AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2017

Flüchtlinge als Pflegekräfte Wo beginnt in Deutschland die Scham?

Können Flüchtlinge helfen, den Pflegenotstand in Deutschlands Kliniken und Altenheimen zu lindern? Ein Vorzeigeprojekt will dafür sorgen. Beim Training jedoch gibt es viele heikle Fragen.

IQ-Kursteilnehmer Akram, Ramin und Ahmed
Selina Pfrüner/ DER SPIEGEL

IQ-Kursteilnehmer Akram, Ramin und Ahmed

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Um Frau Müller steht es nicht gut. Die graue Perücke ist tief in ihre Stirn gerutscht, den Mund kann sie nicht schließen. Nach einem Schlaganfall ist ihre linke Körperseite vollständig gelähmt, so steht es in ihrer Krankenakte. Die Patientin kann nicht sprechen, und nun stehen Ahmed, Akram und Ramin ratlos an ihrem Bett.

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Heft 22/2017
Der letzte Wille entzweit Familien - doch es geht auch friedlich. Eine Gebrauchsanweisung

Sie sollen Frau Müller waschen, allerdings liegt die Tücke im Detail. Stellt man sich mit dem feuchten Lappen besser neben Frau Müllers linke, also die gelähmte Seite - oder neben die gesunde rechte? Die Männer schauen sich zweifelnd an.

"Rechts", sagt Ramin, "dann schaut sie mich an, weil sie auf der Seite liegt."

"Rechts", vermutet Akram, "da fühlt sie noch ein bisschen."

"Rechts, da ist mehr Platz neben dem Bett", sagt auch Ahmed und reißt mit Schwung das Gitter neben der Matratze hoch. Es ist ein Akt der Fürsorge, damit Frau Müller nicht zu Boden fallen kann. Allerdings ist es auch der Moment, in dem die Lehrerin zum ersten Mal einschreitet.

"Stopp", ruft Shilan Fendi von hinten. "Das Bettgitter sollte man nur hochklappen, wenn ein Richter das angeordnet hat. In Deutschland nennt man das sonst möglicherweise Freiheitsberaubung. Und außerdem: Wir wollen Frau Müllers Wahrnehmung fördern. Wir beginnen links."

Frau Müller wird auch dazu schweigen, das liegt in ihrer Natur: Die Patientin ist eine Lehrpuppe aus Kunststoff. Ihr Zimmer befindet sich in einer Schule für angehende Fachkräfte, dem Bonner Verein für Pflege- und Gesundheitsberufe. An diesem Maitag drängt sich eine neue Klasse um das Krankenbett: Alle acht Teilnehmer sind Flüchtlinge, fünf von ihnen Männer. Die meisten haben schon in ihrer Heimat als Pfleger gearbeitet.

Ihr Kurs ist eine Art Pilotprojekt. Wenn es gelingt, die Kandidaten in Kliniken oder Pflegeheime zu vermitteln, wäre das eine Riesenchance. Für die Geflüchteten. Und für das deutsche Gesundheitssystem.

In der Bundesrepublik werden Pflegeexperten dringend gesucht. Laut Pflegebericht der Bundesregierung gibt es in der Altenpflege 19.000 offene Stellen. Jeder ausgeschriebene Job bleibt im Durchschnitt 162 Tage unbesetzt, in der Krankenpflege sind es 132 Tage. Arbeitgeber wie die Berliner Charité bieten ein "Kopfgeld" von 1000 Euro für Hinweise auf ausgebildete Pfleger, und die alternde Bevölkerung wird den Mangel künftig noch verschärfen. So prophezeit das Bundesinstitut für Berufsbildung, dass bis 2025 eine Lücke von 214.000 Fachkräften droht.

Pflegeschülerin Enkeleta Cengu
Selina Pfrüner/ DER SPIEGEL

Pflegeschülerin Enkeleta Cengu

Es könnte eine hoffnungsvolle Gleichzeitigkeit sein, dass Tausende junge, bildungshungrige Menschen ins Land gekommen sind. Flüchtlinge in die Pflegebranche zu integrieren wäre eine Win-win-Situation, von der auch Politiker träumen. Allerdings ist das Vorhaben nicht ganz einfach. Den Weg zur Integration versperren bürokratische Hürden, tückische Anerkennungsverfahren - und manchmal schlicht unterschiedliche Vorstellungen davon, was gute Pflege überhaupt bedeutet.

Das Problem beginnt damit, dass es in vielen Herkunftsländern keine ausgebildeten Altenpfleger gibt, schon aus kulturellen Gründen. Seniorenheime sind in Syrien, Afghanistan oder im Irak so gut wie unbekannt. Es gilt als selbstverständlich, dass die Familie Angehörige zu Hause betreut.

Auch um Akram Namahs Mutter daheim in Syrien kümmern sich seine Brüder und Schwestern. Er ist vor anderthalb Jahren vor dem Krieg geflohen. In Rakka hatte er als staatlich geprüfter Krankenpfleger gearbeitet. Dort brauchte er zwei Jobs, um zu überleben. "In Syrien kann man als Pfleger nur schwer seine Miete zahlen", sagt der 29-Jährige. In Deutschland sei das anders: "Mein Beruf ist hier sehr anerkannt." Nur muss Akram selbst als Fachkraft noch Anerkennung finden.

Seit Anfang Mai kommt er zum Kurs in die Bonner Pflegeschule. In einem halben Jahr sollen alle Hürden beseitigt werden, die den Einstieg erschweren: Sprachdefizite, kulturelle Missverständnisse, Behördentrödelei. "Die Geflüchteten sollen nicht bei schlecht bezahlten Helferjobs hängen bleiben, sondern die Chance auf einen Einstieg als qualifizierte Fachkraft bekommen", sagt Birgit Schierbaum aus dem Projektteam. Mit ihrer Kollegin, der Pflegepädagogin Fendi, will sie in den nächsten drei Jahren hundert Flüchtlinge begleiten - wenn sich ein Finanzier findet. "Willkommen in der Pflege", heißt ihr Konzept.

Zumindest an einer Stelle sind sie schon aufgefallen. Die Stiftung der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hat sie nach einem Stipendium für den neuen "Special Impact Award" nominiert, mit dem Projekte zur Integration von Flüchtlingen ausgezeichnet werden. Anfang Juni wird er vergeben, auch Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries will zur Verleihung kommen. Die Regierung weiß, dass es ziemlich aufreibend ist, Flüchtlingen echte Perspektiven zu verschaffen.

Die Sprache ist Akrams geringstes Problem. Wenn er im Schlaf redet, dann auf Deutsch, seine Frau hat ihm das neulich erzählt. Sollte er in seinem Kurs doch einmal über ein Wort stolpern, dann über das Geheimnis, was ein Kulturbeutel ist. In Rakka hat Akram auf einer Spezialstation für Blutkranke gearbeitet. Die Behandlung glich der in Deutschland, aber eines wundert ihn: "Dass Krankenpfleger in Syrien viel mehr Aufgaben übernehmen, die in Deutschland nur der Arzt erledigen darf" - eigenverantwortlich Infusionen legen oder Wunden nähen zum Beispiel.

Für ihn, Ahmed oder Ramin ist es ungewöhnlich, dass sich ihre deutschen Kollegen oft damit aufhalten, Patienten die Zähne zu putzen oder sie anzuziehen. Auch das übernimmt in Syrien, Afghanistan oder im Irak meist die Familie, die ganze Tage bei Angehörigen in der Klinik verbringt. In Bonn kommt deshalb jetzt Frau Müller als Testpatientin zum Einsatz.

An ihrem Bett gibt es viele heikle Fragen: An welcher Grenze beginnt in Deutschland die Scham? Dürfen auch Männer Frauen waschen? Und wie kann man Frau Müller mit einem Handtuch so diskret bedecken, dass sie sich bei der Körperpflege niemals nackt fühlt? "Es geht mir darum, Sie alle zu sensibilisieren", sagt Pflegepädagogin Fendi am Ende des Kurstages.

Akram hat kein Problem damit, Frau Müller frisch zu machen, "wenn sie nichts dagegen hat". Wenn ihm etwas Sorge bereitet, dann die Frage, wie viele Monate es dauern wird, bis sein syrischer Abschluss anerkannt wird. Was er will, ist ein normales Leben. "Arbeiten, so schnell wie möglich", sagt er. Es gibt viele Arbeitgeber, die auf Pflegekräfte wie ihn warten.

Wenn Ursula Meeth auf Beistand hofft, dann zündet sie eine Kerze an. Doch bei ihren Ausbildungsstellen waren auch fromme Bitten vergebens. Für vier von sechs Plätzen will sich kein Bewerber finden.

Enkeleta Cengu mit einer Bewohnerin des Pflegeheims
Selina Pfrüner/ DER SPIEGEL

Enkeleta Cengu mit einer Bewohnerin des Pflegeheims

Die 48-Jährige leitet das Seniorenzentrum St. Elisabeth in Bornheim-Merten. Der lichtdurchflutete Neubau schmiegt sich an einen Hang, vor der Tür duftet der Lavendel. Alle 80 Plätze des Heims sind vergeben, die Warteliste ist lang. Wer hier wohnt, darf auf maximale Selbstständigkeit hoffen. Wann die Besucher gewaschen werden, wann sie zu Bett gehen wollen, handeln sie selbst mit den Pflegern aus. Den ganzen Tag über erwartet sie ein Programm, vom "Schönheitssalon" bis zum politischen Diskurs. Meeth will "das Weite in die Enge" holen, wie sie sagt. Inzwischen gilt das auch für ihre Personalpolitik: "Ohne Zuwanderung werden wir in der Pflege in Zukunft nicht auskommen."

90 Mitarbeiter beschäftigt Meeth, ihre Ansprüche sind hoch. "Wir wollen Begleitung auf Augenhöhe. Wir schauen genau hin, wer so etwas kann", sagt sie. Eine, der sie das zutraut, ist Enkeleta Cengu. Seit März ist die 30-Jährige Auszubildende im Seniorenzentrum. Warum sie die Arbeit mag? "Ich sehe Körper, ich sehe Seele, ich sehe Geist", sagt Cengu. Im Mai 2015 ist sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter nach Deutschland gekommen. Zu Hause in Albanien hat sie als Lehrerin gearbeitet, in ihrem neuen Leben ist das ausgeschlossen. Nachdem ihr zweites Kind zur Welt kam, nahm Cengu an einem Programm teil, mit dem Shilan Fendi Mütter mit Migrationshintergrund für die Pflege fit macht. Cengu kam zum Praktikum im Seniorenzentrum. Und blieb.

Mehr als ein Dutzend Flüchtlinge hat das Heim bis heute beschäftigt. Und es gehörte zu den unschönen, aber vergleichsweise lösbaren Problemen, dass ein Bewohner anfangs fragte, warum "ein Neger" seinen Rollstuhl putze, als ein Mitarbeiter aus Eritrea das Zimmer betrat.

Schwerer wiegt, dass das Seniorenzentrum nur wenigen Geflüchteten eine Perspektive für immer bieten kann - vor allem wenn ihr Bleiberecht nicht gesichert ist. Voraussetzung für eine Ausbildung ist ein Sprachkurs. Asylbewerber aus sogenannten sicheren Herkunftsländern haben darauf aber keinen Anspruch. Das Heim bietet daher jetzt Deutschunterricht an.

Auch der Bundesfreiwilligendienst, den etwa Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) als leichten Einstieg in die Pflege anpries, ist Asylbewerbern aus Ländern wie Albanien, dem Kosovo oder Ghana verwehrt. Abhilfe gegen den Pflegenotstand würde auf lange Sicht nur ein Einwanderungsgesetz schaffen.

Auch was auf Dauer aus Enkeleta Cengu wird, kann niemand wissen. Albanien gilt als sicheres Herkunftsland. Weil Cengu einen Ausbildungsvertrag vorlegen konnte, darf sie mit ihrer Familie jetzt für mindestens drei Jahre bleiben. Zwei weitere Jahre sind möglich, wenn sie im Anschluss einen festen Arbeitsvertrag bekommt. Danach aber könnte ihr schlimmstenfalls wieder die Abschiebung drohen. Trotz Fachkräftemangels, trotz aller Pilotprojekte.

"Das ist doch verrückt", sagt Meeth. "Wir brauchen diese Menschen."



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braindead0815 28.05.2017
1. pflegenotstand
genauso eine mär wie der fachkräftemangel oder der tod der gesetzlichen rente. es geht nur noch um billige arbeit. wer will unter solchen bedingungen arbeiten, wenn man derart ausgebeutet und beschissen bezahlt wird? die medien helfen ja kräftig mit, solche zustände als gegeben bzw. als wahrheit zu verkaufen. gleichzeitig muss natürlich verhindert werden, dass sich diejenigen solidarisch am leben der menschen beteiligen, die am meisten vom system profitieren. und die dafür aus der politik kräftig ihren beitrag leisten (geleistet haben), die werden auch im september wieder gewählt. da fällt mir immer das zitat von george orwell ein :„Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten - wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten -, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit.“
aopoi 28.05.2017
2. Wir hätten genügend Pflegekräfte
Nur angemessen bezahlen muss man wollen. Aber dafür sind die Flüchtlinge ja gut. Das Lohngefüge noch weiter nach unten zu drücken. Es gibt sogar Leute, die behaupten, genau deshalb hat man den Flüchtlingsstrom zugelassen.
bernhard.geisser 28.05.2017
3.
Wenn man den Flüchtlingen den gleichen Lohn anbietet, wie angelernten Wiedereinsteigerinnen aus Deutschland, dann wird das nichts. Aber wenn man den Flüchtlingen einen guten Lohn zahlt, dann braucht man die Flüchtlinge gar nicht und die Wiedereinsteigerinnen erledigen das im Handumdrehen mit ihren hervorragenden sprachlichen und betreuerischen Vorkenntnissen.
touri 28.05.2017
4.
Es gibt keine Fachkräftemangel sondern nur die Unwilligkeit den Angestellten faire Löhne zu zahlen, kenne da z.B. einige Beispiele aus der IT-Branche, wo Neueinsteiger deutlich weniger verdienen als noch vor 20 Jahren. Und wie genau sollen Migranten an der Stelle helfen? Zunächst einmal müssen sie trotzdem ersteinmal deutsch lernen, einen anerkannten Schulabschluß haben und dann eine mehrjährige Ausbildung durchlaufen. Bis dahin sind wenigstens 10 Jahre ins Land gegangen und dann stehen sie mit ca. 35-40 Jahren da als Neueinsteiger, ohne Berufserfahrung. Super Berufschancen...
vitalik 28.05.2017
5.
Für die körperlich und seelisch sehr anstrengende Arbeit ist der gezahlte Lohn einfach ein Witz. Warum glaubt man, dass die Flüchtlinge so blöd sind und nicht merken, dass sie ausgenutzt werden für eine Tätigkeit, die immer weniger Leute machen wollen.
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