AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2018

Brexit-Gewinner Frankfurt am Main  Huch, die Banker kommen

Frankfurt boomt, durch den Brexit kommen Tausende Investmentbanker neu in die Stadt. Wer wird gewinnen - und wer verliert?

Neubau der Deutschen Bank: 4000 Mitarbeiter will der Konzern nach Frankfurt versetzen
Paul Langrock/ Agentur Zenit

Neubau der Deutschen Bank: 4000 Mitarbeiter will der Konzern nach Frankfurt versetzen

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Der Mann, der Frankfurt groß machen soll, liebt sein Wohnzimmer. So nennen Einheimische den Römerberg, den von nachgebauten Fachwerkhäusern gesäumten Rathausplatz. Peter Feldmann gefällt es, sich hier vor seinem Dienstsitz ablichten zu lassen. Aber an diesem Tag im Advent schieben sich dort Tausende Asiaten, Amerikaner, Bayern und Hessen über den Weihnachtsmarkt, der Oberbürgermeister muss drinnen bleiben.

Die Kulisse liefert ihm das Stichwort, um mit glänzenden Augen über Chancen und Herausforderungen seiner Stadt zu sprechen. Feldmann hat die Anzugjacke abgelegt und beugt sich über die Tischplatte. "Frankfurt ist die internationalste, die globalste Stadt Deutschlands", sagt er und fügt im hessischen Singsang gleich noch ein paar Großartigkeiten hinzu. Etwa dass Frankfurt bald die erste deutsche Großstadt sein könnte, die Arbeitslosigkeit zum Fremdwort erklärt.

All das, was jetzt wegen des Brexit aus London auf Frankfurt zukomme - der Zuzug von Managern und der Zufluss an Geld, die Wohnungsknappheit, der Einfluss anderer Kulturen -, sei für die alte Handelsstadt nichts Neues. Auch die Integration von mehr als 5000 Flüchtlingen habe seine 730.000 Einwohner zählende Stadt spielend bewältigt.

Mit seiner ostentativen Gelassenheit bringt Feldmann viele in der Stadt gegen sich auf. Denn seit die Briten am 23. Juni 2016 den Austritt aus der Europäischen Union beschlossen haben, vibriert Frankfurt. Die Businesselite will, dass der OB den Brexit nutzt und die Stadt endlich zur wichtigsten Finanzmetropole des Kontinents macht. Der Bedeutungszuwachs, vor allem aber die Aussicht auf Tausende zahlungskräftige Banker, die teuren Wohnraum mieten und die Spesenrestaurants bevölkern, freut Spekulanten.

Andererseits verstärkt der Brexit die Abstiegsängste der Normalverdiener. Die leiden heute schon darunter, dass Leben und Wohnen in der Mainmetropole immer teurer wird, während die Gehälter stagnieren. Seit Jahren ziehen Jahr für Jahr bis zu 15.000 Einwohner neu in die Stadt. Wohnraum ist knapp, in ehemaligen linksalternativen Vierteln wie Bockenheim und Nordend ist er für Normalverdiener kaum noch erschwinglich. Schulen und Kindergärten sind überfüllt. Im Bahnhofsviertel, berüchtigt für seine Drogen- und Rotlichtszene, machen sich Hipsterlokale breit. Spekulanten kaufen sich ein, die Angst vor Gentrifizierung greift um sich.

Oberbürgermeister Feldmann
Katrin Binner / DER SPIEGEL

Oberbürgermeister Feldmann

Viele deutsche Metropolen kämpfen mit ähnlichen Problemen. Aber in Frankfurt kommt der Brexit hinzu, das macht die Situation einzigartig. Und mittendrin steht Feldmann, 59, seit 1974 SPD-Mitglied und seit 2012 Nachfolger der CDU-Bürgermeisterin Petra Roth. Er will vor allem Frieden in seinem Wohnzimmer; manche nennen ihn deshalb einen Sozialromantiker und halten ihn für ein politisches Leichtgewicht. "Es geht um die richtige Balance", sagt Feldmann. "Natürlich wird Frankfurt vom Brexit profitieren. Aber das darf keinesfalls auf Kosten der Bevölkerung geschehen."

Doch beides zugleich wird schwer gelingen, dafür sind die Interessen in der Stadt zu unterschiedlich. Die Gräben zwischen Kapitalismuskritikern und Bankern, Armen und Reichen, Profiteuren und Abgehängten werden tiefer. Und der Zuzug aus London liefert einen Sündenbock, den man für die Entwicklung verantwortlich machen kann: Investmentbanker.

Wer der Stadt den Puls fühlt, der spürt den Aufbruch. Aber auch, dass die Stimmung rasch kippen kann.

Der Lobbyist

Keine zwei Kilometer von Feldmann entfernt, auf der anderen Mainseite, hat die Lobbyorganisation Frankfurt Main Finance ihre Büros. Vis-à-vis der Europäischen Zentralbank (EZB), die ihre Macht ausweitete und der Stadt einen Schub gab, als der Niedergang der Großbanken sie schwächte.

Jahrelang werkelte Main-Finance-Geschäftsführer Hubertus Väth, 57, vor sich hin, um Frankfurts Image zu verbessern - mit überschaubarem Erfolg. Bis ihm der Brexit die Chance seines Lebens bescherte.

In der Nacht der Entscheidung hatte er bis zwei Uhr im Restaurant Main Nizza gesessen und das Referendum am Fernseher verfolgt. Als er ins Bett ging, stand es 52:48 für einen EU-Verbleib der Briten.

Kurz nach sechs Uhr rief ein Journalist an. Was er davon halte, dass die Briten pro Brexit gestimmt hätten. "15 Minuten später war ich im Büro", erzählt Väth. "Wir starteten vorbereitete Kampagnen über die sozialen Netzwerke und schalteten ein Callcenter live. Unsere Botschaft: Welcome to Frankfurt." Bis heute habe er fast 800 Interviews gegeben. Frankfurt Main Finance sei in 5700 Artikeln erwähnt worden, von 2000 Medien aus 94 Ländern.

Lobbyist Väth
Katrin Binner / DER SPIEGEL

Lobbyist Väth

Väth hantiert gern mit Zahlen. Er war Marktforscher, Berater, Kommunikator. Kurz nach dem Brexit-Votum setzt er zwei Zahlen in die Welt, die seitdem in allen Köpfen stecken: 25.000 Mitarbeiter der Finanzbranche würden London in den kommenden fünf Jahren verlassen, 10.000 davon an den Main kommen. Er glaubt zu wissen, welche Jobs in die EU verlegt werden müssen, wenn die Banken, Fonds und Versicherungen in Europa im Geschäft bleiben wollen. Und er will so viele wie möglich von ihnen nach Frankfurt locken.

Der Lobbyist versucht, mit ökonomischen Argumenten zu überzeugen: Arbeitsproduktivität, Nähe zur EZB, IT-Infrastruktur, Internationalität, Frankfurts überschaubare Größe - "die kleinste Weltstadt, die es gibt", schwärmt Väth.

Doch es fehlt an politischer Unterstützung. Während andere Städte Regierungschefs und Minister schickten, kam für Deutschland Hubertus Väth. "We do it differently in Germany", sagte er in London. Schließlich rief er doch um Hilfe, in der Staatskanzlei in Wiesbaden. Ministerpräsident Volker Bouffier flog nach New York, trommelte Vorstände der fünf größten US-Banken zusammen und überbrachte Grüße von Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Wir wollen, dass ihr kommt, und werden euch herzlich willkommen heißen."

Aber reicht das? Selbst die eigene Branche lässt Väth hängen. "Es gab hier lange nur bei wenigen die Identifikation mit dem Standort", beklagt er. Einst war der Chef der Deutschen Bank Frankfurts Gesicht in der Welt. Rolf Breuer, der den Konzern um die Jahrtausendwende führte, trägt noch heute gern den Titel "Mr Finanzplatz". Doch er und sein Nachfolger Josef Ackermann machten aus der Deutschen Bank eine angelsächsische, deren Hirn von London aus lenkte, während ihr Herz in Frankfurt verkümmerte.

Selbst in den Tagen nach dem Brexit-Beschluss sollen sich Schlüsselfiguren der Frankfurter Bankenszene abfällig zum Standort geäußert haben. Dabei könne der Brexit der ganzen Stadt einen Schub geben, sagt Väth. Er könne Kaufkraft und Innovationen bringen, und vor allem: wieder mehr Relevanz in der Bankenwelt.

"Für Frankfurt ist das eine Chance", sagt Väth beschwörend. Die Banken hätten zu lange zu viele Talente verloren. "Frankfurt war im internationalen Geschäft häufig zum Appendix von London geworden."

Väth glaubt, dass sich das ändern könnte, jetzt. Weil Frankfurt eine Stadt der Wiederaufsteher sei. Ausgebombt nach dem Krieg, lebe man nicht von der Geschichte, sondern vom Hier und Jetzt. "Ich habe keine Angst, wenn Investmentbanker mit Know-how kommen."

Der Skeptiker

Lothar Reininger hat auch keine Angst vor Investmentbankern. Aber der Vorsitzende des Club Voltaire findet, dass Frankfurt nicht noch mehr von ihnen braucht. Die Kleinkunstkneipe in einer Seitenstraße zur Flaniermeile Fressgass ist eine der letzten Keimzellen linker Protestkultur. Neulich war hier ein Wegbegleiter von Che Guevara zu Gast, der Klub war gerammelt voll mit Leuten, die das Gefühl eint, für eine bessere Welt zu kämpfen.

Doch eigentlich will Reininger - ein 68er mit Vollbart, hoher Stirn und Kapuzenpulli - mehr politischen Diskurs mit Leuten, die im Voltaire nicht nur ihre Weltsicht bestätigt bekommen.

Linker Protest ist rar geworden in Frankfurt. Man kann sich kaum noch vorstellen, dass das edle Nordend Keimzelle der Studentenbewegung und der Außerparlamentarischen Opposition gewesen ist. Dass hier Häuser besetzt, Straßenschlachten geschlagen, RAF-Terroristen beherbergt wurden.

Heute beschränkt sich der Protest auf Stadtteilinitiativen, die mit friedlichen Demonstrationen auf die Wohnungsnot aufmerksam machen. 68er wie Joschka Fischer, Daniel Cohn-Bendit oder Johnny Klinke (siehe Interview) sind längst Teil des Establishments.

Erst die Finanzkrise von 2008 brachte die Leute wieder auf die Straße. Doch der Lärm von Blockupy verhallte so schnell wie die Reuebekundungen der Manager. Nach der Krise, erzählt Reininger, seien auch Banker ins Voltaire gekommen. Auf Sinnsuche, ergänzt der Klubchef amüsiert. Doch die meisten hätten bald wieder an den Stehtischen auf der Fressgass gestanden und Champagner geschlürft.

Reininger hat die Finanzkrise nicht vergessen. Deshalb versteht er Leute wie Väth nicht. "Es wäre verrückt, die Zeit zurückzudrehen und Frankfurt zur europäischen Finanzhauptstadt machen zu wollen."

Klubchef Reininger
Katrin Binner / DER SPIEGEL

Klubchef Reininger

Durch die Krise haben die Banken in Frankfurt wirtschaftlich an Gewicht verloren, 40 Prozent der Gewerbesteuereinnahmen kommen mittlerweile aus der Industrie. Aber der Brexit-Boom, fürchtet Reininger, könnte die Struktur wieder Richtung Banken verschieben. Ausgerechnet jetzt, da viele Gurus vor dem nächsten Crash warnen. "Und wie tief geht es dann für die Stadt, wenn es wieder knallt?"

In den Neunzigerjahren erlebte Frankfurt eine Phase der Deindustrialisierung. Der Chemiekonzern Hoechst wurde übernommen, viele Stellen fielen weg. Auch Firmen wie VDO, Telenorma, Hartmann & Braun, Triumph Adler bauten ab, zogen auf die grüne Wiese oder machten dicht. Reininger war damals Betriebsratsvorsitzender der Adler-Werke und organisierte den Widerstand gegen den Abbau, dessen Folgen bis heute nachwirken.

Viele Frankfurter haben den Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft mit Einkommensverlusten bezahlt. 30 bis 40 Prozent der Bürger, rechnet Reininger vor, hätten in den vergangenen 25 Jahren keine Reallohnsteigerung erfahren, die Hälfte verdiene netto kaum mehr als 2000 Euro. Zugleich strömen Gutverdiener in die Stadt und ihr Umland. Vor allem, seit die EZB in der Stadt residiert, sind Tausende Geldpolitiker, Ökonomen, Bankenaufseher und andere hoch qualifizierte und gut bezahlte Menschen hinzugekommen.

Seit Jahren stiegen die Mieten dramatisch, sagt Reininger, immer mehr Frankfurter hätten das Gefühl, vom Wohlstand der Stadt ausgeschlossen zu sein. "Allein die Aussicht auf den Zustrom nach dem Brexit hat die Preise und Mieten weiter steigen lassen. Es hat sich Goldgräberstimmung breitgemacht", klagt er.

Die Gefahr, dass der Immobilienboom die Stadt spaltet, sieht auch Oberbürgermeister Feldmann. Doch er signalisiert: Wir haben es im Griff. "Der Brexit-Hype findet vor allem in den Köpfen der Immobilienspekulanten statt", sagt er. "Wir müssen jetzt die Ventile aufmachen, um Dampf aus der Immobilienblase abzulassen."

Feldmann verweist darauf, dass es für die 52.000 Wohnungen der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG einen Mietpreisstopp gebe sowie die Auflage, bei Neuprojekten 40 Prozent preiswerten Wohnraum zu erstellen. Außerdem baue die Stadt Tausende neue Wohnungen, und endlich gebe es auch für private Investoren die Auflage, bei Neubauten knapp ein Drittel geförderte Wohnungen zur Verfügung zu stellen. "Trotz unserer Auflagen wird fleißig investiert", sagt Feldmann.

Doch so glatt, wie er es darstellt, läuft die Stadtentwicklung nicht. "Es gab in Frankfurt einmal 40.000 Sozialwohnungen, heute sind es nur noch 20.000 bis 23.000, weil immer mehr Wohnungen aus der Sozialbindung herausfallen", sagt Reininger. Die Stadt habe es versäumt, rechtzeitig selbst zu bauen.

Im Umland stößt Frankfurt auf widerspenstige Gemeinden. Feldmann möchte vor dem Taunusdörfchen Steinbach ein Wohnviertel hochziehen, doch die Kommune will sich die grünen Wiesen und den freien Blick auf Frankfurt nicht verbauen lassen.

Zwar funktioniere die Zusammenarbeit mit Gemeinden wie Offenbach besser, wie Feldmann betont. Aber reicht das?

Nein, ist Reininger überzeugt. Der Brexit bringe die Stadt aus dem Gleichgewicht. "Noch 10.000 Banker mehr, das würde Frankfurt sozialpolitisch den Rest geben."

Profiteure und Pendler

Ganz anders sieht das Ulrich Höller. Der drahtige Manager mit schwerem Pfälzer Zungenschlag ist Chef der German Estate Group (GEG), eines der großen Immobilienentwickler in Frankfurt. Sein neues, vielleicht spektakulärstes Projekt nennt sich Riverpark Tower und war früher ein Bürogebäude - das vielleicht hässlichste der Stadt, aber mit unschlagbarem Blick auf den Main und Sachsenhausen.

Jetzt baut er den 95 Meter hohen Tower für 220 Millionen Euro in einen Wohnturm um, nach Plänen des in Asien populären Architekten Ole Scheeren. Ein "Landmark Building" mit asymmetrisch versetzten Etagen, transparent, ohne Fassade. Wie ein "Jenga"-Spielturm kurz vor dem Einsturz. Und wie gemacht für Interessenten mit vollen Taschen, von denen bald ein paar mehr in der Stadt leben werden.

Immobilieninvestor Höller
Katrin Binner / DER SPIEGEL

Immobilieninvestor Höller

Noch gebe es kaum Anfragen von Brexiteers, räumt Höller ein. "Aber das wird kommen." In ganz Frankfurt werden in den nächsten Jahren mindestens zehn Wohntürme bezugsfertig. Tausende Luxusapartments kommen auf den Markt, zu Quadratmeterpreisen von 5000 bis 18.000 Euro - zu teuer für Durchschnittsverdiener, Schnäppchen im Vergleich zu London.

Investoren wie Höller umwerben nicht nur umzugsbereite Brexit-Banker. Schließlich boomt die Stadt ohnehin, und auch im deutschen Finanzgewerbe wird noch immer weit überdurchschnittlich gezahlt.

"Hier wird viel verdient, leben Geschäftsleute aus aller Welt. Die wollen standesgemäß wohnen", sagt Höller. Dass Zehntausende Normalverdiener auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum sind, weiß auch er. Das aber sei in erster Linie Aufgabe der Politik. Frankfurt und die umliegenden Kommunen müssten sich enger abstimmen, genügend Bauland und Flächenreserven seien vorhanden.

In den Riverpark Suites, die er am Fuße des Towers baut, hat Höller 30 Prozent des Wohnraums für sozial Schwache reserviert. "Das senkt natürlich meine Rendite", sagt Höller. Andererseits: Das nächste Projekt kommt bestimmt, da kann ein gutes Verhältnis zur Stadt wertvoll sein.

Mit dem knappen Gut Wohnraum verdient er auch privat. Höller ist Miteigentümer eines sogenannten Boarding House im schicken Westend, in einem der möblierten Apartments wohnt er selbst. Hauptvermieter ist Michael Schramm, Ex-Chef der Privatbank Hauck & Aufhäuser. 2016 hat er sich vom Banking verabschiedet und auf Immobilien umgesattelt. Heute gehören ihm 15 Boarding-Häuser mit rund 550 Apartments sowie drei Hotels, überwiegend in Frankfurt. Sein Geschäftspartner ist Hasan Salihamidzic, besser bekannt als Sportdirektor des FC Bayern.

Vermieter Schramm
Katrin Binner / DER SPIEGEL

Vermieter Schramm

Vom Verkauf seiner Anteile an Hauck & Aufhäuser leistete sich Schramm 2012 die ersten vier Häuser und stellte seinen Fahrer als Hausmeister ein. Seinen Durchbruch hatte Schramm, als er 2014 die Ausschreibung der EZB gewann. Die Notenbank musste Hunderte neue Mitarbeiter in Frankfurt unterbringen, als die Bankenaufsicht an den Start ging. Jetzt haben Schramm und Salihamidzic 150 Apartments allein an die EZB vermietet. "Das sind rund 250.000 Euro pro Monat von Europas bonitätsstärkstem Mieter."

Und demnächst wird er seinen Bestand um hundert Apartments erweitern. Ein chinesischer Investor habe bereits angefragt, ob er einsteigen könne. "Die haben durchgerechnet, wie sie in Frankfurt am besten vom Brexit profitieren können. Das Ergebnis war eindeutig: mit Boarding Houses."

Zwar spürt Schramm die große Nachfrage nach Wohnraum für Brexit-Flüchtlinge noch nicht, hält das aber für eine Frage der Zeit. "Viele werden bald befristet nach Frankfurt versetzt. Die werden nicht gleich ihre ganze Familie nachholen, sondern am Wochenende zurück auf die Insel pendeln."

Wie es laufen könnte, zeigt das Beispiel Deutsche Bank. Vor einem Dreivierteljahr ließ Sylvie Matherat, erste Französin im Vorstand des Geldkonzerns und zuständig für Regulierung und Einhaltung von Regeln (Compliance), bei einer Finanzkonferenz durchblicken, was der Brexit für die Deutsche Bank bedeutet.

Rund 4000 Mitarbeiter, so Matherat, werde die Deutsche Bank von London nach Frankfurt holen müssen: Kundenbetreuer, IT-Experten, Risikomanager. Denn die Finanzaufsicht bei der EZB mit Matherats Landsfrau Danièle Nouy an der Spitze verlangt von den Banken, die ihre Europageschäfte von London aus machen, dass sie entscheidende Funktionen wie das Risikomanagement in den Euroraum verlagern. Auch Matherats Compliance-Abteilung, einer der wenigen Bereiche, die bei der Deutschen Bank noch wachsen, dürfte in Frankfurt mehr Leute brauchen.

Vorstandsmitglied Matherat
Thilo Rückeis / picture-alliance / DPA

Vorstandsmitglied Matherat

Aber werden sich diese Banker nach Jahren in London mit Kind und Kegel am Main ansiedeln? Wahrscheinlich ist das nicht. Etliche führende Deutsche-Bank-Manager leben es vor, selbst einige der Vorstände haben nicht einmal mehr ihren Hauptwohnsitz am Main. Die weltgewandte Matherat, seit 2014 bei der Deutschen Bank, gibt an, meist nur zwei Tage in der Woche in Frankfurt zu sein, sie jettet viel durch die Welt oder ist in ihrer Heimatstadt Paris. Sie gilt als modebewusst, ist tief in den französischen Eliten verwurzelt - und kaum an der unglamourösen Mainmetropole interessiert.

So werden sich auch viele der niedriger angesiedelten Mitarbeiter eher provisorisch in Frankfurt einrichten. Die Deutsche Bank soll ihren Mitarbeitern in den Arbeitsverträgen möblierte Apartments zugesichert haben.

Der Banker

Einer, der den Schritt von London nach Frankfurt schon gemacht hat, ist Sven Baumann. Der 48-Jährige wechselte 2015 nach zwölf Jahren in London von Merrill Lynch zum Rivalen Citigroup und verantwortet heute als Co-Chef das deutsche Geschäft mit der Beratung von Firmenkunden. Insofern ist er eine Art Ein-Mann-Spähtrupp der britischen Investmentbanker-Gilde, auch wenn er den städtischen Wohnungsmarkt nicht direkt belastet: Mit Frau und drei Kindern wohnt er in Kronberg im Hochtaunuskreis, wo mehr Einkommensmillionäre zu Hause sind als in Frankfurt.

Glaubt er, dass sich seine Kollegen aus der Londoner City mit dem Gedanken anfreunden können, nach Frankfurt zu ziehen?

"Wer kann, wird es vermeiden. Und wer muss, kommt als Schichtarbeiter", sagt Baumann. "Es gibt definitiv mehr offene Stellen als Kandidaten." Auch deshalb, weil exzellent bezahlte Jobalternativen in London nach wie vor zahlreich sind.

Oft werde er von Kollegen und Freunden gefragt, ob Frankfurt nicht öde sei. Abstreiten kann er das nicht. "Gastronomisch und vom Kulturangebot her hinkt die Stadt hinterher, so multikulturell wie London ist sie auch nicht. Dort habe ich mich als Weltbürger gefühlt, hier als Deutscher." Provinzieller sei Frankfurt, aber angenehmer für Familien. Die Lebensqualität sei höher, der Leistungsdruck für Kinder geringer als in Londons Privatschulen. "Frankfurt ist der gefühlte Kompromiss."

Es ist ein Dilemma.

Der Mann, der die widerstreitenden Interessen bündeln müsste und den Weg vorgeben sollte, ist Oberbürgermeister Feldmann. Auf ihm ruhen die Hoffnungen derer, die bezahlbaren Wohnraum suchen. Aber gleichzeitig die der Finanzlobby, die den Brexit für sich nutzen will.

Feldmanns Problem ist nicht nur, dass er am 25. Februar zur Wiederwahl steht. Die größere Hürde ist: Selbst wenn er wollte, der OB kann nicht durchregieren. Die Stadtverfassung sieht vor, dass der direkt gewählte Oberbürgermeister mit der Mehrheit im Römer klarkommen muss. Derzeit ist das eine schwarz-rot-grüne "Kenia"-Regierung, die damit zu zwei Dritteln aus politischen Gegnern besteht.

Auch in der Region fehlt ihm der Durchgriff: "Es gibt kein Regionalparlament, keinen Hauptverantwortlichen für die Gesamtregion Frankfurt/Rhein-Main", sagt Feldmann. Das würde Hessens Landesregierung kaum zulassen, egal wer regiere.

Auf die Bundesregierung braucht er auch nicht zu hoffen - mit dem Kampf für Investmentbanker gewinnt man keine Wählerstimmen. Als es darum ging, die Bankenaufsicht EBA von London herüberzuholen, ließen die Berliner Koalitionssondierer Feldmann allein, Frankfurt kam nicht einmal in die Endrunde.

Seine Stadt ist in einer historisch einmaligen Situation, ihr droht die Zerreißprobe. Doch Peter Feldmann, der Mann, der alle miteinander versöhnen muss, ist ein König ohne Land.



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