AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2017

Der neue Feminismus Mit Jutebeuteln und Muschi-Tattoos

Feminismus ist plötzlich wieder in. Junge Frauen gehen dafür auf die Straße - oder in den nächsten Modeladen. Die neue Frauenbewegung gehört zur Popkultur.

Modejournalistin Suzie Grime
GordonWelters.com/DER SPIEGEL

Modejournalistin Suzie Grime

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Hat jemand die Scheide gesehen? Giulia Becker blickt ihre Kollegen aus der Produktionsfirma fragend an. Vielleicht im Lager, bei den ausrangierten Kulissen. Doch da ist sie nicht. Die Requisite in Form einer stilisierten Vagina bleibt unauffindbar.

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Heft 19/2017
Der eitle Kampf der Verteidigungsministerin gegen ihre skandalreiche Truppe

Becker nutzte sie im Dezember bei einem großen Fernsehauftritt. Im "Neo Magazin Royale", der ZDF-Sendung von Jan Böhmermann, sang Becker über Sexismus. Die Scheide, vier mal vier Meter groß, blinkte neonpink im Hintergrund.

Der Einspieler war inszeniert wie ein Musikvideo. Becker, Autorin bei Böhmermanns Magazin, stand im goldenen Kleid vor einem schwarzen Flügel und fragte zur Melodie von Michael Jacksons "Earth Song", warum sie schlechter bezahlt und als Witzeschreiberin nicht ernst genommen werde. Ihre Erklärung war Teil des Refrains: "Es liegt an meiner Scheide."

Die Resonanz auf den Beitrag war groß, bei YouTube wurde er seitdem fast 700.000-mal abgerufen. Becker erhielt Jobangebote und Hunderte positive Nachrichten. "Manche Frauen sagten mir, ich hätte eine Hymne für den Feminismus geschrieben", sagt Becker.

"Das ist schön. Dabei wollte ich vor allem das Wort Scheide wieder salonfähig machen."

Der Begriff habe schon im Biologieunterricht stets Kichern ausgelöst.

Als Becker, 26, beim "Neo Magazin Royale" anfing, war sie unter fünf Autoren die einzige Frau. Das fand sie komisch. Und stellte fest, dass sich nur wenige Frauen einen Job in der Unterhaltungsbranche zutrauen. Woran das liege? "Ein großer Aspekt: Ihnen fehlen die Vorbilder."

Giulia Becker bezeichnet sich erst seit kurzer Zeit als Feministin. Auch wegen Beyoncé. Becker vergöttert die US-Sängerin und hat schon viel Geld ausgegeben, um deren Konzerte zu sehen. "Beyoncé ist ein Boss. Sie ist eine der mächtigsten Frauen in der Musikbranche", sagt Becker.

Im August 2014 trat Beyoncé bei den MTV Video Music Awards auf. Währenddessen ließ die Sängerin Passagen eines feministischen Essays der Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie auf eine Leinwand projizieren. Dann erschien hinter ihr riesengroß ein Wort: Feministin. Giulia Becker war elektrisiert.

Beyonce bei den 2014 MTV Video Music Awards
Getty Images

Beyonce bei den 2014 MTV Video Music Awards

Es hat sich etwas verschoben in der Selbstbeschreibung junger Frauen. Empfanden viele von ihnen Feminismus vor ein paar Jahren noch als Schimpfwort, von dem sie sich gar nicht schnell genug distanzieren konnten, identifizieren sie sich heute mit dem Kampf für Gleichberechtigung. Bislang fanden Debatten um die Benachteiligung von Frauen vor allem in intellektuellen und politischen Kreisen statt, inzwischen ist der Feminismus im Mainstream angekommen.

Auch das Bild von Feministinnen hat sich verändert. Bis vor einigen Jahren stellten sich viele, auch Frauen, darunter schlecht gelaunte Frauen vor, mit Kurzhaarfrisur und unrasierten Achseln. Oder Alice Schwarzer. Andere Vorkämpferinnen waren den meisten nicht bekannt. Heute gehört es für erfolgreiche Frauen zum guten Ton, sich als Feministin zu bezeichnen. Sogar Ivanka Trump, Tochter des US-Präsidenten Donald Trump, will zum Klub der Feministinnen gehören. Vergangene Woche erschien in den USA ihr Buch über arbeitende Frauen. Nur Angela Merkel zierte sich, als sie jüngst gefragt wurde, ob sie Feministin sei.

Das französische Modehaus Dior - und andere Marken - zeigten in den vergangenen Monaten T-Shirts mit feministischen Botschaften auf dem Laufsteg. Ketten wie H&M kopierten die Idee. Ebenso die Macherinnen des deutschen Blogs "This is Jane Wayne", der im Netz eine große Fangemeinde hat: Sie entwarfen eine Modelinie als Hommage an die Feminismus-Ikone Simone de Beauvoir. Zur Kollektion gehören Jutebeutel mit dem Schriftzug "No more patriarchy" und Oberteile, die mit dem Cover von Beauvoirs Hauptwerk "Das andere Geschlecht" bedruckt sind.

Hashtags wie "girlboss" (eine erfolgreiche Frau) und "mansplaining" (ein Mann, der anderen ungefragt Dinge erklärt) kursieren tausendfach im Netz und sind in den Sprachgebrauch junger Frauen übergegangen. Sogar die Frauenzeitschrift "Glamour", nicht als Speerspitze der Emanzipation bekannt, gibt ihren Leserinnen neuerdings Tipps für das richtige Outfit bei Demos ("protestspezifische Trends wie 'Pussy Hats' mitmachen").

Vieles davon ist oberflächlich, ein beliebter Hashtag schafft keine Lohngerechtigkeit. Manches ist sogar fragwürdig: Die feministischen T-Shirts von "This is Jane Wayne" sind maximal in Größe L erhältlich. Die fülligere Giulia Becker beschwerte sich auf Instagram, dass "leider nur normschöne Frauen" angesprochen würden. Und viele der Klamotten, die mit feministischen Sprüchen verziert sind, werden von Näherinnen in Bangladesch oder China für einen Hungerlohn zusammengenäht.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Kommerzialisierung die Bewegung für mehr Frauen geöffnet hat: Am 8. März, dem Internationalen Frauentag, gehen mehr als 10.000 Frauen in verschiedenen deutschen Städten für Frauenrechte auf die Straße, so viele wie schon lange nicht mehr an diesem Tag.

Fernsehautorin Giulia Becker
Felix Mai

Fernsehautorin Giulia Becker

In Hamburg regnet es in Strömen, trotzdem demonstrieren im Zentrum rund 1600 Frauen. Sie tragen Strickmützen mit Katzenohren und halten Plakate mit Sprüchen wie "Pussy grabs back" hoch, "Muschi grapscht zurück", eine Anspielung auf die sexistischen Äußerungen von US-Präsident Trump. Die Slogans sind inspiriert vom "Women's March" in den USA, bei dem einen Tag nach Trumps Amtsantritt mehr als eine Million Menschen für Frauenrechte auf die Straße gingen. Seitdem sind pinkfarbene Katzenmützen das neue Symbol des Widerstands.

Nach der Kundgebung in Hamburg ziehen die Teilnehmerinnen weiter in ein autonomes Zentrum im Karoviertel. Auf der Tanzfläche nicken vier Mädchen zwischen 13 und 17 Jahren betont lässig zum Takt der Musik. Weil Schulferien sind, konnten die Gymnasiastinnen zum ersten Mal für Frauenrechte demonstrieren. Feminismus sei ihnen "voll wichtig", sagt eine von ihnen.

Warum? Es ärgere sie, dass Mädchen als "Schlampen" beschimpft würden, wenn sie mit vielen Jungs schlafen, während Jungs, die mit vielen Mädchen ins Bett gehen, Anerkennung bekämen. Eine ihrer Heldinnen sei die Schauspielerin Emma Watson, bekannt durch die "Harry Potter"-Filme, die sich als Uno-Sonderbotschafterin für Gleichberechtigung einsetzt. Und natürlich Beyoncé.

Die US-amerikanische Autorin Andi Zeisler hat das Buch "Wir waren doch mal Feministinnen: Vom Riot Grrrl zum Covergirl - Der Ausverkauf einer politischen Bewegung" geschrieben, es ist kürzlich auf Deutsch erschienen.

Der Titel macht klar, dass sie vom Kommerz-Feminismus nichts hält. Aber selbst sie sagt, man könne "gar nicht hoch genug einschätzen", was es bedeute, wenn ein Weltstar wie Beyoncé den Feminismus von Ballast befreie. Von all den Zuschreibungen und Klischees: den Latzhosen, den Binnen-I und dem Männerhass. All das hat sich nicht zuletzt wegen der Hartnäckigkeit gehalten, mit der Gegner den Feminismus seit je attackieren.

Beim Frauenmarsch in Washington lief halb Hollywood mit, aber nicht nur deswegen bekennen sich junge Frauen in Deutschland mit neuer Selbstverständlichkeit zum Feminismus. Auch sie stellen jetzt fest, dass Sexismus alltägliche Realität ist. Viele waren aufgeschreckt durch die Twitter-Kampagne #aufschrei, die im Januar 2013 Anekdoten von Alltagssexismus sammelte.

Nach den Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht diskutierte Deutschland Anfang 2016 über Gewalt gegen Frauen - kein neues Problem, aber eines, das neue Beachtung fand. Plötzlich wurden Frauen, die von sexueller Belästigung erzählten, ernst genommen.

Im Sommer verhandelte dann ein Berliner Gericht über den Fall Gina-Lisa Lohfink. Sie hatte zwei Männern vorgeworfen, sie vergewaltigt und dabei gefilmt zu haben. Am Ende wurde Lohfink wegen Falschbeschuldigung verurteilt, doch die Debatte um die Verschärfung des Vergewaltigungsparagrafen hatte da auch Frauen erreicht, die sich normalerweise nicht für Rechtsreformen interessieren. Inzwischen wurde die Forderung "Nein heißt Nein" Gesetz.

Auch die Weltpolitik zeigt Frauen, dass sie ihre Positionen verteidigen müssen: Der US-Präsident ist ein Mann, der Frauen offensichtlich geringschätzt und ihre Rechte beschneidet. Als die polnische Regierung vergangenes Jahr alle Abtreibungen verbieten wollte, konnten nur heftige Gegendemonstrationen das verhindern. In Deutschland wenden sich Kritiker gegen einen angeblichen "Genderwahn" und bepöbeln Frauenrechtlerinnen als "Feminazis". Manche Männer glauben, dass es die Gesellschaft mit der Gleichstellung von Frauen und Minderheiten ja wohl übertrieben habe. Diese Feindseligkeit hat junge Frauen wachgerüttelt und ihnen vor Augen geführt, dass es Feminismus sehr wohl noch braucht.

"Wenn ich mir anschaue, was die Politik in den letzten Jahren in Sachen Gleichberechtigung getan hat, kann ich nur lachen", sagt Teresa Bücker. Die 33-Jährige gehört zum Kreis der Netzfeministinnen. Auf Twitter folgen ihr mehr als 20.000 Menschen, sie ist Chefredakteurin von Edition F, einem Onlinemagazin für "Frauen, die ihre Karriere im Blick haben, denen Selbstverwirklichung wichtig ist und die Lust auf Neues haben". Es erreicht pro Monat über eine halbe Million mehrheitlich weibliche Leser.

Netzfeministin Teresa Bücker
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Netzfeministin Teresa Bücker

Bücker nutzt ihre Präsenz im Netz nicht nur dazu, um sich über männliches Gehabe und blöde E-Mails ("Sie als arbeitende Mutter") lustig zu machen. Sie weist auf die Nöte von Alleinerziehenden und Hebammen hin. "Dass immer mehr Hebammen aus wirtschaftlichen Gründen ihren Beruf aufgeben müssen, ist der Gipfel der Frauenfeindlichkeit, weil das Schwangeren die Freiheit nimmt, darüber zu entscheiden, welche Art von Geburt sie möchten", sagt Bücker.

Die Politik habe sich hauptsächlich auf die Frauenquote und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie konzentriert. "Das war reiner Karrierefeminismus", sagt Bücker. Davon profitiere nur eine Elite ohnehin schon privilegierter Akademikerinnen. Um Frauen aus allen Bevölkerungsschichten zu stärken, fordert sie die Abschaffung des Ehegattensplittings, weil dieses die wirtschaftliche Abhängigkeit von Frauen gegenüber ihren Männern zementiere.

In den letzten Jahren schien es, als entscheide sich der Erfolg der Emanzipation bei der Frage, wie viele Frauen es in die Vorstandsetagen schaffen. Facebook-Managerin Sheryl Sandberg propagierte, Frauen sollten mehr Energie in ihre Karriere stecken. Wenig überraschend, dass junge Feministinnen dieses Ziel hinterfragen. Nicht für jede Frau ist eine Konzernkarriere erfüllend. Zudem halten sie es für unsinnig, ihr Leben an die Anforderungen der Arbeitswelt anzupassen, statt diese zu verändern.

Feminismus, das heißt 2017 vor allem Wahlfreiheit: für Kind oder Karriere oder beides, für Miniröcke und High Heels oder für ein Kopftuch. Jede solcher Entscheidungen sei okay, glauben die neuen Feministinnen, solange sie aus freien Stücken getroffen werde. Dass das beliebig wirkt, stört die wenigsten. Schließlich halten viele für das Hauptproblem, dass es diese Wahlfreiheit noch gar nicht gibt.

Die meisten jungen Frauen unter 30 sind zwar mit dem Glauben aufgewachsen, ihr Geschlecht spiele heutzutage keine Rolle mehr. Die Zeiten, in denen verheiratete Frauen in Deutschland nur mit Einverständnis ihres Ehemanns ein eigenes Konto eröffnen und arbeiten konnten, erscheinen ihnen so weit weg wie das Mittelalter.

Trotzdem sind Ungerechtigkeiten und Rollenklischees, die Frauen kleinhalten, keineswegs verschwunden. Mütter können eigentlich nichts richtig machen, egal ob sie direkt wieder Vollzeit arbeiten oder Hausfrauen sind. Vielen Frauen, die sich im Internet zu politischen Fragen äußern, schlägt eine Welle von sexistischen Beleidigungen und Drohungen entgegen.

Gegen die Macht der Erwartungen, die an Frauen gestellt werden, wollen die Macherinnen des "F Mag" ankämpfen. Die Idee für ein Magazin mit feministischer Haltung, das jünger wirkt als "Emma" und mainstreamiger als "Missy Magazine", kam ihnen während ihrer Ausbildung an der Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg. Seit März ist es auf dem Markt.

Dem Heft liegen Aufkleber mit Sprüchen wie "Nachos statt Machos" und "Diäten sind was für Politiker(*)innen" bei. Drinnen finden sich unter anderem eine Fotostrecke über Menschen mit auffälligen Narben und ein Artikel über Sexfantasien, für die man sich laut "F Mag" nicht schämen sollte.

Die Botschaft, die sich durchs Magazin zieht: Du bist in Ordnung, so wie du bist - oder wie es das Redaktionsteam ausdrückt: "body-positive" und "sex-positive". Gemeint ist damit, den eigenen Körper und den anderer nicht zu bewerten und Sex grundsätzlich gut zu finden, solange er einvernehmlich ist. "Die meisten Frauenzeitschriften definieren Sex als Dienstleistung am Mann. Davon wollten wir weg", sagt Redaktionsleiterin Sara Schurmann.

Über das Cover haben sie lange diskutiert. Es zeigt eine blonde, schlanke Frau mit Nasenring, die in einer Hand eine bengalische Fackel hält. Natürlich wollten sie mit der Wahl des Titelmodels "möglichst viele Leserinnen abholen", sagt Schurmann, "aber body-positive bedeutet auch, dass es okay ist, blond und schlank zu sein".

Streit um die Frage, was Feministinnen zu Feministinnen macht, was sie dürfen und was nicht, gibt es so lange wie die Bewegung. In den Siebzigerjahren wurde Alice Schwarzer von anderen Feministinnen attackiert, weil sie deren Meinung nach zu wenig wissenschaftlich arbeitete. Heute lästert Schwarzer, 74, über die Netzfeministinnen, ihre gut 40 Jahre jüngeren Nachfolgerinnen. Auf einer SPIEGEL-Veranstaltung vor einigen Wochen nannte Schwarzer sie "die Hetzfeministinnen", weil sie auf andere Frauen losgingen, wenn die gegen linke Codes verstießen. Die Netzfeministinnen hatten Schwarzers Warnungen vor Problemen mit muslimischen Zuwanderern als rassistisch gebrandmarkt. Und dass die "Hetzfeministinnen" immer ihr Alter erwähnten, stieß Schwarzer ebenfalls auf.

Journalistin Alice Schwarzer
DPA

Journalistin Alice Schwarzer

Die US-Autorin Andi Zeisler kritisiert in ihrem Buch, dass Marken den Feminismus vereinnahmten. Es sei absurd, wenn Chanel eine Modenschau als pseudofeministische Demo inszeniere und Unterhosen als emanzipatorisches Statement verkauft würden. Der Feminismus werde so zu einem Accessoire ohne Inhalt, schreibt Zeisler. Statt um den gemeinsamen Kampf gegen Benachteiligung gehe es dann nur noch darum, sich mit einem coolen Label aufzuwerten. Feminismus werde zum Werkzeug der persönlichen Selbstverwirklichung.

Aber ist das schlimm? Suzie Grime, 24, ist ein Resultat dieser Entwicklung. Sie ist Modejournalistin, überall am Körper tätowiert und bezeichnet sich selbst als Popfeministin. Beim Treffen in einem Berliner Café trägt sie eine Sporthose und blütenweiße Fila-Schuhe - und sieht damit aus wie ein Kleinstadtgangster aus den Neunzigerjahren.

Auf ihrem YouTube-Kanal "Mode, Gras und Feminismus" spricht Grime über Masturbation und Penisbilder, die ihr unaufgefordert zugeschickt werden, meist geht es um sie selbst.

Sie sei "Feminismus-Anfängerin", sagt Grime zur Verteidigung. Auf einer Demo war sie nie, nach eigener Aussage hat sie nur zwei feministische Bücher "halb gelesen". Stattdessen informiere sie sich vor allem online über Blogs, Essays und journalistische Artikel. Für Grime hat jede Form von Aktivismus eine Daseinsberechtigung, auch der, der nur online stattfindet: "Je öfter das Wort Feminismus in den Headlines auftaucht, desto besser."

Als Feministin fühlt sich Grime, seit sie einen Text über ihr "Muschi-Tattoo" schrieb. Nachdem sie ein Foto der Hanfblatt-Tätowierung im Intimbereich veröffentlicht hatte, beschimpften Nutzer sie als Schlampe und drohten ihr mit Vergewaltigung. "Erst da habe ich gemerkt, dass das Thema Sexismus noch nicht gegessen ist", sagt sie. Inzwischen klärt sie in ihren Videos auch über die Nebenwirkungen der Antibabypille auf und fordert, dass Menstruationsblutungen nicht länger ein Tabu sein sollten, über das niemand spreche.

In ihrem erfolgreichsten Video schildern Frauen und Männer ihre Erfahrungen mit Sexismus. Sie berichten über dumme Sprüche auf der Straße und diskutieren die Frage, warum Jungs eigentlich ausgelacht werden, wenn sie rosafarbene Klamotten tragen. Das Video wurde auf YouTube über 300.000-mal angeklickt.

Wie beliebig man das Schlagwort Wahlfreiheit auslegen kann, zeigte Grime Ende 2015, als sie sich ihre Brüste vergrößern ließ, nicht gerade ein feministischer Akt. Nach der OP berichtete sie auf YouTube: aus der Klinik und von zu Hause, als die Wirkung der Schmerzmittel nachließ. Grime entschied sich dafür, weil ihr Naturbusen ihr stets "wie ein Fremdkörper" vorgekommen sei, wie sie sagt. Sie habe es für sich selbst getan, nicht um anderen zu gefallen, das ist ihr wichtig, und sagt dann doch: "Würden wir in einer anderen Welt leben, hätte ich vielleicht andere Schönheitsideale. Aber niemand ist ganz frei von äußeren Einflüssen."

Natürlich ist Grime selbstbezogen, ihre Ansichten sind weder neu noch radikal. Aber sie erreicht eine Generation junger Mädchen, die von einem Begriff wie Lohngerechtigkeit vermutlich noch nie etwas gehört hat. Wer heute Suzie-Grime-Videos schaut, lässt sich morgen vielleicht keine dummen Sprüche mehr von Jungs gefallen oder nimmt nächstes Jahr an einer Demo teil.

"Man hat ja kaum noch den Überblick, was Feminismus ist, weil alle Feminismus machen", sagt Stevie Schmiedel, 45. Sie ist Geschäftsführerin der Organisation Pinkstinks, die sexistische Werbung anprangert, und wird von Familien- und Justizministerium als Expertin konsultiert.

Als die "Brigitte" ihre Leserinnen unter dem Motto "Pinkfirst" am Weltfrauentag dazu aufrief, mit pinkfarbenem Nagellack demonstrieren zu gehen, sei sie kurz genervt gewesen, erzählt Schmiedel: "Die 'Brigitte' hat gute Reportagen, aber ein Blatt in den Zwängen der Modeindustrie kann nicht feministisch sein." Dann habe sie sich aber beruhigt und gedacht, es sei gut, wenn der Feminismus möglichst viele Frauen erreiche.

Aktivistin und pinkstinks-Gründerin Stevie Schmiedel
Maria Feck / laif

Aktivistin und pinkstinks-Gründerin Stevie Schmiedel

Es sei schlimmer, wenn der Feminismus alter Schule an Universitäten oder in der Aktivistinnenszene junge Frauen verschrecke, noch bevor die sich dem Kampf für Gleichberechtigung angeschlossen hätten. Schmiedel erzählt, dass sie auf einer Demo, bei der traditionell linksintellektuelle Reden gehalten wurden, kürzlich beobachtete, wie Frauen miteinander flüsterten: "Was ist denn ein Cis-Mann?" Und: "Wer sind diese Women of color?" Die Neuen kannten sich mit den Kürzeln der Szene offenbar nicht aus.

Anschließend seien die Frauen wahrscheinlich nach Hause gegangen und hätten sich gefragt, warum die Rednerinnen so laut und aggressiv aufgetreten seien, glaubt Schmiedel. Sie bezweifelt, dass die Frauen wiederkommen.

Dass Feminismus ohne Dogmen und Sprachregeln auskommen kann und nichts ist, was man studieren muss, gehört zu den Errungenschaften des aktuellen feministischen Frühlings. Und wenn Katzenmützen und Sloganshirts dazu beitragen, das postfeministische Koma der vergangenen Jahre zu überwinden, ist das erst mal ein Fortschritt. Den Trägerinnen pauschal jede Ernsthaftigkeit abzusprechen wäre unfair. "Wenn nur eine von zehn Katzenmützenträgerinnen am Ende auch auf anderen Wegen für die Sache der Frauen kämpft, ist viel gewonnen", sagt Schmiedel. Sie macht sich keine Sorgen, dass der Feminismus dem Kapitalismus zum Opfer fallen könnte: "Es gibt ja auch noch sozialistische Ideale, obwohl Che Guevara auf Millionen T-Shirts prangt."

Gescheitert ist der Sozialismus zumindest nicht am Geschäft mit T-Shirts, sondern an der Realität.



insgesamt 13 Beiträge
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Bärlauch 09.05.2017
1. Verrückt, diese Bewegung...
Also ich bezeichne mich als einen Humanisten... Feministinnen sollten sich auch am allgemein Menschlichen orientieren. Sie haben das Menschsein aus dem Auge verloren und machen sich zum Affen dessen, was sie als männlich missverstehen...
Spiegelsicher 09.05.2017
2. Sorry, aber das sind Nachrichten aus der ...
... Filterblase. Jede emanzpierte, selbstbewusste Frau machte sich bei uns lächerlich - geschweige denn, dass Sie auf die Idee käme - sich als "Feministin" zu bezeichnen und ernsthaft konkrete Teilhabe lediglich aufgrund abstrakter Geschlechtsmerkmale zu fordern. Das habe unsere Damen nicht nötig, die setzen sich schon selbst durch. Grüße in die Redaktion!
tullrich 09.05.2017
3.
Luxusprobleme: Frauen machen irgendwas mit Medien und werden dabei portraitiert von Frauen, die auch irgendwas mit Medien machen. Und 13-jährige Mädchen werden im Artikel zitiert, die es schlimm finden, dass sie nicht ohne Außenwahrnehmung (bei ihren Freunden und Klassenkameraden?) unbegrenzt vielfältige Sexualkontakte haben. Ich gebe dem Foristen "spiegelsicher"#2 recht: Eine Filterblase, ohne Auswirkungen auf die reale Welt. Aber es gibt sicherlich steuerliche Förderung dafür.
TLB 09.05.2017
4.
Man kann kleine Dinge tun für die Gleichberechtigung. Gleiche Löhne zahlen, einen Betriebskindergarten mit kostenloser Betreuung anbieten, respektvoll mit allen Menschen unabhängig vom Geschlecht und der sexuellen Orientierung umgehen. Und wenn man das jeden Tag macht, wird es zur Gewohnheit und Gewohnheit ist nun mal langweilig. Da interessiert sich keine Feministin und kein Feminist dafür. Edition F (bspw.) gibt derartige Reportagen heraus https://editionf.com/Female-Future-Force-Interview-Mirna-Funk. Frau Funk führt ein spannendes Leben. Das ist eben der Unterschied zum Alltäglichen. Und weiter heißt es dann, dass das Internet und soziale Netzwerke weiblich wären. Ich denke, nicht jede und jeder teilt diese Meinung. Wenn aber dieser Satz veröffentlicht wird „Wir müssen eine feministische Terror-Gruppe gründen und die alten weißen Männer aus dem Weg schaffen (lacht)“ erkenne ich spätestens, dass Edition F meinen Feinden eine Stimme gibt. Ich finde das nicht lustig. Man stelle sich folgenden Satz vor: „Wir müssen eine Terror-Gruppe gründen und alte häßliche Frauen aus dem Weg schaffen“. Ich bin einfach der Meinung, dass einige Frauen, die sich Feministinnen nennen, nicht wirklich Interesse an Gleichberechtigung haben. Ihnen geht es um die Selbstdarstellung, um den Paukenschlag im öffentlichen Raum, um Fördermittel aus öffentlichen Töpfen – aber hier ist ganz klar der Weg das Ziel. Und dieser Weg soll lang sein. Es geht nicht um Gleichberechtigung, es es geht um Abgrenzung gegenüber anderen, nicht um gemeinsame Ziele. Ich finde es wichtig, auch im Sinne der Demokratie, dass alle Personen die gleichen Rechte haben. Aber wenn ich von wem auch immer pauschal zum Feind erklärt werde, macht mir dieses Verhalten das Verständnis für das Anliegen von so genannten Feministinnen nicht leichter - PS: den Artikel habem drei Frauen geschrieben, warum war kein Mann beteiligt?
Phil2302 09.05.2017
5. Ich halte das für gewagt
Gibt es belastbare Zahlen? Ich halte das, wie Nummer 2 auch, für eine große Filterblase. Da sind ein paar Leute auf Twitter und Co organisiert und glauben, die ganze Welt tickt wie sie. Ich kenne niemanden. Liegt vielleicht aber auch daran, dass ich Mathe und Physik studiert habe. Frauen, die das studieren, haben erkannt, dass ihnen niemand Steine in den Weg legt, wenn sie sich für Fächer entscheiden, mit denen sie später genauso viel verdienen wie die Männer.
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