AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 6/2017

Einwanderungspolitik Was Kanada bei der Integration alles richtig macht

Kanada nimmt jedes Jahr rund 300.000 Einwanderer und Flüchtlinge auf, in den vergangenen Monaten allein 40.000 Syrer. Wieso gelingt den Kanadiern die Integration so gut? Und: Was kann Europa lernen?

Premierminister Trudeau begrüßt syrische Flüchtlinge im Dezember 2015
REUTERS

Premierminister Trudeau begrüßt syrische Flüchtlinge im Dezember 2015

Von John Ralston Saul


John Ralston Saul, 69, kanadischer Autor und Historiker, war von 2009 bis 2015 Präsident des Schriftstellerverbandes PEN International.

Es ist faszinierend, den Krebs der Angst zu beobachten, wie er sich in die Seele einschleicht, in die Vorstellungskraft. Während dieser Krebs sich verbreitet und verwandelt, in Populismus, Rassismus und Ausgrenzung, sind wir wie gelähmt, unfähig, uns vorzustellen, wie wir zurückschlagen sollen. Doch Trump hat den Amerikanern und vielleicht uns allen mit dem Extremismus seiner ersten Wochen im Amt auf vertrackte Weise einen Gefallen erwiesen. Seine rassistischen, wohl illegalen und vermutlich verfassungsfeindlichen Dekrete sind ein Weckruf.

Mehr als das, sie sind eine Warnung an Washingtons traditionelle Verbündete, sich in Acht zu nehmen. Ist dieser Mann ein stabiler, vertrauenswürdiger Partner? Kanada ist durch die 6000 Kilometer lange Grenze der engste Verbündete der USA und darüber hinaus der zweitgrößte Handelspartner. Doch Premierminister Justin Trudeau hält sich zurück und lässt Beamte hinter den Kulissen verhandeln. Zugleich bestand seine Reaktion auf Trumps Einreiseverbot für Muslime darin, absichtsvoll die flüchtlingsfreundliche Politik Kanadas zu bekräftigen, ohne die USA oder ihren Präsidenten zu erwähnen.

Dass die steigende Zahl an Flüchtlingen und Migranten in den Gesellschaften des Westens Angst auslöst, sollte niemanden überraschen. Der Reflex ist uralt; wir fürchten, was wir nicht kennen. Und Politik bedient sich solcher Ängste, auch das war schon immer so. Entsetzt verfolgen wir die Reaktionen: Gewalt gegen die Fremden, offener Rassismus - auch bei uns. Am vergangenen Wochenende erschoss ein 27-jähriger Kanadier in einer Moschee in Québec sechs Betende. Die Reaktion der Bevölkerung war aber ein eindeutiges Bekenntnis zu unserer kulturellen Vielfalt und unserer Einwanderungspolitik. Wir Kanadier sind anscheinend die einzige westliche Demokratie, die sich über die Themen Asyl und Migration nicht zerstritten hat, die weder mit Populismus noch mit politischem Extremismus zu kämpfen hat. Wie funktioniert das?

Unsere Nation ist offenbar die einzige, in der sich die politische Klasse weitgehend geschlossen für Einwanderung ausspricht. Sicher, auch in Europa wird viel für Flüchtlinge und Einwanderer getan. Dass Deutschland mehr als eine Million Menschen aufgenommen hat, wird als große humanitäre Geste in die Geschichte eingehen. Wenn man sich an den Vergleich von Kanada und Europa macht, bekommt man von den Staaten, die von der Flüchtlingskrise direkt betroffen sind, sofort die üblichen Einwände zu hören: Kanada ist doch groß (viel Platz für Einwanderer) und die Bevölkerung klein (noch mehr Platz für Einwanderer).

Alles Unsinn natürlich: Die überwiegende Zahl der Flüchtlinge zieht es in die fünf urbanen Zentren im Süden Kanadas - kaum einer will in die Tundra. Bleibt also der angebliche Luxus, sich die Einwanderer aussuchen zu können. In den vergangenen acht Monaten haben wir 40.000 Syrer aufgenommen, weitere 20.000 sind auf dem Weg. Sehr wenig im Vergleich zu Deutschland, aber mehr als Frankreich, Spanien oder die USA ins Land gelassen haben. Ohnehin nimmt Kanada jedes Jahr rund 300.000 Einwanderer und Flüchtlinge auf, und das seit Jahrzehnten. Suchen wir uns die Kandidaten aus?

Ja, wir folgen dabei einem Plan: Im Fall der Syrer haben wir vor allem Familien ausgewählt, die in den großen Flüchtlingscamps Jordaniens, des Libanon und der Türkei leben, die meisten weniger gut ausgebildet als diejenigen, die sich in Schlauchbooten auf die Reise nach Europa machen. Warum ausgerechnet diese Menschen? Weil die schiere Größe der Lager Länder wie Jordanien und den Libanon zu destabilisieren droht. Weil so viele Kinder unter grässlichen Bedingungen in diesen Einrichtungen festhängen, ohne Möglichkeit, je zur Schule zu gehen.

Kommen wir zum Kern des Vergleichs: In Europa, in den USA und auch in Australien herrscht derzeit eine gefährliche, ja mitunter giftige Stimmung. Regierungen und ehrenamtliche Helfer schieben großartige Projekte an, Unternehmen geben sich besondere Mühe, möglichst viele Flüchtlinge einzustellen. Nur: Es sind nicht diese positiven Beispiele, die den Diskurs bestimmen.

Zum einen, weil es in keinem europäischen Land Leitlinien gibt, die Einwanderung verbindlich regeln. Ein verblüffender Umstand, denn die meisten Staaten Europas nehmen seit 70 Jahren Migranten auf. Nach Deutschland kamen erst die Vertriebenen, dann die Gastarbeiter aus Italien und der Türkei, Flüchtlinge vom Balkan oder auch aus Syrien. Manche erhielten Asyl aus humanitären Gründen, andere kamen, weil die Industrie Arbeitskräfte brauchte. Aber der Prozess folgte keinem erkennbaren Konzept. In Kanada steuern wir den Prozess der Einwanderung schon sehr lange Zeit. So hat bereits Premier Wilfrid Laurier 1905 zu unserer Einwanderungspolitik erklärt: "Uns geht es um die Kooperation mit den Neubürgern. Wir wollen, dass sie sich mit ihrer Persönlichkeit, ihrer Energie und ihrem Unternehmungsgeist in den Dienst unseres Landes stellen. Sie sollen am Leben in diesem Land teilhaben, sie sollen wählen können und wählbar sein. Und niemand soll seine Wurzeln vergessen müssen, wenn er zu uns kommt. Lasst sie zurückblicken, aber lasst sie vor allem in die Zukunft schauen."

Das ist das Gegenteil von dem, was sich Europa gemeinhin unter einer multikulturellen Gesellschaft vorstellt. Die Neuankömmlinge werden nicht sich selbst überlassen. Wir wollen nicht, dass Einwanderer und Einheimische nebeneinanderher leben, verlangen aber auch nicht, dass sie in einem Prozess der Assimilation mit der Mehrheitsgesellschaft verschmelzen. Wir erkennen an, dass es sich um einen komplexen Prozess handelt, der Spannungen produziert. Es kommt darauf an, sie kreativ zu nutzen. Wir erwarten in Kanada von jedem Einwanderer, dass er so schnell wie möglich zum Bürger unseres Landes wird und seinen Teil zur Gesellschaft beiträgt. Leute, die nur darauf aus sind, Sozialleistungen zu kassieren, ohne zu helfen, die Lasten der Allgemeinheit mitzutragen, können wir nicht gebrauchen. Das wissen alle, die zu uns kommen. Ihnen ist bewusst, dass sie vier bis fünf Jahre später in einer großen Zeremonie als neue Staatsbürger eingeschworen werden - und die meisten verhalten sich von Beginn an so, als wären sie es bereits. Einwanderung ist bei uns der Beginn einer Beziehung, die auf Dauer angelegt ist.

Auch Deutschland experimentiert mit einer solchen Feier der Einbürgerung - macht sie aber nicht obligatorisch, und damit hat der Akt leider seinen Sinn verfehlt. Warum messe ich der Zeremonie der Einbürgerung einen solchen Wert zu? Weil sie darüber Auskunft gibt, wie die Bürger eines Landes den Neuankömmlingen begegnen. Akzeptieren sie die Einwanderer als Individuen, die sie in ihrer Mitte aufnehmen - oder sehen sie in ihnen Repräsentanten einer bestimmten Rasse oder Kultur oder Religion? Die Behauptung, dass Muslime nicht zu unserer westlichen Zivilisation gehören, ist so eine Verallgemeinerung. Früher haben die Christen so über die Juden geredet - oder, in den Zeiten der großen Religionskriege, Katholiken über Protestanten. Solche Aussagen klingen seit Jahrhunderten immer nahezu identisch, egal von welcher Seite sie kommen. Sie waren schon immer falsch.

Beim Thema Einwanderung hat Europa versagt, und das liegt auch daran, wie die Regierungen die Zuständigkeit für die Immigranten organisiert haben. In keinem Land der EU gibt es ein eigenständiges Ministerium für Einwanderung, verantwortlich ist in der Regel der Innenminister, und das bestimmt selbstverständlich die Perspektive, mit der die Einbürgerung von Zuwanderern angegangen wird - die Denkweise der Polizei, der Sicherheitskräfte beherrscht das Verfahren. Zwar gibt es Unterabteilungen, die sich ausschließlich mit der Immigration befassen, aber das übergreifende Prinzip ist die Kontrolle der Neuen, nicht die Integration von künftigen Bürgern. Ein Riesenfehler. Nehmen wir das Personal kanadischer Auslandsvertretungen etwa in Kairo oder Beirut: Dort sind die Hälfte Spezialisten für Migration. Die Menschen sollen sich direkt an uns wenden können und nicht ihr Leben riskieren müssen, wenn sie ihr Land verlassen wollen. Als Kanada sich Ende letzten Jahres entschied, zunächst 25.000 syrische Flüchtlinge aufzunehmen, entsandte die Regierung 600 Experten nach Jordanien, in den Libanon und in die Türkei. Innerhalb von nur zwei Wochen hatten sie Familien ausgewählt und alle Formalitäten erledigt. Die Flüchtlinge wurden in gecharterten Maschinen nach Kanada geflogen und erhielten unmittelbar nach der Ankunft, noch im Flughafen, offiziellen Asylstatus. Und dazu eine Registrierung im Gesundheitssystem.

Innerhalb einer Stunde waren sie bei den Familien, die sie in den ersten Monaten als Paten begleiten. Das ist ein weiterer Baustein im kanadischen System: das persönliche Engagement der Bürger. Ohne ihren Einsatz könnte Integration bei uns nicht funktionieren. Die Ehrenamtlichen begleiten die künftigen Staatsbürger zur Schule, ins Krankenhaus, zum Jobinterview. Konzepte und Experten sind wichtig, aber sie können die Neuankömmlinge nicht in die Gesellschaft aufnehmen, das können nur die Bürger selbst. Ich kann es gar nicht deutlich genug sagen: Ich spreche hier nicht von Wohltätigkeit, es geht darum, dass Menschen ihre Pflicht als Bürger ernst nehmen. Alle profitieren von diesem Modell, die Neulinge wie die Helfer. Der Prozess der Integration wird zu einem nationalen Narrativ, beide Seiten lernen dazu und verändern sich. Was wir verstanden haben: Einwanderung bringt Veränderungen für alle von uns - und das ist gut.



insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
krasunke 09.02.2017
1. Ich hatte gehofft wirklich etwas brauchbares zu lesen...
leider fehlt die Hälfte, Einwanderung in Kanada ohne Asylstatus heißt auch, dass man Geld mitbringen muss um eine gewisse Zeit selbst für sich sorgen zu können. Verpflichtende Sprachkurse usw. Der Artikel hat sehr wenig Inhalt :(
chramb80 09.02.2017
2. 1 Jahr
Mal abgesehen das sich Kanada in der Regel sehr genau aussucht wer ins Land darf, sind die aktuellen Zahlen wohl eher ernüchternd. Die Flüchtlinge müssen nämlich wohl nach einem Jahr sehen wo sie bleiben, dann erwartet man das diese die Sprache gelernt und einen Job haben.
Meisterqn 09.02.2017
3. Wenn Sie das schreiben
Hört sich das ja fast negativ an. Wenn Kanada hier jedoch keine künstlichen bürokratischen Hürden errichtet, ist das doch etwas, was man von einem Erwachsenen innerhalb eines Jahres durchaus erwarten kann... Ich arbeite hier in einer Klinik und bin oft überrascht, wieviele engagierte Flüchtlinge innerhalb kürzester Zeit autodidaktisch doch recht gutes Deutsch lernen. Bei Englisch ist es nochmal ein Stück leichter. Und ich spreche hier von wenigen Monaten, nicht von einem Jahr. Manche seit Jahren hier lebende dagegen kriegen mit Müh und Not zehn Wörter zusammen und es fehlt vollkommen das Engagement. Denn zur Not bezahlen entsprechende Stellen ja den Dolmetscher etc. Wenn jemand nach einem Jahr nicht halbwegs in der Lage ist, die Sprache zu verstehen oder zu sprechen, dann ist nüchtern betrachtet auch in Zukunft nicht viel von demjenigen zu erwarten. Wir sprechen hier nicht von Astrophysik oder anderen hochkomplexen Angelegenheiten. Und ich denke, dieses grundlegende Engagement kann man ruhig verlangen, ohne sich dafür schlecht fühlen zu müssen.
DiegoMarlasca 09.02.2017
4.
In der Klasse meines Sohnes (15 Jahre) hier in Spanien ist seit letztem Sommer ein Kind aus Syrien untergebracht. Trotz anfänglicher Sprachprobleme (handy mit Sprachübersetzung hilft), ist er von Anfang an bestens integriert. Vor Kurzem hat er seine Geschichte erzählt. Sein Schicksal möchte ich niemandem wünschen. Ein Bruder ist in der Schweiz untergekommen, die Schwester und Eltern sind wohl noch in Aleppo - während dem ersten halben Jahr kein Kontakt, er wusste noch nicht einmal ob sie noch leben. Inzwischen hat er manchmal Kontakt über Mobilphone. Der Vater hatte einst eine gut gehende Firma und mehrere Häuser. Inzwischen ist alles zerstört. Umgerechnet rund 1000 Euro wurden ihm auf der Flucht von Grenzsoldaten abgenommen. Manchmal erhält er kurze Videos von Freunden, welche noch in Aleppo sind. Die Kinder spielen auf der Strasse und im Hintergrund sind andauernd Schüsse zu hören. Was ihm hier am besten gefällt? Dass man das Wasser aus dem Wasserhahn trinken kann. Ich kann nur hoffen, dass den Flüchtlingen schnellstens geholfen wird.
gargantur 09.02.2017
5. Leuchtendes Beispiel unvollständig analysiert
So sehr ich davon überzeugt bin, dass Kanada tatsächlich seit Jahrzehnten seine Einwanderungspolitik richtig gestaltet und die Akzeptanz in der Bevölkerung höher als zB in Deutschland ist (ursächlich aus meiner Sicht ist jedoch die vielen Berührungspunkte im Alltag eines jeden) allerdings auch in Kanada Neid- und Animositätendebatten geführt werden (z. B. In Bezug auf Ureinwohner (weniger Berührungspunkte) und deren Entschädigungen in den letzten Jahren) greift die Analyse in einigen Punkten zu kurz. IMHO liegt der Grund für die gesteuerte Zuwanderung (und dem im Vergleich zu anderen Ländern fehlende Druck der ungesteuerten Zuwanderung) im wesentlichen an der geographischen Lage. Kein anderes westliches Land liegt in Bezug auf Flüchtlingsströme (ungesteuerte Zuwanderung) so isoliert wie Kanada, nicht einmal Australien. Bootsfluchtlinge nehmen die gefährliche Reise ja deswegen auf sich, weil am Ende eben doch die Wahrscheinlichkeit besteht, heil anzukommen und ein besseres Leben zu führen und die Daheimgebliebenen zu unterstützen. Diese Wahrscheinlichkeit geht gegen null wenn sie dafür über den Atlantik paddeln müssten. Um nicht falsch verstanden zu werden, Kanada ist in der Einwanderung ein leuchtendes Beispiel und anderen (weit) voraus, auch als Gesellschaft, aber hinsichtlich der aktuellen Problematiken greift die Analyse m. E. Zu kurz und vergleicht manchmal Äpfel mit Birnen.
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