AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 2/2017

Forensik Was der Duft des Todes verrät

Es klingt wie der Plot eines Gruselkrimis: Eine britische Forscherin will die Geheimformel des Leichengeruchs knacken. Sie ist überzeugt, dass hier der Schlüssel zur Aufklärung von Verbrechen liegt.

REUTERS


Gelegentlich kommt es vor, dass Anna Williams von ihrem Mann ermahnt wird, beim Essen doch bitte nicht über ihre Arbeit zu sprechen.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 2/2017
Wie die Demokratie ihre Bürger schützen kann

Unter ihren Kollegen von der University of Huddersfield gilt die Forensikerin als hoch geschätzte Kollegin. Getuschelt wird hinter ihrem Rücken trotzdem, und am Ende ist sie meist eben doch "die mit den Schweinen".

Es liegt an den Lieferungen, die Williams jedes Jahr bekommt. Sobald die Witterung es zulässt, geht es los damit, dann fährt am Institutsgebäude in Huddersfield regelmäßig ein Transporter vor, seine Ladung: frische Schweineleichen. Williams und ihr Team packen die toten Tiere in Kisten und verbuddeln sie auf einem Gelände des Instituts. Manche Leiber wickeln sie in Plastikfolie, andere lassen sie an einem Strick baumeln, wie Erhängte.

Dann warten die Forscher jenen fundamentalen Vorgang ab, den die Natur nach dem Tod jedes Lebewesens automatisch in Gang setzt: Verwesung und Fäulnis. Zerfallende Tierkadaver bieten meist keinen gefälligen Anblick. Zimperliche Naturen kämpfen mit Brechreiz, wenn Williams jene Madenansammlungen studiert, die auf faulenden Gebeinen siedeln. Doch die Ekelforschung ist dringend erforderlich.

Fo­ren­si­ke­rin Wil­li­ams (l.) und As­sis­ten­tin

Fo­ren­si­ke­rin Wil­li­ams (l.) und As­sis­ten­tin

Zwar gelten Forensiker inzwischen als Alleskönner, die Kriminalfälle bereits mit einem flüchtigen Blick auf den Leichnam lösen. Tatsächlich jedoch birgt der tote Leib für Kriminalbiologen und Rechtsmediziner viele Rätsel. "Wir wissen noch immer nicht, was genau mit dem Körper geschieht, wenn das Leben aus ihm gewichen ist", räumt Williams ein. Einem der größten Geheimnisse der Verwesung ist die Forscherin jetzt allerdings auf der Spur: dem Odeur des Todes.

Wenn Mikroorganismen einen Leichnam zerlegen, entsteht eine komplexe Symphonie des Gestanks. Je nach Stadium der Zersetzung wabern Substanzen aus der Leiche, die stark an den Geruch von Benzin oder Nagellackentferner erinnern - aber auch Duftkomponenten von Kakao und Knoblauch.

"Die Geruchsentwicklung im Laufe der Verwesung ist wie ein Gemälde, das wir zurzeit nur als grobe Skizze wiedergeben können", erläutert Williams. Für die Kriminalistik wäre es ein Durchbruch, wenn die Spezialisten die magische Formel des Todesgeruchs vollständig entschlüsselten. Etliche Verbrechen ließen sich dadurch aufklären, glaubt Williams.

Die Forensikerin geht, um diesem Ziel näher zu kommen, sogar über die Leiche ihrer Mutter, die sich (wohl nach gutem Zureden der Tochter) tatsächlich bereit erklärt hat, ihren Körper nach ihrem Ableben der Wissenschaft zu überlassen.

"Wäre doch besser, als unschuldige Schweine zu nehmen", sagt Williams. Ihr Humor ist berufsbedingt schwarz, hat in diesem Fall aber einen realen Hintergrund: Schweine sind für die Forensiker nur eine Verlegenheitslösung. Zwar ähneln Behaarung und Fettgehalt in der Haut der Tiere den Merkmalen der menschlichen Körperhülle. Doch jüngst sind Zweifel aufgekommen, ob Schweine wirklich dazu taugen, Erkenntnisse über die Verwesung von Leichnamen zu gewinnen.

In den Vereinigten Staaten gibt es sogenannte Body-Farmen, abgelegene Areale, wo unter wissenschaftlicher Aufsicht neben tierischen vor allem menschliche Leichen kompostieren. Allerdings sind die Ergebnisse, die von den Forschern auf solchem Gruselterrain gewonnen werden, in Europa nur sehr eingeschränkt brauchbar. "Es ist ein Riesenunterschied, ob eine Leiche im heißen Texas verwest oder im feuchten Klima Englands", erklärt Williams.

Auch in Deutschland würden sich Forensiker liebend gern der amerikanischen Praxis anschließen: "Aus den unterschiedlichsten Gründen wäre es sinnvoll, menschliche Leichen auszulegen", sagt der Biologe Jens Amendt vom Institut für Rechtsmedizin an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Allerdings stehen die Wissenschaftler dabei hierzulande vor einer derzeit unüberwindbaren Hürde: der Bestattungspflicht. Vier bis zehn Tage nach Eintritt des Todes müssen Leichen in Deutschland beerdigt werden. Doch selbst wenn diese Regelungen fallen sollten, wäre die Suche nach einem geeigneten Gelände schwierig. Wer hat schon gern einen Park in seiner Nachbarschaft, in dem Leichen verwesen?

Aufgrund solcher Einschränkungen lägen europäische Forensiker inzwischen bedenklich hinter den Kollegen aus den Vereinigten Staaten zurück, warnt Williams. Vor allem aber hätten Versuchsergebnisse, die im Prinzip zur Aufklärung eines Verbrechens beitragen könnten, so die Wissenschaftlerin, "vor keinem Gericht Gültigkeit, wenn sie mit Schweinekadavern erzielt wurden".

Auch aus diesem Grund hat Williams ihre Forschung einem Thema gewidmet, das auf den ersten Blick wie ein skurriles Nebenfach der Kriminalbiologie anmutet. Die olfaktorische Ausdeutung des Todes, so wurde der Britin klar, kann auf einen Schlag viele Fragen beantworten, mit denen sich Kriminalisten plagen.

Besonders gefordert sind Ermittler bei der Bestimmung des Todeszeitpunkts. So befinden sich Leichen häufig in einem derart zernagten Zustand, dass diese Information nur mühsam anhand des Befalls von Insekten berechnet werden kann, die in den sterblichen Überresten marodieren. Dabei ließe sich die Sterbezeit vermutlich weniger mühevoll ermitteln, würden die Experten jenes Muster verstehen, nach dem Leichen über die Zeit ihr eigentümliches Parfum verströmen.

Williams glaubt, dass die Analyse des Leichengeruchs sogar den Lebenswandel des Verstorbenen enthüllen kann. Was er gegessen und getrunken, welche Medikamente er genommen, sogar wo er gelebt hat - all das beeinflusse die komplexe Geruchskomposition, die mit seiner Verwesung einsetzt.

Williams vermutet, dass der Leichengeruch des Verwesenden individuell einzigartig ist - wie der Fingerabdruck zu Lebzeiten.

Verblüfft hatte die Forscherin bei Experimenten festgestellt, dass Schweinekadaver gänzlich unterschiedlich verrotten, auch wenn sie direkt nebeneinander im Erdreich und sogar in derselben Tiefe vergraben wurden. Offenbar, so stellte sich heraus, modert ein Mast- anders als ein Zuchtschwein - was am unterschiedlichen Futter liegt.

Wissenschaftlerin Williams

Wissenschaftlerin Williams

Bei den Experimenten zeigte sich bald, dass die Kadaver während der Zersetzung nicht einfach nur bestialisch stanken; vielmehr entwickelte sich ein scheinbar unberechenbares Geruchsmuster, das mitunter gar angenehme Duftnoten enthielt, etwa von Kakao und Zitrusfrüchten.

Die schlimmste Phase des Gestanks stellt sich etwa zur Halbzeit des Zerfalls ein, wenn Gase den Körper blähen. Dann zählen die Dünste von Knoblauch und rottendem Kohl noch zu den angenehmeren Gerüchen.

Williams identifizierte Hunderte Substanzen, die den Geruch von Fäulnis und Verwesung ausmachen. Eine dominante Rolle während dieses Prozesses spielt eine chemische Verbindung namens Indol. Sie wird von Parfumproduzenten ebenso genutzt wie von Schokoladenfabrikanten.

Gelänge es den Forschern, alle wichtigen Zutaten im richtigen Verhältnis zueinander zu mischen, entstünde ein forensisches Wunderelixier; ein Gemisch, mit dem Leichenspürhunde ideal für ihre Aufgabe trainiert werden könnten. Doch offenbar ist diese Aufgabe weit anspruchsvoller, als ein gutes Bier zu brauen.

Für Anna Williams ist diese Aufgabe vor allem Teil eines größeren Plans. Sie träumt von einer Art Verwesungsthemenpark mit verschiedenen Hallen, in denen sich die unterschiedlichsten klimatischen Bedingungen simulieren lassen. Selbstverständlich hätte sie kein Problem damit, sich im Dienste der Wissenschaft 24 Stunden am Tag auf einem solchen Gelände aufzuhalten.

Die Forderung nach Diskretion am Abendbrottisch, das Gerede über ihre Experimente im Verborgenen, all das sind für sie lediglich amüsante Hintergrundgeräusche. Wie nur wenige weiß sie, was es bedeutet, sich jeden Tag aufs Neue mit der Vergänglichkeit alles Lebenden und dem körperlichen Niedergang zu befassen. "Ich bin stolz auf das, was ich tue", sagt sie. "Weil mir klar ist, dass nicht jeder den Mumm dazu hat."

Mehr zum Thema


insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jetzttexteich 12.01.2017
1. Das Parfüm...
lässt grüssen!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 2/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.