AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2018

Jupp Heynckes Der Held, der aus der Rente kam

Dank Jupp Heynckes, Cheftrainer, 72 und herrlich altmodisch, träumt der FC Bayern jetzt vom Triple. Wie schafft der Mann das?

Coach Heynckes mit Schäferhund Cando: ein herrlich altmodischer Mensch
Thomas Faehnrich / Welt am Sonntag

Coach Heynckes mit Schäferhund Cando: ein herrlich altmodischer Mensch

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Es ist Viertel nach vier, als sich Jupp Heynckes kurz hinlegt, daran erinnert er sich später auf die Minute genau. Er will sich in seinem Hotelzimmer ein wenig ausruhen. Ihn hat die Grippe erwischt. Bis das Spiel seiner Mannschaft beginnt, hat er noch etwas Zeit.

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Heft 10/2018
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Heynckes wird an diesem Abend nicht im Stadion sein. Dafür ist er zu krank. Sein Co-Trainer Peter Hermann wird ihn in der Allianz-Arena vertreten. Aber dabei sein will er trotzdem, wenn auch nur am Fernsehbildschirm. Das verlangt sein Pflichtbewusstsein.

In seinen fast 40 Jahren als Trainer hat Heynckes für neun verschiedene Vereine gearbeitet, für manche mehrmals, für den FC Bayern viermal. Seine Karriere als Cheftrainer umfasst 14 Stationen, 1248 Spiele und mehr als 112.000 Spielminuten. Nirgendwo hat er in dieser Zeit eine Begegnung verpasst, selbst wenn er krank war.

An jenem Samstag, dem 10. Februar, um Viertel nach vier aber, als sich der FC Bayern München auf das Spiel gegen Schalke 04 vorbereitet, schläft Jupp Heynckes ein.

Um 18.30 Uhr beginnt das Spiel, und Jupp Heynckes schläft immer noch. Als er schließlich aufwacht, sind bereits zwei Tore gefallen.

Jupp Heynckes ist jetzt 72, der älteste Trainer der Bundesliga, ein Mann mit einer langen Geschichte und großer Lebenserfahrung. Er hat viele Stärken, Ehrgeiz und einen wachen Verstand.

Nur eines wurde ihm stets abgesprochen: Gelassenheit.

Immer wieder wurde er in seiner Karriere nach seiner Gelassenheit gefragt, an ihr gemessen, in gewisser Weise wurde sie zum Maß seines Erfolgs. Häufig hieß es, dass er gelassen geworden sei, noch gelassener, als er schon war, als ließe sich Gelassenheit steigern wie Fitness.

Gelassenheit ist ein Sehnsuchtsbegriff unserer Zeit. Gelassen zu sein gilt als souverän. Man könnte sagen: Gelassen sein ist cool. Aber bei Jupp Heynckes ging es auch darum, ein Bild hinter sich zu lassen, das von ihm gezeichnet wurde, die Karikatur eines Mineralwasser trinkenden Perfektionisten, pedantisch, getrieben von einem verschwitzten Pflichtbewusstsein. Bei Schalke 04, wo Heynckes ab 2003 für gut ein Jahr als Cheftrainer arbeitete, erzählte man den Witz, er habe von Manager Rudi Assauer 20 Euro Strafe verlangt, weil die Socken des Managers nicht seinen farblichen Vorgaben entsprochen hätten.

Dieses Bild von ihm hat sein Leben nicht einfacher gemacht.

Zum vierten Mal ist Jupp Heynckes nun Cheftrainer in München. Er hat den FC Bayern zurück an die Tabellenspitze der Bundesliga geführt, inzwischen mit 19 Punkten Vorsprung vor Borussia Dortmund, uneinholbar auf dem Weg zur Meisterschaft. Schon allein das ist ein großer Erfolg, der beim Verein und bei den Fans Hunger auf mehr weckt.

Nur einmal hat die Mannschaft seit seinem Amtsantritt verloren, und langsam wächst die Hoffnung, der FC Bayern könne unter ihm nicht nur die Meisterschaft holen, sondern auch den DFB-Pokal und die Champions League gewinnen, das zweite Triple der Vereinsgeschichte nach 2013. Auch deshalb gibt es zurzeit kein wichtigeres Thema in München als die Frage, wie der Verein Jupp Heynckes noch ein Jahr länger auf seinem Posten halten kann. Denn eigentlich war abgemacht, dass er im Sommer aufhört.

Dreimal hat der Verein Heynckes als Trainer ziehen lassen, trotz seiner Erfolge. Das erste Mal haben sie ihn entlassen, das zweite Mal haben sie ihm kein Angebot gemacht, weil sie angeblich dachten, er wolle ohnehin nicht weitermachen, das dritte Mal Pep Guardiola verpflichtet. Aber dieses Mal will der Verein ihn länger halten als ursprünglich geplant. Es gebe keinen Plan B, sagt Uli Hoeneß. Und Karl-Heinz Rummenigge sagt: "Man muss den Jupp, ohne ihn zu drängen, mit der notwendigen Eleganz begleiten."

Wenn Jupp Heynckes jetzt nicht gelassen ist, wann dann?

Kurz bevor Jupp Heynckes seine erste deutsche Meisterschaft als Trainer gewinnt, nach acht erfolglosen Versuchen in Mönchengladbach und einem in München, ist er Gast im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF. Neben ihm Uli Hoeneß, gegenüber sitzen Udo Lattek, sein Vorgänger in München, und Christoph Daum, der damalige Trainer des 1. FC Köln, in der Mitte Bernd Heller, der Moderator. Es geht um Sätze, die Daum in den Tagen und Wochen davor über ihn gesagt hatte, Beleidigungen, von denen Daum hoffte, sie könnten nicht nur Heynckes verunsichern, sondern dessen gesamte Mannschaft, um sie auf dem Weg zur Meisterschaft noch zu stoppen.

Die Sätze, die Daum über Heynckes gesagt hatte, waren bis dahin im deutschen Fußball undenkbar gewesen.

  • "Der könnte auch Werbung für Schlaftabletten machen."
  • "Wenn einer so dünnhäutig ist, hat er hier nichts zu suchen."
  • "Die Wetterkarte ist interessanter als ein Gespräch mit Jupp Heynckes."

Es waren Sätze, die saßen. Heynckes schaffte es nicht, sie einfach zu ignorieren.

Über Jupp Heynckes wusste man bis dahin jenseits des Fußballplatzes tatsächlich nicht viel, mit Ausnahme der akribischen Beschreibung seines häuslichen Lebens in Mönchengladbach und seines damaligen Bungalows, jenes Rückzugsorts, in dem er Schutz vor der Öffentlichkeit fand. Man kannte Ausstattung, Größe, Quadratmeterpreis, fast schon zu intime Details, gerade für einen wie Heynckes.

Aber es spiegelte auch die Bedeutung wider, die Heimat für Heynckes damals hatte, die eigene kontrollierte Welt, in der er sich nicht verstellen musste und in die er nur Journalisten einlud, denen er vertraute: das T-förmige Wohnzimmer, der Swimmingpool im Keller (acht mal vier Meter), der Garten ("vom Gärtner angelegt"). Die Hausbar, die Topfpflanzen, die Korktapete und die fein gemusterten Veloursböden.

Viel mehr aber wusste man nicht von ihm, jenseits des Fußballs.

Für Daum war er in gewisser Weise ein dankbares Opfer. Ein Mann, der schon mit Anfang dreißig eine Goldmünzensammlung hatte und dessen Lieblingsgetränk angeblich frische Milch gewesen sein soll. Heynckes stand für die heile Welt, die gern belächelt wird.

Er liebte die strenge Ordnung zu Hause. Als er nach München kam, geriet er in eine andere, ungeordnete Welt, in der sich Fußball und Privates nicht mehr so leicht trennen ließen. Udo Lattek hatte ihm dort einen, wie Heynckes es nannte, "Sauhaufen" hinterlassen. Und es gab dort Lothar Matthäus, den Heynckes für Gladbach entdeckt und zum Spielführer aufgebaut hatte, bis er 1984 von Gladbach nach München wechselte und im Ruf stand, den einen oder anderen fröhlichen Abend im P1 zu verbringen, der Prominentendisco Münchens. Nichts war mehr wie in Gladbach.

Er hatte als Trainer des FC Bayern Gegner, die sich vorher nicht für ihn interessiert hatten, die sich nun an ihm abarbeiten konnten wie Daum, ein Mann ohne große Fußballvergangenheit, aber umso großspuriger im persönlichen Umgang. In Mönchengladbach war Heynckes der ehemalige Torjägerkönig, Mitglied der legendären "Fohlen" von Borussia Mönchengladbach, einer der besten deutschen Stürmer mit 220 Toren in 369 Ligaspielen gewesen, eine unangreifbare Autorität. "Die Spieler wollten mich siezen", sagt er.

Die Welt jenseits des Fußballs war ihm weitgehend unbekannt. Einmal war er im Lovers' Lane, der Diskothek, die sein Mannschaftskollege Günter Netzer in Mönchengladbach betrieb, aber wahrscheinlich auch nur, weil an dem Abend Udo Jürgens zu Gast war, ein Ereignis, das er nicht verpassen wollte. Heynckes ging nicht auf Kneipentour, trank kaum Alkohol, hatte keine Faszination für schnelle Autos und schon gar keine wechselnden Frauenbekanntschaften. Wenn man mit ihm über etwas anderes als Fußball reden wollte, dann blieben vor allem seine Haustiere, die Katzen, zu denen damals Pussy gehörte, eine Schottische Faltohrkatze. Heute redet er über Cando, seinen Schäferhund, der bald 13 Jahre alt wird. Aber am liebsten redet Heynckes über Fußball.

Damals im "Sportstudio" geht es nur scheinbar um Fußball, und das in einer Sprache, die ihm fremd ist, und entsprechend sitzt er in seinem Sessel, schmallippig, nur das Nötigste sagend, während alle anderen an dem Gezänk Ehrgeiz entwickeln, egal auf welcher Seite sie stehen.

Als sie genug gepöbelt haben, wendet sich der Moderator an Heynckes: "Ich möchte mich nicht mehr aufhalten mit der Frage, ob Jupp Heynckes a) beleidigt ist", sagt er, "ob er sich b) beleidigt fühlen muss und ob er sich auch in Zukunft beleidigt fühlen wird." Er klingt, als wäre für ihn nicht Heynckes das Opfer, sondern der Täter. Heller will nun von ihm wissen, ob alles vergessen sei, wenn der FC Bayern München deutscher Meister werde. "Ich muss sagen, auch wenn wir deutscher Meister werden", sagt Heynckes und klingt dabei ungewollt sperrig, "dann kann man es nicht so, wie er es gesagt hat, akzeptieren."

Vielleicht ist das der Moment, von dem ein falsches Bild entsteht, das der beleidigten Leberwurst. Heute sagt Daum: "Es war nicht in Ordnung, was ich damals gesagt habe. Er hat sich damals mir gegenüber in der Öffentlichkeit sehr souverän verhalten."

Und Netzer sagt: "Heute würde der Jupp gar nicht ins 'Sportstudio' gehen. Er würde einfach ignorieren, was Christoph Daum damals gesagt hat."

Heynckes bleibt danach noch für zwei weitere Jahre in München, bis er am 8. Oktober 1991 nach einer 1:4-Heimniederlage gegen den Aufsteiger Stuttgarter Kickers zum ersten Mal entlassen wird.

Als Jupp Heynckes im April 2009 zum zweiten Mal zum FC Bayern kommt, sitzt er nur fünf Spiele lang auf der Bank. Von einer Niederlage bleibt er verschont. Es war sein Glück.

Unter Niederlagen hat er schon immer über Gebühr gelitten. Heynckes ist bei Hennes Weisweiler durch eine harte Schule gegangen, einem Disziplinfanatiker, der ihn 1964 in die erste Mannschaft von Borussia Mönchengladbach geholt hatte und von dem ihm ein Satz in Erinnerung bleiben wird: "Eine Niederlage ist eine ernste Sache."

Schon als Spieler fiel es Heynckes schwer, Niederlagen zu akzeptieren. Nach Niederlagen sprach er meist stundenlang kein Wort. Wenn ihn seine Frau aufzumuntern versuchte, war das vergebens, er verschwand dann wortlos in seinem Zimmer. Nachts wälzte er sich in seinem Bett und knirschte mit den Zähnen.

Später, als junger Trainer, war es nicht anders. Lothar Matthäus erinnert sich an Momente, in denen Heynckes die Mannschaft nach Niederlagen mit Missachtung strafte. "Er hat jede Niederlage persönlich genommen, als hätten wir gegen ihn gespielt", sagt Matthäus. "Es war dann Totenstille im Bus."

Aber diese Zeit liegt nun hinter Jupp Heynckes. Nach mehreren Stationen im Ausland hatte seine Karriere etwas Weltmännisches hinzugewonnen, Leichtigkeit. Journalisten, die ihn während seiner Zeit bei Athletic Bilbao erlebten, notierten verwundert, dass Heynckes sogar dann seine Gelassenheit bewahrt habe, "wenn ihm Journalisten während einer Pressekonferenz den scharfen Qualm von Ducados-Zigaretten ins Gesicht pusten". In Deutschland nannte man Heynckes jetzt auch gern "Don Jupp".

Heynckes selbst beschreibt seine Wandlung als Trainer nun so: "Wenn früher mal ein Spieler zu spät kam, hätte ich den am liebsten an die Wand genagelt. Heute nehme ich den in den Arm und sage: Was ist denn los?"

Es fällt ihm noch immer nicht leicht, mit Niederlagen umzugehen. "Man muss Niederlagen respektieren", sagt Jupp Heynckes, "aber akzeptiert hab ich Niederlagen nie." Er zeigt jetzt nur nicht mehr, wie sehr sie in ihm arbeiten. Es lebt sich leichter so. Er hat wieder Spaß am Fußballgeschäft, auch wenn ihm Spaß allein niemals genügt.

Wenn Günter Netzer "Gelassenheit" sagt, dann genießt er diesen Moment, dann dehnt er das Wort, als schmeckte er ihm hinterher. "Gelassenheit", sagt Netzer, "ist ein wunderbares Wort. Das ist auch ein Lebensprinzip, das ich mir selbst verordnet habe."

Er sitzt in der Kronenhalle, einer Zürcher Institution, die sein Lieblingslokal ist. Sein Teller ist leer, der Espresso ist getrunken, und Günter Netzer versucht seit zwei Stunden, den Begriff "Gelassenheit" in Einklang mit Jupp Heynckes zu bringen. Er schätzt Heynckes als Spieler, als Trainer. Netzer lässt die gemeinsamen Zeiten bei Mönchengladbach aufleben, den Moment, als er Trainer Weisweiler erklärte, dass er eine Diskothek in Mönchengladbach eröffnen werde, und Weisweiler nur sagte: "Das ist das Ende." Heynckes hat ihn immer verteidigt, auch seine Eskapaden, seine häufigen Flugreisen nach München, wo er sich mit befreundeten Künstlern und Regisseuren traf. Netzer erinnert auch an den Streit mit Weisweiler vor dem Pokalfinale 1973 gegen den 1. FC Köln, in dem er sich zur Verlängerung selbst einwechselte und das Siegtor schoss und nur dabei war, weil ihn Heynckes dazu überredet hatte. Netzer hat Heynckes einiges zu verdanken.

Aber Gelassenheit? Hatte er das damals? Hat er das heute?

Plötzlich, nach zwei Stunden Gespräch, kommt Netzer ein Geistesblitz. "Ein ganz wichtiges Wort in der Beurteilung seiner Person ist Besessenheit."

Günter Netzer ist der erste Popstar des deutschen Fußballs, ein Mann, der den Eindruck erweckt, als flöge ihm alles zu. In gewisser Weise ist Netzer das Gegenmodell zu Heynckes. Während Netzer gern mal etwas Neues machte, mal Manager, mal Fernsehmoderator war, ist Heynckes immer Trainer geblieben, ein Fußballbesessener, ein Leben lang. Auch deswegen, sagt Netzer, sei er so gut, auch deswegen könne er eine Mannschaft über Nacht übernehmen, ein Mann, immer à jour, auch wenn er mal kein Engagement habe: "Er lebt einfach immer weiter wie ein Trainer, selbst wenn er im Ruhestand ist."

Der Erfolg ist Heynckes nie zugeflogen, er hat sich alles hart erarbeiten müssen, aber er ist ein leidenschaftlicher Workaholic. Als er 1991 gefragt wurde, ob er nicht Bundestrainer werden wolle, antwortete er: "Da bin ich nicht der Typ für. Ich brauche tägliche Arbeit." Arbeit und Disziplin kamen bei Jupp Heynckes immer vor Ehre.

Bayern-Trainer Heynckes: "Das geht nicht anders, ich muss das machen"
Roland Krivec / Imago / DeFodi.de

Bayern-Trainer Heynckes: "Das geht nicht anders, ich muss das machen"

Das hat auch etwas mit seiner Kindheit zu tun. Heynckes wurde am 9. Mai 1945 geboren, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Er war der Zweitjüngste von zehn Geschwistern, sein Leben war ein täglicher Kampf. "In einer Großfamilie geht es in erster Linie darum, sich durchzusetzen", sagt Heynckes. "Dass ich um alles kämpfen musste, hat mich geprägt."

Er lernte, hart gegen sich selbst zu sein. Als er fünf war, wurden ihm die Beine gebrochen, weil sie eine Fehlstellung hatten. Anders als sein Bruder Hans verbrachte er nicht "die dritte Halbzeit" im Vereinsheim. Als er einmal seinen Geburtstag feierte, ging er um elf Uhr ins Bett, weil er zwei Tage später ein Spiel hatte, und ließ seine Gäste allein weiterfeiern.

In München holt er 2013 das Triple aus Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League, das Meisterstück seiner Trainerlaufbahn.

Danach geht Jupp Heynckes in Rente.

Nachdem Jupp Heynckes in einem schmucklosen Büro in München an der Säbener Straße eine Stunde lang Fragen beantwortet hat, zu seiner Zukunft, zu seiner Vergangenheit, beginnt er eine Geschichte zu erzählen, die in seinem Wohnzimmer auf Teneriffa spielt, wo er von 1995 bis 1997 den CD Teneriffa trainierte. Er wechselt während der Erzählung ins Spanische, sie soll nichts an Authentizität einbüßen.

"Usted sabe, somos Barça", sagt Heynckes, er übersetzt: "Also: Sie wissen, dass wir Barcelona sind." Es ist der Satz des Schatzmeisters vom FC Barcelona, der, so wie Heynckes die Geschichte erzählt, vor ihm in seinem Wohnzimmer sitzt. Er hat ihm angeboten, ihn zum FC Barcelona zu holen, aber gerade erfahren, dass Heynckes das Angebot ablehnt, weil er noch einen Vertrag in Teneriffa zu erfüllen hat und Verträge nicht bricht - komme, was wolle. Und deshalb sagt er zu dem Mann aus Barcelona: "Klar weiß ich, wer ihr seid. Aber Sie wissen nicht, wen Sie vor sich haben. Ich breche keine Verträge."

Jupp Heynckes ist ein herrlich altmodischer Mensch. Wenn man ihn fragt, was er Spielern rate, damit sie nicht die Grippe bekommen, antwortet er: Vitamin C. Oder: Haare nach dem Training föhnen. Oder: keine zu dünne Trainingsjacke tragen. Er ist ein Mann, der die alten Werte verkörpert: Disziplin, Anstand, Verlässlichkeit.

Aber damit wirkt er auch immer ein bisschen wie aus der Zeit gefallen, auch was seine Treue zum FC Bayern München betrifft, der ihn ja nicht immer gut behandelt hat. "Für meine Karriere war der FC Bayern das Sprungbrett, deswegen bin ich dem FC Bayern immer dankbar", sagt Heynckes.

Über seine Spieler spricht er heute mit der Milde eines Kindergärtners, der alles verzeiht: "Sie wissen ja, wie die jungen Leute so sind, wenn die Alten Ratschläge geben." Anders als früher, sagt er, vergleiche er sie nicht mehr mit sich selbst, mit seiner Disziplin, seiner "Intensität".

Er hat wieder Freude an seinem Job, was in der Vereinsführung die Hoffnung wachsen lässt, er ließe sich doch noch zu einem weiteren Jahr in München überreden. Aber die "Charmeoffensive", die daraufhin begann, kam bei ihm gar nicht gut an. Was Heynckes nicht leiden kann, ist die Unterstellung, man könne ihn an seiner Eitelkeit packen. Dass er jetzt so umworben werde, sagt er, sei ihm "unangenehm", wie auch die dauernden Nachfragen der Journalisten, die nicht glauben wollen, dass er tatsächlich aufhören will. Sein Blick flackert dann durch den Raum, er sieht so aus, als fühlte er sich wie damals bei Daum.

Wenn er von seiner aktuellen Zeit in München spricht, spricht er auch von seinem traurigen Leben im Hotel. Seine Frau ist in ihrem Haus in Schwalmtal bei Mönchengladbach geblieben. Er sitzt abends allein im Hotel, schaut im Fernsehen mal die Verleihung der Goldenen Kamera, mal Videos künftiger Gegner. "Als Spieler hast du ein wunderbares Leben, als Trainer bist du für alles verantwortlich, jede Kleinigkeit, jedes Detail, um das man sich kümmern muss." Für einen Perfektionisten wie ihn ein Fass ohne Boden.

Rentner Heynckes, Ehefrau Iris im März 2015 "Klare Verabredung"
Christof Koepsel / Bongarts / Getty Images

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Kann er sich lösen? Er erinnert noch einmal daran, wie es zu diesem Engagement gekommen ist, der Besuch von Uli Hoeneß, die Woche, in der er intensiv überlegte, dann die Entscheidung und was daraus folgt. "Ich habe damals meiner Frau gesagt, das geht nicht anders, ich muss das machen. Und dann haben wir eine ganz klare Verabredung getroffen - und daran muss sich jeder halten." Mehr, findet er, muss er nicht sagen. Er lehnt sich zurück. Seine Frau sage immer, er wolle "alles gewinnen, dann einfach nach Hause gehen und sagen: So, jetzt hab ich alles getan".

So wie damals Hans-Jürgen Wischnewski, der Held im Geiseldrama von Mogadischu, der sich bei Bundeskanzler Helmut Schmidt mit dem Satz gemeldet hat: "Die Arbeit ist erledigt."

Der Triumph der Pflichterfüllung. So aufhören. Das wär's.



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