AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2018

Zeitgeschichte Wir, die Frauen von '68

Der Aufstand der Studenten vor 50 Jahren gilt bislang als Rebellion von Männern: Rudi Dutschke, Fritz Teufel, Daniel Cohn-Bendit. Doch das ist nur ein Teil des Bildes.

Feministin Sander (r., mit der Filmemacherin Claudia von Alemann 1973 in West-Berlin): "Hilflosigkeit und Arroganz"
Abisag Tüllmann/ BPK

Feministin Sander (r., mit der Filmemacherin Claudia von Alemann 1973 in West-Berlin): "Hilflosigkeit und Arroganz"

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Mir klapperten die Knochen vor Lampenfieber", sagt Helke Sander, wenn sie sich an ihr Rendezvous mit der Geschichte erinnert. Die Berlinerin war 31 Jahre alt, als sie am 13. September 1968 am Rednerpult im Festsaal des Studentenhauses in Frankfurt am Main stand.

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Heft 15/2018
Wie die Zucker-Lobby uns belügt und verführt

Sander sprach zu den Delegierten des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), der intellektuellen und politischen Avantgarde der Revolte von 1968. Was sie vortrug, immer wieder von freundlichem Beifall unterbrochen, war nichts Geringeres als ein Gründungsmanifest der neuen Frauenbewegung - ohne die eine Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht möglich geworden wäre.

"Wir müssen hier nämlich mal feststellen", sagte Sander, die Filmstudentin mit den glatten dunkelbraunen Haaren, "dass an der Gesamtgesellschaft etwas mehr Frauen als Männer beteiligt sind." Deshalb sei es nicht unbescheiden, "dass wir die sich daraus ergebenden Ansprüche auch einmal anmelden und fordern, dass sie zukünftig eingeplant werden".

1968 waren rund drei Viertel der Studierenden an Universitäten Männer. Schon aus diesem Grund wird die Studentenrevolte gewöhnlich als mehr oder minder heroischer Kampf junger Männer in Berlin und Frankfurt erzählt: Rudi Dutschke, Daniel Cohn-Bendit, Fritz Teufel, Rainer Langhans, Joschka Fischer und andere mehr. Aber langsam erheben sich auch andere Stimmen. Weibliche.

Vor drei Jahren gab Cristina Perincioli, eine der Gründerinnen des autonomen Frauenzentrums in West-Berlin, ihrem Buch "Berlin wird feministisch" den Untertitel: "Das Beste, was von der 68er Bewegung blieb". Jetzt hat die Historikerin Christina von Hodenberg eine "Gesellschaftsgeschichte" der Revolte von 68 geschrieben. Sie fordert, "dass wir die Revolte vor allem als einen Geschlechterkonflikt und nicht als einen Generationenkonflikt verstehen sollten".

Als Helke Sander 1968 diesen Geschlechterkonflikt auf der SDS-Konferenz erstmals offen ansprach, sagte sie: "Die Hilflosigkeit und Arroganz, mit der wir hier auftreten müssen, macht keinen besonderen Spaß." Hilflos seien die Frauen deshalb, "weil wir von progressiven Männern eigentlich erwarten, dass sie die Brisanz unseres Konflikts einsehen. Die Arroganz kommt daher, dass wir sehen, welche Bretter ihr vor den Köpfen habt". Abschließend warnte Sander ihre Genossen: Wenn diese nicht bereit seien, die Frauenfrage zu diskutieren, sei der SDS nichts weiter "als ein aufgeblasener konterrevolutionärer Hefeteig".


Im Video: Selbstbestimmung - Der Minirock als politisches Statement
Mitte der 1960er Jahre war der Minirock Ausdruck eines neuen Lebensgefühls der Frauen. Das kurze Kleidungsstück sorgte nicht nur für mehr Beinfreiheit, er stand allgemein für die Befreiung und Selbstbestimmung der Frau.

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Die Filmstudentin war die letzte Rednerin vor der Mittagspause. Als die vorbei war, wollten die Männer auf dem Podium einfach zur Tagesordnung übergehen. Aber Sigrid Rüger, Studentin aus West-Berlin, hatte inzwischen, zu 70 Pfennig das Kilogramm, saftige Suppentomaten erworben. Sie hatte Sander nichts davon erzählt und warf das Gemüse kurz entschlossen auf die Männerriege, die die Konferenz leitete. Rüger war eine flamboyante Erscheinung: rote Haare, grünes Kleid, hochschwanger. Eine Tomate schlug auf der Schulter von Hans-Jürgen Krahl auf, einem der Cheftheoretiker des SDS. Es war eine antiautoritäre Aktion gegen die antiautoritären Männer; eine Revolte in der Revolte; ein Weckruf für die Genossen, von denen viele ähnliche Patriarchen waren wie ihre Väter.

Sander hatte Anfang 1968 zusammen mit ein paar West-Berliner Studentinnen einen "Aktionsrat zur Befreiung der Frauen" gegründet. Der stand zunächst eher am Rand der Studenten- und Jugendbewegung, doch über die Jahre prägten die feministischen Nachfolgerinnen von Sander und Rüger die deutsche Gesellschaft in hohem Maße, bis zur aktuellen #MeToo-Bewegung.

Das frauenpolitische Erbe jener Zeit erregt Konservative bis heute, "Emanzen" ist ein stets populäres Schimpfwort für Feministinnen. In ihrem Bundestagswahlprogramm beklagte die AfD: "Einer gezielten Politik für Männer und Väter hat sich bislang keine Partei angenommen." Gleichzeitig lehnen die Rechten Frauenquoten rabiat ab; die AfD-Bundestagsabgeordnete Nicole Höchst schmähte sie als "eine Art Tittensozialismus".

Auch in politisch gemäßigteren Zirkeln herrscht Empörung. In der "Zeit" klagt gerade Feuilletonist Jens Jessen ein "System feministischer Rhetorik" an, das "dem Schema des bolschewistischen Schauprozesses" folge.

Helke Sander ist mittlerweile 81 Jahre alt, alert und agil, mit einem feinen Humor. Sie lebt und schreibt in einer Dreizimmeraltbauwohnung in einem Hinterhof in Berlin-Charlottenburg; zuletzt ein Buch über "Die Entstehung der Geschlechterhierarchie". Mit einem spöttischen Lächeln erzählt sie davon, dass die Männer, auch die rebellischen Achtundsechziger, damals nicht willens waren, Hausarbeit zu leisten. Waschen, Kochen, Putzen? War unter deren Würde.

Die Filmstudentin war alleinerziehende Mutter und wohnte mit ihrem Sohn und anderen Studierenden als frühe Wohngemeinschaft in einer West-Berliner Zehnzimmerwohnung. Die Frage, wer sauber machen soll, war ein Dauerkonflikt mit den Männern: "Die Idee, selber ein Klo zu reinigen", so Sander, "schien ihnen unvorstellbar." Es bedurfte drastischer Aktionen. Irgendwann sperrten die Frauen ihre männlichen Mitbewohner eine Nacht lang in einer Kammer ein, bis diese Besserung in Sachen Hausarbeit gelobten.

Teilnehmer der SDS-Konferenz in Frankfurt am Main 1968: "Ihr habt Bretter vor den Köpfen"
Kurt Weiner

Teilnehmer der SDS-Konferenz in Frankfurt am Main 1968: "Ihr habt Bretter vor den Köpfen"

Die Männer reformieren wollte auch der "Aktionsrat zur Befreiung der Frauen", den Sander mit ihren SDS-Genossinnen Marianne Herzog, Dorothea Ridder und anderen Anfang 1968 ins Leben rief. "Wir streben Lebensbedingungen an", hieß es im ersten Flugblatt, "die das Konkurrenzverhältnis zwischen Mann und Frau aufheben."

Der Aktionsrat rief dazu auf, Kinderläden zu gründen, damit die Mütter mehr Zeit für sich gewinnen könnten. Schnell fanden sich die ersten Eltern, aber einige der Väter zettelten sofort ausufernde Debatten darüber an, wie die richtige antiautoritäre, sozialistische Erziehung auszusehen habe. Die Frauen hatten deshalb auch nicht mehr Zeit für sich.

Sander las in der Zeitung von einer geplanten Gewerkschaftskonferenz über die Arbeitsbedingungen von Frauen, für die ausschließlich Männer als Redner angekündigt waren. Das fand sie absurd. Sie fing an, ihr Manifest zu schreiben. Um ein paar Dinge klarzustellen.

1968 hielten die vom Marxismus beseelten Männer der Studentenbewegung die Frauenfrage für einen "Nebenwiderspruch". Der "Hauptwiderspruch" verlief für sie zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Würden die Arbeiter erst einmal mittels Revolution die Herrschaft an sich reißen, dann würde sich die "Frauenfrage" wie von selbst lösen.

Die Genossinnen und Genossen beim West-Berliner SDS hätten "sehr skeptisch" reagiert, so Sander, als sie ihnen sagte, sie wolle bei der nächsten Delegiertenkonferenz im September 1968 eine Grundsatzrede über die Frauenfrage halten.

Schließlich habe sie gedroht: "Wenn ihr mich nicht reden lasst, komme ich mit 500 Frauen." Das wirkte. Der Berliner SDS schickte die Filmstudentin als Delegierte nach Frankfurt. Ihre Rede und die Tomaten wirkten auch. Ulrike Meinhof, Kolumnistin des Studentenmagazins "Konkret", schrieb über die Aktion: Die Reaktion der Männer zeige, "dass noch erst ganze Güterzüge von Tomaten verfeuert werden müssen, bis da etwas dämmert".

In Bonn regierte damals eine Große Koalition unter Führung von Kurt Georg Kiesinger, einem Christdemokraten und vormaligen NSDAP-Parteigenossen. In dem Kabinett mit Vizekanzler Willy Brandt (SPD) wurden 17 Ministerien von Männern geführt, 2 zeitweilig von Frauen.

Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke vor fast genau 50 Jahren, am 11. April 1968, erlebte Westdeutschland den Höhepunkt einer unerwarteten Jugendrevolte. Sie hatte, ausgehend von Studenten im kalifornischen Berkeley, die Jugend der westlichen Welt ergriffen, eine von vielen war Helke Sander in West-Berlin. Es war eine Revolte, bei der es nicht nur um Protest gegen die herrschende Politik ging, wie den Krieg der USA in Vietnam, sondern auch um Mode, Musik, Sex und Drogen. Die Rolling Stones sangen "Street Fighting Man", John Lennon folgte mit: "Woman is the Nigger of the World".

Kommunarden Ridder, Langhans 1967: "Sozialistischer Bumszwang"
Thomas Hesterberg

Kommunarden Ridder, Langhans 1967: "Sozialistischer Bumszwang"

In etlichen deutschen Universitätsstädten taten sich nach Sanders Rede Frauen zu "Weiberräten" zusammen. Als die SDS-Delegierten im November 1968 in Hannover tagten, verteilten Frankfurter Weiberrat-Frauen ein Flugblatt: "wir machen das maul nicht auf! wenn wir es doch aufmachen, kommt nichts raus! wenn wir es auflassen, wird es uns gestopft, mit kleinbürgerlichen schwänzen, sozialistischem bumszwang, sozialistischer Kinderliebe, sozialistischer geworfenheit, schwulst, sozialistischer potenter geilheit... GELABER!"

Eine Karikatur auf dem satirischen Flugblatt zeigte eine zufriedene Amazone mit Hackebeil vor einer mit ausgestopften Penissen dekorierten Trophäenwand. Die Parole: "Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!"

Über die "Sexuelle Revolution" geht das zählebige Gerücht um, dass die Achtundsechziger sie initiiert hätten. Doch die Libertinage und die Demontage der Ehe begannen schon ein paar Jahre früher und waren den Produzenten der Anti-Baby-Pille zu verdanken, nicht den Mitgliedern der Kommune 1. "Die Männer waren zwar intellektuell und satirisch gut drauf", so eine einstige SDS-Frau, "aber im Bett oft verklemmt und gehemmt."

Journalisten haben das Bild der Revolte von 68 verzerrt. Zunächst machten sie Rudi Dutschke, Fritz Teufel, Uschi Obermaier und ein paar andere zu Medienstars, dann stürzten sie sich auf Andreas Baader, Ulrike Meinhof und knapp 30 Desperados, die als Rote Armee Fraktion einen bewaffneten Kampf aufnahmen.

Vergessen wurden die vielen Frauen und Männer, die als Lehrer, Sozialarbeiter und Erzieher den Kasernenhofdrill aus ihren Institutionen verbannten; die Gewerkschafter, die für soziale Gerechtigkeit stritten - die Achtundsechziger, die wirklich etwas veränderten.

Ignoriert wurden auch die ersten Frauengruppen wie "Brot und Rosen", die Helke Sander mit anderen Künstlerinnen gründete und die ein "Frauenhandbuch" über Verhütung und Abtreibung veröffentlichten. Als Alice Schwarzer und weitere Feministinnen mit der Aktion "Wir haben abgetrieben" den Kampf gegen den Abtreibungsparagrafen 218 aufnahmen und es nicht mehr um Hausarbeit, sondern um sexuelle Selbstbestimmung ging, merkten auch die Männer in den Medien auf.

Im Gegensatz zur Studentenbewegung und den aus ihr entstandenden kommunistischen Parteien hatten die Feministinnen ein populäres Anliegen, das Frauen sofort einleuchtete: Gleichheit und Gerechtigkeit. Millionen Frauen begannen in den Familien und in der Arbeitswelt den Kampf für gleiche Rechte und gegen die Privilegien der Männer. Die Achtundsechziger hatten von US-Feministinnen die Parole übernommen "Das Persönliche ist politisch". Frauen in Deutschland folgten diesem Wort und krempelten ihre Familien um. Zumindest versuchten sie es.

Das Fazit der Historikerin Christina von Hodenberg: "Die neue Frauenbewegung, die 1968 ihren Ausgang nahm, setzte sich langfristig in der Breite der Gesellschaft durch und veränderte Partnerbeziehungen, Familien und weibliche Lebensläufe." Der so ausgelöste Wandel habe auf den Grundideen von 68 aufgebaut: "Antiautoritarismus, Partizipation, Utopie".

Vor der Revolte von 68 galt im Bürgerlichen Gesetzbuch das Leitbild der "Hausfrauenehe". Die Achtundsechziger sorgten für die Abschaffung der patriarchalischen Gesetze, so wie sie auch erreichten, dass Sex zwischen erwachsenen Männern nicht länger eine Straftat war und Lehrerinnen und Lehrer ihre Schüler nicht mehr schlagen durften. Die Bundesrepublik wurde ein liberales, modernes Land.

Helke Sanders Bilanz nach 50 Jahren: "Die Frauenbewegung hat viele kleine, aber durchaus wichtige Veränderungen erreicht." Es sei auch allgemein anerkannt worden, "dass Frauen ein Begehren haben", sagt sie. "Die Sexualität ist besser geworden."

Auf jeden Fall, so findet die Feministin der ersten Stunde, setzten sich die Männer in den Familien besser ein. Heute schöben Männer Kinderwagen vor sich her oder trügen Säuglinge vor dem Bauch. "Das war 68 vollkommen undenkbar."



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