AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2017

Ski-alpin-Star Neureuther "Extrem aggressiv"

Was ist der Unterschied zwischen Profi-Ski und normalen Brettern? Felix Neureuther, der erfolgreichste Slalomfahrer Deutschlands, hat seinem Vater Christian ein Paar ausgeliehen. Doch der einstige Skistar schnallte lieber wieder ab, "zu gefährlich".

Felix Neureuther, 32
DPA

Felix Neureuther, 32

Ein Interview von


SPIEGEL: Herr Neureuther, wie oft checken Sie am Tag den Wetterbericht?

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Heft 5/2017
Der Machthunger des Kandidaten Schulz

Neureuther: Sehr oft. Und je näher ein Rennen kommt, desto häufiger.

SPIEGEL: Was sagen Ihnen die letzten Winter?

Neureuther: Dass Leute wie Donald Trump Unfug reden, wenn sie behaupten, der Klimawandel sei nur eine Erfindung. Wir Skisportler beobachten die Veränderung schon seit Jahren: Es gibt weniger Schnee. Der Winter beginnt eigentlich erst richtig Mitte Januar, dauert dafür aber länger. Davor muss man hoch hinaus, um Schnee zu finden. Es verlagert sich alles immer weiter nach oben.

SPIEGEL: Ist Ihr Beruf angesichts des Wandels schwieriger geworden?

Neureuther: Schon. Weil ich immer auf der Suche bin nach Schnee, um vernünftig trainieren zu können. Ich sitze sehr viel im Auto und fahre kreuz und quer durch die Alpen, weil mal hier, mal dort die Bedingungen stimmen. Die Phasen, in denen ich eine Woche an einem Ort trainieren kann, sind selten geworden.

SPIEGEL: Was macht der Klimawandel mit dem Skisport?

Neureuther: Für die Skiindustrie, für die Liftbetreiber, für den gesamten Wintersporttourismus wird es immer schwieriger. Ohne Kunstschnee geht es heute nicht mehr. Aber ich bin mir sicher, dass der Skisport nicht aussterben wird, wie das manche prognostizieren. Dafür gibt es noch zu viele Leute, die begeistert sind von der Natur, die raus wollen in die Berge - und die sich für unsere Rennen interessieren.

SPIEGEL: Der Weltcupzirkus dient der Skiindustrie als eine Art Dauerwerbeveranstaltung. Aber ist der Rennsport überhaupt noch mit dem normalen Skilaufen zu vergleichen?

Neureuther: Warum nicht?

SPIEGEL: Sie fahren auf prügelharten, aufwendig modellierten Kunstschneepisten, auf denen ein Gelegenheitsskiläufer ...

Neureuther: ... besser nicht unterwegs sein sollte, weil sie so eisig und so steil sind, ja, das stimmt.

SPIEGEL: Sie benutzen Ski ...

Neureuther: ... die mit normalen Ladenski nicht zu vergleichen sind, stimmt auch. Aber unsere Entwicklungen fließen auch in den Verkaufski ein.

AFP

SPIEGEL: Wo genau liegt der Unterschied?

Neureuther: Ein Ladenski hat mit meinen so viel gemeinsam wie ein Pkw aus dem Autohaus mit einem Formel-1-Rennwagen. Ein guter Alltagsski kostet 400 bis 600 Euro, ein Paar meiner Slalomski rund 2500 bis 3000 Euro. Alle Materialien sind anders, der Holzkern ist anders aufgebaut, der Belag, die Kanten.

SPIEGEL: Ihr Ski hat noch einen Holzkern?

Neureuther: Ich habe mal ein Modell mit Carbonkern ausprobiert. Es ist beim Schwung gebrochen. Glauben Sie mir, es gibt nichts Besseres als Holz, es ist flexibel und stabil zugleich.

SPIEGEL: Hätte ein Alltagsskifahrer mit Ihren Ski Spaß?

Neureuther: Sicher nicht. Mein Vater war neulich beim Training dabei. Da hab ich meinem Servicemann gesagt: Frag mal, ob er ein Paar Ski von mir ausprobieren will. Mein Papa kann bekanntlich sehr, sehr gut Ski laufen. Und es hat ihm auch riesigen Spaß gemacht. Aber nach einer Weile meinte er, ihm sei das zu gefährlich.

SPIEGEL: Inwiefern verhält sich ein Rennski anders als ein Modell aus dem Sportgeschäft?

Neureuther: Slalomrennski sind extrem aggressiv, die Kanten packen sofort zu, sobald man nur daran denkt, einen Schwung einzuleiten. Selbst ein sehr versierter Läufer würde ständig verschneiden und riskieren, sich das Knie kaputt zu machen.

SPIEGEL: Ist Slalomfahren heutzutage Extremsport?

Neureuther: Im Prinzip ist das so. Dieser Sport hat sich in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt, die Athletik der Läufer, das Material, die Geschwindigkeit, die Reaktionszeiten zwischen den Stangen. Wir bewegen uns ständig am Limit.

SPIEGEL: Diese Saison hat der Norweger Henrik Kristoffersen die meisten Rennen gewonnen, ein 22-Jähriger mit dünnen Beinen. Was macht er besser als Sie?

Neureuther: Vieles, er hat eine solche Power, eine perfekte Technik, weil er von klein auf richtig trainiert wurde. Und er hat einen unbändigen Willen, immer noch schneller zu werden. Er ist ein Phänomen.

SPIEGEL: Gibt es Rennstrecken, auf denen Sie Kristoffersen schlagen können?

Neureuther: Generell ist es besser für mich, wenn der Hang schwierig zu fahren ist. Ich mag Herausforderungen, ich wachse an ihnen. Einfaches Gelände hilft mir nicht, da haben die jungen Läufer Vorteile, die haben mehr Kraft, bolzen einfach drauflos. Ich bin eher ein Instinktskiläufer mit Gefühl. Ich kann mich gut auf extreme Verhältnisse einstellen.

SPIEGEL: In gut einer Woche beginnt die Weltmeisterschaft in St. Moritz. Kommt Ihnen die Piste dort entgegen?

Getty Images

Neureuther: Kann mir schon entgegenkommen, wenn alles passt. Der Hang ist nicht der anspruchsvollste. Bei extremen Schneeverhältnissen kann die Piste aber sehr ruppig werden. Das wäre gut für mich.

SPIEGEL: Sie haben noch nie bei einem Großereignis im Slalom eine Goldmedaille gewonnen. Ist der Druck bei einer WM oder bei Olympia zu groß für Sie?

Neureuther: Nein. Ich bin auch gar nicht so fixiert auf diese Großereignisse. Rein sportlich betrachtet haben die Weltcuprennen in Wengen oder in Kitzbühel, die großen Klassiker, für mich einen höheren Stellenwert. Wir fahren dort auf Hängen, auf denen schon vor 80 Jahren Rennen ausgetragen wurden. Da ist so viel Tradition und Leidenschaft.

SPIEGEL: Aber in der Sportwelt und bei Sponsoren zählt nichts mehr als ein Olympiasieg.

Neureuther: Mag sein. Aber ich muss sagen, dieser viel beschworene Geist der Olympischen Spiele, für mich gibt es den kaum noch.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Neureuther: Ich finde es traurig, dass Winterspiele nicht mehr an traditionsreichen Wintersportorten ausgetragen werden. 2014 waren wir in Sotschi, 2018 kommt Südkorea, danach Peking. Sorry, aber da fehlt mir einfach das Flair. Ich glaube nicht, dass sich mit Winterspielen in Peking eine große Begeisterung für Wintersport entfachen lässt. Sicher, es mag gut sein für die Industrie, die neue Absatzmärkte erschließen will. Aber für die Sportler ist Peking ein Rückschlag.

SPIEGEL: Garmisch-Partenkirchen scheiterte an der Seite von München zweimal mit einer Olympiabewerbung. Beim letzten Versuch verhinderte ein Bürgerentscheid eine Kandidatur. Sollte es Ihre Heimat noch mal versuchen?

Neureuther: Unbedingt. Aber nur, wenn das IOC seine Philosophie ändert. Wir brauchen ein Umdenken, eine Abkehr vom Gigantismus. Ich denke, wenn man das Olympiaprogramm verschlanken und die Kosten reduzieren würde, dann könnte Olympia auch in Deutschland wieder eine Heimat finden. Für unsere Sportkultur wäre das so wichtig.

SPIEGEL: Warum?

Neureuther: Olympia hat eine extreme Ausstrahlung. Es bringt die Jugend zum Sport. Und darum geht es doch. Kids zu begeistern, sie zu animieren, das Smartphone wegzulegen, Ski zu laufen, Eishockey zu spielen, Schnee zu erleben.

AFP

SPIEGEL: Sie haben auch Ihr Smartphone vor sich auf dem Tisch liegen und gucken ständig drauf.

Neureuther: Ja, es ist ein Teil auch meines Lebens. Aber der Kult um diese Geräte, den verstehe ich nicht. Sie sind nützlich, mehr aber nicht. Wenn ich höre, dass Politiker fordern, Kinder schon früh mit Smartphones in Berührung zu bringen, damit sie lernen, wie sie richtig mit den Dingern umgehen, dann verstehe ich die Welt nicht mehr.

SPIEGEL: Sie klingen jetzt sehr altmodisch.

Neureuther: Es ärgert mich, dass Sport bei uns heute nicht mehr so einen großen Stellenwert hat.

SPIEGEL: Übertreiben Sie da nicht?

Neureuther: Definitiv nicht. Kinder haben doch kaum mehr die Zeit, um sich nach der Schule noch beim Sport zu entfalten. Die haben heute so viel Stress, so viel Druck, da fällt der Sport bei den meisten automatisch hinten runter.

SPIEGEL: Sportler sind auch nicht immer die besten Vorbilder.

Neureuther: Stimmt. Ich ärgere mich auch über Sportler, die sehr viel Geld verdienen und nur an sich und die nächste Gehaltsabrechnung denken. Ich finde, wir Athleten haben auch die Aufgabe, die Begeisterung für den Sport auf die Kinder zu übertragen.



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