellt wurde. Die Apparaturen, die wie Gasmasken für Hunde aussehen und im Keller lagen. Und den lang gestreckten Komplex, vier Stockwerke in hellem Beige. Er steht in einer Brachlandschaft, Schrott liegt im Vordergrund.

So also sieht ein Ort aus, an dem sowjetische Forscher eines der gefährlichsten Gifte in der Geschichte der Menschheit produzierten. Nowitschok war in der Sowjetunion entwickelt worden; nach deren Zerfall 1991 hatte auch Russland damit gearbeitet. Wer es berührt, stirbt in aller Regel. Zuerst tritt ihm Schaum vor den Mund, dann muss er erbrechen, die Muskeln erlahmen, am Ende bleibt das Herz stehen.

Weber durfte das Gebäude nur in einem Schutzanzug betreten. Das Forschungsinstitut liegt auf einem ehemals sowjetischen Militärgelände in der usbekischen Provinzstadt Nukus. 1992 hatten die Russen es geräumt und den besorgten Usbeken jede Auskunft über die Hinterlassenschaft verweigert. Die baten schließlich in Washington um Hilfe.

"Alles war abgesperrt, drinnen war ein riesiges Chaos, überall lagen Chemikalien herum", erzählt Weber. Die Amerikaner fanden nach seiner Aussage zwar kein Nowitschok, aber Abbauprodukte des Stoffs. Es dauerte Monate, das Gelände zu dekontaminieren.

Damals war Nowitschok (russisch "Neuling") nur Experten ein Begriff. Seit dem Anschlag auf den britisch-russischen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter im englischen Salisbury vor einigen Wochen aber ist das Gift weltbekannt. Britische Ermittler fanden Reste im Blut der Skripals und an Orten, die Vater und Tochter aufgesucht hatten.

Der Westen wirft Russland vor, für das Attentat verantwortlich zu sein, und wies mehr als hundert russische Diplomaten und Geheimdienstler aus Washington, London oder Berlin aus. US-Präsident Donald Trump, Großbritanniens Premierministerin Theresa May, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel forderten: Russlands Präsident Wladimir Putin müsse das russische Nowitschok-Programm "vollumfänglich offenlegen".

Da gebe es nichts offenzulegen, antwortete Putin und schickte seinerseits eine größere Anzahl westlicher Vertreter aus Russland nach Hause. Der russische Botschafter in London erklärte: "Wir haben Nowitschok nicht produziert und nicht gelagert."

Die Weltöffentlichkeit schaut dem Schlagabtausch staunend und teilweise bangend zu. Was kaum jemand weiß: Der heutige Konflikt hat eine lange Vorgeschichte, Ost und West streiten seit Jahrzehnten über Nowitschok.

Der SPIEGEL hat nun diese Vorgeschichte rekonstruiert. Er hat dafür US-Dokumente aus dem Bestand der Enthüllungsplattform WikiLeaks ausgewertet und mit ehemaligen Diplomaten, Geheimdienstlern, Chemiewaffenexperten gesprochen. Die meisten bestanden auf Anonymität. Die Geschichte, die sich aus den Papieren und Erzählungen fügt, ist symptomatisch für den Niedergang des Verhältnisses zwischen Russland und dem Westen. Sie handelt von enttäuschten Erwartungen - auf beiden Seiten.

Produktionsanlage im usbekischen Nukus
Andrew Weber

Produktionsanlage im usbekischen Nukus

"Die Russen haben uns immer wieder über das Nowitschok-Programm angelogen", sagt Weber. Viele Jahre lang nahmen Diplomaten, Geheimdienstler und Politiker in Berlin, Washington, London die undurchschaubare Haltung Moskaus hin. Sie hofften: Wenn sich erst McDonald's in Russland ausbreite und die Demokratie Wurzeln schlage, verschwänden Probleme wie Nowitschok, erzählt der ehemalige britische Konteradmiral und Chemiewaffenexperte John Gower.

Aber auch die Russen waren womöglich desillusioniert. Putins Generation - in der Sowjetunion aufgewachsen - hatte geglaubt, der Westen würde es nach dem Zerfall des Imperiums akzeptieren, wenn Russland sich wie eine rücksichtslose Supermacht gebärde.

Der russische Topdiplomat Anatolij Antonow, Abteilungsleiter im Außenministerium und später stellvertretender Verteidigungsminister, schimpfte 2006: "Sie müssen sich entscheiden, ob Sie in uns einen Partner sehen oder glauben, Sie seien die Supermacht und wir aus Afrika." Russland sei nicht mehr so schwach wie vor zehn Jahren, "aber Sie behandeln uns, als wäre Russland auf der gleichen Stufe wie Mali oder Burundi". Er betonte: "Wir sind nicht die Studenten und Sie die Professoren, sondern wir sind gleichgestellt."

Heute ist Antonow Botschafter in Washington und steht auf der EU-Sanktionsliste. In den Nullerjahren sollte er Russland den Zugang zur sogenannten Australischen Gruppe ebnen, einem Forum überwiegend westlicher Staaten. Sie stimmen ihre Exportpolitik ab, damit sich Chemiewaffen nicht verbreiten. Die Mitgliedschaft ist wie ein Unbedenklichkeitsstempel: Wer dabei ist, gehört zu den Guten.

Die Geheimnistuerei um den Kampfstoff brachte Moskau bei Amerikanern, Briten, Kanadiern den Ruf ein, in Sachen Chemiewaffen "nicht zu kooperieren". Da hätten wir ja den Bock zum Gärtner gemacht, empört sich noch heute ein ehemaliger Berliner Diplomat.

Für seine russischen Kollegen zählte die Aufnahme jedoch zu den großen Streitfragen, vergleichbar mit dem Konflikt über die Nato-Osterweiterung oder die amerikanische Raketenabwehr in Osteuropa. Erst wenn die Russen in der Australischen Gruppe mitmachen dürften, sei "der Kalte Krieg wirklich vorbei", erklärte Antonow. Vergebens: Russland blieb außen vor.

Nowitschok resultierte aus dem Rüstungswettlauf der Siebzigerjahre. Die Amerikaner lagen bei den modernsten Chemiewaffen zunächst vorn; die sowjetische Seite wollte aufholen und entwickelte eine neue Generation von Chemiewaffen, die um ein Vielfaches giftiger war als bekannte Stoffe.

Das Nowitschok-Programm lief auch dann weiter, als Michail Gorbatschow, der Reformer im Kreml, 1987 der Welt versprach, die sowjetische Chemiewaffenproduktion einzustellen. Kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion ehrte der Friedensnobelpreisträger die Verantwortlichen heimlich mit dem Lenin-Preis, eine der höchsten Auszeichnungen des Imperiums.

Und der Westen? Beobachtete und schwieg. Schon vor dem Fall der Mauer wussten westliche Spione von dem grausigen Kampfstoff. Die Geheimdienstler aber wollten ihre Quellen schützen, Papiere zu Nowitschok unterlagen der obersten Geheimhaltungsstufe. Und die Nachrichtendienstler glaubten nicht daran, dass die neue politische Führung tatsächlich hinter den Militärs stehe, die Nowitschok unverändert vorantrieben, wie sich ein Agent erinnert: Man habe Gorbatschow und seinen Nachfolger Boris Jelzin "nicht bloßstellen" wollen.

Damals verhandelten Ost und West auf der Genfer Uno-Abrüstungskonferenz über eine Chemiewaffenkonvention. Sie sollte es verbieten, solche Waffen herzustellen, zu besitzen, weiterzugeben oder gar einzusetzen. Das Abkommen wurde im Januar 1993 zur Unterzeichnung freigegeben und zählt zu den bedeutendsten Abrüstungsvereinbarungen im 20. Jahrhundert. Von dem Nowitschok-Problem wollten sich westliche Verhandler nicht stören lassen.

Die Amerikaner hielten still, auch weil die Sowjetunion über den größten Chemiewaffenbestand der Welt verfügte und Nowitschok nur ein sehr kleiner Teil davon war. Die Chance, das übrige Todesarsenal zwischen Kaliningrad und Wladiwostok entsorgen zu können, überwog viele Bedenken.

Die Deutschen hatten offenbar noch einmal eigene Interessen. "Uns ging es darum, unsere Chemieindustrie zu schützen", beschreibt ein Bonner Vertreter, der von dem Kampfstoff wusste, die Prioritäten der Regierung von Helmut Kohl. Die Ausgangsstoffe sind gängige Chemikalien, etwa aus der Pestizidindustrie.

Die Lage ändert sich mit dem Whistleblower Wil Mirsajanow, zunächst eine Art Umweltschutzbeauftragter und dann Chef der Spionageabwehr an jenem Moskauer Institut, das für das Nowitschok-Programm verantwortlich war. Empört über die Doppelmoral seiner Regierung, die abzurüsten vorgab und tatsächlich weitermachte, wandte sich der Chemiker an die westliche Öffentlichkeit.

Mirsajanow sorgte dafür, dass die US-Regierung Nowitschok wichtiger nahm. Die Chemiewaffenkonvention sollte ratifiziert werden, die Aussagen Mirsajanows seien "überaus beunruhigend", urteilte der US-Senat. 1994 stellten die Amerikaner die Russen zur Rede.

Wie ein Mitarbeiter im State Department später berichtete, bestritten Moskaus Diplomaten nicht, was Mirsajanow erzählt hatte, wohl aber dessen Deutung. Russland habe nur kleine Mengen produziert, für Entwicklungs- und Testzwecke. Das sei völkerrechtlich in Ordnung.

Nowitschuk-Produktionsanlage: Zuerst tritt ihm Schaum vor den Mund, am Ende bleibt das Herz stehen
Andrew Weber

Nowitschuk-Produktionsanlage: Zuerst tritt ihm Schaum vor den Mund, am Ende bleibt das Herz stehen

Westliche Nachrichtendienstler hielten die russischen Angaben damals für glaubwürdig. "Wir waren blauäugig", sagt heute einer der Beteiligten. Andrew Weber verweist auf seine Erfahrungen aus Nukus in Usbekistan: Die Anlage, die er dort vorgefunden habe, sei für Laborversuche viel zu groß.

Doch der US-Senat rügte Jelzin nur. Dieser solle endlich jene "Ewiggestrigen aus der Sowjetära" abberufen, die das Nowitschok-Programm betrieben. Whistleblower Mirsajanow gab sich damals zuversichtlich. Die russische Wirtschaft lag darnieder, die Fortsetzung der bisherigen Arbeiten sei einfach zu teuer. Moskau könne sich Nowitschok nicht mehr leisten.

Westliche Wissenschaftler begannen nun ihrerseits Forschungen: in den Labors in Porton Down in England, in Edgewood in den USA, bei der sogenannten Niederländischen Organisation für Angewandte Naturwissenschaftliche Forschung (TNO) mit Hauptsitz in Den Haag sowie in mindestens einem weiteren westlichen Staat. Nach jetzigem Kenntnisstand ging es um Schutzprogramme. Man muss Nowitschok-Substanzen herstellen, um Gegenmittel entwickeln zu können.

Als ein tschechischer Wissenschaftler in der Szene für Aufsehen sorgte, weil er den Amerikanern vorwarf, ein Nowitschok-Waffenprogramm zu betreiben, versicherte ein Diplomat aus der Ständigen Vertretung der USA bei der "Organisation für das Verbot chemischer Waffen" (OVCW) in Den Haag einigen Verbündeten: Sein Land würde Nowitschok "nicht entwickeln und auch keine Waffe daraus herstellen". So steht es in einer geheimen US-Depesche. Die Erklärung war mit Bedacht gewählt: Das Wort "Forschung" fehlte.

1997 trat die Chemiewaffenkonvention in Kraft, Nowitschok stand nun regelmäßig auf der amerikanisch-russischen Tagesordnung. Die westlichen Vertreter debattierten miteinander über Fragen, die aus der Gegenwart stammen könnten: Wer betreibt das Programm? Steht die politische Führung dahinter? Wie gefährlich ist das alles?

"Ich habe auf der anderen Seite Leute getroffen, die wirklich den Wandel wollten, aber es gab eben immer auch die anderen", erinnert sich ein westlicher Geheimdienstler an seine Gespräche über Massenvernichtungswaffen.

Die USA, die Bundesrepublik und andere westliche Staaten halfen den klammen Russen mit Milliardenbeträgen, ihre Chemiewaffenbestände zu entsorgen. Sie erhielten Zugang zu einst hoch geheimen Militärstandorten. Doch sobald es um Nowitschok ging, wurden die Russen schmallippig. "Ich glaube nicht, dass sie jemals umfassend ihr Programm dargelegt haben", sagt Weber. Das entspricht dem Vorhalt, den der britische Nationale Sicherheitsberater Mark Sedwill in einem Brief an Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg in der vergangenen Woche erhob: dass die Russen auch "nach der Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention Nowitschoks entwickelten".

Die einstige Supermacht hatte die wohl umfassendste Abrüstung der Weltgeschichte in Friedenszeiten hinter sich. Nowitschok-Kampfstoffe gehören zu den wenigen Spitzentechnologien im Waffenbereich, die dem Kreml blieben. Die Vermutung lag nahe, die Russen führten das Programm nur weiter, weil sie es konnten.

Die Chemiewaffenkonvention sieht Meldepflichten für bestimmte Chemikalien vor. Experten diskutierten deshalb über die Möglichkeit, Nowitschok und seine Vorprodukte auf eine solche Liste zu setzen. Doch dann kam 2001 der Anschlag auf das World Trade Center in New York. Fortan dominierte die Sorge, Schurkenstaaten könnten Massenvernichtungswaffen erwerben.

US-Diplomaten informierten Washington darüber, dass Kollegen aus Finnland und anderen Ländern über Nowitschok sprächen. Die besorgte Zentrale wies sie an, über jede Unterhaltung zu berichten, von sich aus das Thema zu meiden und sich unwissend zu stellen. Im Zweifel sollten sie empfehlen, das Thema "den Experten in den Hauptstädten zu überlassen".

Die Meldelisten sind öffentlich. Viele Staaten fürchteten, der Weiterverbreitung Vorschub zu leisten, wenn zu viel über Nowitschok bekannt würde, erinnert sich der deutsche OVCW-Berater Ralf Trapp (SPIEGEL 15/2018). Dass Putin 2000 in Russland Präsident wurde, schien aus dieser Sicht von Vorteil zu sein. Er päppelte den Sicherheitsapparat, was jene im Westen beruhigte, die fürchteten, alte Seilschaften könnten Kampfstoffe wie Nowitschok hinter dem Rücken des Kreml weitergeben.

Allerdings erwartete Putin auch, dass sein Land wieder wie eine Supermacht behandelt werde. Westliche Diplomaten erlebten nun, dass ihnen der Zutritt zu Anlagen verwehrt wurde, die lange offen gestanden hatten. Mit jedem Jahr nahm das Misstrauen zu. Man habe versucht, mit den Russen offene Fragen bei den Chemiewaffen zu klären, das aber sei "unproduktiv", schimpfte ein britischer Diplomat im April 2008 und verwies ausdrücklich auf Nowitschok.

Den vorliegenden US-Depeschen zufolge widersprach keiner der Verbündeten. Sie waren sich einig, dass Russland nicht Mitglied der Australischen Gruppe werden sollte. Dabei ist es geblieben.

Glaubt man dem britischen Geheimdienst, hat Putin damals entschieden, "kleine Mengen Nowitschoks zu produzieren und zu lagern". Aus diesen Beständen sollen sich jetzt jene bedient haben, die Sergej Skripal und seine Tochter umbringen wollten.


Im Video: Animation - Was ist Nowitschok?

East Press / Sipa Press


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