AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2017

Crashkurs Wie ich meine Flugangst überwunden habe

Ich fliege viel und weit - doch mit jedem Flug wächst meine Angst. Es ist wie eine Plage, ich kann mir das nicht leisten, und ich schäme mich dafür. Mit der Angst bin ich nicht allein, jeder fünfte Deutsche ist betroffen. Doch es gibt Hilfe.

Lufthansa-Maschine
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Über den Wolken schweben, scheinbar schwerelos, und von oben hinab auf die winzige Erde schauen, die Filme, das Reisefieber - gefällt sogar mir, es gehört für mich zur guten Seite der Angst.

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Heft 32/2017
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Zur bösen Seite gehört der ganze Rest: das mulmige Gefühl bei der Sicherheitskontrolle, wenn sie mich abtasten und durchleuchten und nach Flüssigkeiten und Sprengstoff fragen. Das schlechte Gewissen wegen der CO²-Emissionen, das Lauschen bei jedem Geräusch an Bord, die Aufschreie bei Turbulenzen, der panische Fensterblick zu den dunklen Wolkenbergen, in die wir blindlings rasen. Hilfe, Herr Pilot, sehen Sie die denn nicht?

Es gab keinen echten Auslöser für meine Angst, es ist vielleicht dieses Zuviel an Nachrichten und Bildern, das Katastrophenkino in meinem Kopf, das anspringt, sobald ich Platz genommen habe an Bord: Mohammed Atta beim Check-in, zerfetzte Wrackteile, Wasserleichen. Das ist die schlimme Seite der Angst, meiner Angst vor dem Fliegen, jeder fünfte Deutsche, heißt es, leidet ebenso wie ich.

Eigentlich bin ich kein Angsthase, das möchte ich betonen. Ich fliege viel und weit, vor allem beruflich. Ich saß schon in einer burmesischen Cessna, in einem Militärhubschrauber über Belutschistan, schwebte im Heißluftballon über Paris. Aber je öfter ich in der Luft unterwegs bin, desto größer wird meine Angst. Sie ereilte mich vor zwei, drei Jahren wie eine Plage, warum, weiß ich nicht. Aber ich weiß, ich kann mir Flugangst nicht leisten, und ich schäme mich dafür, dass ich sie habe.

Zuletzt wurde ich zum Pflegefall bei einem Flug über Spanien. Wir umflogen ein Gewitter, ich krallte mich in den Arm meiner Sitznachbarin, einer reizenden Russin, die beruhigend auf mich einredete und Wodka bestellte. Am nächsten Tag buchte ich ein "Seminar für entspanntes Fliegen" bei der Lufthansa, einen Crashkurs, obwohl, Sie verstehen, mir allein bei dem Wort wieder mulmig wird.

Zwölf Freiwillige treffen sich am Flughafen Hannover, zwei Tage, zwei Testflüge, 790 Euro. Die Teilnehmer sind Vielflieger wie ich, die plötzlich nicht mehr gern in einen Flieger steigen. Und sogenannte Vermeider, seit Jahren sind sie nicht mehr geflogen, sie fahren lieber Zug.

Ich bin also nicht allein, es gibt trostlosere Fälle, das ist beruhigend. Eine Naturwissenschaftlerin etwa, die jedes Flugzeugunglück, von Lockerbie bis zum Germanwings-Amokflug, herbeten kann und sagt, sogar ihr auf Logik trainiertes Gehirn schütze sie nicht vor irrationaler Panik. Oder ein 78-jähriger Witwer mit Höhenangst, er ist noch nie geflogen. Er hat sich in eine viel fliegende Witwe verliebt, die ihm die Welt zeigen will.

An unserer Seite sind eine Psychologin und ein pensionierter Steward. Wir üben das Atmen, spannen die Muskeln an, werfen "Katastrophengedanken über Bord" und denken an was Schönes, das Flugziel, den Urlaub. Der Steward erzählt von Zeiten, als Fliegen noch glamourös war, keine Massenabfertigung wie heute, und räumt auf mit den Mythen, all dem Ballast der Angsthasen: dass Handystrahlen die Fluggeräte irritieren, weil man die Handys ja immer ausschalten soll. Dass Toiletten explodieren könnten, weil sich das beim Spülen so anhört.

Dann endlich kommt er, mein Retter in der Not, der Flugkapitän, stattlich, blond, ruhig, seit 17 Jahren Pilot. Normalerweise ertrage ich kein "mansplaining", also Männer, die mir die Welt erklären, diesem aber hänge ich bedingungslos an den Lippen. Das Schönste am Fliegen, sagt er, seien die Polarlichter über Grönland bei Nacht.

Mit Begeisterung erklärt er Menschen wie mir, für die Technik aus lauter Absturzangst bisher tabu war, was beim Fliegen überhaupt passiert, die Flugphasen, die Geräusche an Bord. Dass ein Pilot niemals in ein Gewitter hineinfliegt, immer drum herum. Dass Tragflächen nicht abbrechen und Triebwerke nicht runterfallen können. Dass sie in den Montagehallen die Turbinen mit tiefgefrorenen Vier-Kilo-Gänsen beschießen, als Test für den Ernstfall.

Spricht lauter Merksätze zum Mitschreiben: "Flugzeuge sind zum Fliegen gebaut." "Es gibt keine Luftlöcher, nur bewegte Masse." "Noch kein Flugzeug ist wegen Turbulenzen vom Himmel gefallen." "Auch ein Pilot möchte seinen Hintern heil nach Hause bringen." Für Normalsterbliche mögen sie banal klingen, für Menschen wie mich, die an Bord tausend Tode sterben, sind diese Sätze überlebenswichtig, in Gedanken wiederhole ich sie immer wieder, ich denke über sie nach, besonders über den einen: "Ein Flugzeug ist zum Fliegen gebaut." Stimmt, denke ich.

Als dann der Ernstfall eintritt, ein Linienflug nach München, hält der Steward Händchen, und die Passagiere wundern sich über unser kreißsaalähnliches Geatme und den Jubel nach dem Start. Ich weiß jetzt, wie Fliegen geht, und kann mich bei unserem Testflug "den Turbulenzen hingeben wie ein Beifahrer sich den Kurven auf dem Motorrad hingibt", noch so ein Merksatz.

Ich glaube, ich bin jetzt geheilt. Ich fliege wieder gern, allerdings nie ohne Beruhigungspillen und die Liste mit den Merksätzen des Piloten - sozusagen als doppelter Boden.



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