AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2018

Football Leaks Klopp und die Prämien-League

Jürgen Klopp steht mit dem FC Liverpool im Finale der Champions League. Interne Dokumente zeigen, mit welch absurden Summen der Verein inzwischen jongliert.

Liverpool-Star Salah
REUTERS

Liverpool-Star Salah

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Im August 2016 hatte Jürgen Klopp noch den Fußballromantiker gegeben. Der französische Mittelfeldspieler Paul Pogba war für 105 Millionen Euro von Juventus Turin zu Manchester United gewechselt. Das war damals Weltrekord, und Klopp, seit fast einem Jahr Trainer des FC Liverpool, hatte gesagt: "An dem Tag, an dem das Fußball ist, werde ich meinen Job nicht mehr machen."

Etwa anderthalb Jahre später hörte sich Klopp ganz anders an. Am 1. Januar 2018 verkündete der FC Liverpool die Verpflichtung des niederländischen Innenverteidigers Virgil van Dijk. Die Ablösesumme: 70 Millionen Pfund, umgerechnet knapp 80Millionen Euro. 4 Millionen Pfund kommen hinzu, sollte van Dijk 150 Spiele für sein neues Team gemacht haben und der FC Liverpool in den kommenden vier Jahren regelmäßig zum Saisonabschluss zu den vier Bestplatzierten gehören. So steht es in dem "Transfer Agreement", das die Direktoren des FC Southampton und des FC Liverpool unterzeichneten. Es liegt dem SPIEGEL vor.

74 Millionen Pfund für einen Abwehrmann, das war mal wieder eine neue Höchstmarke in der Premier League. Und was fiel Klopp diesmal dazu ein? "Wir bestimmen die Preise nicht, es ist der Markt. Die Liverpool-Fans sollten sich darüber keine Gedanken machen."

Jürgen Klopp und sein FC Liverpool stehen am 26. Mai in Kiew im Finale der Champions League, Gegner ist Real Madrid. Im Turbokapitalismus des englischen Klubfußballs, vor allem befeuert von Manchester City, Manchester United und dem FC Chelsea, galten die "Reds" bislang als einer der Klubs, die nicht jede Summe bezahlen, um sich zu verstärken. Spätestens seit der Verpflichtung van Dijks, Klopps Wunschspielers, ist diese Underdog-Version überholt.

Seit sich die Briten im Juni 2016 für den Austritt aus der Europäischen Union entschieden haben, steht das gesamte Wirtschaftsleben auf der Insel unter Druck. Nur eine Branche zeigt sich von der gedrückten Stimmung unberührt: die Premier League, eines der Zugpferde der globalen Unterhaltungsindustrie. Englands erste Fußballliga boomt und boomt und boomt. Seit ihrer Gründung im Jahr 1992 hat die grellste Bühne des Profifußballs keine länger anhaltende Phase erlebt, in der die ökonomischen Kennziffern rückläufig gewesen wären.

Mittlerweile ist die Premier League so etwas wie eine Sonderwirtschaftszone. Die Klubs auf der Insel wissen offenbar nicht, wohin mit all dem Geld, das ihnen vor allem durch ihre weltweite Fernsehvermarktung in die Kassen rauscht. Allein in der Saison 2016/17 kamen für die 20 Vereine umgerechnet 2,75 Milliarden Euro zusammen, eine halbe Milliarde mehr als in der Spielzeit zuvor.

Der FC Chelsea nahm als Meister 173 Millionen Euro an Fernsehhonoraren ein, selbst Absteiger FC Sunderland bekam 107 Millionen Euro gutgeschrieben - etwa 30 Millionen Euro mehr als der FC Bayern München von der Deutschen Fußball Liga.

Inflationsfördernd kommt hinzu, dass fast alle großen britischen Klubs Milliardären gehören, luxusliebenden Menschen aus den USA, Russland oder Abu Dhabi. Zusammengenommen ergibt das eine Gemengelage, die weltweit die Preise in die Höhe jagt. Man könnte auch sagen: die die Preise verdirbt.

Die Datensammlung von Football Leaks enthält Dutzende Transfervereinbarungen und Arbeitsverträge, die den inflationären Schub detailliert dokumentieren. Alles läuft auf einer noch höheren Drehzahl, und alles bewegt sich längst in surreal wirkenden Sphären: die Ablösesummen, die Festgehälter, die Prämien, die Honorare für die Berater. Nicht einmal das schwächelnde Pfund ist ein Problem: Wenn ein Spieler Wert darauf legt, wird sein "Premier League Contract" in Euro verfasst.

Auch Virgil van Dijk, 26, wird an der Anfield Road sehr flott zum Multimillionär. Sein Wochenfixum ohne Prämien: 124058 Pfund. Mit diesem Grundsalär liegt van Dijk sogar über dem von Mohamed Salah, dem neuen Helden des Klubs. Salah, der im Sommer 2017 nach Liverpool wechselte, erhält ein Grundgehalt von 123030 Pfund pro Woche.

Der ägyptische Stürmer, im Januar zu Afrikas Fußballer des Jahres gekürt, hat sich in seinen Vertrag allerdings noch einige lukrative Zusatzleistungen schreiben lassen, unter anderem einen "Goal and Assist Bonus". Demnach kassiert Salah zusätzlich 2,5 Millionen Pfund, wenn er pro Saison mindestens 35 Tore erzielt oder vorbereitet. Der pfeilschnelle Spieler hat diese Marke bereits Ende Januar geknackt.

Verteidiger van Dijk, der mit dem FC Liverpool noch 5 Millionen Pfund "Treueprämie" und 6 Millionen Pfund Handgeld vereinbarte, kassiert ebenfalls zusätzliches Geld, wenn er ein Tor in einem Premier-League-Match oder einem europäischen Wettbewerb erzielt: 20.000 Pfund. Den gleichen Betrag erhält er für eine Vorlage. Doch weil das wahre Profil seines Arbeitsplatzes das Toreverhindern ist, ließ der Innenverteidiger sich darüber hinaus beachtliche Prämien garantieren, wenn der FC Liverpool ohne Gegentreffer bleibt. "Clean Sheet" nennt sich dieser Bonus: weißes Blatt. Für mindestens 22 Zu-null-Spiele bekommt der Verteidiger 750.000 Pfund extra.

Premier-League-Verträge bieten Einblicke in eine Welt, in der Absurdes zur Normalität wird. Wenn ein Verein einen Spieler unbedingt halten oder unter Vertrag nehmen will, lässt sich dieser Klub nahezu alles in ein paar Klauseln diktieren.

Henrich Mchitarjan zum Beispiel kam am 22. Januar zum FC Arsenal. Er kassiert einen "Loyalty Bonus" von 8,65 Millionen Pfund, sein jährliches Grundgehalt liegt bei 7,5 Millionen Pfund, der Vertrag läuft am 30. Juni 2021 aus. Mchitarjan hat allerdings die Chance, ein weiteres Jahr im Norden Londons dranzuhängen. Dazu müsste Arsenal bis spätestens 5. Januar 2021, 23.59 Uhr, eine Option zur Vertragsverlängerung ziehen. Mchitarjans jährliches Fixgehalt würde dann einen Riesensatz machen: von 7,5 Millionen auf 12,5 Millionen Pfund. Eine Logik dahinter lässt sich nicht erkennen. Warum sollte ein Spieler, der in seiner fünften Saison 32 Jahre alt sein wird, fast doppelt so hoch bezahlt werden wie in den Spielzeiten zuvor?

Neun Tage nach Mchitarjan schloss sich auch Pierre-Emerick Aubameyang dem FC Arsenal an. Die Londoner überweisen Borussia Dortmund für den Stürmer 63,75 Millionen Euro, zahlbar in drei Raten. Der Stichtag für Aubameyangs Wechsel, der 31. Januar 2018, war der letzte Tag der laufenden Saison, an dem die Verpflichtung möglich war. Der Klub brauchte unbedingt einen Ersatz für den Stürmer Alexis Sánchez, der im Tausch für Henrich Mchitarjan zu Manchester United gewechselt war. Der Zeitdruck Arsenals bei den Verhandlungen spiegelt sich in den Summen wider, die Aubameyang nun verdient.

Arsenal-Stürmer Aubameyang (l.)
Getty Images

Arsenal-Stürmer Aubameyang (l.)

Sein jährliches Grundgehalt bis Ende Juni 2021 liegt bei 10,3 Millionen Pfund im Schnitt, umgerechnet rund 11,7 Millionen Euro. Aubameyang wird zudem - so absurd es klingt - einen einmaligen "Champions League Bonus" von 2,26 Millionen Pfund für die Saison 2018/19 kassieren, obwohl Arsenal die Qualifikation für die Königsklasse in der kommenden Saison verpasst hat. Für jedes siegreiche Premier-League-Match, bei dem der Stürmer aus Gabun in der Startelf aufläuft, bekommt er 50.000 Pfund. Weitere 300.000 Pfund streicht Aubameyang ein, wenn er in einer Spielzeit auf 25 Tore oder Vorlagen kommt.

Als wäre das alles nicht schon genug, garantiert der FC Arsenal dem Stürmer bis Ende Juni 2021 auch noch einen "Loyalty Bonus" - macht alles in allem, verpackt in vier Häppchen, weitere 15,15 Millionen Pfund.

Eine Treueprämie dieser Dimension für einen Spieler wie Aubameyang ist ein wunderbarer Beleg für den Zynismus der Fußballbranche. Um seinen Wechsel nach London zu erzwingen, war Aubameyang in Dortmund vertragsbrüchig geworden und hatte sich den Verantwortlichen der Borussia verweigert. Der FC Arsenal belohnt ihn nun.

Die Bereitwilligkeit, mit der die Vereine der Premier League sich den von ihnen hofierten Spielern und deren Beratern unterwerfen, ist frappierend. Der Vertrag, den der Stürmer Alexis Sánchez mit Manchester United unterschrieb, hat einen Umfang von 43 Seiten. Es war ja auch einiges zu klären. Mit Festgehalt ("Basic Wage") und Vermarktungsrechten ("Image Rights") kommt Sánchez, die jährliche Champions-League-Qualifikation vorausgesetzt, auf durchschnittlich 20,35 Millionen Pfund pro Saison. Pro Woche, wie man in Großbritannien solche Zahlungen gern serviert bekommt, macht das 391.346 Pfund.

Hinzu kommen sein Handgeld, eine Prämie für jeden Pflichtspieleinsatz in der Startelf, eine Prämie für 40 Tore oder Vorlagen pro Saison, eine Prämie für den Gewinn der Champions League und eine für den Titel in der Premier League. Verletzt sich Sánchez nicht und bleibt er Stammspieler, kann er in einem guten Jahr leicht auf 25 Millionen Pfund kommen.

Gibt es noch Grenzen?

Im Arbeitsvertrag zwischen Manchester United und Sánchez findet sich eine Passage, in der sich der Klub von seinem Wunschspieler ausdrücklich distanziert. Es geht um Steuerprobleme des Chilenen.

In Spanien, wo Sánchez bis Sommer 2014 beim FC Barcelona gespielt hatte, ermittelten zum Zeitpunkt seines Wechsels zu Manchester United die Strafbehörden gegen den Profi - so steht es in Paragraf 16.2 seines Arbeitsvertrags. Tatsächlich wurde wenige Tage nach Sánchez' Unterschrift bekannt, dass der Stürmer in Spanien wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe zu einer Geldstrafe sowie einer Freiheitsstrafe von 16 Monaten verurteilt worden war. Sein Berater bestätigte das. Das Gefängnis bleibt Sánchez erspart, weil das Strafmaß unter zwei Jahren liegt und der Chilene nicht vorbestraft war.

Manchester United nimmt all dies in dem "Premier League Contract" mit Sánchez vorausschauend "zur Kenntnis" - und verpflichtet den Spieler, den Klub vor sämtlichen Ansprüchen Dritter zu schützen. Die rote Linie der Vereine ist offenbar erst dann erreicht, wenn die Justiz ins Spiel kommt.



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