AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2017

Lebensmittelskandal Wer hat Millionen Eier verseucht?

Millionen Eier wurden mit dem Pestizid Fipronil verseucht. Wer steckt dahinter? Die Spur führt zu einem Händler in Belgien und zwei niederländischen Geflügelfreunden.

Chickfriend-Mitarbeiter bei der Arbeit (Werbefoto)

Chickfriend-Mitarbeiter bei der Arbeit (Werbefoto)

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Der niederländische Reinigungsbetrieb Chickfriend präsentierte sich als gut gelauntes Unternehmen. Wer die Firmenhomepage anklickte, dem schallte fröhliche Ukulelemusik entgegen, dazu gab es ein Filmchen mit sympathischen jungen Männern, die mit Hochdruckspritzen Hühnerställe säubern.

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Heft 33/2017
Wie sich das bedrohte Paradies wandelt

Die Desinfektionslösung, die sie dabei versprühten, wurde von Chickfriend wie ein Wundermittel angepriesen: Mit "Dega 16" könne man endlich wirkungsvoll gegen die Rote Vogelmilbe vorgehen, einen in der Geflügelbranche gefürchteten Parasiten. "Lassen Sie Ihren Stall von Chickfriend mit Dega 16 ausspritzen", warb die Firma, "die Chance ist groß, dass Sie danach für bis zu 50 Wochen keine Rote Vogelmilbe mehr finden." Für Fragen könne man sich jederzeit gern an die Chickfriend-Chefs Mathijs und Martin wenden.

Doch die beiden Geflügelfreunde sind derzeit nicht erreichbar - gemeinsam mit dem belgischen Chemikalienhändler Patrick R. stehen sie im Verdacht, einen europäischen Lebensmittelskandal ausgelöst zu haben. Es geht um Hühnereier, die offenbar mit dem Kontaktgift Fipronil verseucht wurden und in Deutschland und mindestens sechs weiteren Staaten in den Handel gelangten. Mehr als hundert Geflügelbetriebe mussten vorübergehend schließen; Millionen Eier wurden aus dem Verkehr gezogen.

Fipronil wird unter anderem gegen Läuse und Milben bei Katzen und Hunden eingesetzt, die Anwendung bei Tieren in der Lebensmittelproduktion dagegen ist in der EU streng verboten. Kommen Legehennen in Kontakt mit dem Gift, kann es in die Eier gelangen. Bei Menschen kann der Verzehr von Fipronil in höheren Dosen zu Kopfschmerzen, Haut- und Augenreizungen sowie Übelkeit und Erbrechen führen. In die Eier geriet das Gift nach Erkenntnissen der Ermittler über die Desinfektionslösung Dega 16, mit der Chickfriend auch in Deutschland Geflügelställe reinigte. Dass das Mittel offenbar nie von einer Behörde zugelassen wurde, fiel kaum jemandem auf.
Alles habe regulär gewirkt, berichtet ein Landwirt aus Niedersachsen. Das Dega 16 sei in blauen 20-Liter-Kanistern mit offiziell aussehenden Etiketten abgefüllt gewesen, er sei davon ausgegangen, dass alles seine Richtigkeit habe. Was für eine Fehleinschätzung.

Das professionelle Auftreten der niederländischen Stallreiniger überzeugte ebenfalls einen anderen Bauern in Norddeutschland. "Die waren technisch sehr gut ausgerüstet und konnten auch in die Ecken sprühen, die sonst nicht so gut erreichbar sind", sagt er. Als er von Chickfriend mehr über das Wundermittel Dega 16 erfahren wollte, erhielt er lediglich ein vierseitiges "Produktsicherheitsblatt" des Herstellers.

Demnach habe es eine hellgelbe Farbe, rieche nach Menthol und sei völlig ungefährlich. Über Inhaltsstoffe steht darin nichts ("keine Angaben"), der Name Fipronil wird nirgends erwähnt. "Irrtümer und Auslassungen vorbehalten", heißt es stattdessen.

Als "Hersteller/Lieferant" von Dega 16 nennt das Sicherheitsblatt ein Unternehmen in der belgischen Ortschaft Weelde. Unter der angegebenen Adresse firmiert der Chemikalienhändler Patrick R., 46, der seit Jahren in der Geflügelbranche tätig ist. Über die Internetseite Poultry Vision bietet R. unter anderem Reinigungsschaum, Schutzkleidung und Besen für die Stallreinigung an. Und offenbar nicht nur das: Ehemalige Geschäftspartner berichteten dem SPIEGEL, dass R. in der Vergangenheit große Mengen der fipronilhaltigen Lösung Fiprocid geordert habe, bei einem Pharmahersteller in Rumänien.

Recherchen des niederländischen SPIEGEL-Kooperationspartners "NRC Handelsblad" bestätigen das. Die Zeitung stieß auf eine Rechnung der rumänischen Pharmafirma Farmavet SA an Patrick R. über 3000 Liter Fiprocid zum Preis von 108.000 Euro, datiert auf den "8/5/2016". In einer E-Mail vom 11. August 2016 boten die Rumänen Patrick R. weitere 15.000 Liter Fiprocid für 585.000 Euro an. "Ich warte dringend auf Ihre Antwort", schrieb der Pharmamanager aus Bukarest, "weil ich mit der Produktion beginnen muss."

Wie es scheint, liefen die Geschäfte von Patrick R. wie geschmiert. Vor Kurzem fanden Ermittler in der niederländischen Ortschaft Baarle-Hertog, wenige Kilometer von R.s belgischem Domizil entfernt, ein Lager mit knapp 6000 Litern verbotener Chemikalien, darunter große Mengen Fipronil-Lösung.

Die Fahnder gehen davon aus, dass das Kontaktgift vor allem für die Herstellung von Dega 16 verwendet wurde, das dann wiederum von Chickfriend in Dutzenden Hühnerställen in Belgien, Deutschland und den Niederlanden versprüht wurde.

R.s Anwalt Pieter Helsen wollte sich gegenüber dem SPIEGEL nicht zu den Vorwürfen äußern. Zuvor hatte er die Fipronil-Geschäfte seines Mandanten im niederländischen Fernsehen teilweise eingeräumt. R. habe demnach "eine Reihe von Reinigungsprodukten geliefert", und "eines dieser Produkte enthält den Bestandteil Fipronil". Es sei jedoch klar gewesen, "dass dieses Produkt nicht für die Behandlung von Tieren eingesetzt werden" dürfe, so Helsen, aber man wisse "natürlich nicht, ob die Abnehmer es korrekt benutzen". Es liege am "Nutzer, sich darüber zu informieren, was er damit tun darf".

Auch die Politik laviert herum. Belgien und die Niederlande schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu. Seinem niederländischen Amtskollegen habe bereits im November ein Bericht über Fipronil-Eier vorgelegen, sagte Belgiens Landwirtschaftsminister Denis Ducarme. Die Niederlande wiesen dies postwendend zurück.

Tatsächlich erklärt Ducarmes Einlassung nicht, warum die belgische Lebensmittelsicherheitsbehörde FASNK zwar spätestens am 2. Juni zum ersten Mal von einem Verdachtsfall in Belgien erfahren, die Nachbarländer aber erst am 20. Juli informiert hatte. "Beide Länder müssen sich Vorhaltungen machen lassen", sagt der Fraktionschef der Grünen im belgischen Parlament, Jean-Marc Nollet. "Sie hatten Informationen, und sie sind damit nicht so umgegangen, wie sie es hätten tun sollen."

Für Unmut sorgt zudem, dass es in Europa ein Schnellwarnsystem zur Lebensmittelsicherheit gibt. Die EU-Kommission prüft, ob Belgien gegen seine Verpflichtungen verstoßen hat, Informationen rechtzeitig einzustellen. Doch auch die EU-Behörde muss sich Nachfragen gefallen lassen. Wie aus einem Bericht der belgischen Lebensmittelbehörde hervorgeht, hatten die Belgier bereits am 6. Juli über eine EU-Plattform Informationen von den Niederlanden angefordert. Die Kommission könnte also, anders als behauptet, bereits vor dem 20. Juli Kenntnis von den Verdachtsfällen gehabt haben. Die Behörde betont, dass sie diese Plattform, anders als das Schnellwarnsystem, nicht aktiv überwacht.

Kontaminierte Eier in einer Geflügelfarm im niederländischen Putten
Robin van Lonkhuijsen / AFP

Kontaminierte Eier in einer Geflügelfarm im niederländischen Putten

Nach Deutschland kam der Skandal Ende Juli, als die niederländischen Behörden ihre Ermittlungsergebnisse endlich auch an die deutschen Kollegen weitergaben. In den Daten befanden sich sieben Adressen aus Niedersachsen, die sie in der Finanzbuchhaltung von Chickfriend gefunden hatten, darunter vier Legehennenställe und eine Junghennenaufzucht. Rätsel geben den Beamten vor allem zwei Adressen auf, die bislang nicht eindeutig zugeordnet werden konnten. Sie gehören offenbar einer Briefkastenfirma, hinter der sich weitere, womöglich niederländische Firmen verbergen. Die Ermittler vermuten, dass darüber Einsätze von Chickfriend in den Niederlanden abgerechnet wurden, um dort Spuren zu verwischen.

Am Donnerstag durchsuchten dann belgische und niederländische Fahnder bei einer grenzüberschreitenden Razzia mehr als ein Dutzend Büros und Wohnungen, um Beweismaterial und mögliche Komplizen zu finden. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Antwerpen wird unter anderem wegen Bildung einer kriminellen Organisation, Dokumentenfälschung und illegalen Handels mit Tiermedizin ermittelt.

Auch die Staatsanwaltschaft Oldenburg hat inzwischen Ermittlungen aufgenommen. Nachdem das niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz in allen von den Niederländern genannten Höfen bei Kontrollen auf Fipronil-Rückstände gestoßen war, informierte es die Fahnder. Diese sahen einen Anfangsverdacht: Nach dem Lebensmittelgesetz ist grundsätzlich derjenige verantwortlich, der verseuchte Lebensmittel in den Verkehr bringt, unabhängig davon, wer die Verseuchung verursacht hat.

Trotzdem ist für eine mögliche Strafe am Ende entscheidend, ob die Landwirte gewusst haben, was in dem Reinigungsmittel des Dienstleisters tatsächlich enthalten ist - und ob die Hühner oder nur die leeren Ställe behandelt wurden. Der Informationsgehalt der Etiketten, die auf den blauen Dega-16-Kanistern klebten, war jedenfalls gering. Dort war lediglich zu lesen, dass das Mittel "die Umgebung Ihrer Tiere unattraktiv für Läuse und Milben" mache. Langwierig könnten die Verfahren ohnehin werden.

Derweil herrscht bei den Behörden nach wie vor Alarmstimmung. Längst sind nicht alle Proben ausgewertet. "Es ist nicht unwahrscheinlich, dass nicht nur Chickfriend oder der belgische Zulieferer auf die Idee gekommen sind, in den Ställen Fipronil einzusetzen", sagt ein erfahrener Lebensmittelkontrolleur. "Die Eierproduzenten sind bestens vernetzt. Da spricht sich alles rum." In Niedersachsen soll deshalb ein dauerhaftes Monitoring auf Fipronil-Rückstände in Eiern installiert werden.

Bislang hatten die deutschen Lebensmittelüberwacher den Wirkstoff nicht im Blick. Für die Feststellung, in welcher Konzentration das Mittel womöglich über Eier in Lebensmittel wie Nudeln oder Backwaren gelandet sein könnte, existiert nicht einmal eine Untersuchungsmethode.

Solche Überwachungslücken könnten auch kriminelle Bauernfänger angelockt haben, die aus der Bekämpfung der Roten Vogelmilbe ein lukratives Geschäft machten. Der Kampf gegen die Legehennenparasiten ist nämlich ein altes, ungelöstes Problem. Es gibt kaum ein legales Mittel, das die Plagegeister wirksam angreift. Schon 1996 sorgte der Eiermillionär Anton Pohlmann für einen bundesweiten Skandal, als er in seinen Legebatterien unter anderem Nikotinsulfat einsetzte. Dem "Hühnerbaron" wurde per Gericht die weitere Tierhaltung verboten. Solche Sanktionen drohen den deutschen Bauern heute nicht. Mehr als eine Geldstrafe haben sie kaum zu befürchten.

Bei Mathijs und Martin, den freundlichen Stallreinigern von Chickfriend, könnte das anders sein: Am Donnerstag wurden sie in den Niederlanden festgenommen. Ihre fröhliche Homepage ist inzwischen abgeschaltet.

Im Video: SPIEGEL-Redakteur Sven Röbel über die Recherchen bei der Firma "Chickfriend".

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insgesamt 2 Beiträge
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Matttthias 12.08.2017
1. Dega 16
das homöopathische Wundermittel. Rein pflanzlich. Der Bio Bauer greift gerne zur Homöopathie. Der Vorteil: das Ökokartell aus Staat und deutschen Grünen hat durchgesetzt das homöopathische Mittel keine Zulassung brauchen. "Normalerweise" passiert auch nichts weil die Mittel vollständig wirkungslos sind. Bei einer D10 Verdünnung nach homöopathischen Regeln findet sich am Ende kein einziges Wirkmolekül. Das Problem ist dass sich ein Fuchs in den Ökostall geschlichen hat. Weil die Mittel nicht analytisch getestet werden fällt auch "echte" Chemie nicht auf. Einfach einen echten Wirkstoff zufügen und es wirkt. Dank fehlender Kontrollen kann so auch unzulässige "Chemie" zum Einsatz kommen. Gut daran : nur im deutschen Kulturraum hält sich der Aberglaube an "rein pflanzliches" und die Homöopathie. Das grüne Lebensmodell ist krachend gescheitert. Ob die Partei noch über die 5% Hürde kommt ? Dumm dabei: auch nicht Bio Eier waren betroffen. Otto Normalbauer hat auch "homöopatisch" gespritzt. Die Kontamination mit grünem Gedankengut gefährdet die ganze Bevölkerung. Schlimm. Bei Nitrofen waren nur Bio Eier betroffen. Bei Bienenbüttel waren nur Bio Sprossen tödlich.
wekru 13.08.2017
2. verharmlosend
"Millionen Eier" ist sicherlich falsch und selbst "Milliarden Eier" dürfte untertrieben sein. Eine korrekte Mengenangabe bei dem Verzehr kontaminierter Eier würde in Zahlenräume vorstoßen, die der Normalbürger gar nicht mehr kennt. Richtig ist lediglich, dass ein winziger Teil davon jetzt aus dem Verkehr gezogen wurde und es sich da um einige Millionen handelt.
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