AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2017

Niedergang der NPD Ein lächerlicher Verein

"Eine Mischung aus Idioten und Kabarett" - so sehen die Leute die NPD, sagt Frank Franz. Der adrette Anzugträger soll der NPD ein bürgerliches Gesicht geben. Doch er ist nur eine Marionette der braunen Kameraden.

Parteivorsitzender Franz: Erst 33, dann 45
Becker & Bredel/Picture Alliance

Parteivorsitzender Franz: Erst 33, dann 45

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Wenn man mit Frank Franz über etwas sprechen möchte, das ihn begeistert, dann am besten über Anzüge. Anzüge sind sein Hobby: Wichtiger als die Krawatte sei das Einstecktuch, die Hose dürfe nie feiner sein als das Sakko. Man könne das Sakko auch ohne Krawatte tragen, aber niemals ohne Einstecktuch. Meist lasse er seine Anzüge in Italien nähen, er nennt das "bespoke", das bedeutet maßgeschneidert. Ab 2000 Euro bekomme man einen guten. Man müsse aber wissen, was man wolle, nur Geld würde da nicht reichen.

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Heft 17/2017
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An einem Tag im Januar trägt Frank Franz einen seiner ersten maßgeschneiderten Anzüge. Es ist sonnig und kalt, der 17. Januar, halb neun Uhr morgens, der Tag, an dem das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe bekannt geben will, ob die NPD verboten wird. 2003 ist schon einmal ein Verfahren gegen die Partei gescheitert. Als Franz 2014 den Vorsitz übernahm, lief das zweite bereits seit knapp einem Jahr. Kenner der Szene sagen, ohne den Prozess wäre Franz nie zum Vorsitzenden gewählt worden.

Franz ist der Mann, der die NPD bürgerlicher erscheinen lassen soll. Er trägt keine Kutte mit Frakturschrift und keine Glatze, schon gar keine Springerstiefel. Er ist 38 Jahre alt, hat einen Instagram-Account, einen Twitter-Account, einen Facebook-Account, alle vorzeigbar, mit Posts wie "In Gedanken und im Herzen mit dem syrischen Volk!" Franz ist gelernter Physiotherapeut, er ist verheiratet, lebt aber getrennt. Seine Freundin Patricia Koperski ist Geschäftsführerin eines rechten Verlags und hatte mal einen Gastauftritt bei "GZSZ". Franz soll nun die NPD, die in keinem Landtag mehr sitzt und nach eigenen Angaben nur noch 5000 Mitglieder hat, vor dem Untergang bewahren.

Im Saal des Verfassungsgerichts sitzt Franz in der ersten Reihe, neben seinen Anwälten Peter Richter und Michael Andrejewski. Er steht reglos da, als Gerichtspräsident Andreas Voßkuhle das Urteil verkündet:

"Im parlamentarischen Bereich verfügt die NPD weder über die Aussicht, bei Wahlen eigene Mehrheiten zu gewinnen, noch über die Option, sich durch die Beteiligung an Koalitionen eigene Gestaltungsspielräume zu verschaffen."

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Das Urteil wird von Medien und Experten so übersetzt: Die NPD darf weiter existieren, weil sie zu unwichtig ist. Sie habe keinen Einfluss, ein lächerlicher Verein, verglichen mit der AfD, die in mittlerweile elf Landtagen sitzt, in fast jeder Talkshow und wahrscheinlich bald in den Bundestag einzieht.

Franz wird an diesem Tag immer wieder in Kameras sagen, dass die NPD vieles sei, nur nicht unwichtig. Die Partei verzichtet vor dem Gebäude des Verfassungsgerichts an diesem Tag auf die sonst üblichen schwarz-weiß-roten Fahnen, auf Fackeln und wütendes Gebrüll, das hat Franz am Abend vorher so angeordnet.

Franz hat seiner Partei eine Überarbeitung verpasst, allen herausragenden Mitgliedern gleich mit. Peter Richter, Anwalt der NPD, trägt statt Springerstiefeln Lederschuhe, statt Thor-Steinar-T-Shirts weiße Hemden. Ronny Zasowk, Franz' Stellvertreter, hat viele Kilo abgenommen und trägt Markenklamotten.

Es ist ein harter Bruch mit der Tradition der NPD. Udo Voigt, 65, von 1996 bis 2011 Parteivorsitzender, hatte einst Kameradschaften in die Partei geholt. Marschierende Neonazis in Springerstiefeln prägten fortan das Bild.

Franz benutzt lieber die Worte "anständig" und "anschlussfähig". Er sagt, er wisse, wie die Menschen die NPD sehen: "Eine Mischung aus Idioten und Kabarett."

Das müsse sich dringend ändern.

Franz hat sein Büro in der Köpenicker NPD-Zentrale so eingerichtet, wie er sich das Büro eines Staatsmanns vorstellt. Der Schreibtisch aus dunklem Holz, eine dunkelbraune Ledergarnitur, drei Fahnen. Eine der Bundesrepublik, eine des Landes Berlin, eine der NPD.

Wenn man Franz begegnet, bleibt er stets höflich. Man kann ihn alles fragen.

Was er zur Initiative des Bundesrats sagt, der der NPD die Parteienfinanzierung entziehen will?

Das würde nichts ändern. In fünf Jahren würde die NPD wieder in zwei Landtagen sitzen. Mindestens.

Ist die NPD nicht im Niedergang?

Natürlich nicht.

Warum beginnt seine Handynummer mit 33 und hört mit 45 auf?

Reiner Zufall.

Franz will der radikalen Haltung der NPD ein seriöses Äußeres geben. Es ist ein alter Trick, den die Werbebranche "Facelift" nennt. Man behält den Inhalt bei, verpackt ihn aber anders. Das Problem ist nur, dass man eine Partei nicht so leicht verpacken kann wie einen Schokoriegel.

Ein kalter Märztag in St. Wendel im Saarland, Franz ist im Wahlkampf unterwegs. Um ihn stehen die Parteifreunde Benedikt Lenz und Lars Bock. Beide sind 25, haben kurz geschorenes Haar und tragen schwarze Hoodies. Seit Januar seien sie Mitglieder der NPD, sie kämen aus einer Kameradschaft. Es riecht nach Alkohol. Lenz sagt, die NPD sei die einzige Partei, die was für Deutschland mache. Seine Hand ist geschwollen, sein Knöchel leuchtet rot. Schlägerei? Er sei hingefallen, sagt Lenz.

Franz hat seine eigene Theorie zu Leuten wie Bock und Lenz. Wenn in den Medien ein bestimmtes Bild propagiert werde, wollten die "jungen Nationalisten" dem auch entsprechen. So gesehen sind Lenz und Bock ein Produkt der verhassten Lügenpresse. Franz trägt eine Jacke von Barbour und sieht aus, als wollte er gleich im eigenen Forst auf die Jagd gehen.

An den Inhalten der NPD hat Franz wenig geändert, er ist da nicht so pingelig wie mit seinen Anzügen. In einer Broschüre der NPD heißt es: "Angehörige anderer Rassen bleiben körperlich, geistig und seelisch immer Fremdkörper, egal, wie lange sie in Deutschland leben." Wenn man von Franz wissen will, ob er den Satz falsch finde, fragt er, ob der Satz denn falsch sei, und sieht einen lange tiefgründig an.

Er wolle Menschen helfen, die an "Leib und Leben" bedroht seien, behauptet Franz. Auch homosexuellen Flüchtlingen? Damit habe er dann schon ein Problem. Er lächelt.

2009 schrieben Journalisten in einem Buch über die NPD, Franz sei selbst lange Kameradschaftsaktivist gewesen. Der saarländische NPD-Chef Peter Marx bestätigt das. Doch eine Kameradschaftsvergangenheit passt nicht in das Bild des modernen Parteivorsitzenden. Franz behauptet, nie in einer Kameradschaft gewesen zu sein.

Er sitzt nun zwischen allen Stühlen. Die bürgerliche Fassade bringt der NPD keine neuen Wähler, im Gegenteil, bei der Landtagswahl im Saarland rutschte sie auf 0,7 Prozent. Und die Neonazis in der Partei wollen sich nicht von einem Mann führen lassen, der lange Vorträge über seidene Einstecktücher halten kann.

Im März versammelt sich die NPD zum Bundesparteitag in Saarbrücken. Franz hat dort einen Gegenkandidaten, Thorsten Heise. Heise ist ein militanter Neonazi, mehrfach vorbestraft. Er saß im Gefängnis, auch wegen schwerer Körperverletzung. Heise wird von Udo Voigt unterstützt, dem Parteipatriarchen, der inzwischen Europaabgeordneter ist. Er will die Kameradschaften zurück in die Partei holen. Nur so, glaubt Voigt, überlebe die NPD.

Heise steht vor dem Presseraum und unterhält sich mit Journalisten. Die "seriöse Radikalität" bringe nichts. Die Partei brauche den "Kampf auf der Straße". Auch physisch? Nein, nein, sagt er, natürlich gewaltfrei. Er spricht ganz sanft, als würde er singen.

Auch er weiß, was man öffentlich sagen kann und was nicht.

Als Franz den Festsaal betritt, schüttelt er jedem Delegierten einzeln die Hand. Voigt steht in einem Nebenzimmer an einem Tisch und sagt, Franz sei ein guter Verwalter gewesen. Jemand für die Zwischenzeit. Heise aber habe Visionen.

Aber Franz will sich nicht einfach beiseiteschieben lassen. Er ist im Kampfmodus, man merkt es ihm an. Sein Rücken ist durchgedrückt, Franz, der mal Soldat war, steht stramm am Rednerpult. Er trägt einen blauen Anzug, aber seine Rede mag nicht so recht zu seinem feinen Äußeren passen. "Wir sind lieber verfassungsfeindlich als volksfeindlich", ruft er in den Saal. Von dem angeblich gemäßigten Nationalisten ist nichts mehr zu hören. Hinter Franz steht eine Reichsflagge in Schwarz-Weiß-Rot. Ein Ordner trägt ein T-Shirt, auf dem "Race War" steht, Rassenkrieg.

Nach einer Stunde wird die Presse ausgeschlossen. Auf dem Vorplatz des Schlosses steht ein Großaufgebot an Polizisten, immer wieder treffen sich NPDler draußen zum Rauchen. "Ich bin ein Nationalsozialist", sagt einer. Das dürfe man aber nicht falsch verstehen, er sei ein nationaler Sozialist.

Als drinnen im Saal abgestimmt wird, gewinnt Franz, mit nur 60 Prozent der Stimmen. Er hat es noch einmal geschafft, weil er den braunen Kameraden das geboten hat, was sie hören wollten. Viele haben sich schick gemacht, sie tragen Hemd und Krawatte. "Wir machen den Laden schon normaler", sagt Franz, als er aus dem Saal kommt. Er sieht müde aus.

Vor einigen Wochen, in seinem Büro in Köpenick, hatte Franz gesagt, er könne sich auch ein Leben jenseits der Politik vorstellen.

Links von ihm hing ein Druck der "Nachtwache" von Rembrandt. Das Gemälde zeigt eine Bürgerwehr, zwei Personen sind im Vordergrund. Es wirkt, als würde einer erklären und einer zuhören. Franz wäre gern der Mann im Mittelpunkt, sagte er. Der, der erklärt.

Franz hat die Rede des AfD-Mannes Björn Höcke in Dresden gehört, in der Höcke das Berliner Holocaust-Mahnmal als "Denkmal der Schande" bezeichnet hatte. Franz fand das inhaltlich richtig, auch wenn er die Rede so nicht gehalten hätte.

"Wenn die AfD inhaltlich zur NPD wird", sagt Franz, "muss man sich schon fragen, ob die NPD noch eine Existenzberechtigung hat."



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
sitcom 25.04.2017
1. Wozu noch die NPD...
... es gibt doch die AFD...
Karsten Kriwat 28.04.2017
2. Einmal rechts, immer rechts...
Ein leben "jenseits der Politik" wird für Leute wie Franz in der BRD kaum noch möglich sein. Es sei denn, er würde öffentlich als "Aussteiger" in Erscheinung treten. Kein Mensch, schon gar nicht der Staat, stellt einen "Neonazi" ein. Dafür ist der öffentliche Druck zu groß. Entweder Lottogewinn oder Hartz-IV... - oder Rente...
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