AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2017

Football Leaks Eine Milliarde von Adidas für Real Madrid

Vertrauliche Dokumente zwischen Adidas und Real Madrid zeigen: Im Profifußball fließen immer irrsinnigere Summen. Dem spanischen Top-Klub wurde vom deutschen Sportausrüster eine Milliarde Euro zur Verlängerung des Sponsoringvertrags geboten.

Spieler von Atletico und Real Madrid im Champions-League-Halbfinale
DPA

Spieler von Atletico und Real Madrid im Champions-League-Halbfinale

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Die schmutzigen Geschäfte im Profifußball

Die Football Leaks sind mit 18,6 Millionen Dokumenten das größte Datenleck in der Geschichte des Sports. Monatelang wertete ein SPIEGEL-Team gemeinsam mit dem Recherchenetzwerk European Investigative Collaborations (EIC) die Daten aus. Nun erscheint am 11. Mai ein SPIEGEL-Buch zu dieser Recherche. Rafael Buschmann und Michael Wulzinger beschreiben darin, wie sie John, den Mann hinter Football Leaks, kennenlernten und wie er vom Jäger zum Gejagten wurde. Dazu erzählt das Buch weitere Enthüllungsgeschichten über Stars wie Zlatan Ibrahimovic und Cristiano Ronaldo und über die dunklen Geschäfte kroatischer Paten, von Spielerberatern und Steuerbetrügern. Die Textauszüge des Vorabdrucks zeigen, wie Sponsoren und Investoren die Champions League zu einem immer ungerechteren Wettbewerb werden lassen - festgemacht an den beiden Halbfinalgegnern Real und Atletico Madrid.

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Rafael Buschmann und Michael Wulzinger:
Football Leaks

Die schmutzigen Geschäfte im Profifußball

SPIEGEL-Buch bei DVA; 288 Seiten; 16,99 Euro

Für die Fans von Real Madrid ist der Cibeles-Brunnen ein mythischer Ort. Hier, im Herzen der spanischen Hauptstadt, feiert der Verein seine größten Siege. Ein offener Doppeldeckerbus chauffiert die Mannschaft an solchen Festtagen den Prachtboulevard Paseo de la Castellana hinunter, Zehntausende jubelnder Fans tummeln sich dann auf den Straßen.

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Heft 19/2017
Der eitle Kampf der Verteidigungsministerin gegen ihre skandalreiche Truppe

So war es auch Ende Mai 2016 am Tag nach dem Sieg im Champions-League-Finale gegen Atlético Madrid: Die Plaza de Cibeles erlebte eine Orgie in Weiß, der Farbe der Königlichen. Diese Festtage für Real Madrid sind traditionell auch Festtage für den Ausrüster des Klubs: Adidas.

Wo beim Triumphzug durch Spaniens Hauptstadt das Vereinswappen von Real zu sehen war, prangte auch gut sichtbar das Firmenlogo mit den drei Streifen. So hat es sich der Sportartikelkonzern aus Deutschland unter dem Stichwort "Celebrations" auch in den Entwurf eines Ausrüstervertrags mit Real Madrid schreiben lassen - ein Dokument, das sehr viel über die Exzesse des globalen Fußballgeschäfts erzählt. Denn Adidas will für seine exklusive Nähe zu Real Madrid eine Milliarde Euro zahlen.

Eine Milliarde.

Die Schere zwischen den umsatzstärksten Fußballklubs der Welt und deren Verfolgern entwickelt sich seit Jahren auseinander. Als wichtige Erklärung wird immer wieder angeführt, dass die Champions League für Ungleichheit sorge und die bestehenden Verhältnisse zementiere. In der Tat hat die Uefa an einige wenige Großklubs seit Sommer 2010 hohe Champions-League-Prämien ausgeschüttet: Real Madrid kassierte 318 Millionen Euro, Barcelona 299 Millionen, der FC Bayern München 290 Millionen.

Die sportliche und wirtschaftliche Dominanz dieses Trios ist erdrückend. Abgesehen vom FC Chelsea, der sich im Finale von München 2012 überraschend gegen den FC Bayern behauptete, hat in den vergangenen sechs Jahren kein anderer Klub die Königsdisziplin des europäischen Fußballs gewonnen.

Doch es sind in erster Linie nicht die Champions-League-Einnahmen, die das finanzielle Ungleichgewicht verfestigen. Hauptverantwortlich für die Geldflut, die die reichsten Klubs noch reicher macht, sind die Sportartikelgiganten Adidas und Nike. Beide Konzerne verfolgen dieselbe Vermarktungsstrategie: Sie setzen auf die bekanntesten Namen, die erfolgreichsten Vereine, die berühmtesten Spieler.

Adidas wirbt beispielsweise mit Barcelonas Superstar Lionel Messi, Nike mit Real Madrids Weltmarke Cristiano Ronaldo. Im Wettstreit um die Klubs und Kicker mit der international größten Strahlkraft pokern sich die beiden Ausrüsterkonzerne gegenseitig in die Höhe und fluten ihre Werbepartner mit geradezu absurden Summen.

Auffällig ist, wie wenig von diesen Geschäftsverbindungen nach außen dringt. Kein Wunder: Die vertraulichen Klauseln und Zahlen in den Ausrüsterverträgen bewegen sich immer häufiger in irrationalen Dimensionen. Bei näherer Betrachtung fragt man sich fast zwangsläufig: Wo endet die wirtschaftliche Vernunft? Und wo beginnt der Irrsinn?

Allenfalls von Vereinsseite drangen bislang bruchstückhafte Informationen über das Ausmaß der Sponsorenverträge an die Öffentlichkeit. Als Manchester United im Sommer 2014 den Vertrag mit Nike auslaufen ließ und einen Zehn-Jahres-Kontrakt mit Adidas unterzeichnete, machte der Klub eine Zahl publik: Mindestens 750 Millionen Pfund, damals etwa 940 Millionen Euro, würde Manchester United dieser Abschluss einbringen, hieß es in einem Kommuniqué. Weitere Details verriet man nicht.

Über den Vertrag zwischen Adidas und Real Madrid kursierten bislang nur Gerüchte. Doch mithilfe der Football-Leaks-Daten ist nun ein tiefer Einblick in die innige Verbindung zwischen dem spanischen Rekordmeister und der Firma aus Deutschland möglich, eine Liaison, die seit knapp 20 Jahren besteht. Unter diesen Dokumenten findet sich auch ein Entwurf für einen neuen Vertrag, der vom 1. Juli 2015 an gültig sein und eine Laufzeit bis 30. Juni 2024 haben soll.

Adidas würde Real Madrid demnach ein jährliches Fixum von 70 Millionen Euro überweisen. Zudem würde der Sportartikelhersteller den Klub mit 22,5 Prozent am Nettoerlös des weltweiten Verkaufs von Real-Madrid-Produkten beteiligen. Auch dafür gäbe es eine jährliche Garantiesumme: 30 Millionen Euro.

Alle Einnahmen aus dem Vertrieb der Lizenzprodukte, die darüber hinausgehen, würden fein säuberlich abgerechnet - Adidas würde sich verpflichten, Real Madrid einmal im Quartal eine detaillierte Auflistung über den globalen Absatz vorzulegen. Außerdem stellen die Deutschen dem Klub demnach Kleidung, Trikots, Schuhe und Bälle für jährlich bis zu acht Millionen Euro zur Verfügung.

Und wenn es sportlich gut liefe bei den Königlichen, käme noch die eine oder andere Prämie hinzu. Gewönne Real Madrid zum Beispiel die spanische Meisterschaft, würden weitere 2,5 Millionen Euro fällig, nach 2020 würde sich dieser Erfolgszuschlag auf 3,5 Millionen erhöhen. Für jeden Titel in der Champions League würde Adidas 5 Millionen Euro obendrauf zahlen, vom Jahr 2020 an sogar 7 Millionen Euro.

Wie abgehoben diese Zahlen sind, wie weit entfernt vom deutschen Fußball, verdeutlichen zwei Vergleiche. Zum einen erhielt Borussia Dortmund, nach Bayern München hierzulande der attraktivste Klub, von seinem Ausrüster Puma in der Saison 2015/16 geschätzte acht Millionen Euro. Zum anderen hätte Real Madrid in derselben Spielzeit allein mit seinen Adidas-Einnahmen den Jahresumsatz eines Klubs wie Hertha BSC Berlin (95 Millionen) und den vier weiterer deutscher Erstligisten übertrumpft.

An alle Eventualitäten scheinen die Juristen in dem fast 140 Seiten dicken Vertragsentwurf zwischen Adidas und Real gedacht zu haben, selbst so abwegige Wendungen wie ein Abstieg des Klubs in die zweite Liga werden thematisiert. Sollte es so weit kommen, fiele der Klub vergleichsweise weich: Adidas würde dann noch 65 Millionen Euro jährlich garantieren.

Als Adidas mit Real ab Sommer 2015 eine vorzeitige Vertragsverlängerung verhandelte, hatte der gültige Vertrag noch eine Laufzeit von fünf Jahren. Dieser war im Juli 2011 in Kraft getreten. Das Jahresfixum für Real, auf das Adidas und der Klub sich damals bis zum Sommer 2020 geeinigt hatten, lag bei 42 Millionen Euro - statt bei nun anvisierten 70 Millionen. Und die jährliche Mindestausschüttung an den weltweiten Merchandising-Erlösen lag bei 10 statt bei nun 30 Millionen.

Das zeigt, wie die Einnahmemöglichkeiten für den spanischen Edelklub zwischen 2011 und 2015 geradezu explodiert sind. Real Madrid konnte Adidas offensichtlich dazu bewegen, nach nicht einmal der Hälfte der Laufzeit eine gültige Vereinbarung neu zu verhandeln, um die garantierten Bezüge um fast hundert Prozent nach oben zu treiben.

In dem Vertrag von 2011 findet sich noch eine Merkwürdigkeit: eine Einmalzahlung für Real Madrid, ein sogenanntes Advanced Payment. Die Summe: 40 Millionen Euro. Im streng vertraulichen Entwurf gibt es dazu einen seltsamen Passus. Demnach hatte Adidas diese 40 Millionen Euro "in cash" zu bezahlen.

Die Madrilenen wollten so viel Geld in bar? Kann es tatsächlich sein, dass die spanische Dependance von Adidas, die mit Real ins Geschäft kam, mit Geldkoffern anrückte? 40 Millionen Euro sind nicht gerade eine Summe, die seriöse Geschäftspartner "in cash" über den Tisch schieben.

Real Madrid reagierte pikiert auf eine Bitte um Stellungnahme zu den Vertragsinhalten. "Ihre Nachfrage scheint auf Informationen zu basieren, die auf illegalem Weg erlangt worden sind", hieß es in einer Antwort.

Eine Veröffentlichung bedeute einen "Rechtsbruch", gegen den der Verein sich mit juristischen Schritten zur Wehr setzen werde. Adidas antwortete auf einen umfassenden Fragenkatalog: "Vertragliche Inhalte unterliegen grundsätzlich der Vertraulichkeit und werden folglich von uns nicht kommentiert."

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chalchiuhtlicue 05.05.2017
1. Und darum ignoriere ich ...
... Profi-Sport seit vielen, vielen Jahren. Wegen dieser extremen Kommerzialisierung und dem wirklich überall stattfindenden Dopings (was eine Folge der Kommerzialisierung ist).
weisserb 05.05.2017
2. Aber wir wollen doch alle diese kommerzialisierung
und daher besseren Sport. Wenn jetzt also diese deutsche Firma Real Madrid unterstützen möchte, so why not? Tut mir als Bayern-Fan natürlich etwas leid, aber das ist eben Sport, Fair Game. Wenn Madrid besser mit den Jungs von Addidas kann, ok, haben sie halt gewonnen und bekommen mehr als Bayern. Ist halt Sport, der bessere gewinnt.
kenneth2005 05.05.2017
3. Das ärgert mich
Dass ich als Nichtfussballfan diese Millionäre noch finanziere Danke Adidas das wars von mir kein Cent mehr
gehr_man 06.05.2017
4.
Zitat von weisserbund daher besseren Sport. Wenn jetzt also diese deutsche Firma Real Madrid unterstützen möchte, so why not? Tut mir als Bayern-Fan natürlich etwas leid, aber das ist eben Sport, Fair Game. Wenn Madrid besser mit den Jungs von Addidas kann, ok, haben sie halt gewonnen und bekommen mehr als Bayern. Ist halt Sport, der bessere gewinnt.
Sie dürfen dabei nicht vergessen, dass Adidas auch Hauptsponsor des FC Bayern ist. Und die kommen mit aktuell ca. 60 mio. pro Saison auch nicht viel schlechter weg als hier Madrid mit rund 100 mio. jährlich.
wolfi55 06.05.2017
5. Refinanzierung?
Was ich mich frage, wie kann Adidas das refinanzieren? Ich meine soviel Fußballausrüstung verkaufen die doch kaum. Und ich werde dann halt keinen Pullover von Adidas mehr kaufen, Sportsachen sowieso noch nie. Sollen die pleite gehen daran, kein Problem damit. So einfach ist die Welt. Wobei, die, die das eingefädelt haben und verantworten, die fallen alle weich.
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