AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2018

Flüchtlingsschicksale Wie acht afghanische Jungen in Düsseldorf ein neues Leben beginnen wollten

Fünf Pädagogen, acht minderjährige Flüchtlinge, ein eigenes Haus - besser können die Voraussetzungen für eine Integration eigentlich nicht sein. Katja Thimm hat sie zwei Jahre begleitet.

Schuhe im Hausflur: "Warum soll ich nicht allein wohnen?"
Ralf Baumgarten / DER SPIEGEL

Schuhe im Hausflur: "Warum soll ich nicht allein wohnen?"


Karims Vormund hat sich angesagt. Der Asylbescheid sei mit der Post eingetroffen. Wann der Junge denn zu Hause anzutreffen sei? Nachmittags, hatten die Betreuer geantwortet.

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Heft 9/2018
Macht, Gewalt und Rache in der Filmindustrie

Noch ist alles wie an anderen Tagen: Karim kommt von der Schule, streift die Schuhe ab, zieht die Gummischlappen an, kocht Reis, kocht dunkle Bohnen, setzt sich an den Tisch im Wohnzimmer, isst bedächtig. Hört, wie die anderen im Nebenraum mit Herrn Sameeian diskutieren. Warum kaum einer der Jungs zu der Demonstration gegen Abschiebungen nach Afghanistan mitgegangen sei, will der Pädagoge wissen. Und Jamils heftige Antwort: "Unser Protest ändert ohnehin nichts."

Als die Klingel schellt, spült Karim die Töpfe in der Küche und trocknet sorgfältig die Hände ab. Dann schließt sich die Tür hinter ihm und dem Vormund.

Karim und seine Mitbewohner sind Söhne afghanischer Familien, Flüchtlinge, minderjährig und unbegleitet; wie Hunderttausende, die über die Balkanroute nach Europa kamen, suchen sie in Deutschland ein besseres Leben. Zelte, Notunterkünfte, monatelang, aber dann erschien plötzlich alles greifbar. Seit dem 20. Januar 2016 leben sie in diesem braunen Einfamilienhaus in einer der beliebten Gegenden Düsseldorfs. Ein Gymnasium liegt um die Ecke, Restaurants, ein paar Schritte entfernt beginnt der Wald. Der Flachbildfernseher auf dem alten Kachelofen, die Playstation, das samtige Sofa - lauter Versprechen.

Den Jugendlichen soll es gut gehen in dem neuen Zuhause, dafür sorgen Saba Sameeian und seine Kollegen. Herr Sameeian stammt aus einer persischen Familie, er spricht Farsi und Paschtu wie die Jungen und ist einer von fünf Pädagogen der Organisation SOS Kinderdorf, die im Schichtdienst mit den Flüchtlingen leben. Sie begleiten die Teenager zu Behörden, sie besuchen ihre Elternsprechtage, sie trösten, sie tadeln. Es wirkt wie ein perfekter Aufbau für das vielleicht schwierigste soziale Experiment in diesem Land: Wie, wenn nicht mit so viel Aufwand und gutem Willen, sollte Integration gelingen?

Doch nun sitzt Karim hinter der Tür, und alle bangen mit ihm.

Unbegleitete Minderjährige erhalten mehr Hilfe als andere Flüchtlinge, der deutsche Staat gewährt ihnen besonderen Schutz. Viele stürzen sich begeistert in ihr neues Leben; einzelne radikalisieren sich; zahlreiche leiden unter Traumata, manche sind verzweifelt, einige aggressiv. Und alle müssen sie befürchten, dass ihr Asylantrag am Ende nicht bewilligt wird.

Die Jungen haben in den zurückliegenden Monaten von einer Karriere geträumt, von einer Freundin, einer Zukunft, sie haben alle Angst, nach Afghanistan abgeschoben zu werden. Insgesamt zwei Jahre lang steht ihnen das Haus offen, dann werden fast alle volljährig sein und ihren Asylbescheid erhalten haben. Karim ist einverstanden, sich in dieser Zeit für diesen Text begleiten zu lassen, auch Ashraf, Abdullah, Jamil und Masoom haben zugestimmt, ebenso wie die Verantwortlichen im Jugendamt. Weil die Teenager fürchten, ein Artikel könne ihre Chancen auf Asyl gefährden oder ihnen später in der Heimat Probleme bereiten, sind ihre Namen geändert und die Gesichter nicht zu erkennen.

Wenn das Experiment in Düsseldorf endet, wird es nicht nur die Jungen, sondern auch ihre Betreuer verändert haben. Und den Mann, dem das Haus gehört: Jörg Haas, ein 48-jähriger Unternehmer, wohnt mit seiner Familie nebenan und hatte das Gebäude für eigene Zwecke gekauft. Als er jedoch die Flüchtlinge in den Turnhallen seiner Stadt sah, entschied er, es dem SOS Kinderdorf gegen eine geringe Miete zu überlassen und sich um die Jungs zu kümmern.

"Ich will", hatte er gesagt, "zumindest ein paar Flüchtlinge aus der Masse herausheben und ihnen eine Chance geben. So schwer kann das doch nicht sein."

An einem Apriltag 2016, drei Monate nach dem Einzug, sitzen die Jungen wie jeden Morgen mit Schreibheft und Stift im Wohnzimmer. Ihre Lehrer waren bislang oft religiöse Männer, die ihnen Stöcke gegen die Fußsohlen hieben. Nun steht vor ihnen eine blonde Frau, die sie für den Alltag von Teenagern in Deutschland wappnen will.

Ob sie wüssten, was küssen bedeute, fragt sie. "Kiss, kiss", schmatzt einer, "küssen = mit den Lippen berühren", schreibt die Lehrerin ungerührt an die weiße Tafel. Sie lässt die Flüchtlinge beim Besuch im Baumarkt Wörter wie Rüttelschüttler lernen, und für eine der folgenden Wochen hat sie ein Speeddating organisiert. Zum Einstand neulich waren fast 40 Gäste gekommen, persischer Pop und R&B bis in den Abend, Biertische neben den Sträuchern im Garten, und Jörg Haas, der Hausbesitzer, freute sich, weil auch Nachbarn klingelten, die ihn zuvor gefragt hatten, ob die Jungs nicht Unordnung ins Viertel brächten. Gleichaltrige aber hatten gefehlt. Nun sollen die Flüchtlinge endlich mehr Jugendliche aus dem Stadtteil kennenlernen.

"Wir üben noch einmal", ruft die Lehrerin. "Ashraf!" Verlegen zieht der Junge das Hemd glatt. Dann weist er freundlich auf die eigene Brust. "Guten Tag, ich bin Ashraf", sagt er vorsichtig. "Und du? Ich freue mich, dich kennenzulernen."

Später, beim Speeddating, muss er sich immer wieder räuspern. Aber alle, sagt er nachher stolz, hätten geantwortet. Noch gibt fast die Hälfte der Deutschen in Umfragen an, sich für Flüchtlinge einzusetzen. Manchmal bringen Anwohner Kleider im Haus vorbei, andere spenden Handtücher. Und wie als Gegengabe sammeln die Jungen beim "Dreck-weg-Tag" im Viertel den Müll auf. Es ist, auch diese Worte lernen sie, der Zauber eines Anfangs.

Mai 2016, Herr Sameeian ruft die Teenager im Garten zusammen. Fliederduft hängt über dem sonnigen Rasen, bis Masoom eine Zigarette anzündet. Der Pädagoge hockt sich mit ins Gras, dann legt er los. "So geht es nicht", sagt er. "Ihr müsst die Regeln einhalten." 50 Euro dürfen sie gemeinsam am Tag für Lebensmittel ausgeben, dennoch kommt immer wieder einer mit Chips statt Kartoffeln vom Einkauf zurück. Der Nächste verschläft den Deutschunterricht, ein anderer den Termin im Jugendamt. "Wir werden aufhören, euch zu wecken", kündigt Herr Sameeian an. "Und benutzt einen Wochenplaner!" Erst als die Jungen protestieren, merkt er, dass die meisten noch nie einen Kalender in den Händen gehalten haben.

Betreuer Sameeian
Ralf Baumgarten / DER SPIEGEL

Betreuer Sameeian

Nach fünf Monaten kommt es ihm oft noch vor, als lebe er mit Unbekannten. Es geht ihm nicht darum, ob die Flüchtlinge bei der Einreise vielleicht falsche Geburtsdaten angegeben haben. Er ist Pädagoge, die Jungen brauchen Hilfe, sie benehmen sich wie Teenager - das reicht ihm. Ihre Biografien allerdings bleiben ihm ein Rätsel. Die Betreuer sollen nicht in Vergangenem bohren, um keine Traumata wiederzubeleben. Er könne nur aufmerksam beobachten und zuhören, sagt Herr Sameeian. Es bleiben Bruchstücke.

Jamil spricht am besten Deutsch.

Abdullah scherzt viel, schreckt aber kaltgeschwitzt aus Albträumen auf.

Ashraf will Kinderarzt werden.

Sie hätten sich in Iran kennengelernt, erzählen Abdullah und Ashraf, wo sie als illegale Tagelöhner gearbeitet hätten, nachdem ihre Familien Afghanistan wegen der andauernden Kämpfe verlassen hätten. Doch die neue Heimat war ebenfalls gefährlich. Polizisten hätten sie bei Ausweiskontrollen als Terroristen beschimpft und in eine Arrestzelle gesperrt. Sie könnten an der Seite Irans im Syrienkrieg kämpfen, sonst würden sie nach Afghanistan abgeschoben, hätten die Männer gesagt. Da, so hat Ashraf berichtet, seien sie geflüchtet.

Jamil spricht von ähnlichen Erlebnissen. Ob die Bruchstücke, die sie sammeln, immer der Wahrheit entsprechen, wissen die Pädagogen nicht. Wie alle, die mit den Jungen umgehen, können sie nur vermuten, ob die Flüchtlinge manches aus Scham verschweigen oder abwarten, mit welcher Geschichte ihre Chancen auf Asyl steigen.

Jamil klopft auf das Gras. "Es gibt etwas, das wir nicht kapieren", sagt er. "In Syrien ist Krieg, ja. Aber wir wären vielleicht ebenfalls tot, wenn wir nicht geflohen wären! Doch nur Syrer bekommen schnell Ausweise und ein Bleiberecht. Warum?"

Herr Sameeian schweigt. Er hat den Jungen erklärt, dass die Fluchtgründe von Afghanen oft weniger schwer wiegen als jene der Syrer. Warum ihre Heimat einigen Politikern trotz Terror und Taliban dennoch als ein Ort gilt, in den abgelehnte Asylbewerber abgeschoben werden können, versteht auch er nicht. "Wir stehen fest an eurer Seite", sagt er schließlich.

Die Pädagogen haben Mappen angelegt, in denen sie alles dokumentieren, was die Jungen in ein positives Licht rückt: Zertifikate über Sprachkurse, Belege über Praktika. Ashraf lernt stundenlang, notieren sie. Abdullah verkauft Kuchen im Café einer Kirchengemeinde und spielt im Verein Fußball. Karim hält sich an alle Regeln. Es wird ihnen später hilflos vorkommen, doch noch rechnen sie damit, dass solche Nachweise die Entscheider im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge beeindrucken könnten. Sie hoffen auch auf gute Zeugnisse, aber bislang können nicht einmal alle Jungen täglich eine Schule besuchen.

Von klein auf hat Jamil vom Vater gehört, wie wichtig Bildung sei. Immer lauter redet er. "Wann ist es endlich so weit? Wir wollen lernen!" Der Stillstand zehrt, neulich hat einer Geschirr gegen die Wand geworfen, dann flogen Fäuste. "Achtung", erinnert Herr Sameeian, "unsere Regeln: Respekt im Umgang und im Ton. So kommen wir nicht weiter."

"Wie dann?" Jamil klingt schneidend.

Auch diese Frage kann Herr Sameeian im Moment nicht beantworten. Sozialpädagogen kümmern sich nur um den Alltag unbegleiteter Minderjähriger, die rechtlichen Entscheidungen trifft ein Vormund, die Hilfen ordnet ein Fallführer im Jugendamt an. Und seitdem im Sommer mehr als 400 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Düsseldorf kamen, häuft sich die Arbeit. Immer wieder wechseln Sachbearbeiter. Manchen Vormund erreichen die Betreuer wochenlang nicht.

Jugendlicher Masoom
Ralf Baumgarten / DER SPIEGEL

Jugendlicher Masoom

Als komme ihm eine Idee, springt Herr Sameeian auf und weist auf die gebrauchten Fahrräder neben der Terrasse. "Genug", sagt er. "lasst uns die Esel flottmachen!" Er bietet den Jungen in dieser Zeit lauter Dinge an, die sie aus eigener Kraft verändern können. Sie sollen sich bloß nicht so ohnmächtig fühlen, dass sie auf dumme Gedanken kommen.

Anfang Juni, Masoom isst wenig und raucht viel. Während die anderen die Gegend erkunden, zieht er sich in sein Zimmer zurück. Er fühlt sich schuldig. Sein Cousin und er hätten in einem Lager Kampfeinsätze gegen den sogenannten Islamischen Staat trainieren müssen, erzählt er. Sie hätten beschlossen wegzulaufen. Am Ende sei nur er, Masoom, dem Beschuss entkommen. Es wirkt, als hindere jede Nachricht aus der Heimat den Jungen daran, sich einzuleben. Ein Freund hat sich getötet, dem Bruder geht es schlecht. Hört Masoom nichts, verzweifelt er genauso.

Auch die anderen kämpfen mit dem Sog von Skype und Facebook. Wenn die Mütter schluchzen und die Väter von Schleusern berichten, die Geld nachfordern, weinen die Jungen in ihren Düsseldorfer Zimmern. Masoom weiß sich an manchen Tagen nur zu helfen, indem er sich verletzt. Über seine Arme ziehen sich Narben.

An einem Julitag trägt Herr Sameeian Kartons durch das Treppenhaus eines weitläufigen Wohnblocks. Ashraf und Abdullah sollen nun allein leben, nur noch zwei Stunden am Tag wird sich ein Kollege um die beiden kümmern. Bis zum Morgengrauen saßen sie mit den anderen Jungen im braunen Haus auf dem Teppich und knackten Sonnenblumenkerne. Sie haben ihr Zimmer für Flüchtlinge geräumt, die noch immer in einer Turnhalle leben.

Sie müssten es als Belohnung ansehen, sie hätten sich bewährt, hatte Herr Sameeian sie getröstet, als Abdullah traurig sagte: Kaum angekommen und schon wieder weg. Mittlerweile findet der Junge, dass er seinem Ziel nun noch näher ist - einem Leben, wie es die Deutschen führen. Pfeifend räumt er die Regale ein.

Drei Räume, das Laminat glänzt hell, die Möbel sind neu. Im Wohnzimmer hat Ashraf ein selbst gemaltes Bild aufgehängt: Unter Sonnenstrahlen schmilzt eine Kalaschnikow. Masoom, der mitgekommen ist, sieht sich aufmerksam um. "Ich bleibe", sagt der Junge mit den vernarbten Armen.

Herr Sameeian lacht. "Ehrlich Saba", setzt Masoom unwillig nach. "Warum soll ich nicht allein wohnen?" Freundlich schüttelt der Pädagoge den Kopf. "Später."

Inzwischen besuchen alle Jungen die Flüchtlingsklasse eines Berufskollegs. Masoom jedoch fühlt sich oft zu schwach für die Schule. Herr Sameeian geht mit ihm zu einem Psychologen, aber der Junge misstraut den Spezialisten. Passen die Betreuer nicht auf, unterbricht er die Therapie.

November, Nicole Cramer ist ins braune Haus gekommen. Die 51-Jährige verantwortet die Arbeit mit den minderjährigen Flüchtlingen in der Düsseldorfer Zweigstelle der Hilfsorganisation. Sie sorgt sich um ihr Team. Sogar Herr Sameeian, mit 34 Jahren der Erfahrenste, wirkt in letzter Zeit manchmal ratlos.

Nicht nur Masoom, alle wollen nun eigenständig leben wie Ashraf und Abdullah. Sie kratzen das Logo der Hilfsorganisation vom Klingelschild ab, und kaum ein Tag vergeht, ohne dass einer meckert. Das Haus sei zu hellhörig, der Pullover aus den Adventsspenden hässlich.

Viel zu anspruchsvoll, finden die Betreuer, eine ist so erbost, dass sie nachrechnet: Um die 60 Euro Taschengeld im Monat, 45 Euro für Kleider, gratis wohnen, gratis essen, das habe sie als Teenie nicht gehabt.

Nachdenklich hört Nicole Cramer zu. Es sind übliche Summen der Jugendhilfe, aber auch sie ärgert sich. Neulich hatte einer der Jungs die Nummer ihrer Kreditkarte verlangt, um für sich das neue iPhone vorzubestellen. Beim nächsten Mal forderte er Geld für eine Prostituierte. Sex gehöre zu seiner Gesundheit, sagte er, und Cramer sei vom Jugendamt beauftragt, auf ihn zu achten. Als sie die Zahlung verweigerte und über Liebe, Respekt und die Werte der westlichen Welt sprach, postete er sein Anliegen bei Facebook, und der Kollege im Nachtdienst musste die willigen Mädchen abwimmeln, die am Haus klingelten.

"Es sind Teenager", sagt die Chefin schließlich. "Sie haben es bis zu uns geschafft, indem sie ihren Regeln gefolgt sind. Wieso sollten sie plötzlich meinen, unsere Vorschriften seien besser für sie? Vom ersten Tag an haben wir sie mit allem wie selbstverständlich versorgt. Warum sollten sie sich nun freiwillig bescheiden?"

Smartphones der Jugendlichen: Im Sog von Skype und Facebook
Ralf Baumgarten / DER SPIEGEL

Smartphones der Jugendlichen: Im Sog von Skype und Facebook

Sie müssten das eigene Verhalten ändern, appelliert Cramer an die Betreuer. "Lasst die Jungs nach Wohnungen suchen, wenn sie meckern. Lasst sie Preise herausfinden und mit Vermietern reden. Sie brauchen dringend einen Realitätscheck."

An einem der letzten Adventstage ziehen die Flüchtlinge los. Sie wollen einen Weihnachtsbaum kaufen. Die Stimmung müsse wieder besser werden, findet Jamil. Jörg Haas, der Unternehmer, begleitet die Teenager; auch seine Frau und die Kinder kommen mit.

Zwei Kilometer weit laufen sie zum Stand mit den Tannen, Afghanen und Deutsche, lachend, erzählend, auf dem Rückweg schultern die Jungen den Baum. Ein Lagerfeuer im Garten, Suppe, anschließend hängen alle gemeinsam goldene Kugeln an die Zweige. Voneinander erfahren, andere Perspektiven gewinnen: Auf solche Momente hatte Haas gehofft. Noch immer sind sie selten. Wenn die Flüchtlinge mit ihm Fußball spielen oder ein Werkzeug ausleihen, scherzen sie, und es begeistert ihn, dass sie immer besser Deutsch sprechen. An manchen Tagen hilft er bei den Hausaufgaben. Aber die Jungen bleiben ihm fremder, als er es sich gewünscht hat.

"Wir tasten uns aneinander heran", sagt Jörg Haas. "Es dauert viel länger, als ich es mir vorgestellt hätte."

Januar 2017. Seit Abdullah trainiert, sein Leben zu erzählen, quälen ihn nachts wieder die Erinnerungen. Ashraf und er werden bald 18. Ihnen steht, wie die Freunde meinen, das wichtigste Jahr ihres Lebens bevor.

Sie haben die Wohnung geputzt, neben einem Becher Tee mit Kardamom liegt auf dem Fensterbrett ein Leitfaden für Flüchtlinge. Regelmäßig üben die Jungen nun, in lauter Einzelheiten über ihre Vergangenheit zu sprechen. Sie lernen auch viel für die Schule in diesen Tagen, unter Abdullahs Tests in Biologie und Erdkunde steht "sehr gut". Keine andere Prüfung bereiten sie jedoch so sorgfältig vor wie den Termin im Bundesamt. Jedes Detail, so haben sie erfahren, steigere die Glaubwürdigkeit.

Ashraf und Abdullah haben ihre Asylanträge gestellt. Anhörer werden sie anhören, Dolmetscher dolmetschen, Entscheider entscheiden; mittlerweile sind den Jungen die Vokabeln geläufig. Ihre Träume haben sie verschoben. Arzt oder Bankkaufmann könnten sie vielleicht später noch werden. Sie wollen jetzt schnell eine Lehrstelle finden. Sollten ihre Asylanträge abgelehnt werden, könnte ihnen eine Ausbildungsduldung gewährt werden, auch dieses Wort kennen sie inzwischen.

Aber sie haben genauso von den Flugzeugen gehört, mit denen die Bundesregierung erstmals nach längerer Pause wieder Flüchtlinge nach Afghanistan abgeschoben hat. Und sie wissen nun, dass entwurzelte junge, muslimische Männer in Deutschland wachsenden Argwohn auf sich ziehen. Terroristen wie der vom Berliner Weihnachtsmarkt seien schreckliche Menschen, sagt Abdullah in dieser Zeit oft. "Ich habe Angst, dass die Leute im Bundesamt jetzt anders auf uns gucken."

Mit acht Jahren, so wird er den Anhörern erzählen, sei er mit der Familie nach Iran geflohen. Vorher hätten die Taliban den Vater gedrängt, den Bruder für den Kampf freizugeben. Dann sei der Bruder verschwunden, verschleppt, getötet wahrscheinlich. Er, Abdullah, fürchte in Afghanistan ein ähnliches Schicksal. In Iran habe ihn eine Familie bedroht, in deren Tochter er sich verliebt habe. Einmal habe er die Freundin in ihrem Elternhaus umarmt. Die Brüder hätten sie daraufhin umgebracht.

Er gehöre zum Volk der Hazara, das von den Taliban verfolgt werde, wird Ashraf sagen. Er habe Afghanistan als Dreijähriger verlassen, er kenne niemanden dort, der ihm zu einem sicheren Leben verhelfen könne. Sein Vater sei damals bei einem Familienstreit fast ermordet worden.

Bäckerlehrling Karim: "Wie drängen sie, sich zu integrieren, und schüren allein dadurch Hoffnung"
Ralf Baumgarten / DER SPIEGEL

Bäckerlehrling Karim: "Wie drängen sie, sich zu integrieren, und schüren allein dadurch Hoffnung"

Treffen die Freunde die früheren Mitbewohner, fotografieren sie einander in den Posen typischer Teenager, als ob allein die Gegenwart zählte: Kappe, Sonnenbrille, Kapuzenjacke, Daumen rauf. Sie alle suchen Strategien für diese Zeit des Wartens. Jamil schlendert durch Modegeschäfte. Karim erledigt den Haushalt noch ordentlicher als vorher. Ashraf hat das Seepferdchen-Abzeichen geschafft. Masoom zieht sich weiter zurück. Ihn quält nun auch der Wettstreit, den manche Flüchtlinge in den Anhörungen austragen. Selbst solche, die in Privatautos bis an die österreichische Grenze gebracht worden seien, überböten einander mit ihren Leidensgeschichten, um bleiben zu dürfen, mutmaßt Masoom.

Man könne das Leben nicht auf Lügen errichten, mahnen die Pädagogen.

Ashraf hat den Leitfaden vom Fensterbrett sorgfältig studiert. Er sei wirklich dankbar für die Hilfe von allen Seiten, sagt er. Aber er fragt sich auch, warum dieses Land so viel Aufwand mit Jungen wie ihm treibt - und sich doch so schwer damit tut, sie hierzubehalten.

Ende Januar kehrt Karim von der Anhörung zurück, er bringt ein übersetztes Protokoll mit. "Sie haben nun Gelegenheit, alle Ereignisse zu schildern, die nach Ihrer Auffassung eine Verfolgungsfurcht begründen", hatte ihn die ältere Dame ermuntert.

Die Taliban hätten in der Schule alle Kinder zum Kampf aufgefordert, hatte Karim geantwortet. Seine Familie gelte bei ihnen als ungläubig, weil sie für den Staat bei der Polizei arbeite. "Dem älteren Bruder haben sie einen Beinschuss zugefügt, der zweite Bruder hat das Land verlassen." Um wenigstens ihn, Karim, zu schützen, habe der Vater ihn nach Europa geschickt.

"Hätten Sie nicht bei der Polizei oder bei Gericht Schutz finden können?"

"Die Regierung ist sehr schwach. Die können sich selbst nicht beschützen."

"Was befürchten Sie für sich persönlich?"

"In meiner Provinz muss ich mit den Taliban zusammen zum Dschihad gehen. Dann werde ich von der Regierung umgebracht. Wenn ich nicht zum Dschihad gehe, werde ich von den Taliban umgebracht."

Er wolle in Sicherheit leben, hatte Karim gesagt. Einen Schulabschluss machen. "Ich möchte gern eine Zukunft haben."

In der letzten Februarwoche 2017 kommt der Tag, an dem der Vormund Karim das Ergebnis mitteilt. Auch die Pädagogen ertragen die Anspannung dieser Wochen immer schlechter; sitzen sie zusammen, fließen manchmal Tränen. Welchen Sinn ihr Job noch mache, fragen sie nun. Trotz aller Schwierigkeiten haben sie sich an diese Jungs gebunden, anders könnten sie ihre Arbeit nicht erledigen. Sie gäben alles, damit die Teenager sich gut entwickeln, meinen sie - und am Ende entschieden fremde Behördenmenschen über deren Zukunft.

Als der Vormund sich verabschiedet hat, verbringt Karim den Rest des Tages in seinem Zimmer. Die Pädagogen fragen ihn, ob er sich aussprechen wolle, doch der Junge schüttelt den Kopf.

15 Seiten. "Der Antragsteller wird aufgefordert, die Bundesrepublik innerhalb von 30 Tagen nach Bekanntgabe dieser Entscheidung zu verlassen", steht auf dem ersten Blatt. Die Wahrscheinlichkeit, in Afghanistan ein Opfer zu werden, liege bei 0,074 Prozent, heißt es auf Seite 3.

Zwei Monate später erhält auch Ashraf den Brief vom Bundesamt. Zwar würden Hazara in Afghanistan bis zu einem gewissen Grad diskriminiert, Entführungen und Morde allerdings seien lokal begrenzte Einzelfälle. Dem Antragsteller sei zuzumuten, sich in sicheren Landesteilen niederzulassen. Da er in einem gesunden, arbeitsfähigen Alter sei, könne er dort auch ohne familiäres Netz und ohne eine abgeschlossene Ausbildung ein Leben am Rand des Existenzminimums finanzieren.

Abgelehnt.

Er verstehe das nicht, sagt Ashraf, als er die sperrige Sprache der Behörde mithilfe eines Übersetzers durchdrungen hat.

Im November 2017 wissen alle Bescheid. Für Abdullah und Jamil gilt ein einjähriges Abschiebungsverbot: Müssten sie sofort nach Afghanistan zurückkehren, würden sie es seelisch voraussichtlich nicht verkraften. Masoom erhält subsidiären Schutz, weil ihm in Afghanistan Folter oder Tod drohen; er kann ebenfalls noch mindestens ein Jahr bleiben. Auch Ashraf und Karim sind trotz der abgelehnten Anträge erst einmal safe, wie Nicole Cramer sagt. Bis auf Masoom erlernen nun alle einen Beruf. Die Ausbildungsduldung gilt für drei Jahre, und sollten die Flüchtlinge danach einen Arbeitsplatz finden, verlängert sich ihr Bleiberecht.

Wohnhaus der Jugendlichen in Düsseldorf
Ralf Baumgarten / DER SPIEGEL

Wohnhaus der Jugendlichen in Düsseldorf

Cramer und ihre Kollegen hatten in Autohäusern oder Einzelhandelsgeschäften nach Lehrstellen gefragt, die Jungen mussten sich bewerben, auch Absagen hinnehmen. Doch nun formt Karim morgens ab viertel vor vier Brot in einer Bäckerei. Ashraf und Abdullah werden begleitend zur Schule als Metalltechniker ausgebildet, Jamil wird Sozialassistent.

Als nach den ersten Bescheiden manche Betreuer aufgeregt vorgeschlagen hatten, man müsse die Teenager adoptieren, hatte Cramer zur Ruhe gemahnt: Da seien keine Einzelfalllösungen gefragt. "Wir Deutschen nehmen junge Flüchtlinge auf und unterstützen sie mit riesigem Aufwand", findet sie. "Wir drängen sie, sich zu integrieren, und schüren allein dadurch Hoffnung. Ihre Zukunft geht uns auch dann noch etwas an, wenn sie volljährig sind." Kontakt zum Rechtsanwalt, Termin bei der Flüchtlingsberatung, Termin bei der Jobbörse - und nur nicht verrückt werden an den wechselnden Schlagzeilen aus Berlin, hatte sie den Kollegen eingeschärft.

In diesen Wochen scheitern die Sondierungsverhandlungen von Union, Grünen und FDP unter anderem an der Frage, ob Flüchtlinge ihre Familien nachholen dürfen. Wieder sorgen sich manche Betreuer um die Nöte der Teenager, aber die Jungen scheint das Thema nicht zu interessieren.

Es wirke, sagt Nicole Cramer, als hätten ihre Familien sie eher für die Rolle des fernen Versorgers vorgesehen. Dass sie sich nun mit einem Teil des Geldes, das sie verdienen, an den Kosten ihres Lebens beteiligen müssen, hat die meisten erschreckt.

Abschied. An der hölzernen Wohnzimmerlampe im braunen Haus hängen Luftschlangen. Einer der Jungen trägt ein Nikolauskostüm, im Arm hält er Päckchen mit bunten Schleifen. "Unser Dorf Düsseldorf" steht auf dem Kapuzenpulli, den Jörg Haas aus dem Papier wickelt.

Anders als zum Willkommensfest klingelt an diesem Dezembertag kaum ein Nachbar. Aber eine Frau, die häufig Lebensmittel vorbeigebracht hat, wünscht den Jungen Glück. Die Deutschen müssten besser verstehen, dass Fremde sie auch bereichern, meint sie. Andere Anwohner hatten sich geärgert: der Lärm, der unordentliche Garten, der Müll.

Er habe sich vieles einfacher vorgestellt, sagt Haas. "Doch den Versuch würde ich wieder unternehmen. Jeder Beitrag lohnt."

Integration, davon ist er nun überzeugt, gelinge nur, wenn alle Beteiligten die gleichen Ziele verfolgten und alle Mühe ineinandergreife - und wenn man das, was man von den Flüchtlingen erwarte, auch selbst leisten wolle und könne. Er habe die Betreuer zum Beispiel gebeten, die Jungs im Sinne einer guten Nachbarschaft zu besserer Ordnung anzuhalten. Der Vorgarten jedoch sei den Pädagogen letztlich auch nicht so wichtig gewesen. "Es ist eine andere Wahrnehmung, völlig okay", sagt Haas. "Aber wie sollen Flüchtlinge dann die Spielregeln ihrer Umgebung lernen?"

In fünf Tagen werden sie ausziehen. Der Hilfsorganisation gehört mittlerweile ein eigenes Haus, der Klinkerbau steht wieder in der Mitte der Gesellschaft in einem Wohngebiet mit Eigenheimen. Jamil jubelt, er wird wie Ashraf und Abdullah mit einem anderen Flüchtling eine Wohnung teilen. Karim lebt bereits allein. Masoom wechselt in das neue Haus. Er fühlt sich abgehängt, aber die Betreuer meinen, dass ein fest eingebundener Alltag für ihn weiterhin das Beste ist.

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Nach wie vor stehen alle unter dem Schutz der Jugendhilfe. Das Sozialgesetzbuch erlaubt es, auch junge Volljährige zu unterstützen. Vor allem ein Grund rechtfertigt diesen Beistand: Endet die engmaschige Hilfe zu früh, sind alle bisherigen Erfolge gefährdet.

"Wir hatten Glück", findet Herr Sameeian. "Kein Polizeiaufgebot, keine Gewaltübergriffe, kein Fanatismus."

Einige Male war auch ihm in den vergangenen zwei Jahren bang geworden. Wer die Jungs wirklich seien, werde er nie beurteilen können, hat er in solchen Momenten gegrübelt.

Dann sagte er sich, dass es ihm mit anderen Menschen genauso gehe.



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