AfD-Chefin Petry im Porträt "Frauke, ich habe Angst um dich"

Frauke Petry war: Chemikerin, Pfarrersfrau, Unternehmerin, vierfache Mutter. Frauke Petry ist: Politikerin, Populistin, bald fünffache Mutter. Wie wurde sie, was sie ist? Eine Spurensuche.

AfD-Chefin Petry
Sven Doering/ DER SPIEGEL

AfD-Chefin Petry


Das Fenster zum Hof steht offen. Frauke Petry will ein Stück vom Frühling hereinlassen, sagt sie. Ihr Landtagsbüro liegt noch im Schatten, die Sonne hat es schwer, zur Fraktionsvorsitzenden der AfD vorzudringen. Sie sieht blass aus, hat die vergangene Nacht kaum geschlafen. Außerdem tut ihr die Schulter weh. Sie habe ja jede Menge mit sich rumzuschleppen, sagt sie, stemmt die Hände in die Hüften und lacht.

Wahrscheinlich redet sie über das Kind in ihrem Bauch. Aber man kann sich nicht sicher sein.

Man scheut sich, vor allem als Journalist, dem Menschen Frauke Petry zu begegnen. Die Tränen, das Lachen, die Männer, die Kinder. Sie spielt Orgel. Sie spricht fließend Englisch und Französisch. Das alles bringt sie einem nah. Zu nah, fürchtet man.

Sicher, sie hat die Hände auf dem Bauch, aber vielleicht meint sie Querelen in der Partei, wenn sie von der Last spricht, die sie tragen muss, die Diskussionen um die Größe der Führungsgruppe, mit der die AfD in den Bundestagswahlkampf gehen will, die alten Männer, der schlagende nationalkonservative Flügel. Die zurückgehenden Umfragewerte. Schulz. Erdogan. Höcke.

DPA / MONTAGE: DER SPIEGEL

Beim letzten Gespräch mit ihr hatte ihr europäischer Bündnispartner Geert Wilders in den Niederlanden gerade bei der Wahl enttäuscht. Ende April tagt der AfD-Parteitag, der sie wahrscheinlich zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl im Herbst küren wird. Sie ist die Frau, die den Rechtsnationalismus in Deutschland zurück in den Bundestag führen wird.

Sie meint das Kind in ihrem Bauch. Klar. Aber was heißt das schon. Es ist Frauke Petrys Kind von Marcus Pretzell. Wenn man sie nach dem Geburtstermin fragt, sagt sie: "Nach den Wahlen in NRW und vor denen zum Bundestag."

Sie hat schon vier Kinder, einen Exmann sowie einen neuen, der ebenfalls vier Kinder mitbringt und bei der AfD arbeitet. Sie hat die zerstrittene Partei im Nacken und alle anderen Parteien sowieso. Wie will sie denn das schaffen?

"Ich habe alle meine Kinder im Arbeitsprozess bekommen. Ich habe mit Kleinkind promoviert, mit Kleinkindern 'ne Firma aufgebaut. Das wird schon. Für die Veranstaltungen im Sommer und Herbst gibt's Vorlagen, was die jeweiligen Landesverbände an Infrastruktur vorhalten müssen, da kommt jetzt halt noch 'n Babysitter hinzu. Die alten Damen sind sehr interessiert, und in dem Alter ist es dem Kind relativ egal, wer es durch die Gegend schiebt", sagt Frauke Petry.

Sie lacht wieder, ein lautes, klirrendes Lachen. Ihre weit auseinanderstehenden Augen erinnern an die von Sid, dem liebenswürdigen Faultier aus "Ice Age".

Im Regal des Landtagsbüros liegt ein Kinderfahrradhelm, an den Wänden hängen Puzzles, die sie selbst gelegt hat. Sie hat den besten Haarschnitt in der deutschen Spitzenpolitik. Sie fährt keine schwarze Staatskarosse wie andere Fraktionsvorsitzende Sachsens, sondern einen Seat-Van.

Es ist alles Teil ihres Erfolgs und ihres Problems. Sie wirkt oft nicht so, wie man sich die AfD vorstellt. Wenn man die Frau in diesen wichtigen vergangenen Monaten ihres Lebens beobachtete, wirkte sie oft nicht mal so, wie man sich eine Politikerin vorstellt.

Doch sie hat Wilders, der wirklich so unheimlich aussieht, wie er ist, zu seinem Wahlergebnis gratuliert. Sie hat Donald Trump, bei dem Politik und Aussehen ebenfalls übereinstimmen, zu seinem Wahlsieg ein Glückwunschtelegramm geschickt. Sie hat gestern im Sächsischen Landtag eine Rede zum 60-jährigen Jubiläum der Römischen Verträge gehalten, in dem sie das Europaparlament eine Horde von Apparatschiks und Bürokraten, eine Steuerverschwendungsmaschine genannt hat. Sie hat den Nationalstaat beschworen, während draußen die Elbe in der Frühlingssonne glitzerte. An den Innenwänden ihres Büros hängen Kinderzeichnungen, an den Außenwänden hängt ein Bismarck-Porträt. Sie spricht auch vor Leuten, die so dampfen, als würden sie die nächste Moschee anzünden, wenn sie sie dazu aufforderte.

Sie zerfließt vor unseren Augen.

Sie sagt: "Die Bereitschaft, jeden Unsinn über mich zu glauben, der über die sozialen Medien verbreitet wird, ist bis heute sehr groß, und da kommt's dann zu witzigen Vermutungen, dass ich bei den Bilderbergern gewesen sein könnte, dass ich vom Mossad bezahlt werde, dass ich ein U-Boot sei. Man muss eine Lüge nur lange genug verbreiten, damit sie zur Wahrheit wird. Diese Verhaltensmuster sind in meiner jungen Partei noch einmal besonders ausgeprägt."

Ein U-Boot also. Mal sehen, wo es herkommt.

Frauke Petry wurde am 1. Juni 1975 in Dresden geboren. Sie ist damit die jüngste unter den ernst zu nehmenden deutschen Politikerinnen. Aber sie hat schon mehr erlebt als die meisten. 1975 ist erstaunlich lange her. Petry hieß damals Marquardt, Gerald Ford war US-Präsident, die Sowjetunion hatte doppelt so viele Panzer wie der Westen, und die Uno hatte 1975 zum Jahr der Frau ausgerufen. Im Februar lehnte das Bundesverfassungsgericht die Neuregelung des Abtreibungsparagrafen 218 ab, in der DDR waren Schwangerschaftsabbrüche in den ersten zwölf Wochen bereits legal. Es waren noch 14 Jahre bis zum Fall der Mauer.

Frauke Marquardt wurde in einem Dresdner Krankenhaus geboren, aber die Familie lebte in Schwarzheide, einem Chemienest am Rande der Autobahn Richtung Berlin.

Noch heute kann man sich vorstellen, wie es dort damals aussah. Es riecht besser, die Straßen sind glatter, aber sonst hat sich nicht viel verändert. Altneubauten, Eigenheime und ein sonderbarer Turm in der Mitte. Eine Schlafstadt der BASF. Menschen sieht man nicht, nur ab und zu ein Auto. Das einzige Geschäft in der Innenstadt ist die Fahrschule Schmidt. Die Schule steht noch, die Grundschule Schwarzheide-Wandelhof.

Es ist ein Schultag, aber man hört keine Kinderstimmen. Eine Tür an der Seite steht offen, ein langer Flur, Garderobenhaken, Kinderjacken, Stille. Man denkt an ein Unglück, aber dann geht eine Tür auf, und eine ältere Dame erscheint. Das ist die Schulleiterin, Elke Voigt. Sie ist seit 1985 hier, sagt aber schnell, dass sie sich nicht an Frauke Marquardt erinnern könne. Sie weiß nur, dass sie in dem Teil der Schule lernte, der inzwischen abgerissen wurde. Sie wirkt erleichtert. Aber das kann täuschen.

Mutter Petry in ihrer Firma Purinvent in Leipzig 2011: "Ich habe alle meine Kinder im Arbeitsprozess bekommen"
Sebastian Willnow/ DDP Images

Mutter Petry in ihrer Firma Purinvent in Leipzig 2011: "Ich habe alle meine Kinder im Arbeitsprozess bekommen"

Wieso ist es eigentlich so still?

"Bei uns herrscht Ruhe und Ordnung", sagt die Direktorin.

Hinter ihr steht das Motto der Schule an der Wand: "Willst du einen Berg besteigen, beginne mit dem ersten Schritt."

Frauke Petry war 14, als sie diese Welt verließ. Ihre Erinnerungen wirken schwarz-weiß, eine Märchenwelt, die mit guten und bösen Charakteren bevölkert ist. Ihr Haus, vom Vater gebaut, stand am Waldrand, sie konnte überall mit dem Fahrrad hinfahren, sagt sie. Im Garten standen viele Obstbäume, die der Vater und der Großvater gepflanzt hatten. Insgesamt 26 Stasispitzel seien auf ihre Eltern angesetzt gewesen, sagt Frauke Petry, viele aus dem engsten Umfeld. Sie habe nie in die Akte geschaut. Es sei nicht ihr Leben gewesen. Sie hat gute Erinnerungen an ihre Klavierlehrerin und den Werklehrer, der ähnliche Abneigungen gegen die DDR hatte wie ihr Vater. Als sie das Land verließen, kaufte er ihnen den alten Wartburg ab.

Solange sie denken konnte, redete ihr Vater von Flucht. Er kam als Kind aus Schlesien in die Oberlausitz und wurde hier anscheinend nie richtig heimisch. 1989, kurz vorm Fall der Mauer, blieb er bei einer Besuchsreise im Westen. Die Familie folgte im Februar 1990. Als die Familie ihres Vaters aus Schlesien floh, habe die nur den Kinderwagen und den Schmalztopf dabeigehabt, sagt Frauke Petry. Sie konnte sogar ihre beiden Katzen mitnehmen. Eine verschwand jedoch auf dem Parkplatz, kurz vor Eisenach. Ein Kater.

"Er ist noch im Osten ausgebüxt, das dumme Vieh", sagt Frauke Petry.

Es war Februar, aber sie glaubt sich noch an die Farben des Westens zu erinnern. Die Abwesenheit des Staubes, des Kohlenrußes. Es roch anders.

In ihren Reden verteidigt und attackiert Frauke Petry den Osten abwechselnd. Er ist ein Argument. Manchmal spricht sie von Unrechtsstaat, der Gängelung und Propaganda, manchmal von den tüchtigen Ostlern, dem ostdeutschen Humor, manchmal sagt sie: Geschichte ist nicht singulär. Das hätte im Westen auch alles so passieren können.

Ihre erste wirkliche Westerfahrung war eine Demütigung.

"Der Rektor des Aplerbecker Gymnasiums in Dortmund wollte mich auf die Realschule schicken", sagt sie. "Meine DDR-Lehrer hatten mir ja akribisch alle im ersten Halbjahr erteilten Zensuren kurz vor der Zeugnisausgabe aufgeschrieben. Aber der Westdirektor sagte meiner Mutter: ,Die Einsen im Osten sind nichts wert.'"

Nach einem halben Jahr Dortmund zog die Familie weiter nach Bergkamen.

"Ich bin vom Braunkohlen- in den Steinkohlenpott gezogen", sagt Frauke Petry. "Bergkamen war ja auch 'ne Industriegründung. Schön sind die Städte beide nicht."

Da hat sie recht. Das Bergkamener Rathaus sieht aus, als hätten es die Stadtväter von Schwarzheide gespendet. Es gibt ein verrammeltes Einkaufszentrum, die Wohnhäuser scheinen alle zwischen den Fünfziger- und Siebzigerjahren gebaut worden zu sein. Drei- oder vierstöckig, winzige Fenster. Die Menschen auf der Straße sehen aus, als würden sie frieren.

Das Gymnasium liegt am Stadtrand. Es hat das Motto: "Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage".

Heinrich Peuckmann war hier Lehrer. Ein lebenslustiger Ruhrgebietsmensch, der sein Mittagessen teilt, wenn ein Gast kommt. Man solle nie über Exschüler reden, sagte er, schon gar nichts Schlechtes. Aber als Petry von der "Ethnisierung von Gewalt" sprach und Teile von Bergkamen als No-go-Zone bezeichnet hat, in die sich die Polizei nicht mehr traue, ist ihm der Kragen geplatzt. "Frauke Petry ist vielleicht intelligent, aber nicht klug", schrieb Peuckmann auf Facebook. "Denn dazu gehört Moral." Er hat einen derartigen Shitstorm über sich ergehen lassen müssen, dass er beschloss, nichts mehr über Frauke Petry zu sagen. Eigentlich. Denn natürlich ist das Bedürfnis, sich von der AfD-Chefin zu distanzieren, groß.

Man hat das Gefühl, man folge den Spuren einer Kindermörderin, wenn man Petrys Vergangenheit besucht. Von uns hat sie das nicht, rufen die Leute.

Der Chemielehrer Harald Sparringa aber redet über Frau Petry wie ein betrogener Liebhaber. Er hat auf seinem Rechner eine Akte angelegt, die ihren Namen trägt. The Frauke-File. Hier sind ein paar Zeitungsartikel abgespeichert, in denen er sich von seiner ehemaligen Lieblingsschülerin distanziert, regional und überregional. Auf Facebook bat er ehemalige Mitschüler, ihre Erinnerungen an sie aufzuschreiben. Eine Frau schreibt da, wie sie sich damals alle gewundert hätten, dass Frauke Marquardt den Sven Petry abbekommen hatte, der einer der angesehensten Schüler der Klasse war. Sie selbst sei ja eher Außenseiterin gewesen, schon wegen der seltsamen Klamotten, die sie getragen habe. Die Ostklamotten. Sparringa lächelt traurig.

Es gibt ein Foto der Schülerin Marquardt in seinem Frauke-Ordner, das sie in weichem Licht zeigt, in einem Türrahmen, ein schwärmerisches Bild.

Sie ist auch deshalb Chemikerin geworden, weil sie seinen Unterricht liebte. Sie weinte, wenn er ihr eine Zwei gab, aber das musste er nicht oft tun. Sie war hier zu Besuch, im Wintergarten, auch nach dem Abitur, als sie nach England ging und später nach Göttingen, wo sie promovierte. Sie kam mit Sven, den sie heiratete, später brachte sie die Kinder mit. Sie gehörte zur Familie. Aber mit ihrem politischen Engagement zerfiel das. Wenn er sie heute im Fernsehen sehe, bekomme er einen Schreck, meint Sparringa.

"Die Mimik, die Gestik, dieses Herrische und Herablassende hat nichts mehr mit der liebenswerten Person von damals zu tun", sagt er.

Aber er kommt nicht von ihr los. In fast allen Zeitungsartikeln, in denen der Chemielehrer auftaucht, erscheint seine letzte Nachricht an Frau Petry.

"Frauke, ich habe Angst um dich."

Frauke Petry könne sich an die SMS nicht erinnern, sagt sie. Sie sagt: "Ich kämpfe in der Politik so viele Kämpfe, das muss ich nicht auch noch im Privatleben haben. Klar tut es mir leid um die Beziehung zu meinem Chemielehrer. Der war ein wichtiger Freund. Warum erklärt ein Mann, der so viel von mir hält, seine Probleme in der Zeitung? Ist mir unverständlich. Es war Teil einer öffentlichen Distanzierung."

Es ist ein Dezemberabend im vergangenen Jahr, als sie das erzählt. Sie sitzt im Foyer des Dresdner Parlaments, wo zwei Tage lang über den sächsischen Haushalt beraten wird. In seiner Eröffnungsrede sprach Ministerpräsident Stanislaw Tillich viel über Populisten, denen man nicht das Spielfeld überlassen dürfe. Trump ist gerade als Präsident gewählt worden, alle wirken aufgeschreckt, wollen etwas tun. Und weil Amerika so weit weg ist, bekämpfen sie eben die AfD-Fraktion. Mitunter hatte man den Eindruck, Tillich halte seine große Haushaltsrede direkt für Frauke Petry, die auf dem vordersten Einzelplatz der rechten Fraktion am nächsten zum Rednerpult sitzt. Meist lächelt sie durch all die Anwürfe hindurch. Ein gespielt fassungsloses Lächeln.

Die AfD bringt in dieser Haushaltsdebatte 220 Änderungsanträge ein. Sie bekommt für keinen dieser Anträge auch nur eine einzige Stimme einer anderen Partei. Die meisten Parlamentarier der etablierten Parteien grüßen die AfDler nicht, wenn sie sie auf dem Flur treffen.

Es ist kurz vor elf an diesem Abend, Frauke Petry wirkt müde. Eigentlich müsste sie die Kinder zum Schwimmen fahren, morgen früh in Leipzig, aber die Debatte geht bis Mitternacht und wird morgen um neun Uhr fortgesetzt. Sie schläft in Dresden. Gerüchte, dass sie wieder schwanger sei, sickern durch. In zwei Tagen soll es eine Pressekonferenz in Berlin geben, bei der erwartet wird, dass sie ihre Schwangerschaft verkündet. Dabei geht es nur um die Wahl in Nordrhein-Westfalen, wo ihr künftiger Mann für die AfD kandidiert. Dresden, Leipzig, Berlin, Düsseldorf. Sie müsste an verschiedenen Orten gleichzeitig sein, alle Feuer austreten. Alle Welt hat sich gegen sie verschworen. Sie erzählt eine Geschichte, die sie gerade in den Nachrichten gelesen hat. Ein Urlaubsflieger musste in Neufundland zwischenlanden, weil ein Passagier einen Schlaganfall erlitten hatte, deutsche Fluggäste protestierten dagegen. Manche wurden fast tätlich.

Sven Petry will nicht über seine Exfrau sprechen - dann redet er viereinhalb Stunden.

"Was ist bloß mit den Menschen los?", fragt Frauke Petry.

In diesem Moment wirkt sie haltlos, schwach und verletzlich. Man vergisst ihr öffentliches Bild. Aber schon am nächsten Morgen kehrt sie als Frauke Petry zurück.

Schwarzheide und Bergkamen sind Städte, aus denen man eigentlich nur fliehen möchte. Reading sei eine College-Stadt gewesen, auch nicht besonders schön, sagt sie. Dort habe sie vor allem gelernt, wie stolz man auf sein Land sein kann. Die Verklemmtheit der Deutschen mit ihrer Nationalität sei den Engländern total fremd. Göttingen war, so sagt sie, der erste selbst gewählte Wohnort. Hier leben die Petrys von 1998 bis 2007, hier werden ihre ersten Kinder geboren, die Eltern promovieren. Frauke Petrys Leben liegt offen vor ihr, sie weiß nur, dass sie nicht für eine der großen Chemiefirmen arbeiten will, zu denen sie guten Kontakt hat. Bayer oder BASF. Diese festgefahrenen Strukturen, Hierarchien stoßen sie ab.

Irgendwann entsteht die Idee, aus einem Patent ihrer Mutter, die ebenfalls Chemikerin ist, ein Unternehmen zu formen. Es geht um einen Füllstoff für Gummireifen. Sie bemühen sich um Finanzierungen für eine Gründung und finden sie ausgerechnet in Sachsen, im Osten, wo Frauke Petry nie wieder hinwollte. 2007 zieht die junge Familie Petry nach Leipzig. Sven Petry, der Theologie studiert hat, findet eine Stelle bei der sächsischen Landeskirche. Er wird Vikar in Leipzig, bevor er im Jahr 2009 eine Pfarrstelle in Tautenhain bekommt, einem kleinen Ort im Süden Leipzigs.

"Ich habe Sachsen nie als Kulturschock empfunden", sagt Sven Petry. "Ich komme aus Westfalen, der natürliche Feind da ist der Rheinländer."

Er sitzt im Büro seines Pfarrhauses, draußen ist es dunkel, die Kinder sind bei seiner Exfrau. Sie teilen sich die Zeit, so gut es geht. Die Kinder sind in diesem Moment 5, 7, 11 und 14 Jahre alt. In einer Ecke liegen ein paar der neuen Lutherbibeln, an den Wänden Puzzlebilder. Ein Familienhobby offensichtlich. Es gibt Filterkaffee und Selters, Sven Petry sagt gleich am Anfang, dass er nicht über seine Exfrau reden möchte und redet dann viereinhalb Stunden lang.

Ruhig, besonnen, ohne Bitternis. Er erzählt die Geschichte einer deutschen Ehe.

Sie lernten sich auf dem Gymnasium kennen. Sie waren beide gute, interessierte Schüler. Aber Frauke war besser. Sie hat mit Abstand das beste Abitur gemacht. Sie habe 120 Prozent gegeben, sagt er, er nur 95. Für ihn war die Zwei 'ne gute Note, für sie war es ein Versagen. So ein Ostding, glaubt Petry. Frauke spielte in der Kirche seines Vaters Orgel, auch in anderen Kirchen. Es war eine finanzielle Sache, es machte sie unabhängig. Ihre Väter starben früh, Fraukes 1999, seiner 2000.

Politisch waren sich die Petrys meist einig, ihre Haltung war eher konservativ als sozialdemokratisch. Sie mochten Angela Merkel, bis die anfing, ihre Politik als alternativlos zu verkaufen. Sie wunderten sich über die abrupte Energiewende nach Fukushima, weil die nicht diskutiert, sondern verordnet wurde. Aber der Punkt, an dem sie wirklich ärgerlich wurden, war die Euro-Rettungs-Geschichte, sagt Sven Petry. "Wer die Pakete anzweifelte, wurde öffentlich gemaßregelt. Wer bezweifelte, dass man mit einer gemeinsamen Währung grundsätzlich besser dran ist, war reaktionär. Das hat was bei ihr ausgelöst. Es hat Frauke an ihre Kindheit erinnert, in der es immer zwei Wahrheiten gab, die private und die öffentliche", sagt er.

Als ihre Mutter sie im Jahr 2012 auf eine Veranstaltung der "Wahlalternative 2013" aufmerksam machte, die in der Nähe stattfand, war Frauke Petry Feuer und Flamme.

"Sie fiel gleich auf", sagt Sven Petry. "Eine junge Frau, gut aussehend, nicht auf den Mund gefallen, bereit, Verantwortung zu übernehmen."

Wieso ist er nicht mitgegangen?

"Einer musste ja auf die Kinder aufpassen", sagt Petry.

Petrys Mutter möchte nicht reden. Man kann aber nachlesen, was Renate Marquardt über Deutschland denkt. 2004 hat sie im Selbstverlag einen schmalen Band mit Spottgedichten herausgegeben. Das Buch heißt "ausgetrickst & angeschmiert". Die Autorin beklagt, wie die deutsche Gesellschaft von Dummen, Ideologen und Bürokraten zerrüttet wird; wie wenig der Geist und die Kraft der Frauen im Lande gilt; sie beschreibt die Ohnmacht bei der Umschulung, der Firmenpleite, der Arbeitslosigkeit, beim Hausbau und im Straßenverkehr - und auch, wie sehr sich der Westen über den Osten erhebt.

Das Gedicht "Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen" liest sich wie das gereimte Programm der AfD, obwohl es mindestens zehn Jahre vor der Parteigründung geschrieben wurde. Lügenpresse, Genderwahn, Politikerelite, Bürokratie, Verblödung, Ostbashing kommen vor, aber auch der fehlende Nationalstolz.

"Ein anderer Fakt sei noch genannt Stolz, Nation, Heimat, Vaterland das sind verbotene Vokabeln Sie kennzeichnen den miserablen und unverbesserlichen ,Rechten'wer Deutschland liebt, den muss man ächten."

Man kann sich vorstellen, warum Renate Marquardt ihre Tochter 2013 zu einer Versammlung der Wahlalternative geschickt hat.

In den Monaten danach tauchte das U-Boot Frauke Petry zum ersten Mal in der deutschen See auf.

Sie erlebte zwei Dinge gleichzeitig: Auf der einen Seite hatte sie schnellen Erfolg bei der Wahlalternative, wurde Chefin in Sachsen; auf der anderen Seite schlitterte ihre Firma Purinvent in die Insolvenz. Das Erste überraschte sie nicht, das Zweite schon. Sie hatte keine Erfahrungen mit Misserfolgen, sie hasst es zu verlieren. Eine Weile kämpfte sie an allen Fronten. Sie versuchte, die Investoren zu beruhigen, die nervös wurden, weil das Produkt Macken hatte. Sie waren zu früh auf den Markt gedrängt, weil alle ungeduldig waren, die Geldgeber und die Geschäftsführerin. Die Reifenbranche ist ein hartes Geschäft, die Politik ist es auch. Wenn sie mit dem Geschäftlichen durch war, klebte Frauke Petry Plakate oder telefonierte bis tief in die Nacht mit der Parteibasis. Um die Kinder kümmerte sich Pfarrer Petry oder Oma Marquardt.

Sven Petry sagt, dass seine Frau in jenen Tagen vor allem die Selbstsucht der alten Männer kennengelernt habe. In der Wirtschaft und in der Politik. Als die Jungunternehmerin 2012 die Bundesverdienstmedaille für ihre Firma bekam, wollten die Investoren alle mit ins Licht; als es darum ging, Verantwortung zu übernehmen, waren sie weg. Bei der AfD war es ähnlich, sagt Sven Petry. "Bernd Lucke wollte lieber in die Talkshows. Sie haben Frauke auf das Wahlplakat genommen, ,Einwanderung braucht Regeln'. Das ist ja heute Konsens. Aber damals galt das als reaktionär, fremdenfeindlich."

Er habe ihr gesagt: "Willst du wirklich das Thema besetzen? Mach doch Familienpolitik. Junge Frau, erfolgreich im Beruf, vier Kinder."

Sie habe geantwortet: "Nein, das Thema ist wichtig. Außerdem wollten es die anderen nicht machen."

Noch diskutierten sie über diese Dinge.

2013 meldet Purinvent Insolvenz an. Im selben Jahr holte Frauke Petry auf einer Wahlparty ihren Mann überraschend auf die Bühne. Den Mann und die Kinder. Er fühlte sich übertölpelt. Er stand da. Politische Staffage. So wie sich Politikerfrauen wahrscheinlich ständig fühlen. Damals begann er sich zu fragen, wie ein Leben an der Seite einer Spitzenpolitikerin aussehen könnte. Mit jedem Problem in Deutschland wuchs ihr Ruhm. Der Name, sein Name, wurde zu einer Marke. Die einen hassten ihn, die andern liebten ihn, alle kannten ihn. Bernd Lucke, der größte Star der Wahlalternative, verließ die Partei und will heute nicht mehr darüber reden, um nicht zur Fußnote in der erstaunlichen Politikkarriere von Frauke Petry zu werden.

Das Gedicht, das ihre Mutter schrieb, liest sich wie das gereimte Programm der AfD.

"Wir haben früher oft diskutiert, auch kontrovers", sagt Sven Petry. "Das funktionierte irgendwann nicht mehr. Wenn ich eine andere Meinung hatte, sortierte sie mich auf der gegnerischen Seite ein. Das ist das Manko der AfD. Sie stempeln gegnerische Meinungen als falsch ab. Da ist man schnell bei Ideologie. Es hat sie verändert."

Frauke Petry zog sich nach und nach aus ihrer Ehe, aber auch aus ihrem alten Freundeskreis zurück. Ihre neuen Bekanntschaften wählte sie nach Weltsicht aus. Eine ist Michael Klonovsky, der als persönlicher Assistent für sie arbeitet.

Klonovsky ist der Sohn eines Ostberliner Funktionärs, zu Mauerzeiten war er Trinker, wie er sagt, am Ende Korrektor bei der LDPD-Zeitung "Der Morgen", wo er später Redakteur wurde. Er wechselte in den Neunzigerjahren zum Magazin "Focus", für das er im Jahr 2010 ein Essay darüber schrieb, was es eigentlich bedeute, konservativ zu sein.

"Der Text ist im Grunde das AfD-Programm", sagt Klonovsky. "Eigentlich ist das meine Partei."

Für die konkrete Parteiarbeit allerdings interessierte er sich weniger. Er ist kein AfD-Mitglied, er habe jemanden gesucht, der seine Ideen umsetzen konnte, sagt er. Frauke Petry war perfekt.

"Sie ist ein gutes politisches Tier", sagt Klonovsky. "Sie hat die Begabung und auch die Physis dafür. Ich nicht. Außerdem arbeite ich gern für Frauen. Frauke Petry ist die emanzipierte Frau schlechthin. Bei den Grünen denken sie, dass sie emanzipiert sind, wenn sie nach drei Semestern Kulturwissenschaften in die Politik wechseln."

Eine Zeitlang konnte man Frauke Petry in den Kopf schauen, wenn man Klonovskys Blog las oder ein Glas Wein mit ihm trank. Seit aber Marcus Pretzell ins Leben von Frauke Petry getreten ist, kennt sich auch Klonovsky im Kopf seiner Chefin nicht mehr richtig aus.

Pretzell ist Europaabgeordneter für die AfD, wirkt aber eher wie ein Politikdarsteller als wie ein Mann mit Überzeugungen. Er ist Mitglied einer schlagenden Studentenverbindung, hat eine Immobilien- und eine Rechtsberatungsfirma in den Sand gesetzt, vier Kinder, eine Exfrau und zeitweilig keine Meldeanschrift. Ein Pokerspieler, der blufft, mit Tweets provoziert. Pretzell schien eine seltsame Wahl für die kontrollierte Naturwissenschaftlerin aus dem Osten zu sein, aber vielleicht auch eine folgerichtige. Er ist so etwas wie das Gegenteil von Sven Petry.

Pretzell twitterte nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt: "Merkels Tote". Petry stellt Bibelverse auf seine Facebook-Seite. "Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit." Sven Petry ist der CDU beigetreten, um sich von der AfD zu distanzieren. Man kann sich in seine Gottesdienste setzen, wartet aber vergebens auf aktuell politische Kommentierungen.

Sven Petry kann bis auf die Woche genau bestimmen, wann er und seine Frau aufgehört haben, ergebnisoffen miteinander zu streiten, wie er das nennt. Es ist die Zeit, als sie Pretzell kennenlernte, Ende Januar 2015. Er glaubt nicht, dass er seine Frau an einen anderen Mann verloren hat. Sondern an die Politik. Die Öffentlichkeit. Den Kampf. Die vermeintlich größere Aufgabe.

"Wir hätten das nicht zusammen machen können", sagt er. "Mit Pretzell kann sie es."

Exmann und Pfarrer Petry
Thomas Victor/ Agentur Focus

Exmann und Pfarrer Petry

Die Petrys reden respektvoll übereinander, aber man kann sich Frauke Petry nicht mehr im Tautenhainer Pfarrhaus vorstellen. Sie sagt, sie sei nie die klassische Pfarrersfrau gewesen, aber sie hat die Orgel gespielt, wenn der Organist ausfiel, und den Pfarrgarten in Schuss gehalten. Gärtnern, sagt Frauke Petry, habe sie beruhigt. Ihr Gemüsegarten war Meditation.

Vermisst sie das nicht?

"Ach, das Pfarrhaus eher nicht", sagt sie. "Wenn ich Sehnsucht habe, dann nach dem unerkannten, unbescholtenen, unbedrohten Leben. Ich kann allein keine Wohnung mieten. Die Vermieter haben Angst um ihr Eigentum, aber auch vor Nachbarn. Ein Kellner in Leipzig sagte: Ich will kein Trinkgeld von Ihnen. Ich denke darüber nach, ob ich mit meinen Kindern in den Supermarkt um die Ecke gehen kann, weil ich provoziere. Aber das ist selbst gewähltes Elend. Um Dinge in einem Land zu verändern, in dem die politische Diskussion erstarrt ist, braucht es eben auch Einsatz. Ich habe das große Glück, mit Marcus jemanden zu haben, der an der Stelle ähnlich stark ist."

Ende vergangenen Jahres haben sie geheiratet.

Wenn sie zusammen auftreten, wirken sie wie ein Königspaar. Vor allem vor dem Hintergrund der anderen AfD-Repräsentanten. Am 3. Oktober feierte die AfD den Tag der Deutschen Einheit im Kursaal in Stuttgart. Draußen berittene Polizei und Demonstranten, drinnen das aufgescheuchte Kleinbürgertum. Auf der Bühne redeten zunächst ein paar lokale Vertreter der Partei, darunter ein einarmiger Fliegenträger und Markus Frohnmaier von der Jungen Alternative, der das Aussehen und die Mentalität einer Kanonenkugel hat. Die Mannschaft auf der Bühne erinnerte an die "Addams Family".

Pretzell bat Frohnmaier, noch mal das Wort Deutschland auszusprechen, weil es niemand so gut könne wie er. Frohnmaier kam zurück auf die Bühne und brüllte: Deutschland!

Nach dieser Vorgruppe wirkten Petry und Pretzell wie die Weisen aus dem Abendland. Besonnen, weltgewandt und erfahren. In der abschließenden Fragerunde, die es bei AfD-Veranstaltungen immer gibt, warnten sie das heißgelaufene Publikum vor zu hohen Erwartungen. Die Bürger wollen an die Macht, umgehend, schon bei dieser Bundestagswahl. Pretzell sagte: Wir haben gar nicht das Personal, wir müssen wachsen. Wären wir bei der letzten Bundestagswahl ins Parlament eingezogen, wären wir jetzt tot.

Ehemann und AfD-Politiker Pretzell: Die Frau an die Politik verloren
DPA

Ehemann und AfD-Politiker Pretzell: Die Frau an die Politik verloren

Frauke Petry stand neben ihm, sah ihn an, wippte leicht in den Knien, die Hände auf dem Rücken. Zufrieden. Wie eine Lehrerin. Oder eine Dompteuse.

Eine halbe Stunde später kam das Volk und wollte sie berühren, Selfies mit stolzen Männern und Frauen. Frauke Petry wischte sich die grapschenden Männerhände von der Schulter, ohne ihr Fernsehstrahlen abzubrechen.

Sie ist ein Popstar der Besorgten, die Lichtmaste der Kleinstädte sind mit Plakaten beflaggt. "Frauke Petry kommt", steht darauf, als käme DJ Ötzi. In Bitterfeld bummelt der Mittelstand in die Stadthalle wie zu einem Theaterabend. Ehepaare, die überlegt haben, was sie anziehen. In Eberswalde warten die Leute dreieinhalb Stunden auf den Star. Sie trinken Bier und erdulden die Vorträge der lokalen Prominenz, die klingt wie der seltsame Onkel, der auf einer Geburtstagsfeier das Wort ergreift. Erst heißt es, Frauke Petry sei noch bei der Aufzeichnung einer "Maischberger"-Talkshow, später heißt es, Frauke Petry werde von Chaoten am Zugang zur Halle gehindert.

Als sie schließlich den Saal betritt, bekommt sie die Liebe der Menge. Ein Fernsehstar, der sich am Feind vorbei zu ihr vorgekämpft hat. Es ist kurz nach elf, das Bier wirkt. Neben dem Rummelboxer und der Unterstufenlehrerin, die dort vorn auf dem Podium sitzen, sieht Frauke Petry jetzt unwirklich gut aus.

Ihre Reden begeistern die Leute, sie klingen deutlich, kompetent, souverän, aber wenn man später das Manuskript in der Hand hält, wirken sie oft seltsam schlicht. Meist gibt es gar kein Manuskript. Bei einer Veranstaltung auf dem Hambacher Schloss redete Frauke Petry minutenlang über die Bedeutung und die Schönheit des Wortes "Volk". Irgendwann hatte man vergessen, worum es ging, aber den Menschen im Saal glühten die Wangen. Nach ihrer einstündigen Rede gab es ein deutsches Volkslied, Frauke Petrys Stimme erhob sich hell im Raum, und alle hatten den Eindruck, etwas ganz Großem beigewohnt zu haben.

Dabei war alles, was sie mitgebracht hatte, ein kariertes Notizheft, in das sie sich ein paar Wörter geschrieben hat, während der Vorredner redete.

"Ich habe so Blöcke, die ich miteinander verwurste", sagt sie. "Das Reservoir an Themen ist ja begrenzt."

Es ist eine Inszenierung, die auch wegen der Ablehnung funktioniert, die Frauke Petry aus den Medien und der Politik entgegenschlägt. In Talkshows sieht sie sich oft einer Übermacht von politischen Gegnern ausgeliefert. Sie redet dann so schnell, als fürchtete sie zu ertrinken. Interviewaussagen werden aus dem Zusammenhang gerissen und dramatisiert. Wenn man ihr Gespräch im "Mannheimer Morgen" im Ganzen liest, verliert ihre Aussage zum Schusswaffengebrauch an der deutschen Grenze deutlich an Wucht. In ihren Vorträgen kommt sie immer auf die Presse zu sprechen, die ihr die Worte im Munde umdrehe. Sie verliert sich dabei mitunter sehr im Detail, redet über Autorisierungsfehler bei der "FAS" und eine falsch wiedergegebene Badehosenszene im Porträt der Zeitschrift "New Yorker", aber die Leute im Saal verstehen sie. Grundsätzlich.

Manchmal scheint es jedoch so, als zahle Frauke Petry einen hohen Preis für ihren politischen Erfolg. Sie hat Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden, ihr Familien-kleinbus wird angezündet, ihre Kinder wurden in der Schule gemobbt. Zu einem Treffen der europäischen Rechten in Koblenz cancelten alle Hotels ihre Reservierung, bis am Ende nur eines übrig bleibt, dessen Bedingung es ist, dass man Frauke Petry nicht sieht. Sie muss durch die Tiefgarage kommen wie ein kolumbianischer Drogenboss. Eine Ausgestoßene.

Wie geht sie mit all der Liebe um und mit all dem Hass?

"Das hat nichts mit mir zu tun. Ich fühle mich ja als Bürgerin der Mitte der Gesellschaft, an die Ränder stellen mich andere", sagt sie.

Auf den Puzzles in ihrem Büro sieht man das Meer. Auf einem die Bretagne, wo Frauke Petry Freunde hat, auf dem anderen den Leuchtturm der kleinen Ostseeinsel Ummatz, wo sie als Kind jeden Sommer verbracht hat. Sie lernte schwimmen und angeln, sagt sie. Wenn man sie aber nach ihrer Heimat fragt, sagt sie erst "Sachsen", dann "Leipzig" und, nach einer kleinen Pause, "Mitteldeutschland". Sie spricht das Wort aus, als wäre es eine Landschaft in "Herr der Ringe". Es ist eine politische Antwort, denkt man. Sie hat keine Heimat.

Berlin?

"Mit der Frage beschäftige ich mich, wenn wir im Bundestag sind", sagt sie.

Und Ihre Kinder?

"Die werden noch ein wenig tapferer sein müssen, als sie es ohnehin schon sind", sagt Frauke Petry. "Die leben unter einem Druck, unter dem ich als Kind nicht gelebt habe. Es war ein anderer Druck in der DDR, aber dieser Druck war es nicht. Wir werden sehen, ob sie mir das irgendwann einmal vorwerfen. Aber ich denke, die sogenannte sorgenfreie Kindheit hat niemand. Ich lebe nach dem Grundsatz: Der Mensch hält viel aus. Keine Belastung, keinen Druck zu haben muss für die menschliche Entwicklung nicht besser sein."

Wow.

Vor Rechtspopulistenversammlung in Koblenz: Ausgestoßen wie ein kolumbianischer Drogenboss
Roland Geisheimer / Attenzione

Vor Rechtspopulistenversammlung in Koblenz: Ausgestoßen wie ein kolumbianischer Drogenboss

Frauke Petry hat ihre Biografie zu Politik gemacht. Ihr Leben. Ihre Kinder, ihre Männer, ihre Tränen, ihre Kindheit, ihren Erfolg und ihr Scheitern. Man schaut in die Zeit, wenn man auf diese erstaunlich kurze Karriere schaut. Fünf Jahre, in denen sich die Welt, Europa und Deutschland dramatisch verändert haben und weder Politik noch Medien immer mithalten konnten; Jahre, in denen bei vielen Ängste und Unsicherheiten wuchsen, aber auch die Wut. Fünf Jahre, in denen aus einer hochintelligenten, etwas heimatlosen, ehrgeizigen, wenn auch strauchelnden Unternehmerin, einer Pfarrersfrau, die sich um den alten Baumbestand im Kirchhof kümmerte, die ihre Kinder zum Klavierunterricht brachte und dafür sorgte, dass sie Fremdsprachen lernen, unter anderem Arabisch, weil die Welt groß und schön ist, einer Frau, die in einem Leipziger Chor sang und an den Wochenenden die Orgel in der Kirche ihres Mannes spielte und überdies in der Lage war, den Gabelstapler des Unternehmens zu fahren, das sie leitete, die einsame Spitzenpolitikerin einer rechtskonservativen Partei wurde.

Man kann das als Erfolgsgeschichte sehen. Aber auch als Tragödie.



insgesamt 29 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tkedm 09.04.2017
1.
Ja, wenn man es sich einfach machen will, fragt man: Warum tut sie sich das an? Von der übergroßen Mehrheit der Wahlberechtigten abgelehnt, von der eigenen Parteispitze und so Typen wie Bernd Höcke und André Poggenburg und deren Gefolgschafft mittlerweile auch verhasst. Ich bin mir sicher, dass während ihrer Auszeit in den nächsten Monaten an ihrem Stuhl gesägt wird. Sie hat ja jetzt schon den Laden nicht mehr im Griff. Aber dann ist die Partei auch Geschichte, denn dann ist es nur noch eine "NPD reloaded". Frau Petry ist ja jetzt eh nur noch das "bürgerliche Schaufenster" der AfD.
Watschn 09.04.2017
2. Eine Mehrfachspitze würde Frau Petry in ihrer privaten Situation der Erwartung ihres Kindes entlasten....
Warum nicht eine Mehrfachspitze welche die ganze Breite der Partei (vom einf. Arbeiter, Sozialpolitik, Migration, Asyl, Zuwanderung, Familienförderung, Steuern, Energie, bis dir. Demokratie u. Eurowährungspolitik) abdeckt? Dazu wäre ein ausgewogenes Team einer Mehrfachspitze z.B. mit Dr. Petry, Prof. Dr. Meuthen, Dr. Gauland u. Dr. Weidel...nicht das Schlechteste. Zudem ist die künstliche Unterscheidung von Fundamentalopposition mit Realpolitik - wie Frau Petry es durchpauken möchte, abwegig u. am Parteitag hoffentlich zum Scheitern verurteilt. Der richtige Weg der AfD liegt m.E. darin in einem mehrh. Oppositionskurs zu den etablierten Parteien zu gehen. Der ist nicht fundamentaloppositional, sondern realistisch in Opposition. Dies kann u. soll durchaus teils mit berechtigten, gewürztem, frechen Populismus gespickt sein, welcher den Etablierten den Hintern heiss macht. (Einführung der dir. Demokratie; bind. Volksentscheide in Gemeinden, auf Bundesländerebene u. im Bund, Unterschriftenaktionen, Befragungen ua.) Sicherlich wichtig ist auch die Abgrenzung gegen den Rechtsextremismus. Hier sollte das AfD-Bundesschiedsgericht nicht so sehr vor Zwist angst haben, sondern eine relativ nachvollziehbare Leitplanken einziehen. Nebst klaren unüberschreitbaren roten Linien (wie Kontakt zum Rechtsextremismus, Äusserungen jeniger), wäre ein roter Leitfaden (für die AfD-Politik- geschmacklich...nicht...vertretbare Attitüden, verbale Intonierungen, Anspielungen, Vergleiche, Gestik/Mimik u. bewusst falsch zu verstehende verbale Spielereien o.ähnl.), deren klares, bewusstes Verlassen....dann halt die unvermeidl. Konsequenzen eines am Bundesparteitag im Apriel neu gewählten u. härter u. entschlossner entscheidendes AfD-Bundesschiedgericht - nach sich zieht. Dann wird z.B. ein Herr Höcke -obwohl man ihm nichts Justiziables nachweisen kann- ...es sich sehr gut überlegen, wie man aufzutreten hat...Und ein Herr Gedeon wäre dann gar nicht mehr Mitglied der AfD... Die wenigen faulen Eier könnten dann ohne viel Aufhebens...aussortiert werden... Die AfD braucht es als parlament. Korrektiv im Bundestag, u. sollte sich indes entgültig von solchen einzelnen "schädlichen Blindgängern" konsequent befreien..
brooklyner 09.04.2017
3.
Interessant, die Frau spricht wirklich gutes Englisch, das sogar besser ist als ihr Deutsch. Ich erwartete schlimmes Schulenglisch, aber holla. Im Gegensatz zu den meisten Deutschen kann sie es wirklich -aber woher hat sie das? Sehr seltsam, sie kommt aus der ostdeutschen Provinz, wo muttersprachliche Lehrer wohl äusserst selten sind. Vielleicht hat sie ja viel BBC geschaut, weil amerikanisch ist ihre Aussprache nicht.
Watschn 09.04.2017
4. Ps:
Zitat von WatschnWarum nicht eine Mehrfachspitze welche die ganze Breite der Partei (vom einf. Arbeiter, Sozialpolitik, Migration, Asyl, Zuwanderung, Familienförderung, Steuern, Energie, bis dir. Demokratie u. Eurowährungspolitik) abdeckt? Dazu wäre ein ausgewogenes Team einer Mehrfachspitze z.B. mit Dr. Petry, Prof. Dr. Meuthen, Dr. Gauland u. Dr. Weidel...nicht das Schlechteste. Zudem ist die künstliche Unterscheidung von Fundamentalopposition mit Realpolitik - wie Frau Petry es durchpauken möchte, abwegig u. am Parteitag hoffentlich zum Scheitern verurteilt. Der richtige Weg der AfD liegt m.E. darin in einem mehrh. Oppositionskurs zu den etablierten Parteien zu gehen. Der ist nicht fundamentaloppositional, sondern realistisch in Opposition. Dies kann u. soll durchaus teils mit berechtigten, gewürztem, frechen Populismus gespickt sein, welcher den Etablierten den Hintern heiss macht. (Einführung der dir. Demokratie; bind. Volksentscheide in Gemeinden, auf Bundesländerebene u. im Bund, Unterschriftenaktionen, Befragungen ua.) Sicherlich wichtig ist auch die Abgrenzung gegen den Rechtsextremismus. Hier sollte das AfD-Bundesschiedsgericht nicht so sehr vor Zwist angst haben, sondern eine relativ nachvollziehbare Leitplanken einziehen. Nebst klaren unüberschreitbaren roten Linien (wie Kontakt zum Rechtsextremismus, Äusserungen jeniger), wäre ein roter Leitfaden (für die AfD-Politik- geschmacklich...nicht...vertretbare Attitüden, verbale Intonierungen, Anspielungen, Vergleiche, Gestik/Mimik u. bewusst falsch zu verstehende verbale Spielereien o.ähnl.), deren klares, bewusstes Verlassen....dann halt die unvermeidl. Konsequenzen eines am Bundesparteitag im Apriel neu gewählten u. härter u. entschlossner entscheidendes AfD-Bundesschiedgericht - nach sich zieht. Dann wird z.B. ein Herr Höcke -obwohl man ihm nichts Justiziables nachweisen kann- ...es sich sehr gut überlegen, wie man aufzutreten hat...Und ein Herr Gedeon wäre dann gar nicht mehr Mitglied der AfD... Die wenigen faulen Eier könnten dann ohne viel Aufhebens...aussortiert werden... Die AfD braucht es als parlament. Korrektiv im Bundestag, u. sollte sich indes entgültig von solchen einzelnen "schädlichen Blindgängern" konsequent befreien..
z.B. Zur Persona Höcke: Es kann manchmal bei öffentl. Auftritten durchaus laut, u. emotional sein, muss aber im Kontext der AfD-Politik authentisch u. erkennbar sein... Beispiel: Man kann durchaus in/für die parteipolit. Sache der (auf dem Boden der FDG) AfD populistisch wettern, Tiraden senden, agieren, anprangern, evtl. manchmal gar wüten;....im Stile eines Ernst Reuters, F.J. Stauss, eines Wehners, eines H. Schmidts, o. eines Lafontaines... aber niemals im Stile/in Anlehnung eines Goebbels, eines Hitlers, eines Görings, eines Hess, o. gar eines Streichers....
Chefcook 09.04.2017
5. Frauke Petry kann so lieb sein wie sie will.
Durch ihre Duldung der zweifelsohne faschistischen und rechtsradikalen Tendenzen innerhalb der AfD disqualifiziert sie sich charakterlich für jedes politische Amt innerhalb einer Demokratie. Wie ihr Exmann es treffend beschreibt: Wer nicht der Meinung der AfD ist, ist der Feind. Dass die Meinungsfreiheit, auf die sich die AfD so gerne beruft, auch die Meinungsfreiheit der anderen ist, haben viele innerhalb der AfD nicht verstanden. Dazu die andauernden, unsachlichen und irreführenden Provikationen aus diesem Verein, der nichts produktives, sondern hauptsächlich destruktiv zur politischen Situation in Deutschland beiträgt und nur meckert, anstatt eine realistische Lösung zu formulieren ... Dass Frauke Petry dennoch mit diesen Leuten arbeitet, sich vor deren Karren spannen lässt und für ihr zweifellos vorhandens politisches Geschick kein anderes Umfeld gewählt hat, lässt an ihrem Charakter, an ihrem Rechtsverständnis und ihrer Eignung zweifeln.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.