AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2018

Deutsche Salafistin Wie gefährlich ist die Frau, die schon zum zweiten Mal einen IS-Kämpfer heiratete? 

Ehefrauen von IS-Terroristen wurden strafrechtlich bislang kaum verfolgt. Anders Sibel H., von der Ermittler glauben: Sie ging nicht aus Liebe nach Syrien, sondern aus Hass.

Mutmaßliche Dschihadistin Sibel H. (r.), Lebensgefährte Deniz B.: Beamte beschreiben die Frau als Fanatikerin

Mutmaßliche Dschihadistin Sibel H. (r.), Lebensgefährte Deniz B.: Beamte beschreiben die Frau als Fanatikerin

Von und


Der Film zeigt einen Mann - ihren Mann. Er hält eine Kalaschnikow in den Händen und sagt: "So bereite ich mich mit meiner Frau auf die dreckigen Kuffar (die Ungläubigen -Red.) in Deutschland vor. Nehmt euch in Acht!" Ali S. schießt, dann wendet er sich wieder der Kamera zu: "Merkel, du bist die Nächste!"

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 4/2018
Warum sich SPD, Grüne und Linke neu erfinden müssen

Polizisten fanden dieses Propagandavideo auf dem Handy der Frau, als sie im Januar 2014 mit einer Maschine der Turkish Airlines in Frankfurt am Main landete. In Begleitung ihres Schwiegervaters kehrte sie nach dem Tod ihres Mannes nach Deutschland zurück. Die Ermittler vermuten, dass Sibel H. einige solche Filme gedreht hat. Einer endet mit den wenig martialischen Worten ihres Mannes: "Mach aus, Schatz, mach aus."

Ihr Mann Ali S., ehemaliger Kampfsportler aus Frankfurt am Main, starb in einem Gefecht der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) mit Truppen des Assad-Regimes. Nach Erkenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden war er erst im Juli 2013 per Reisebus zusammen mit sechs weiteren Dschihadisten in die Türkei gefahren und von dort weiter nach Syrien gereist. Ein halbes Jahr später war er tot.

Sibel H. ist heute 30 Jahre alt und hat zwei Staatsbürgerschaften, die deutsche und die türkische. Beamte beschreiben die Frau als Fanatikerin. Sie fand nach dem Tod ihres Mannes schon bald einen neuen "Löwen", wie sich die Dschihadisten selbst nennen, in der Frankfurter Salafistenszene. Deniz B., 26 Jahre alt, 1,82 Meter groß, tätowiert. Die Behörden ermittelten gegen ihn unter anderem wegen Betrug, Hehlerei und Bedrohung. Er wurde der neue Gefährte der Sibel H.

Gemeinsam reisten die beiden im März 2016 ins IS-Gebiet. "Sie hat sich gezielt in Deutschland nach einem Mann umgetan, der sie zum IS begleitet", sagt ein Beamter. Die Familie von Deniz B. bezeichnete sie als "schwarze Witwe" und veröffentlichte eine "Vermisstenmeldung". Am 2. November 2016 brachte Sibel H. in Tall Afar den gemeinsamen Sohn zur Welt. Doch das vermeintliche Glück im Kalifat war nur von kurzer Dauer. Inzwischen sitzt das Paar im irakischen Arbil fest, festgenommen von Kräften der Anti-IS-Koalition.

Für die deutsche Justiz könnte sich die Festnahme der Extremistin als günstig erweisen. Mit ihrem Fall will die Bundesanwaltschaft erreichen, dass die etwa 200 Frauen, die aus Deutschland Richtung Syrien und Irak ausgereist sind, nicht mehr so einfach ohne Strafe davonkommen. Sibel H. sei der Prototyp einer Salafistin, die sich aus freien Stücken einer Terrororganisation angeschlossen habe, heißt es. Nicht aus Liebe sei sie nach Syrien gezogen, sondern aus Hass.

Rund 50 Frauen, die ausgereist waren, sind bislang nach Deutschland zurückgekommen. Kaum eine wurde in Haft genommen. Strafrechtlich verfolgt wurden die mitreisenden Ehefrauen bislang nur, wenn sie Terrororganisationen konkret unterstützt oder wenn sie selbst gekämpft hatten. Ihre Rolle als Mütter und Ehefrauen betrachteten die deutschen Strafverfolger lange Zeit als "sozialadäquates Verhalten", wie ein hochrangiger Ermittler sagt.

Doch in einer vertraulichen Analyse der deutschen Sicherheitsbehörden heißt es inzwischen, dass der IS Frauen und Männern unterschiedliche Aufgaben übertragen habe. Die Geschlechter seien in "unterschiedlichen Funktionsbereichen" des zu errichtenden Kalifats eingesetzt worden. Daher hätten sich sowohl Frauen als auch Männer mit ihrer freiwilligen Ausreise der Terrororganisation zur Verfügung gestellt. Die Rolle der Frauen als Unterstützerinnen der kämpfenden Männer und als Mütter zukünftiger Dschihadisten sei in der Logik des IS von "großer Bedeutung".

Soll heißen: Auch ohne Kampfeinsatz kann man einer Terrororganisation angehören - was strafbar ist. Oder wie es ein Staatsanwalt formuliert: "Wer zum IS gegangen ist, gehört für uns von jetzt an auch dazu."

Die Behörden fürchten auch den Einfluss der Islamistinnen nach ihrer Rückkehr. "Sie gehen in ihre alten Strukturen zurück", sagt ein hochrangiger Beamter, "dort sind sie nicht greifbar." Frauen seien oftmals fester in der Ideologie verankert als Männer. Auch deswegen will der Generalbundesanwalt jetzt härter als bisher gegen sie vorgehen und sie wegen der Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung vor Gericht bringen.

Der Präzedenzfall Sibel H. ist in Karlsruhe beim Bundesgerichtshof anhängig. Die Karlsruher Strafverfolger hatten einen Haftbefehl beantragt, der Bundesgerichtshof hat ihn abgelehnt, die Bundesanwaltschaft dagegen Beschwerde eingelegt. Eine Entscheidung könnte bald fallen.

Vielleicht kehrt Sibel H. dann zum zweiten Mal aus dem IS-Gebiet nach Deutschland zurück. Diesmal könnte sie für längere Zeit hierbleiben müssen: Wer als Mitglied einer terroristischen Vereinigung verurteilt wird, muss mit bis zu zehn Jahren Haft rechnen.



© DER SPIEGEL 4/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.