Der SPIEGEL

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23. April 2018, 11:34 Uhr

Ex-Chef der Berliner Volksbühne Frank Castorf im Interview

"Ich fand die Art von Bösartigkeit immer okay"

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Chris Decron ist an der Berliner Volksbühne gescheitert. Hier spricht sein Vorgänger Castorf - über provinzielle Politik und die Weltoffenheit der Hauptstadt.

SPIEGEL: Herr Castorf, ihr Nachfolger als Intendant der Volksbühne, Chris Dercon, hat seinen Job nach wenigen Monaten und vielen Anfeindungen aufgeben müssen. Ist das für Sie ein Grund zur Freude?

Castorf: Warum sollte ich mich freuen? Man hat sehr viele Millionen Euro ausgegeben, um mich loszuwerden. Und mit mir dieses Theater, das wir in einer einmaligen Gemeinschaft 25 Jahre lang genutzt haben für eine besondere Kunstarbeit. Die Entscheidung, dem ein Ende zu machen, wurde auf juristisch korrekte Weise getroffen.

SPIEGEL: Deshalb haben Sie sich am Protest gegen die Entscheidung nicht beteiligt?

Castorf: Mir war nur wichtig, dass ich das Räuberrad, das der Bühnenbildner Bert Neumann und ich für unsere Arbeit vor der Volksbühne aufgestellt hatten, in Sicherheit bringen konnte. Es steht seit letztem Sommer in Avignon. Das Rad war ein Symbol ohne Inhalt, von dem wir immer sagten, dass erst wir es mit Bedeutung füllen müssen. Ein hässlicher Schrotthaufen. Deshalb stand es gut für das Theater.

SPIEGEL: Seit im April 2015 bekannt gegeben wurde, dass Chris Dercon Ihr Nachfolger als Intendant werden sollte, haben Sie sich geweigert, mit ihm und über ihn zu sprechen. Warum?

Castorf: Ich habe mich nicht geweigert. Ich hatte keine Lust, und ich hatte nichts zu sagen. Wir leben in einer quatschenden Gesellschaft. Jeder hat eine Meinung zu verkaufen. Und wenn er sie gut verkauft, ist er ein guter Demokrat? Dann bin ich keiner. Man hat unser Theater politisch zerschlagen. Das war das Resultat der Feindseligkeit, mit der uns ein Teil Berlins begegnet ist. West-Berlin hat unser Theater gehasst.

SPIEGEL: Ist das nicht schwer übertrieben angesichts der Preise und Lobreden, mit denen Sie in 25 Jahren Volksbühne bedacht wurden, auch aus dem Westen Berlins?

Castorf: Als wir anfingen, hat der West-Berliner Theaterleiter Boleslaw Barlog gesagt: "Für das deutsche Theater ist Frank Castorf das Schlimmste, was ihm seit Adolf Hitler widerfahren ist." Ich fand diese Art von Bösartigkeit immer okay, und sie ist nie verschwunden. Dass Christoph Schlingensief in der Volksbühne auf ein Transparent "Tötet Helmut Kohl" schrieb, hat den Hass weiter geschürt. Jetzt sind sie mich in der Volksbühne los, und der Springer-Verlag hält dort die Verleihung des "B.Z."-Kulturpreises ab, der in WestBerlin berühmte Professor Peter Raue mit seiner schönen weißen Haartolle ist dabei. In den 25 Jahren, die wir dort waren, hat es das nicht gegeben. Aber jetzt gehört ihnen ja das Theater. Es ist nur schade, dass man das Haus nicht 365 Tage mit der Verleihung von Springer-Preisen bespielen kann.

SPIEGEL: Könnte es nicht sein, dass der aus dem Westen Berlins stammende Regierende Bürgermeister Michael Müller gemeinsam mit seinem damaligen Kulturstaatssekretär, Tim Renner, Ihre Ablösung durch Chris Dercon nur deshalb beschlossen hat, weil er fand, 25 Jahre Volksbühne mit Frank Castorf auf dem Chefsessel seien genug?

Castorf: Müller hatte nie was von uns gesehen.

SPIEGEL: Sie halten die Berliner Politik, die ja mit der Bestellung des zuvor in London beschäftigten Belgiers Chris Dercon Weltläufigkeit beweisen wollte, für provinziell?

Castorf: Es fehlt in Berlin, natürlich auch unter den Journalisten und den Künstlern, dieses jüdische Element, das ausgerottet wurde. Und es gibt bis heute diese Zweiteilung der Stadt. Vor 1989 sind bestimmte Leute einfach kleben geblieben in West-Berlin, während die anderen Karriere in Hamburg oder Frankfurt oder München gemacht haben. West-Berlin war die Stadt der Wehrdienstverweigerer, der Leistungsverweigerer, der Geflüchteten. Das prägt die Stadt kulturell und intellektuell bis heute.

SPIEGEL: War da nicht der Impuls völlig richtig, einen Mann wie Dercon nach Berlin zu holen? Warum hat Sie das empört?

Castorf: Ich war nie empört. Ich habe mich auch nie so geäußert. Es gibt da dieses wunderbare Foto vom Jubiläumsakt anlässlich von 100 Jahren Berliner Volksbühne, auf dem sieht man an einer langen Festtafel, die noch der wenig später verstorbene Bert Neumann in das Theater gebaut hat, geschätzt tausend Leute sitzen. Und mittendrin beugen sich ein Mann mit weißem Bart, Chris Dercon, und einer, der aussieht wie Pinocchio, Tim Renner, über den Tisch und reichen mir die Hand. Ein tolles Bild, man muss sich die Mimik und die Gestik dieses Augenblicks ansehen. So würde man "Tartuffe" von Molière inszenieren!

SPIEGEL: Und doch, viele Kulturbegeisterte und möglicherweise auch manche Berliner Politiker verbanden mit dem Intendanten Dercon tatsächlich die Hoffnung auf Neues, auf originelle Verknüpfungen zwischen Theater, bildender Kunst und Musik. Was ist daran verkehrt?

Castorf: Das ist doch nur eine Hülse. Das Galeristengerede vom Crossover, das in Berlin angeblich fehlt. Es stammt von Leuten, die nie in der Volksbühne und auch sonst nicht in der Stadt waren. Christoph Schlingensief war, wenn er nicht bei uns arbeitete, auf der Documenta. Mit Jonathan Meese habe ich selbst in "Kokain" gearbeitet, Paul McCarthy war in der vorletzten Spielzeit am Haus. Wir hatten an der Volksbühne Hunderte großer Musiker. Wir hatten hungerstreikende PDS-Politiker und einen Piratensender im Haus. Wir hatten Obdachlosentheater, Tanztheater und, und, und. Da kommt man dann einfach so hin und verspricht was völlig anderes. Bezahlt werden sollte das von Sponsoren, Scheichs aus Dubai. Doch mit den Scheichs wurde es nichts, das hat Herr Dercon dann erfahren. Natürlich hätte ihm die Berliner Politik mehr Geld geben können. Es wäre doch nur ein Bruchteil dessen, was jeden Tag für den Hauptstadtflughafen ausgegeben wird, dank der gesammelten Inkompetenz der Berliner Politik. Wenn täglich eine Million für den neuen Flughafen ausgegeben wird, warum soll man nicht zehn Millionen Euro mehr für Herrn Dercon ausgeben?

SPIEGEL: Hätten Sie Ihrem Nachfolger Dercon nicht in einem Akt der Großzügigkeit helfen können, indem Sie ihm einige Ihrer Produktionen, zum Beispiel Ihren bejubelten "Faust", für seinen Spielplan überlassen hätten?

Castorf: Nee, nee. Er kam nach Berlin und hat gesagt: Ich mache alles völlig neu. Also habe ich gesagt: Mach es! Alles andere wäre ja so gewesen, als würde ich einem Schwerversehrten über die Straße helfen.

SPIEGEL: Klingt das jetzt nicht so, als hätten Sie Dercon doch als Feind empfunden?

Castorf: Da antworte ich frei nach Carl Schmitt: Subjektiv empfinde ich überhaupt keine Feindschaft, objektiv ist es ein unfreundlicher Akt, der von mir genau so behandelt wird.

SPIEGEL: Wie schlimm ist Ihrer Meinung nach das Desaster, das mit der Volksbühne passiert ist, für die Kulturstadt Berlin?

Castorf: Ich habe mit dem Ganzen nichts mehr zu tun, das ist doch völlig Mumpe. Ich bin jetzt oft woanders. Auch in Nizza kann man sehr schön essen gehen. Ich stelle fest: Überall ist es besser als da, wo man gerade ist. Ich arbeite in Hamburg und in München, und einmal im Jahr, weil Brecht in gewisser Weise meine Vaterfigur ist, auch am Berliner Ensemble. In Paris und in Epidauros kann man unter sehr guten Bedingungen Theater machen. Es wäre doch elitär zu sagen, ich bin nur im deutschen Theater richtig. Im Augenblick inszeniere ich an der Staatsoper in München. Die Oper ist das letzte Refugium der Kunst. Als Sänger in der Oper kann ich mich nicht hinstellen und sagen: "Tut mir leid, ich kann das hohe C nicht treffen, aber dafür bin ich Syrer." Insofern ist die Oper kunstbewahrend, einerseits voller Tradition und andererseits die Tradition zerstörend. Das ist mir ganz nah. Das kann nicht jeder.

SPIEGEL: Für Sie ist das Kapitel Volksbühne erledigt?

Castorf: Absolut erledigt. Ich will das Leben genießen, auch wenn es mich als Regisseur immer reizt draufzuschlagen, wenn es zu angenehm wird. Kunstarbeit ist immer pro und kontra. Das ist ja das Erstaunliche am Streit um die Volksbühne in den letzten drei Jahren: Wann gab es jemals so viele Kommentare zum Theater, so viel Streit ums Theater? Das ist die beste Werbung für die Einmaligkeit dieser Kunst! Aber nicht mal damit konnte sich das, was man aus der Volksbühne gemacht hat, verkaufen.

SPIEGEL: Für Ihren Ruhm scheint der Streit dagegen gut gewesen zu sein. Jetzt sind Sie als Volksbühnen-Chef eine Legende.

Castorf: Im Deutschlandfunk hieß es gerade, so hat man mir erzählt: "Sie wollten in Berlin eben den Castro loswerden." Und erst nach fünf Sekunden Pause: "Ach nee, den Castorf." Da bin ich doch an einem tollen Punkt angekommen. Da habe ich, finde ich, alles erreicht. Ein Revolutionär, umgeben von einem Meer von Feindseligkeit.

SPIEGEL: Herr Castorf, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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