AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 49/2016

Flüchtlinge als Arbeitskräfte Die Klugscheißer lernen dazu

Zwei Unternehmer stellen drei Flüchtlinge ein. Sie brauchen Arbeitskräfte, sie wollen auf der richtigen Seite sein, wollen zeigen, dass es funktioniert: "Wir sind gern die Klugscheißer." Dann kommt die Realität dazwischen.

Firmenchefs Ivo, Peter Haase "Wir sind gern die Klugscheißer"
Agata Szymanska-Medina/ DER SPIEGEL

Firmenchefs Ivo, Peter Haase "Wir sind gern die Klugscheißer"

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An einem Freitag im August sitzen Peter und Ivo Haase auf der Holzbank vor ihrem Firmensitz, einem einstöckigen Haus mit weißem Putz, und glauben, dass sie es allen beweisen werden. Die Sonne brennt vom Himmel, ein Apfelbaum spannt seine Äste über die Wiese vor dem Gebäude. Ivo Haase sagt: "Uns braucht niemand zu erzählen, warum es nicht geht mit den Flüchtlingen. Wir zeigen, dass es funktioniert. Wir sind gern die Klugscheißer."

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Heft 49/2016
Die Geldmeister

Vor 14 Jahren gründete der gelernte Maurer Peter Haase, 62, in Neuruppin eine Firma für Gebäudereinigung, die PeHa GmbH. Später stieg sein Sohn Ivo, 36, ein. Heute beschäftigen sie 67 Mitarbeiter, die Treppenhäuser putzen, Grünstreifen stutzen, Mülleimer leeren. Daneben sind sie Subunternehmer für einen Konservenproduzenten. Rund ein Dutzend PeHa-Mitarbeiter sortiert in einer feuchten Fabrikhalle Dosen mit Paprikagulasch und Truthahnfleisch im eigenen Saft.

Zwei Dinge müsse man erfüllen, um bei ihm anzufangen, sagt Peter Haase: "Pünktlich sein und arbeiten wollen." Er hasse Unpünktlichkeit. Das komme von seiner Zeit bei der Nationalen Volksarmee. Eine Ausbildung oder einen Schulabschluss brauche man nicht. Und dennoch tun sich die Haases schwer, Leute zu finden.

Es sind keine tollen Jobs, das wissen die Haases. Antreten um sieben Uhr morgens für maximal 14 Euro die Stunde, eher deutlich weniger, das ist vielen zu unangenehm und zu mies bezahlt. Sie machen sich außerdem Sorgen, was in ein paar Jahren sein wird, wenn ein großer Teil ihrer Mitarbeiter in Rente geht.

Als im vergangenen Jahr die Flüchtlinge nach Deutschland strömten, dachten die Haases, gleich zwei Probleme auf einmal lösen zu können: ihr eigenes Personalproblem und das Problem, Flüchtlinge in Arbeit zu bringen, die erst einmal hier bleiben werden, aber keine Facharbeiter oder Ärzte sind. Ein Familienunternehmen aus Brandenburg zeigt den Politikern, die viel von Theorie und wenig von der Praxis verstehen, wie Integration funktioniert. So in etwa hatten die Haases es sich vorgestellt.


Im Video: Neue Heimat
Jassem Sebri hat am Ende seiner Flucht Glück gehabt: Als er 2011 in Neuruppin auf die ehrenamtliche Helferin Sibylle Pauly trifft, hat der geflüchtete Iraker eine neue Familie. Nur den Job in der Konservenfabrik, den möchte er nicht ewig machen. Ein Besuch mit der Kamera.

Agata Szymanska-Medina / Der Spiegel

Im Laufe dieses Jahres stellten sie drei Flüchtlinge ein:

Jassem Sebri, 25, aus dem Nordirak, der in seinem Leben ein halbes Jahr eine Schule besucht hat und nun täglich eine Stunde mit dem Fahrrad zur Arbeit in die Konservenfabrik fährt.

Marat Chotcha, 36, einen Mann von bärenhafter Statur, der ein Händchen für Maschinen hat und von dem die Haases nur wissen, dass er aus dem Kaukasus stammt und dort als Automechaniker gearbeitet hat. Über Details seiner Geschichte spricht er nicht.

Salman Khasuev, 29, kam vor drei Jahren aus einem Dorf in Tschetschenien nach Deutschland. Er ist eigentlich Klempner, seine Söhne sind zwei und ein Jahr alt.

Sebri, der zur religiösen Minderheit der Jesiden gehört, ist als Flüchtling anerkannt und darf vorerst für drei Jahre in Deutschland bleiben. Über Chotchas und Khasuevs Asylanträge haben die Behörden bislang nicht entschieden.

Später an diesem Sommertag fährt Peter Haase mit seinem grauen Audi-SUV raus ins Industriegebiet Neuruppin-Treskow, wo einer seiner Trupps gerade unterwegs ist. An der schnurgeraden Ausfallstraße ziehen ein Obi-Markt und das Einkaufszentrum Reiz vorbei. Peter Haase trägt ein kariertes Hemd mit kurzen Ärmeln und eine randlose Brille.

Nach seiner Zeit beim Militär leitete er die allgemeine Verwaltung im Bezirkskrankenhaus Neuruppin. Als die Mauer fiel, dachte er: Haase, jetzt kommt der Kapitalismus, so erzählt er es. Er kündigte und baute die örtliche Niederlassung eines Wachschutzunternehmens auf. Mit 48 Jahren verlor er seinen Job und fand, dass er es auch allein könne.

Peter Haase regt sich gern auf. Über Andrea Nahles ("Die Frau ist weltfremd"), über junge Deutsche, die nicht arbeiten ("dritte Generation Hartz IV"), über Gewerkschafter ("Da krieg ich Gänsehaut"). Dass die Vorsitzende des DGB Berlin-Brandenburg vor ein paar Wochen anmerkte, Flüchtlinge dürften nicht in drittklassigen Jobs ausgebeutet werden, empfand Peter Haase als Beleidigung.

Flüchtling Chotcha
Agata Szymanska-Medina/ DER SPIEGEL

Flüchtling Chotcha

Am Rande des Industriegebiets liegt ein renovierter Plattenbau, der früher mal ein Wohnheim für Lehrlinge war. Heute leben dort gut 200 Asylsuchende. Manchmal rufen Firmen aus der Gegend an und fragen nach Leuten, die Hotelzimmer putzen oder am Band arbeiten können. Natürlich können die Sozialarbeiter im Heim auch andere Geschichten erzählen, doch für die Mehrheit läuft der Einstieg über ein Praktikum oder einen Hilfsjob.

Die Haases wollten mit ihren Flüchtlingen alles richtig machen. Ivo Haase bat alle Mitarbeiter zu einer Belehrung über Rassismus am Arbeitsplatz und erklärte ihnen, dass es einen Unterschied ausmache, ob sie jemanden "Arschloch" oder "blöder Russe" nennen.

Sie kämpften sich durch den Papierkram. Als Chotcha mal ohne Ankündigung nicht zur Arbeit kam, erfuhren sie hinterher, dass er beim Zahnarzt war. Die Haases kamen zu dem Schluss, dass man in seiner Heimat in solchen Fällen wohl einfach nicht vorher Bescheid sage.

Mitte September sieht es so aus, als ginge der Plan der Haases auf. Der Papierkram ist weniger geworden. Sebri, der junge Iraker, hat die theoretische Führerscheinprüfung bestanden. Khasuev ist bei den Kollegen beliebt. Er sagt, dass ihm die Arbeit gefalle. Sie sei für ihn wie Sport. Sein älterer Sohn geht in Neuruppin in die Kita, am Wochenende spazieren sie gern zum Neuruppiner See. Er träumt davon, ein Auto zu kaufen.

Ivo Haase findet, dass Deutschland sehr viele Menschen aufnehmen könne, weil der Arbeitsmarkt sie brauche. Er sagt, dass es ihm nicht zustehe, darüber zu urteilen, ob die Russen Chotcha und Khasuev Flüchtlinge seien oder Einwanderer, die auf ein besseres Leben hoffen. Sollten die beiden irgendwann abgeschoben werden, würde er das persönlich nehmen.

Anfang November ist es kalt geworden in Neuruppin. Halb entlaubte Bäume säumen den See, auf dem Marktplatz kreischen Kinder in den Fahrgeschäften der Kirmes. Eine halbe Autostunde entfernt, im Dorf Zietenhorst, das nicht mehr ist als eine Ansammlung einer Handvoll Häuser, blättert Jassem Sebri in seinem Zimmer durch einen Stapel Fotos. Eines zeigt einen jungen Mann mit Hut, der zuversichtlich in die Kamera blickt. Man erkennt ihn kaum, aber es ist Jassem Sebri.

Sebri hat immer gearbeitet, in einer Ziegelei, auf dem Bau, in Restaurants. Weil sein Vater krank war, musste Sebri die Familie versorgen, so erzählt er es. Er hat acht Geschwister und nie in einer Schule Lesen und Schreiben gelernt.

Sebri stammt aus einer Kleinstadt am Mossul-Stausee, wo Muslime und Jesiden leben. Immer wieder habe er Gewalttaten und Polizeiwillkür erlebt, sagt Sebri. Nachdem ein muslimischer Arbeiter ihm mit dem Tod gedroht habe, sei er gegangen.

Flüchtling Sebri: "In Deutschland geht alles langsam"
Agata Szymanska-Medina/ DER SPIEGEL

Flüchtling Sebri: "In Deutschland geht alles langsam"

2011 erreichte Sebri Deutschland, wo ihn schließlich das Ehepaar Pauly aufnahm. Sie richteten ihm ein Zimmer in ihrem alten Bauernhaus her und kauften ihm Wellensittiche und Tauben, die in einem Holzverschlag durch ihren Käfig hüpfen. Er nennt die Paulys Oma und Opa.

Sibylle Pauly brachte ihm mit Kinderbüchern Deutsch bei. Im Sprachkurs mit den anderen Flüchtlingen hatte er kaum etwas gelernt. Die Lehrerin war Ukrainerin und besaß einen starken Akzent. Er verstand sie einfach nicht.

Weil Sebri nachts oft nicht schlafen konnte und empfindlich, fast panisch auf Lärm reagierte, fuhr Pauly vor drei Jahren mit ihm zu einer Psychologin nach Berlin. Die Psychologin diagnostizierte eine posttraumatische Belastungsstörung und empfahl einen Job als Therapie.

Seit Sebri für die Haases in der Konservenfabrik arbeitet, sind seine Schlafstörungen nicht besser geworden. Sebris Aufgabe dort ist es, Plastikschalen mit Fertiggerichten von einer Seite auf die andere zu drehen. Die Schalen sind auf Eisenplatten gestapelt, Sebri fährt sie mit einem Hubwagen ans Förderband. Dann dreht er sie um, damit sie verpackt werden können, Zehntausende Mal pro Schicht. Sebri stört nicht so sehr die Monotonie der Arbeit, sagt er. Was ihn zermürbt, ist der Lärm, das Donnern der Maschinen und Scheppern der Konserven.

Am Tag zuvor ist Sebri durch die praktische Führerscheinprüfung gefallen, weil er jemandem die Vorfahrt genommen hat. Eigentlich wollte er die schon lange geschafft haben. Er hatte gehofft, mit dem Führerschein auch den Job wechseln zu können, vielleicht als Gebäudereiniger für PeHa arbeiten zu können. "In Deutschland geht alles langsam, man muss immer Geduld haben", sagt Sebri, "ich habe immer Stress im Kopf." Manchmal, wenn ihm alles zu viel werde, erzählt er, ziehe er die Rollos herunter und stecke sich Ohropax in die Ohren. Dann sei es endlich still.

Am nächsten Nachmittag sitzen Peter und Ivo Haase in ihrem Büro, niedrige Decken, grau-brauner Teppich, und haben ein Problem. Das Problem heißt Winter. Von Dezember bis April gibt es für ihre Grünflächenpfleger nichts zu tun. Normalerweise wechseln sie dann in die Gebäudereinigung. Auch Chotcha und Khasuev sollten bis zum Frühjahr Treppenhäuser sauber machen.

Aber sie wollen nicht. Putzen sei Frauenarbeit und komme für sie nicht infrage, hätten sie ihren Chefs mitgeteilt, sagt Ivo Haase. Khasuev ist vor ein paar Tagen aus Protest von der Arbeit abgehauen. Die Haases glauben, dass Chotcha ihm den Floh mit der Frauenarbeit ins Ohr gesetzt hat. Neulich habe Khasuev noch nichts dagegen gehabt, aushilfsweise zu putzen.

Weil die beiden auch nicht in die Konservenfabrik wollen, haben die Haases ihnen gekündigt. Es ging nicht anders, das hätten sogar Chotcha und Khasuev eingesehen. "Wir können viel machen, aber wir können unsere Arbeitswelt nicht an die Geflüchteten anpassen", sagt Ivo Haase. "Am Ende des Tages sind wir auch nur eine Firma, die Geld verdienen muss." Peter Haase sieht in diesem Moment aus wie ein geschlagener Boxer. "Wenn uns nichts einfällt, bin ich gescheitert", sagt er. Er redet und redet, und irgendwann wird aus dem "Wenn" eine Idee.

Nächste Woche ist er zur Betriebsfeier der Konservenfabrik eingeladen und hat einen Platz am Tisch des Chefs. Vielleicht könne man Chotcha dort in der Wartung gebrauchen, sagt Peter Haase, er könne doch so gut mit Maschinen. Hinter ihm hängen seine Plaketten vom Lions Club Neuruppin, auf dem Schreibtisch steht eine Auszeichnung namens "Mutmacher der Nation", die er vor ein paar Jahren mal bekommen hat, weil er als arbeitsloser 48-Jähriger noch neu gestartet ist.

Peter Haase sagt: "Ich hasse es zu verlieren."



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midastouch 07.12.2016
1. Es ist wie überall
Es ist wie überall: was auf dem Papier so leicht aussieht, scheitert in der Praxis an Details. Die einfache Rechnung "Arbeitsplätze minus Flüchtlinge gleich einer WIN/WIN-Situation" ist leider doch nicht so einfach.
chico 76 07.12.2016
2. Ein kleiner Schritt für die beiden Chefs,
aber ein grosser Schritt zu Ernüchterung. Mentalitätsunterschiede lassen sich schwer kitten, zu beiderseitigem Schaden.
Alter Schwede 99 07.12.2016
3. PeHa GmbH...nein danke
Mitarbeiter, die Treppenhäuser putzen, Grünstreifen stutzen, Mülleimer leeren. Daneben sind sie Subunternehmer für einen Konservenproduzenten. Rund ein Dutzend PeHa-Mitarbeiter sortiert in einer feuchten Fabrikhalle Dosen mit Paprikagulasch und Truthahnfleisch im eigenen Saft. Gleichzusetzen mit einer Zeitarbeitsfirma, Profit durch hohe Arbeitslosikeit
aggro_aggro 07.12.2016
4. Es wird dauern...
Deutsche Jugendliche müssen erst einmal einen Schulabschluss machen und dann in der Regel eine Ausbildung um überhaupt in der Lage zu sein am Arbeitsmarkt teilzunehmen. Alle Immigranten müssen damit konkurrieren. Das heißt zuerst einmal einen deutschen Schulabschluss machen. Eine umfassende, mehrtägige Prüfung, die für einen Menschen mit ausländischer Schulbildung zu bewältigen ist. Vorher natürlich Deutschkurse und bei vielen wahrscheinlich auch Mathe und anderes was ein Hauptschüler wissen muss. Das dauert dann eben ein paar Jahre, und kostet Geld, aber das ist was wir auch für Jugendliche tun und von Ihnen verlangen. Also: Schulpflicht für Flüchtlinge bis 25 Jahre, Ältere freiwillig - Ziel Hauptschulabschluss. Danach Ausbildung. Sonst bleibt nur Arbeitslosigkeit oder Hilfsarbeiterjobs.
naklar? 07.12.2016
5. Diese Erkenntnis konnte schon beim Mauerfall gewonnen werden. Das Arbeiten ...
... dürfen in Deutschland scheitert oft an Betragen, Fleiß, Ordnung und Aufmerksamkeit. Neu hinzugekommen sind: Mangelnde Sprachkenntnisse bei den Bewerbern, welche schon etliche Jahre in Deutschland leben und natürlich (verständlicherweise) bei den Flüchtlingen. Auch da sind die meisten keine Sprachlerngenies (wie die meisten Menschen überhaupt). Die Grünen und die SPD haben ja diese wichtigen Grundschulnoten eingestampft zum Leidwesen der Unternehmen und der Gesellschaft. Aber die Angelsachsen machen es uns ja vor. Wer nicht spurt der fliegt. Ein positives hat der Migrantenkuschelkurs der letzten Jahrzehnte für die noch arbeitende Bevölkerung gebracht. Es ist inzwischen in der Großstadt völlig egal in welche Tonne man seinen Müll entsorgt und die sogenannte große und kleine Hausordnung wird heute vom Vermieter organisiert. Sonst verdreckt und verkommt nämlich alles. Auch das gehört zur Realität in Deutschland im Jahre_2016.
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