AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2018

Missbrauchsvorwurf gegen Zenmeister in Hessen Buddhas Irrweg

Ein buddhistischer Abt aus Frankfurt am Main versprach Erleuchtung - und verging sich offenbar an seinen Schülern.

Zenmeister Thich Thien Son 2009: "Gravierendes Ausnutzen der Schüler-Lehrer-Bindung"
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Zenmeister Thich Thien Son 2009: "Gravierendes Ausnutzen der Schüler-Lehrer-Bindung"

Von und Anna Sawerthal


Neun Menschen saßen 2013 in dem Kloster "Buddhas Weg" im Odenwald zusammen: fünf Mönche, drei Nonnen und ihr Zenmeister, der Abt Thich Thien Son. Sie sprachen darüber, dass der Abt mehrere Angehörige des Klosters sexuell belästigt und ein Kind missbraucht habe, so erinnern sich mehrere Anwesende übereinstimmend. Trotzdem sei die Atmosphäre lange erstaunlich freundlich geblieben.

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Heft 21/2018
Wie Verbrecher und Heilige eine Weltmacht schufen

Ruhig hätten die Schüler den Zenmeister gefragt, warum er so gehandelt habe, wie er es getan habe. "Für mich ist die Sexualität das größte Hindernis", habe Thich Thien Son gesagt. Erst wenn sie "durchgearbeitet" sei, stünden ihnen die Wege frei.

Was "durcharbeiten" in dem Kontext bedeuten solle, habe einer der Mönche gefragt. Schließlich könne es nicht sein, dass der Abt einen Zwölfjährigen zum Oralverkehr auffordere, während auch noch ein Elfjähriger im Zimmer sei. Genau das soll acht Jahre zuvor passiert sein.

Der Zenmeister habe den Vorwurf damals nicht bestritten, sondern gesagt, es sei ein Fehler gewesen, ein Prozess des Lernens. Er habe nicht die Intention gehabt, irgendjemanden zu missbrauchen. Die Anwesenden erinnern sich, wie Thich Thien Son selbstbewusst gesagt habe, es sei für ihn kein Problem, wenn man ihm etwas anhängen wolle. Selbst wenn er ins Gefängnis müsse - kein Problem.

Er habe helfen wollen, so habe er sich gerechtfertigt, und den Zwölfjährigen mit dessen eigenen sexuellen Energien konfrontieren wollen. Bei einem älteren Klosterschüler habe er klären wollen, ob der Schüler Homosexualität in sich trage.

Eine Nonne habe noch einmal nach dem Minderjährigen gefragt, was denn da die Motivation gewesen sei, so erinnern sich Anwesende. Sie wolle es nicht anprangern, sondern verstehen, habe sie hinterhergeschoben. Der Abt habe ausweichend geantwortet, der Zwölfjährige sei einfach neugierig gewesen.

Dann habe der Zenmeister plötzlich abgeblockt. Er wolle nicht gezwungen werden, etwas auszusprechen, was die anderen hören wollten.

Glaubt man den Aussagen der Anwesenden, dann würden das lapidare Eingeständnis des Abts und seine Erklärungen offenbaren, wie er sich die Religion zunutze machte, um seinen Missbrauch zu ermöglichen und zu rechtfertigen. Jenen Buddhismus, der als besonders tolerant und weltoffen gilt und dessen bekanntester Mönch, der 14. Dalai-Lama, den Friedensnobelpreis erhalten hat.

Wie anfällig geschlossene Systeme für sexualisierte Gewalt sind, ist schon seit den Skandalen der katholischen und der evangelischen Kirche sowie der Odenwaldschule bekannt. Buddhistische Gemeinschaften sind da offenbar keine Ausnahme.

So wurde einem der erfolgreichsten buddhistischen Lehrer der westlichen Welt, Sogyal Rinpoche Lakar, vorgeworfen, Schülerinnen und Schüler "physisch, emotional und psychisch" missbraucht zu haben. Zudem soll er sich "sexueller Vergehen" schuldig gemacht und einen "unersättlich verschwenderischen und genusssüchtigen Lebensstil" gepflegt haben, finanziert aus Spenden. Lakar trat daraufhin 2017 von all seinen Ämtern zurück.

Der Abt Thich Thien Son ist nicht ganz so bekannt, in Hessen aber eine Größe. Er gründete das Kloster "Pagode Phat Hue" in Frankfurt am Main und leitete später auch "Buddhas Weg" im Odenwald. Bis 2009 war er Vorsitzender der Deutschen Buddhistischen Ordensgemeinschaft e.V. (DBO). Er war einer derjenigen, die den Dalai-Lama davon überzeugen konnten, während seiner Europareise 2009 auch zu einer viertägigen Veranstaltung in Frankfurt mit 50.000 Teilnehmern zu kommen.

Thich Thien Son soll nicht nur ein Kind sexuell missbraucht, sondern über Jahre auch andere Klosterangehörige sexuell belästigt haben. Davon hat ein Dutzend Personen dem SPIEGEL berichtet, Dokumente bestätigen die Vorwürfe. Außerdem wird dem Abt vorgeworfen, pornografische Videos gedreht zu haben.

Einige Menschen hätten das Kloster wegen Thich Thien Son verlassen. Es gab auch Klostermitglieder, die sich an das Jugendamt und an die Polizei wandten. Doch das Jugendamt konnte nichts feststellen. Und die Staatsanwaltschaft stellte zwei Verfahren ein: 2011, weil der betroffene Jugendliche bestritt, sexuell missbraucht worden zu sein; zu der Zeit war er mit Einverständnis seiner Eltern in der Obhut des Klosters. Und im Jahr 2016, weil der ermittelnde Staatsanwalt nach einem aussagepsychologischen Gutachten Zweifel an den Aussagen des Betroffenen hatte - obwohl dem Staatsanwalt außerdem von dem Eingeständnis des Abts berichtet worden war. Eine Beschwerde gegen die Einstellung verwarf die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main Ende 2016.

Kloster "Buddhas Weg" im Odenwald: Das Jugendamt konnte nichts feststellen
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Kloster "Buddhas Weg" im Odenwald: Das Jugendamt konnte nichts feststellen

Nur die DBO reagierte. Im Dezember 2010 schloss sie ihr Mitglied Thich Thien Son aus, nachdem ihr mehrere unterschriebene Briefe vorgelegt worden waren, die den Abt belasteten, der eine Stellungnahme zunächst verweigert hatte. "An dem Wahrheitsgehalt der Briefe können wir nicht zweifeln", hieß es in einer öffentlichen Mitteilung dazu. Die Aussagen bezeugten ein Verhalten, das zum reinen Lebenswandel eines buddhistischen Mönchs in völligem Widerspruch stehe. Und: "Es zeigt ein gravierendes Ausnutzen der Lehrer-Schüler-Bindung."

Den Stand eines Mönchs gab Thich Thien Son allerdings erst drei Jahre später auf. Einige Mönche aus Frankfurt hatten sich mit einem Brief an einen der populärsten buddhistischen Mönche im Westen, Thich Nhat Hanh, gewandt, in dem sie die Vorwürfe zusammenfassten. Bevor er bald auf Thich Thien Son treffe, würden sie ihm gern die "wahren Fakten" mitteilen, schrieben die Mönche und baten um seine "Weisheit": "Wir fühlen uns hilflos, verletzt und sind verwirrt, wie wir weiterverfahren sollen."

Ein paar Wochen später legte Thich Thien Son die gelbbraune Mönchskleidung ab und trat fortan nicht mehr öffentlich auf. Doch da die buddhistische Gemeinschaft hierzulande kaum Kontrollinstanzen hat und niemand entscheiden kann, welche Roben und welche Titel jemand bei Auftritten verwendet, arbeitet Thich Thien Son seit Längerem wieder. In seinem alten Kloster "Buddhas Weg" gibt er Seminare, auch für und über Kinder, zuletzt im April dieses Jahres: "Schattenkinder - Sonnenkinder" und "Familienkarma". Zu Ostern leitete er eine Meditationsklausur.

Im Frankfurter Kloster Pagode Phat Hue wurde zwar ein neuer Abt benannt, doch ohne Thich Thien Son geht es offenbar nicht. Er bringt die Spenden, er zieht neue Interessierte an. Das sagen die, die sich im Kloster und in der buddhistischen Szene auskennen. Sogar im Impressum der Internetseite steht sein Name noch.

Stefan Schulz* hat das dazu bewogen, mit dem SPIEGEL über seine Geschichte zu sprechen. Er wolle nicht, dass andere erleben müssten, was er erlebt habe, sagt er. Und er fühle sich schuldig, da er bei der ersten polizeilichen Vernehmung 2011 geleugnet habe, missbraucht worden zu sein.

Er ist derjenige, um den es bei dem Gespräch 2013 geht, er ist der Zwölfjährige von damals. Heute ist er Mitte 20 und sitzt in seiner spartanisch eingerichteten WG: eine Matratze auf dem Boden, ein Bücherregal, ein Tisch und ein Klappsofa, irgendwo in Europa. Er will nicht, dass seine Identität bekannt wird, darum sollen sein Name und sein Wohnort geheim bleiben.

Bei grünem Tee berichtet er von seiner Kindheit. Es habe viel Ärger in seiner Familie gegeben. Bei Akupunkturterminen seiner Mutter habe er den Abt kennengelernt. Der Abt habe ihn ins Kloster eingeladen, also verbrachte er immer mehr Zeit dort, gemeinsam mit anderen Kindern: "Das war wie ein Sommercamp, das einfach nicht endete." Die Menschen erschienen glücklicher als die zu Hause. Deswegen wollte Stefan Schulz im Kloster leben, Mönch werden.

Wenn er im Kloster übernachtete, durfte er beim Abt im Zimmer, sogar in dessen Bett schlafen, sagt Schulz. Anfangs sei das wie eine Auszeichnung gewesen. Doch es habe nicht lange gedauert, bis Thich Thien Son ihn das erste Mal missbraucht habe. "Jede Nacht kam er mir etwas näher. Erst musste ich ihn nur so massieren. Dann auch seine Genitalien", sagt er. Schließlich habe er ihn oral befriedigen müssen.

Einmal sei ein elfjähriger Klosterschüler mit im Zimmer gewesen. Während der dem Abt die Füße massiert habe, habe Schulz den Penis des Abts anfassen müssen, sagt er. Ob der Jüngere das gesehen habe, wisse er nicht genau. Woran er sich aber sicher erinnere, sei, dass das vietnamesische Hausmädchen des Abts an einem Morgen leise und in gebrochenem Deutsch zu ihm gesagt habe: "Nicht mehr bei ihm schlafen."

Thich Thien Son weist diese Vorwürfe zurück. Er sei Opfer einer Intrige der DBO und der Deutschen Buddhistischen Union (DBU) geworden. DBO und DBU hätten den Buddhismus in Deutschland aus kommerziellen Gründen als Religionsgemeinschaft anerkennen lassen wollen. Da er dagegen gewesen sei, habe vor allem die DBO "alles Mögliche" unternommen, um ihn aus dem Amt zu drängen. Deshalb habe jemand aus dem Vorstand der DBO 2014 Anzeige gegen ihn erstattet. Der Abt verweist auf das aussagepsychologische Gutachten und die eingestellten Verfahren der Staatsanwaltschaft.

Aber neben Schulz berichten auch andere Männer, Thich Thien Son habe sexualisierte Gewalt ausgeübt - und sein Verhalten religiös begründet.

Thomas Arnold* war Anfang 20, als er Thich Thien Son traf. Damals habe er mit seiner Sexualität gehadert, sei unsicher gewesen, ob er vielleicht schwul sei. Er lebt inzwischen nicht mehr in Deutschland. Er sitzt in seinem Haus, als er per Videotelefonat von seinen Erlebnissen berichtet. Auch er heißt anders und will nicht, dass sein richtiger Name öffentlich wird. Er möchte endlich mit der Sache abschließen. Aber er möchte nicht, dass der frühere Abt weiter in Kontakt mit jungen Menschen ist, die ihm hörig sein könnten, so wie er es damals aufgrund von dessen gehobener Position war. Deswegen spreche er.

Es habe begonnen, als er dem Abt im Jahr 2005 seine Verwirrung über seine Sexualität anvertraut habe. Der habe unvoreingenommen zugehört, erinnert sich Arnold, und dann gesagt: "Nun, mach doch. Wenn du einen Mann küssen willst, tu es." Er sei verdutzt gewesen, sagt Arnold. Doch der Abt, dem er vertraute, zu dem er aufsah, habe versichert: "Ich bin nicht an Sexualität interessiert. An mir kannst du das ausprobieren." Also habe er den Abt geküsst. Immer wieder habe der ihn dabei gefragt: "Nun, bist du schwul oder nicht? Ändert das was?"

Dann habe er gesagt, er wolle mit Arnold "arbeiten", um ihm zu "helfen". So erinnert sich Arnold. Über Monate habe der Abt ihn zu sich geholt. Er habe ihn dann aufgefordert, ihn zu berühren, es habe Küsse gegeben, dann Oral-, später Analverkehr, sagt Arnold. "Immer wieder fragte er mich während des Sex: ›Bist du schwul? Bist du hetero? Ändert das was?‹" Arnold schüttelt sich. Ihm werde jedes Mal schlecht, wenn er daran denke.

Als er die "Arbeit" nach ein paar Monaten infrage gestellt habe, habe der Abt ihm gesagt, dass ihm die Erleuchtung verwehrt bliebe, wenn er nicht weiter mitmache. Er sei doch bestimmt als Kind missbraucht worden, das wolle er nun "nachinszenieren", damit sich Arnold daran erinnern und das Trauma verarbeiten könne. "Es war unendlich perfide", sagt Arnold heute. Nach einem halben Jahr habe Thich Thien Son die "Arbeit" schließlich beendet - und danach so getan, als wäre zwischen ihnen nie etwas gewesen.

Drei Jahre später habe er mitbekommen, dass der Abt immer wieder junge Männer in sein Zimmer eingeladen habe, sagt Arnold. Einer dieser Männer habe sich ihm anvertraut und ihm berichtet, welche Gründe Thich Thien Son für die sexuellen Handlungen angeführt habe: "Es waren genau dieselben wie bei mir." Arnold verließ daraufhin das Kloster.

All das schilderte Arnold im Oktober 2010 auch in einem Brief auf Englisch, der mit folgenden Sätzen beginnt: "Ich versichere an Eides statt, dass der folgende Brief nach bestem Wissen verfasst wurde, wissend, dass ich bestraft werden kann, falls herausgefunden werden sollte, dass er nicht stimmt." Dann begründet er, warum er sich erst nach Jahren äußert. Er habe sich erst mal wieder "aufbauen" müssen. "Es war eine traumatische Erfahrung für mich, jemandem so viel Glauben und Vertrauen zu schenken, nur um dann sexuell missbraucht zu werden." Die vergangenen Jahre seien die schwierigsten seines Lebens gewesen.

Es gibt noch vier weitere Personen, die 2010 schriftlich Vorwürfe gegen Thich Thien Son erhoben.

Ein Mann berichtet, wie ihn der Abt, als er ein junger Erwachsener war, auf einer Pilgerreise im Bus plötzlich am Penis berührt habe. "Er begründete diese Tat mit dem Argument, dass ich noch sehr viel sexuelles Verlangen in mir trage, welches ich unterdrücken würde", schreibt er. Zurück in Deutschland habe er den Abt fast jeden Abend massieren müssen, "auch an seinem Hintern sowie um seinen Penis herum". Widersprochen habe er nicht, weil er nicht gewusst habe, wie. "Gewollt habe ich es jedoch zu keinster Zeit", schreibt er.

Im April 2008 habe der Abt ihn aufgefordert, bei ihm im Zimmer zu schlafen, da ein guter Freund von ihm gestorben sei und er nicht allein sein wolle. Der junge Mönch legte sich vor das Bett auf den Boden, schreibt er. "Während der Nacht kam er immer wieder zu mir runter auf den Boden und berührte und streichelte mich, besonders an meinem Penis." Gewehrt habe er sich nicht, am nächsten Morgen aber seine Sachen gepackt und das Kloster heimlich verlassen. Im August sei er kurz zurückgekehrt, weil ihm Thich Thien Son gedroht habe, dass er "jegliche andere buddhistische Tempel benachrichtigen" würde, sodass er nirgendwo mehr aufgenommen würde. Nach drei Monaten aber habe er das Kloster endgültig verlassen.

Gast Dalai-Lama in Frankfurt am Main 2009: Tolerant und weltoffen
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Gast Dalai-Lama in Frankfurt am Main 2009: Tolerant und weltoffen

Die drei anderen Briefeschreiber wurden selbst nicht belästigt, wollen aber Zeugen von Thich Thien Sons Verhalten gewesen sein: Einer hat ihn laut eigener Aussage bei sexuellen Handlungen mit jungen Männern gesehen. Die anderen haben mit Mönchen gesprochen, die davon berichteten. Es passierte demnach nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA, wo Thich Thien Son Seminare gab.

Die Briefe haben etwas gemeinsam: Die Autoren schreiben mit großem Respekt für ihren religiösen Führer. Sie erwähnen die Verfehlungen ebenso wie seine Fähigkeiten, schreiben, wie sehr er ihnen "spirituell" über die Jahre geholfen habe. Selbst Thomas Arnold, der berichtet, über Monate zu sexuellen Handlungen gedrängt worden zu sein, beginnt seinen Brief mit dem Satz: "Ich verdanke Thich Thien Son einen großen Teil dessen, was ich bin." Sein Anliegen sei es nicht, den Ruf des Abts zu ruinieren.

Der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main lagen all diese Briefe von 2010 vor, als sie zum zweiten Mal ermittelte. Dazu noch eine eidesstattliche Versicherung eines anderen Mönchs von 2014. Er bezeugt, dass Thich Thien Son bei jener Gesprächsrunde 2013 im Kloster im Odenwald ein Eingeständnis abgelegt habe, und schreibt, dass dieser seither mehrmals versucht habe, "auch mich mit Halbwahrheiten oder Lügen zu manipulieren und einzuschüchtern, damit ich nach außen schweigen soll".

Am Ende der Ermittlungen stellt die Staatsanwaltschaft fest: "Zwar sprechen viele Anhaltspunkte dafür, dass tatsächlich sexuelle Handlungen zwischen dem Beschuldigten und dem damals kindlichen Zeugen stattgefunden haben." Doch weil die Erinnerungen der Zeugen nicht konkret genug seien, gebe es keinen "hinreichenden Tatverdacht". Es habe Mängel in der "Aussagekonstanz" gegeben.

Die polizeiliche Vernehmung zu den Vorfällen fand im Februar 2014 statt, die Exploration des aussagepsychologischen Sachverständigen erst im Juli 2015. Die Vorfälle lagen da schon zehn Jahre zurück. Die wesentlichen Details, in denen sich der Zeuge widersprach, waren, ob in einem Hotel ein Missbrauch geschehen war, wie lange seine Hand auf dem Penis des Beschuldigten gelegen haben soll und ob der Beschuldigte ihn anal penetrieren wollte oder ob er ihn penetrieren sollte.

Dabei ist es nicht ungewöhnlich, dass Betroffene sexualisierter Gewalt solche Details verdrängen oder nur manchmal abrufen können. Der aussagepsychologische Sachverständige argumentierte dennoch, dass der Zeuge sich "intensiv mit dem Thema Missbrauch in Internetforen und in Gesprächen beschäftigt" habe und deswegen nicht auszuschließen sei, dass "Teile seiner Aussage Autosuggestionsprodukte sind".

Auch das Eingeständnis des Abts half nicht. Der Staatsanwalt hielt vielmehr fest, dass sich an seiner Entscheidung "auch für den Fall", dass sich noch weitere Zeugen aus dem Gespräch 2013 meldeten, nichts ändern würde. Das Jugendamt prüfte das Kloster wiederholt, 2013 sogar wegen Missbrauchsvorwürfen, fand aber "keine Anhaltspunkte für sexuelle Übergriffe". Man werde die Sache allerdings "weiterhin gewissenhaft begleiten", versichert die Amtsleiterin.

Tatsächlich hatte Abt Thich Thien Son offenbar ein ausgeklügeltes System. Wenn das Jugendamt kam, sei im Tempel schnell alles hergerichtet worden, sagt Schulz. Er beispielsweise habe kein eigenes Zimmer gehabt, weil er über Monate beim Abt geschlafen habe. Wenn aber jemand vom Jugendamt vor der Tür gestanden habe, "schossen sofort alle los, richteten ein Zimmer her, das als meines ausgegeben wurde, und legten auch noch ein paar ›Bravo‹-Hefte hin". Damals habe er das lustig gefunden. Schließlich sei das Jugendamt böse gewesen, so sei es ihm beigebracht worden.

Melissa Horner(*) ist diejenige, die das Jugendamt eingeschaltet hat - wenn auch über Dritte. Die Nonne sagt, sie sei entsetzt gewesen über das, was sie im Kloster mitbekommen habe. Auch sie heißt eigentlich anders, will aber ihre Identität schützen. Einige Jahre hat sie mit Thich Thien Son im Kloster gelebt, bis heute fühlt sie sich ihm und der Gemeinschaft verbunden, lobt seine Fähigkeiten, seinen Charme.

Dennoch geht sie hart mit ihm ins Gericht. Sie habe gesehen, dass viele junge Männer bei ihm ein und aus gegangen seien, sagt Horner: "Er suchte sich grundsätzlich Jungs, die ohne Vaterfigur aufgewachsen waren." Denen habe er einen Vaterkomplex eingeredet. Thich Thien Son sei sich seiner Macht immer sicherer geworden, sagt Horner. Einmal sei ein Siebenjähriger, der im Kloster lebte, zu ihr gekommen. In gebrochenem Deutsch habe er gesagt: "Ich habe gesehen! Der Penis in dem Mund! Und auf dem Computer, so ekelig!"

Weitere Mönche und Nonnen berichten, dass sie Pornos auf dem Rechner des Abts gefunden hätten, sogar selbst gedrehte. Auch Gleitcreme und Rechnungen von Spas, die als Treffpunkte Homosexueller galten, wurden demnach bei dem Abt entdeckt, der eigentlich zölibatär leben soll. Und sie berichten, dass Thich Thien Son auch Sex mit Frauen gehabt habe.

Er habe es "Initiation" genannt, sagt Horner, oder auch "Ritual auf dem Weg zur Erleuchtung". Den Frauen habe er gesagt, es gehe um Tantra. Eine Frau habe ihr eines Tages erzählt, der Abt sei bei ihr so aggressiv vorgegangen, dass sie anschließend drei Stunden lang nicht in der Lage gewesen sei, das Bett zu verlassen. Beschwert habe sich wohl keine Frau, so Horner, denn Thich Thien Son habe gedroht: Falls sie jemandem davon erzählten, würden sie ihr Gelübde brechen und ihren Weg zur Erleuchtung unterbrechen.

Thich Thien Son geht weder auf sein mutmaßliches Eingeständnis noch auf alle konkreten Vorwürfe ein. Er sieht darin die "Verunglimpfung eines religionspolitisch Unliebsamen".

* Name geändert



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