AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2017

Ermittlungsakte Beckenbauer Der Kaiser ist jetzt nackt

Naiv und vertrauensselig: So stellt sich Franz Beckenbauer in der Schmiergeldaffäre um die Fußball-WM 2006 dar. Doch die Ermittlungsakten und ein neuer ARD-Film zeigen ein anderes Bild.

Franz Beckenbauer
Johannes Simon/Picture Alliance/SZ Photo

Franz Beckenbauer

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Dieser Text erschien erstmals am 30. September 2017. Anlässlich des ARD-Films "Der Fall des Kaisers" (Dienstagabend, 23.30 Uhr) veröffentlichen wir erneut, welche Fakten DER SPIEGEL anhand von Ermittlungsakten über Franz Beckenbauer zusammengetragen hat.

Der eine Mann im Treppenhaus heißt Fedor Radmann. Beckenbauers Freund und Berater. Wenn Beckenbauer die ewige Lichtgestalt ist, dann ist Radmann seine dunkle Seite. Der unsichtbare Sockel, der das strahlend helle Licht in der Fassung hält, seit Jahrzehnten.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 40/2017
"Wir sind im freien Fall"

Radmann ist zum Fifa-Kongress nach Zürich gefahren. Es ist der Abend des 28. Mai 2015, die Reden sind vorbei, da sieht er auf dem Weg zum Bankett einen Fifa-Mann, Markus Kattner. Radmann will etwas loswerden, sie gehen in ein Treppenhaus, keiner soll zuhören. Angeblich sagt Radmann, was er so nie gesagt haben will: dass die Fifa, die mit ihrer Ethikkommission gegen Beckenbauer ermittelt, eine Lösung finden müsse, ganz schnell. Wenn nicht, werde die "Bild"-Zeitung, das Sturmgeschütz des Kaisers, die Fifa in der Luft zerreißen. Eine Drohung.

Kattner behauptet, er habe mit einer Drohung geantwortet: Sie sollten selbst mal schön aufpassen, der Radmann und der Beckenbauer, bevor sie der Fifa auf diese Tour kämen. Warum aufpassen?

Das erklärte Kattner in einer Vernehmung bei der Schweizer Bundesanwaltschaft, die seit zwei Jahren im deutschen "Sommermärchen" herumstochert. Er habe da an eine merkwürdige Zahlung gedacht, Geld für Beckenbauer. Die Geschichte hing mit der WM 2010 in Südafrika zusammen. Nein, nicht mit der in Deutschland 2006. Damit habe das absolut nichts zu tun gehabt.

In Radmanns Kopf läuft nach dem Gespräch auf der Treppe aber ein anderer Film an. Ein Horrorstreifen. Er ruft beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) an, trifft sich mit einem Funktionär. Panik. Die Fifa sei auf einer brisanten Spur: auf der Fährte von 6,7 Millionen Euro, die Deutschlands WM-Organisationskomitee (OK) einst verschoben hatte, gut getarnt, damit keiner den wahren Zweck erkannte. "Wenn das rauskommt, haben wir riesige Probleme", soll Radmann dem DFB-Mann gesagt haben. Danach beginnen beim Verband hektische Vertuschungsversuche, doch die Bombe lässt sich nicht entschärfen; im Oktober 2015 deckt der SPIEGEL die Affäre um einen möglichen Stimmenkauf für die WM in Deutschland auf.

Manchmal wird das Leben zur Pointe, zum Treppenwitz. Ausgerechnet Radmann. Wieselschlau, schlitzohrig, die Ohren überall, der Geheimagent des Kaisers auf dem Graumarkt des Fußballs. Ausgerechnet ihm wird offenbar zum Verhängnis, dass er einmal zu viel um die Ecke gedacht hat. Was Kattner wohl gemeint haben könnte, mit seiner Andeutung. Dass diese Szene auf einer Treppe spielt, ist der Treppenwitz im Treppenwitz.

Nachzulesen ist er nun in der Ermittlungsakte der Schweizer, mehrere Tausend Seiten stark, die dem SPIEGEL vorliegt. Die Fahnder sezieren das Sommermärchen. Aber sie interessieren sich nicht nur für das, was die Frankfurter Staatsanwaltschaft bei ihnen bestellt hat, weil der DFB die 6,7 Millionen Euro von der Steuer abgesetzt hatte.

In Bern läuft längst ein eigenes Verfahren, wegen Geldwäsche, Betrugs, wegen Untreue und ungetreuer Geschäftsbesorgung. Eines, in dem Beckenbauer nicht nur Zeuge ist, wie in Frankfurt, sondern Beschuldigter. Eines, das für ihn sogar mit einer Haftstrafe ausgehen könnte. Und mit dem Ende einer Legende. Es ist die dahingetupfte Legende vom naiven Kaiser, der zwar immer alles unterschrieben hat, aber nie begriffen haben will, worum es dabei eigentlich ging. Und die Legende vom treuen Knappen Fedor, der immer da war, wenn der große Franz ihn brauchte. Nur nie dabei, wenn der Kaiser gerade wie von Sinnen brisante Papiere wegsignierte.

Die Akte zeichnet ein anderes Verdachtsbild: von Beckenbauer, der genau wusste, was passierte, als 2002 zehn Millionen Schweizer Franken nach Katar flossen, auf das Firmenkonto eines korrupten Fifa-Funktionärs. Beckenbauer war demnach auch bestens im Bilde, als diese Summe drei Jahre später wieder eine Rolle spielte. Da musste das Geld dringend aufgetrieben werden, mit Zinsen, umgerechnet 6,7 Millionen Euro, um es dem Franzosen Robert Louis-Dreyfus zurückzuzahlen. Der hatte es Beckenbauer nämlich 2002 geliehen, für die Überweisung nach Katar.

Es ist das Bild von Franz, dem Leugner. Und von Fedor, dem Lügner.

Aus den Akten ergibt sich nun, dass sich beide offenbar höchstpersönlich in den mysteriösen Geldstrom eingeklinkt haben. Mehr noch: Beckenbauer und Radmann waren demnach nicht einfach nur Dienstleister, für ihren Verband, ihr Land, so wie sie sich am liebsten dargestellt haben. Sie waren die Herren, die Herrscher der deutschen WM-Bewerbung. Von eigenen Gnaden. Und auch zu eigenen Gunsten.

Am 1. September 2016, morgens um halb neun, steht die Schweizer Polizei vor der Radmann-Villa in Teufen, Kanton Appenzell Ausserrhoden. Nur eine schmale Straße windet sich dort hinauf. Höhenlage, Hanglage, Bestlage, das Leben hat es gut gemeint mit Radmann, der seine berufliche Laufbahn als Fremdenverkehrschef im Berchtesgadener Land begann. Die Beamten zeigen einen Durchsuchungsbeschluss vor, lassen sich den Safe im Wandschrank öffnen, nehmen Aktenordner mit; es dauert vier Stunden. Als der SPIEGEL ein paar Tage später Radmann ans Telefon bekommt, behauptet der, bei ihm sei keiner gewesen. Durchsuchung? Bestimmt nicht.

Er sagt das ganz ruhig, kein Stocken, kein Drucksen, mit gekonntem Ehrenworttimbre in der Stimme. Einmal schwor er sogar "beim Leben meiner sechs Kinder", dass die WM-Entscheidung für Deutschland nicht gekauft gewesen sei.

Radmann hat sein Handwerk ab Ende der Siebziger bei einer Art Geheimdienst gelernt, bei Adidas. Der damalige Adidas-Chef Horst Dassler ließ delikate Informationen sammeln, über Funktionäre, ließ sie bestechen und erpressen. "Turnschuh-CIA" nannten Kritiker das später.

Bei dem Sportausrüster stieg Radmann zum Direktor auf, da kannte er Beckenbauer schon, die Werbeikone des Hauses. Beckenbauer, der Fußballheld der Nation, Weltmeister als Spieler 1974, Weltmeister als Trainer 1990, ein Charmeur, der in allem, was er tat, über dem Irdischen zu schweben schien. Und Radmann, der im Untergrund buddelte. Das passte offenbar: Radmann sei schon lange sein Freund, sagte Beckenbauer in seiner Vernehmung bei den Schweizern im März 2017. Mit der deutschen Bewerbung um die WM 2006 seien sie schließlich "siamesische Zwillinge" geworden.

Zusammen klapperten sie weltweit die Stimmmänner der Fifa ab. Beckenbauer hatte den großen Namen, Radmann sein großes Netzwerk, Beckenbauer die Magie, Radmann den Machtinstinkt. Mit Radmann holte Beckenbauer die WM ins Land. Aber zu welchem Preis?

Merkel mit Beckenbauer 2006
Süddeutscher Verlag

Merkel mit Beckenbauer 2006

Knapp ein halbes Jahr nach dem ersten SPIEGEL-Bericht tat der DFB so, als sei die Frage schon beantwortet: angeblich kein Hinweis auf eine gekaufte WM. Im März 2016 legte der Verband das Gutachten der Kanzlei Freshfields vor, die für ihn arbeitete. 380 Seiten dick, allein der Wust an Mails, Kontobelegen, Gesprächsprotokollen, die ausgewertet wurden, erweckte den Eindruck, dass damit das meiste geklärt sei. Getarnte Gelder - na gut, die gab es. Aber keinen Stimmenkauf. Dabei kratzte der Freshfields-Report nur an der Oberfläche, wie die Akten heute zeigen. Vor allem bei Beckenbauer und Radmann.

In den Vernehmungen der Schweizer wiederholen die beiden ihre Geschichte, und die geht ungefähr so: Ende 2001, Anfang 2002, 18 Monate nach dem Zuschlag für Deutschland, soll Fifa-Präsident Joseph Blatter den Deutschen Geld für ihre WM versprochen haben. Einen Zuschuss, unter vier Augen, verabredet mit Beckenbauer. Alles Weitere solle Beckenbauer aber mit der Fifa-Finanzkommission klären. Was dann für ihn sein Intimus Radmann übernommen haben will.

Einer aus dieser Kommission, der Katarer Mohamed Bin Hammam, habe tatsächlich 250 Millionen Schweizer Franken für die deutsche WM zugesagt. Allerdings unter der Bedingung, dass die Deutschen zehn Millionen herüberschieben, an die Kommission. Eine Art Provision. Warum? Da habe er nicht nachgefragt, sagt Beckenbauer, "ich war so besessen von der WM; ich habe es nicht für mich gemacht, sondern für das Land oder für den Fußball".

Woher aber zehn Millionen nehmen? Vom DFB jedenfalls nicht. Keine Chance, sagt Beckenbauer. Deshalb habe er selbst in Vorleistung gehen wollen - nur habe ihn sein Manager und väterlicher Freund Robert Schwan davon abgehalten.

Schwan, in den Sechziger- und Siebzigerjahren Manager des FC Bayern und Erfinder der Weltmarke Beckenbauer, habe sich dann lieber allein um alles gekümmert. Habe sich ein Darlehen besorgt, zehn Millionen Franken, von seinem Freund, dem Milliardär und früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus. Das Geld ging nach Katar, an eine Firma, die Fifa-Mann Bin Hammam gehörte. Von dieser Firma wollen Beckenbauer und Radmann aber nie auch nur irgendetwas gehört haben. Mit diesem ganzen Finanzzeugs hätten sie nichts zu tun gehabt. Immer nur der Schwan.

Sicherlich, so Beckenbauer, habe er hier und da was unterschrieben, mal blanko, auf einem weißen Blatt, mal einen Schrieb, ohne den durchzulesen. Da habe er dem Schwan blind vertraut, "ich bin ja kein Finanzgenie". Auch als Louis-Dreyfus drei Jahre später sein Geld wollte, habe er damit nichts zu tun gehabt. Dass der DFB die umgerechnet 6,7 Millionen Euro nicht direkt, sondern über die Fifa an den Milliardär zurückführte, noch dazu falsch deklariert, als Zuschuss für eine Fifa-Gala, ja Herrschaftszeiten, das habe er erst viel später erfahren. 2015, aus dem SPIEGEL.

So geht sie, die Sommermärchen-Version von Franz und Fedor, aber wie es jetzt nach Aktenlage aussieht, ist das eine Märchenversion. Denn wo Radmann wirkt, ist Wahrheit offenbar das, was ihm nützt. Oder nur das, was ihm zu beweisen ist. Und wenn die Erklärungsnot besonders groß ist, spielt sein Gedächtnis, leider, nicht mehr mit. So wie auch der Kaiser seine schwache Erinnerung beklagt, seine Herzoperation, das Alter, das Vergessen.

Die besten Verbündeten des Vergessens sind die Toten, denn Tote reden nicht. Louis-Dreyfus und Schwan - beide längst tot. Doch es gibt Papiere, die nicht schweigen, und ein weiterer Toter hat eine Notizensammlung hinterlassen, die Radmann und Beckenbauer belastet.

Das Jahr 2002, der Beginn der Kreditgeschichte: Am 24. Mai eröffnet in Österreich die Raiffeisenbank Kitzbühel das Konto mit der Nummer 509125. Es läuft auf zwei Namen, Franz Beckenbauer und Robert Schwan. Beide unterschreiben, beide können jeweils allein darüber verfügen. Aber es gibt einen Fingerzeig, dass das Konto in erster Linie Beckenbauer dient: Oben rechts hat der Bankberater "Deviseninländer" angekreuzt. Inländer ist in Österreich nur Beckenbauer, der damals in Oberndorf lebt, am Kaiserweg, wie passend. Schwan hat seinen Wohnsitz in der Schweiz.

Beckenbauer-Bankbelege "Swift dringend!!"

Beckenbauer-Bankbelege "Swift dringend!!"

Es herrscht Eile, nein, mehr als das: Hektik. Alles muss ganz schnell gehen. Noch am selben Tag schicken Beckenbauer und Schwan von dem Konto 1,95 Millionen Franken in die Schweiz; das Geld haben sie sich geliehen, bei ihrer Raiffeisenbank. Es landet bei einem Rechtsanwalt, der seit Jahren Gelddinge für die beiden regelt. "Bitte Swift dringend", steht auf der Überweisung; angeblicher Verwendungszweck: "Erwerb von TV und Marketing Rechten Asien Spiele 2006". Beckenbauer sagt in seiner Vernehmung gegenüber den Schweizer Ermittlern, er wisse auch nicht, was das heißen sollte, er kenne das ja alles gar nicht. Und sein Name auf dem Beleg? Da habe er wohl blind unterschrieben.

Nur 13 Tage später der nächste Auftrag. 1,5 Millionen Franken, wieder geliehen, wieder an den Schweizer Anwalt. Zwölf Tage später die nächsten 1,55 Millionen, "Swift dringend!!". Am 2. Juli eine Million. Das Geld, insgesamt sechs Millionen, schickt der Anwalt gleich weiter. Nach Katar, zur Firma von Bin Hammam. Sechs von zehn Millionen, die der Katarer fordert.

Warum aber haben der Kaiser und sein Berater so viel Druck? Warum so viel Hopplahopp wegen einer Provision für die Fifa? Und warum machen sie das privat? Warum mochte das OK, das von den 250 Millionen profitierte, die Provision nicht stemmen?

Die Schweizer Bundesanwälte stellen Beckenbauer dazu die Killerfrage. Am 8. Mai unterschrieb Beckenbauer den offiziellen Vertrag für den Zuschuss mit dem Weltverband. Darin heißt es, die erste Rate der 250 Millionen fließt am 1. Mai, also sofort, 25 Millionen Franken. Also fragen die Ermittler: Warum zahlen Beckenbauer und Schwan noch Wochen später, im Juni, Geld aus ihrer Tasche, wenn das OK - Präsident: Beckenbauer - im Mai schon auf 25 Millionen Franken sitzt und damit flüssig ist?

Dafür hat Beckenbauer auch keine Erklärung. Was dafür spricht, dass es einen anderen Grund für ihn und für Schwan gab, Geld nach Katar zu schicken. Nicht den 250-Millionen-Zuschuss, nicht die Provision dafür. Nichts, was das Organisationskomitee doch hätte wissen dürfen.

Beckenbauer sagt immer wieder zwei Worte, wie eine Platte, die einen Sprung hat: "Keine Ahnung, keine Ahnung." Alles Schwans Sache. Der starb überraschend am 13. Juli 2002, elf Tage nach der letzten Überweisung an den Anwalt in der Schweiz. Aber merkwürdig: Die Kontobewegungen in Kitzbühel gehen auch nach Schwans Tod weiter.

Am 31. Juli werden bei der Raiffeisenbank Aktien zu Geld gemacht. 4000 Papiere von Bayer, Schering, Infineon, der Deutschen Bank. Das Depot gehört Beckenbauer, ihm allein. Die Bank schreibt: "Wir haben für Sie unten angeführtes Geschäft abgerechnet ...", sie schreibt das an "Franz Beckenbauer", Oberndorf.

Der Verkauf bringt 110000 Euro, sie gehen aufs Konto 509125 - das Konto für die Katar-Transfers. Das stand nämlich gerade im Minus. Wer, wenn nicht Beckenbauer, kann der Bank aber nach Schwans Tod dafür den Auftrag gegeben haben? "Keine Ahnung", sagt Beckenbauer den Ermittlern, vielleicht ja die Bank sich selbst. Da ist endgültig klar, dass von ihm in der Vernehmung nichts mehr zu erwarten ist.

Schon gar nicht zu dem Mysterium, wie in jenen Sommertagen Louis-Dreyfus als Ritter und Retter des Kaisers ins Spiel kam. Beckenbauer behauptet, Schwan sei eng mit dem Milliardär vertraut gewesen, der Schwan müsse das alles noch vor seinem Tod eingestielt haben. Wer denn sonst noch eng mit Louis-Dreyfus gewesen sei, fragen die Ermittler. Könne er nicht sagen, so Beckenbauer. Dafür kann das aber Nicole Junkermann, die damalige Lebensgefährtin des Franzosen, in ihrer Aussage: "Der Einzige", der damals aus dem OK oder dem DFB mit Herrn Louis-Dreyfus "befreundet war, war Franz Beckenbauer".

Am 20. August - da ist Schwan schon einen Monat unter der Erde - überweist Louis-Dreyfus nun zehn Millionen Franken an jenen Anwalt in der Schweiz, der sich auch bisher um alles gekümmert hat. Der zahlt damit die noch fehlenden vier Millionen nach Katar - und sechs Millionen gehen an Beckenbauer zurück, damit der das Darlehen bei seiner Raiffeisenbank in Kitzbühel zurückzahlen kann. Als Verwendungszweck für die zehn Millionen nennt Louis-Dreyfus nicht "Schwan", nicht "WM-OK", schon gar nicht "Provision". Sondern: "F.B.", Franz Beckenbauer.

Für die Ermittler steht damit fest: Erstens, es handelte sich um ein privates Darlehen an Beckenbauer, nicht an das OK - deshalb hätte Beckenbauer es später auch nicht vom DFB an den Franzosen zurückzahlen lassen dürfen. Und zweitens: Den Kredit bekam Beckenbauer zu einem Zeitpunkt, als er der einzige Berechtigte des Katar-Kontos war. Damit ist Beckenbauers Aussage, vom Kredit nichts geahnt zu haben, praktisch widerlegt.

Radmann mit Beckenbauer
Fred Joch/imago Sport

Radmann mit Beckenbauer

Und was ist mit Radmann? Der ja angeblich auch nicht wusste, wie die zehn Millionen Franken nach Katar kamen?

Als die Ermittler in Radmanns Vernehmung ein Papier hervorzaubern, gibt er sich überrascht. Das sehe er, "so denke ich", zum ersten Mal. Das Dokument ist ein Beratervertrag aus dem Mai 2002. Ein Scheinvertrag, denn er hat offenbar nur den Zweck, einen Grund vorzutäuschen, warum Millionen nach Katar gehen. Geschlossen zwischen einer Firma von Schwan/Beckenbauer und einer von Bin Hammam namens Kemco. Demnach sollte die Kemco zehn Millionen Franken kassieren, für all die wichtigen Dienste, die sie der Firma von Beckenbauer und Schwan leistete. Welche Dienste?

Kann Radmann den Ermittlern nicht erklären. Wie auch, wenn es sehr wahrscheinlich nie irgendwelche Dienste gab. Ein belastendes Indiz ist die Faxkennung, die auf Entwürfen dieses Vertrags steht. Die gingen am 22. Mai 2002 von einem Faxgerät zu Schwan in die Schweiz. Und dieses Faxgerät stand: in der Außenstelle München des WM-OK, in der Abteilung von Radmann. Seine Erklärung: Das ganze Büro habe dieses Fax benutzt.

Das kann man eine dünne Erklärung nennen. Aber auch eine dumme. Sofort ziehen die Schweizer ihren nächsten Trumpf.

Anfang Oktober 2002 - da waren die 10 Millionen Franken schon in Katar auf einem Konto der Doha Bank - bekommt Radmann einen Scheck über 1,7 Millionen Franken. Aus Katar. Von ebenjener Doha Bank. Eingelöst wird er auf seinem Schweizer Konto. Gingen also erst 10 Millionen nach Katar und hintenherum 1,7 Millionen an Radmann zurück? Die Ermittler vermuten: ein Kickback, Radmann hätte sich dann einen Teil des Geldes über den Umweg Katar in die eigene Tasche gesteckt. Ein kleiner privater Vier-Augen-Deal mit Bin Hammam, eine Belohnung dafür, dass Radmann ihm das Geld beschafft hatte?

Radmann fällt wieder keine gute Erklärung ein: Er habe vergessen, wofür er die 1,7 Millionen bekommen habe, "das weiß ich nicht mehr". Auch Beckenbauer wird gefragt. Nein, nie gehört, 1,7 Millionen für Freund Radmann? Aber er sei jetzt in seinem 72. Lebensjahr und habe so viel erlebt, dass er den Menschen wirklich alles zutraue. "Das hat nichts mit Fedor Radmann zu tun, sondern ist eine allgemeine Einschätzung unserer Spezies." Zu dieser Spezies gehört allerdings auch Beckenbauer selbst.

Aus dem Grab holt den Fußballkaiser nun die Stimme eines Toten ein, der anders als Beckenbauer und Radmann immer im Ruf stand, äußerst präzise zu sein, zuverlässig, seriös. Ein Schweizer Banker eben.

Sein Name: Hans-Rudolf Wegmüller, Kundenbetreuer bei der BNP Paribas in Zürich. Der Betreuer von Louis-Dreyfus in der Zeit des Kredits an Beckenbauer.

Wegmüller starb 2013, hinterlassen hat er seine "Noten". So nennt der Banker die Protokolle seiner Treffen mit Louis-Dreyfus, seinem wichtigsten, am Ende einzigen Kunden. Der Name Beckenbauer, genauer gesagt, "F.B.", taucht darin zum ersten Mal am 11. August 2002 auf. Schwan war knapp einen Monat tot, da heißt es: "F.B.", ein "guter Freund" von Louis-Dreyfus, brauche Geld, aus einem "klar definierten Grund", sechs Millionen Franken für sechs bis acht Monate.

Was für ein Grund das ist, schreibt Wegmüller nicht, aber er habe am Wochenende deshalb Kontakt mit Beckenbauers Vertreter gehabt - in späteren Notizen fällt der Name dieses Vertreters: Radmann. Es handele sich um einen "persönlichen Kredit" von Louis-Dreyfus an "F.B. (eine international anerkannte, absolut saubere Persönlichkeit)". Beckenbauers Mann habe schon angekündigt, am Ende werde es nicht um sechs, sondern zehn Millionen gehen.

Die Notizen widerlegen die Ahnungslosigkeit des Fußballkaisers, wie und warum die Millionen flossen. Und sie bestätigen die Ermittler in ihren Schlüssen: Die Schweizer glauben nicht, dass Schwan das alles schon eingestielt hatte, vor dem 13. Juli, seinem Todestag. Sondern dass der Kreditwunsch erst im August an Louis-Dreyfus herangetragen wurde.

Robert Louis-Dreyfus
pixathlon / Abaca

Robert Louis-Dreyfus

In diesem Fall hätte nicht Schwan, sondern "Freund" Beckenbauer den Franzosen um den Kredit angebettelt, wer sonst? Nein, diese Notiz sei für ihn ein "böhmisches Dorf", sagt Beckenbauer, als man ihm den Vermerk vorhält. Und bleibt dabei: Keine Ahnung, er habe mit dem Kredit nichts zu tun gehabt.

Die nächste "Note" von Wegmüller am 7. Mai 2003; Louis-Dreyfus habe sich mit Beckenbauer "und seinem Vertrauten Fedor Radmann" getroffen. "Nach Aussprache unter den Parteien" sei der Kredit verlängert worden, Wegmüller solle die Zinsen berechnen und "Radmann mitteilen". In der Note steht weiter, die Zinsen, 130770 Franken, habe man Radmanns Assistentin am 7. Mai übermittelt. Frage an Beckenbauer: keine Ahnung. Radmann: keine Erinnerung.

Note vom 20. Juni, der Kredit ist noch offen: Sollte keine "Rückzahlung durch FB signalisiert" werden, solle Wegmüller "mit Herrn Radmann Kontakt aufnehmen". Beckenbauer, Radmann: keine Ahnung.

Note vom 25. März 2004: Louis-Dreyfus habe gebeten, mit dem Steuerberater von Beckenbauer Kontakt aufzunehmen. Beckenbauer, Radmann: keine Ahnung.

Note vom 12. Mai: Demnächst werde es in Basel ein "Meeting" mit den "notwendigen Leuten" geben, unter anderem "FB"; es gehe um die Rückzahlung. Beckenbauer, Radmann: keine Ahnung.

Note vom 7. Juli nach dem Treffen in Basel, für das Louis-Dreyfus, Beckenbauer, aber auch ein hoher Fifa-Mann auf der Gästeliste standen: Der Kredit solle noch mal verlängert werden.

Note vom 2. Februar 2005: Louis-Dreyfus bitte darum, mit "Günter N. das Problem jetzt zu lösen". Günter N. ist Günter Netzer, der Ex-Fußballer, Beckenbauer-Freund und Geschäftspartner von Louis-Dreyfus. Er arbeitet als Manager in dessen Sportrechtefirma Infront.

Dann die Note vom 9. Mai 2005: Der "Kredit F.B." sei "endlich zurückbezahlt"; wie, steht dort nicht. Aber Netzer hatte in der Zwischenzeit immer wieder beim Finanzchef des deutschen WM-OK nachgebohrt, Horst R. Schmidt. Der hatte schließlich einen Weg gefunden, die 6,7 Millionen Euro zurückzuzahlen: aus dem WM-Etat. Getarnt als Zuschuss der Deutschen für eine Fifa-Gala zum WM-Auftakt 2006. Das Geld lief mithilfe jenes hohen Fifa-Mannes, der im Jahr zuvor schon beim Treffen in Basel dabei sein sollte, an Louis-Dreyfus zurück. Aber auch davon wollen Radmann und Beckenbauer nichts gewusst haben. Auch daran, dass er 2002 einen Schuldschein unterschrieben hatte, kann sich Beckenbauer angeblich nicht erinnern.

Note vom 9. Mai: Der Schuldschein "von F.B." befinde sich bei ihm, Wegmüller, und werde Beckenbauers Finanzberater ausgehändigt. Der Finanzberater verweigerte die Aussage.

Neun Noten eines Toten, der keinen Grund zum Lügen hatte, und jede sagte: Beckenbauer war der Kopf, der alles wusste, Radmann seine Hand, die alles fingerte. Dagegen steht heute das Wort von Beckenbauer: keine Ahnung. Das von Radmann: keine Erinnerung. Das Wort zweier Männer, die ein Motiv haben könnten für: keine Wahrheit.

Ganz beendet war die Sache aber noch immer nicht: Zurück kam das Geld in Euro. So wie der Wechselkurs stand, fehlten gut 30000 Franken. Wegmüllers Note vom 20. Juni 2005: Das sei aber kein Problem; Louis-Dreyfus werde "durch den Schuldner anderswie bezahlt". Anderswie?

Man kann durchaus eine Ahnung bekommen, wie diese letzten Franken verrechnet wurden. Die Finanzbeziehung zwischen der Beckenbauer- und der Louis-Dreyfus-Seite war noch längst nicht beendet. Man schätzte sich, kam miteinander ins Geschäft. Immer wieder, und immer wieder in schmuddelige Geschäfte.

Für das erste muss man noch mal zurück ins Jahr 2003: Fedor Radmann, Ex-Agent der "Turnschuh-CIA", hatte einmal zu viel getrickst. Der Vize des WM-Organisationskomitees hatte nebenher zwei Beraterverträge, einen mit Adidas, einen mit dem Kirch-Konzern, dem die WM-Fernsehrechte gehörten. Offenbar wusste das nur Beckenbauer. Dann kamen noch Radmanns Verbindungen zu zwei Werbeagenturen auf, und er geriet so unter Druck, dass er im Juni 2003 das OK verlassen musste.

Aber Radmann wäre nicht Radmann, wenn nicht noch etwas für ihn herausgesprungen wäre. Er pokerte um die Abfindung, bekam 250000 Euro, dazu noch mal 429505 Euro "Provision", die ihm angeblich für "Sponsoring-, Werbe- und Finanzierungsverträge" zustanden. Das Wichtigste aber: Er bekam vom OK sofort einen Beratervertrag, der in den Akten liegt. Und was für einen: pauschal 320000 Euro im Jahr, Flüge immer Businessclass in Europa, First Class weltweit. Das war Radmann aber noch nicht genug. Im Herbst 2004 sahnte er gleich noch einen Beratervertrag ab, der zeigt, wie schamlos er trickste: Dieses Arbeitspapier galt rückwirkend. Darin steht: In Wahrheit hätten sich die Parteien schon früher mündlich auf eine Zusammenarbeit geeinigt. Zu einer Zeit, als Radmann noch im OK saß und das hätte öffentlich machen müssen.

Mit dem Vertrag, dotiert auf 250000 Franken im Jahr, für 20 Tage Arbeit, schließt sich der Kreis: Radmann wurde heimlich Berater des Rechtevermarkters Infront. Der Eigentümer: Robert Louis-Dreyfus. Der Manager: Günter Netzer. Und während Radmann damit offiziell Berater der deutschen WM-Macher war und diskret Berater der Infront, verlängerte die Infront im Herbst 2004 einen Vertrag mit dem DFB. Ohne öffentliche Ausschreibung. Trotz anderer Interessenten. Für fünf weitere Jahre durfte Infront bei Spielen der deutschen Nationalelf die Werbebanden im Stadion vermieten.

Radmann spielt das herunter: Er habe Louis-Dreyfus nur ganz am Anfang mal beraten, als der die Infront gegründet habe. Wirklich? Radmanns Vertrag lief nämlich über drei Jahre. Netzer kann sich bei einer Vernehmung in Frankfurt angeblich zunächst gar nicht erinnern. Mit Radmann habe er schon seit den Achtzigerjahren geschäftlich nichts mehr zu tun gehabt. Dumm nur, dass Netzers Unterschrift unter dem Infront-Vertrag mit Radmann von 2004 steht. Bei den Freshfields-Anwälten war Netzer 2015 gesprächiger gewesen. Radmann habe der Infront "Türen öffnen und Kontakte verschaffen sollen".

Türen wo? Beim DFB? Beim WM-OK?

Und warum bekam Radmann 2007, da war der Vertrag schon ausgelaufen, plötzlich einen Scheck über 5,4 Millionen Schweizer Franken? Von Louis-Dreyfus? Die Hälfte überwies er weiter an Beckenbauer. Diesmal weiß Radmann in seiner Vernehmung sofort, worum es geht, will es den Staatsanwälten aber nicht verraten. Nur, dass die Infront-Gruppe bei der Zahlung "sicher zum Thema" gehörte und Beckenbauer ihm bei dem Geschäft geholfen habe. Warum notierte die Bank von Louis-Dreyfus aber dazu: "Beratungsgebühr für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland"? Radmann: Das sei falsch.

Was heißt das aber nun alles für die Weltmeisterschaft: War sie gekauft? Oder doch nicht?

So wie die Schweizer Ermittler fragen, wie sie Beckenbauer und Radmann Papier um Papier vorhalten, wie sie damit beide an den Rand der Lächerlichkeit treiben, der Demütigung, glauben sie wohl kaum an die Version von der Provision für einen Fifa-Zuschuss. Halten das alles für eine Kulisse, hinter der etwas anderes steckt. Dass Beckenbauer und sein Manager Schwan für den Zuschuss Millionen aus der eigenen Tasche vorstreckten, als das OK schon auf 25 Millionen Franken saß, das nehmen sie dem Kaiser anscheinend nicht ab.

Was aber soll sich sonst dahinter verbergen, wenn nicht Schmiergeld für den Katarer Bin Hammam? Und wenn das so ist: Schmiergeld wofür?

Ein Papier, das die Fahnder Radmann vorhalten, stammt aus seiner eigenen Feder. Es ist der Entwurf eines Briefes vom März 2001 an Louis-Dreyfus. Der Franzose hörte damals als Adidas-Chef auf, Radmann bedankte sich für die gute Zusammenarbeit: "Insbesondere in den doch spannenden Zeiten der WM-Bewerbung für 2006 waren Sie ein effizienter Berater, Unterstützer und Helfer." Radmann weiß angeblich nicht mehr, warum Louis-Dreyfus damals ein "effizienter Helfer" war.

Fifa-Funktionäre Warner, Bin Hammam 2009
imago Sportfotodienst

Fifa-Funktionäre Warner, Bin Hammam 2009

Bleibt die Frage, wo die zehn Millionen Franken, die 2002 an Mohamed Bin Hammam gingen, am Ende gelandet sind. Bei Jack Warner, jenem Wahlmann aus Trinidad und Tobago, der als notorisch korrupt bekannt ist? Warner hatte wenige Tage vor der WM-Vergabe einen Vertrag mit Beckenbauer gemacht, ausgehandelt von Radmann. Einen Vertrag, der ganz schnell fertig werden musste. Er bescherte Warner persönlich 1000 Eintrittskarten der teuersten Kategorie für die WM 2006. Warner soll am Tag der Entscheidung für Deutschland gestimmt haben.

Nach dem Zuschlag für Deutschland ließ der DFB den Vertrag aber platzen, und wer Warner kennt, kann sich dessen Wut gut vorstellen. Wollte er auspacken; sollte er deshalb stillgestellt werden? Dass der Katarer Bin Hammam schon mal Geld an Warner zahlte, ist belegt; Warner bestreitet jede Korruption.

Möglicherweise sehen die Ermittler aber bald klarer: Anfang Oktober soll in Bern ein Zeuge aussagen. Sein Name ist auf den Kopien, die an die Anwälte gingen, geschwärzt, ein ungewöhnlicher Vorgang. Lüftet er das Geheimnis?

Die Ermittlungen im Sommermärchen - sie laufen nun schon zwei Jahre. Beckenbauer hat in dieser Zeit seine Glaubwürdigkeit verloren und seine Gesundheit. Die einen schieben es auf die Herzoperation, von der er sich nur schwer erholt, die anderen auf den Skandal, von dem er sich gar nicht mehr erholt: Er geht kaum noch aus dem Haus in Salzburg. "Er kann nicht mal mehr Golf spielen", sagt ein Ex-Nationalspieler.

Aber Beckenbauer will wohl auch nicht mehr. Nicht weiter unter Leute gehen. In jene Öffentlichkeit, die ihn ein Leben lang verehrt hat, nun aber mit jener Härte betrachtet, zum Teil auch verachtet, die schon immer das Schicksal gestürzter Monarchen war.

Das Verhältnis zu seinem "siamesischen Zwilling" Radmann soll kühl geworden sein. Kaum noch Treffen, kaum noch Telefonate, heißt es. "Geschäftlich müssen sie noch reden, aber ansonsten meidet der Franz den Kontakt", sagt einer, der beide kennt. Sie haben zwar noch zusammen eine Firma, die in Südafrika ein Weingut führt, aber ein enger Bekannter von Beckenbauer erzählt, dass seine Frau Heidi im Freundeskreis schon mal losschimpfen kann. Ihr Mann sei doch von Leuten wie dem Radmann immer nur ausgenutzt worden, und nun stecke er im Sumpf.

Schwer zu sagen, ob das so stimmt; zu Beckenbauers Rückzug ins Private gehört auch, dass er zu Fragen des SPIEGEL nichts sagt. Die Welt da draußen ist nicht mehr seine Welt. Er war der Kaiser. Nun ist der Kaiser nackt. Man kann schon verstehen, dass er so nicht mehr vor die Tür will.



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