AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 6/2018

Rassismus-Debatte Darf eine Apotheke "Zum Mohren" heißen?

Das wird man ja wohl noch mal fragen dürfen: Sollen Apotheken, Gaststätten, Hotels noch "zum Mohren" heißen? Die Frankfurter streiten darüber.

Apotheker Schwartz: "Das war halt der Name"
Christoph Boeckheler / DER SPIEGEL

Apotheker Schwartz: "Das war halt der Name"

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Das Papier trägt das Wappen der Stadt, die Beschlussnummer K74 und die Überschrift "Kein Rassismus im Stadtbild Frankfurts". Darunter die Aufforderung an die Verantwortlichen der Stadt, "mit Nachdruck" dafür zu sorgen, dass zwei Apotheken ihre Namen ändern. Die "Mohren-Apotheke" und die "Apotheke zum Mohren" müssten "aus dem Stadtbild Frankfurts verschwinden".

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Heft 6/2018
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Die Absichten dahinter sind ehrenwert, die Absender ebenfalls: die Vertreter jener rund 26 Prozent der Einwohner von Frankfurt am Main, die keine deutschen Papiere besitzen und dennoch mitreden wollen in ihrer Stadt. Was die Kommunale Ausländer- und Ausländerinnenvertretung (KAV) beschließt, hat keine bindende Wirkung. Aber es kann eine Debatte auslösen - und was für eine.

Seit gut zwei Wochen diskutieren die Frankfurter über die zwei Apotheken. Kein Rassismus bitte, da sind sich natürlich alle einig. Doch müssen deshalb Geschäfte umbenannt werden, muss der "Mohr" gehen?

Oder sind die Bezeichnungen nicht vielleicht sogar Ausdruck von Hochachtung gegenüber morgenländischer Heilkunst?

Der Mohr hat jedenfalls seine Schuldlosigkeit vertan, der Ton ist teilweise ruppig. Das war schon so, als es Streit gab um die "Mohrenköpfe", die nun Schokoküsse heißen, und um den "Sarotti Mohr", inzwischen abgelöst vom "Sarotti Magier der Sinne". Und nicht anders war es auch bei etlichen Gaststätten, Apotheken und Hotels, deren Betreiber die Traditionsnamen nicht aufgeben wollen.

Deutschlandweit tragen wohl knapp hundert Apotheken den "Mohren" in ihrem Firmennamen, weiß die "Deutsche Apotheker Zeitung". Die Nürnberger "Mohren-Apotheke zu St. Lorenz" heiße schon seit 1578 so und wolle daran auch nichts ändern. Der Besitzer hat viel zur Herkunft des Namens geforscht: Nach einer Erklärung leite sich der Name von den Mauren ab, die vor Jahrhunderten die moderne Pharmazie nach Mitteleuropa gebracht hätten.

Doch immer wieder gebe es "wütende Proteste" vor Mohren-Apotheken, so das Fachblatt: Manche Apotheker klagten über Anschläge mit Farbbeuteln oder eingeschlagene Schaufenster.

In Frankfurt kämpft Virginia Wangare Greiner gegen den "Mohren". Sie ist in Kenia geboren, wohnt seit drei Jahrzehnten in der Stadt und sitzt seit zwei Jahren in der KAV. Ihr gehe es, sagt sie, auch um die Bilder und Assoziationen, die der Begriff transportiere: Schwarze mit dicken Lippen und dicken Ohrringen, ebendiese Klischeemotive aus der Kolonialzeit, in der Afrikaner in Europa allenfalls als Barbaren und Wilde wahrgenommen worden seien.

Die Chefin der Mohren-Apotheke im Frankfurter Stadtteil Eschersheim ist Greiner entgegengekommen. Sie hat ihr altes Logo abgeschafft, es zeigte einen schwarzen Menschen mit Turban. Allerdings sieht sie "keinen Anlass", auch den Namen zu ändern. Zumal dies mit hohen Kosten verbunden wäre, auch die Betriebserlaubnis müsste dann geändert werden.

Komplizierter ist der Fall von Alexander Schwartz ("Ich heiße wirklich so") und seiner Apotheke an der Einkaufsstraße Zeil im Stadtzentrum. Er hat Kunden und Angestellte vieler Nationalitäten, Religionen, Hautfarben. Selbst ein vager Rassismusverdacht könnte in dieser multikulturellen Citylage geschäftsschädigend wirken.

Bis 2017 nannte Schwartz seinen Betrieb nur "Zeil-Apotheke". Als er im Juli umzog, in ein Gründerzeitgebäude um die Ecke, erweiterte er den Namen um den Zusatz "zum Mohren". So lautet der Schriftzug auf der alten Steinfassade direkt über dem Schaufenster. "Ich habe mir nichts dabei gedacht", sagt Schwartz, "das war halt der Name einer früheren Herberge hier."

Ändern kann er an dem Schriftzug nichts: Das im Jahr 1900 erbaute Haus sei "ein Kulturdenkmal", Fassade samt Inschrift stünden unter Schutz, sagt Andrea Hampel, die Leiterin des Frankfurter Denkmalamts. Sie hält die Aufschrift auch gar nicht für rassistisch. Oft besage solch eine Bezeichnung doch nur, dass dort ein Gasthaus oder ein Betrieb von jemandem mit dem Namen Mohr geführt worden sei, sagt Hampel.

Apotheker Schwartz will nun gemeinsam mit den Ausländervertretern nach einer Lösung suchen, um eine Eskalation zu vermeiden. In anderen Städten wurde der Konflikt zum Teil mit Guerillamethoden ausgetragen.

In Bremen versuchten Aktivisten vor einigen Jahren, eine Mohren-Apotheke im Stadtteil Neustadt mit etwas Farbe und zwei aufgemalten Pünktchen umzubenennen. Nachdem die ö-Pünktchen von der "Möhren-Apotheke" wieder verschwunden waren, fehlte irgendwann ein Buchstabe. Doch auch der neue Name, "Ohren-Apotheke", hielt sich nicht lange.

Wenige Monate später, so berichten es Bremer Lokalhistoriker, habe der entnervte Betreiber die Apotheke geschlossen.



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