AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2018

Freiburg nach dem Mordurteil Die Abgründe einer vorbildhaften Stadt

Mit dem Urteil gegen den "Dreisam-Mörder" hoffte Freiburg, dass nun alles wieder so schön wäre wie früher. Eine Illusion.

Maurice Weiss


Am frühen Morgen schon - das Licht steht tief, das Pflaster glänzt - stehen die Bürger Schlange vor dem Landgerichtsgebäude und versuchen, nicht in das "Bächle" zu treten, einen der Kanäle, die überall in Freiburg fließen, um die Stadt zu kühlen und ihr den Schmutz herauszuwaschen.

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Heft 13/2018
Wie der allmächtige Konzern noch zu stoppen ist - und wie sich die Nutzer schützen können

Es ist der Tag der Urteilsverkündung. "Anstand sollte das Mindeste sein", sagt ein Herr im Lodenmantel und meint einen Drängler. Der sagt, dass ihm seine Nerven zu schade seien und Belehren sowieso das Letzte sei. Beide reden wie zur Allgemeinheit, und keiner schaut den anderen an. Über den Ziegeldächern hängen Märklin-Wölkchen. Später kommt noch ein Häufchen AfDler vorbei, und jemand ruft "Nazis raus", weil so etwas in Freiburg nichts zu suchen hat.

Am Donnerstag, nach 25 Verhandlungstagen, verurteilte die Jugendkammer am Freiburger Landgericht den Angeklagten Hussein K. wegen besonders schwerer Vergewaltigung und Mord an der 19-jährigen Studentin Maria L. zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Es war das höchstmögliche Urteil. Es ist vorbei. Der Wolf ist in der Kiste.

Sechs Monate hat der Prozess gedauert. Eine quälend lange Zeit - und das nicht nur wegen der Details von Tat und Täter, die zutage gekommen sind. Dieser Mord an der so unschuldigen Maria L. hat die Stadt auch deshalb so mitgenommen, weil er sie in ihrem Kern getroffen hat, in ihrem Selbstbild als einer Stadt der Guten. Freiburg, das ist: die Wiege der Sauberen, der Guten, der Vorbildlichen. Freiburg, das Skandinavien Deutschlands. Und dann würgt und ertränkt ein Flüchtling ein junges Mädchen, mitten unter uns.

Unter den Schrecken über die Tat mischte sich die Sorge um das eigene Weltbild: Und wenn alles nur eine Illusion war? Wenn es neben aller Reinheit auch das Schmutzige gibt, neben aller Liberalität auch das Radikale, wenn also Freiburg nichts anderes ist als eine ganz normale deutsche Stadt?

Es gibt eine Erzählung von Edgar Allan Poe, "Die Maske des Roten Todes". Die Cholera, der "Rote Tod", wütet, und der Fürst lädt die Edlen zu einem rauschenden Maskenball, lässt Fenster und Türen sorgsam vermauern, damit das Unheil draußen bleibt. Doch dann fällt ein Erster tot zu Boden. Das Böse ist längst in den Mauern, nur weiß keiner, hinter welcher Maske es sich verbirgt.

Freiburg verdankt große Teile seiner Bebauung dem Roten Tod. Als Ende des 19. Jahrhunderts die Cholera in Hamburg ausgebrochen war, flüchteten die Kaufleute dorthin, wo die Luft besser war, das Klima milder und die Zumutungen der Welt ferner. "Pensionopolis" nannte man Freiburg, Stadt der Satten und der Professoren.

Täter K. in Fußfesseln vor dem Gerichtssaal in Freiburg: "Heute Nacht mache ich das, was ich machen will"
Maurice Weiss

Täter K. in Fußfesseln vor dem Gerichtssaal in Freiburg: "Heute Nacht mache ich das, was ich machen will"

Jeden Abend beweist die Wetterkarte dem Rest des Landes, dass Freiburg es besser hat. Die Universität ist immer noch der größte Arbeitgeber. Viele Studenten sind geblieben, bilden heute ein neues, auf- und abgeklärtes Bürgertum, das im Kampf gegen das Atomkraftwerk Wyhl - Arm in Arm mit den Winzern vom Kaiserstuhl - gelernt hat, dass gutes Essen und gutes Leben sich nicht ausschließen und Bodenständigkeit etwas Fortschrittliches ist. Das ist das Freiburg-Gefühl, und viele Autos tragen es als Kennzeichen FR-OH, FR-EU, FR-EI, FR-EE.

Eine Fahrradstadt, von "Bächles" gereinigt, mit Biomarkt um das Münster herum, Buchläden unter Mansardendächern und einem "Gender Rahmenplan II". Eine Stadt, wohin man seine Tochter gern zum Studieren schickt.

Am 16. Oktober 2016, einem Sonntag, verlässt die 19-jährige Medizinstudentin Maria L. um 2.40 Uhr die Semestereröffnungsparty "Big MediNight". Sie muss noch auf ihren Mantel warten, verabschiedet sich von einer Freundin. Dann steigt sie aufs Rad.

Der Weg zum katholischen Studentenwohnheim führt durchs Institutsviertel, dann den Uferweg die Dreisam entlang, ein Flüsschen, an dem im Sommer gegrillt, gebadet und gejoggt wird. Maria L. trägt ihr langes Haar offen, der Radweg ist gut beleuchtet. Es ist Vollmond, eine klare Nacht.

Die junge Frau engagiert sich für eine Schule in Ghana, sie ist Mitglied der Bibelgruppe ihres Wohnheims. Ihre Eltern leben in Brüssel, der Vater ist Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, zudem ein hoch angesehener Spezialist für das Recht der EU. Im Juristischen Dienst der Kommission ist er für Binnenmarktfragen zuständig, für den Brexit und laut Organigramm auch für "Asyl, Einwanderung, Visa, Flüchtlinge".

Das gehört zur Geschichte. Auch wenn nichts so hat kommen müssen. Es war kein Schicksal am Werk.

Am 16. Oktober 2016 ist auch Hussein K. mit einem Damenfahrrad unterwegs, seines ist geklaut. "Heute Nacht mache ich das, was ich machen will", hat er einem Freund gesagt, nach etlichem Bier, Wodka und Hasch.

Drei Frauen werden sich daran erinnern, von diesem jungen Mann angemacht worden zu sein, als "wahnsinnig penetrant" beschreibt es eine.

K. ist Afghane, die Familie gehört dort zur schiitischen Minderheit, den Hazara. Die Eltern sind nach Iran gezogen.

Hussein K. nimmt die Straßenbahn bis zur Endhaltestelle im Osten der Stadt. Auf der Videoaufzeichnung ist sein auffälliger Haarschnitt zu sehen, ein Undercut mit langem, blondiertem Zopf.

In Freiburg kommen auf 3200 Flüchtlinge 2000 Ehrenamtliche. Das ist eine einmalige Quote in Deutschland. Bei seiner Pflegefamilie hat Hussein K. eine 70-Quadratmeter-Wohnung, er bekommt 400 Euro Taschengeld, hat ein iPhone. Die Wäsche wird gemacht. Von der Villa der Pflegeeltern aus sieht man die Ausläufer des Schwarzwalds. Es gibt Pferdekoppeln, Anti-AKW-Zeichen an den Briefkästen und ein "KinderLernHaus". Der Pflegevater ist Kinderarzt, selbst afghanischer Herkunft, die Pflegemutter spricht Persisch.

Er lerne schnell, auch Deutsch, sagen seine Lehrer. Dass er nachts im Colombipark abhängt oder in den Ecken, wo Freiburg ein wenig an Downtown Frankfurt erinnert, das fällt keinem auf. Auch den Pflegeeltern nicht. Er esse meist abends zu Hause, steht in seiner Akte.

Hussein K. ist der Albtraum für Angela Merkel, der Horror aller Wohlmeinenden. Der scheinbar ideal betreute und integrierte Flüchtling, der das Monster in sich trägt. Hinter seiner Maske.

Und er lebt genau in jener Stadt, in die das Böse keinen Zugang zu haben schien, weil die Mauern so schön hoch waren.

Maria L. ist mit etwa 15 Stundenkilometern unterwegs. Sie versucht noch, dem Mann auszuweichen, der da plötzlich vor ihr steht und in den Lenker greift.

Hussein K. hatte die Behörden über sein Alter und sein Vorleben belogen. Er hat sich auf eigene Faust nach Europa aufgemacht, landete auf der griechischen Insel Korfu, wo er im Mai 2013 eine Geschichtsstudentin angriff und sie das Steilufer hinunterwarf. Die Frau überlebte, Hussein K. wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt, kam nach dem Wahlsieg der linken Syriza unter Auflagen frei. Im November 2015 meldet er sich in Deutschland als "unbegleiteter minderjähriger Flüchtling".

Über den Tod von Maria werden die Gerichtsmediziner aussagen, die junge Frau sei bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und gedrosselt worden, ans Ufer gezerrt und dann, ohne je wieder zu sich zu kommen, missbraucht. Der Täter legte sie mit dem Gesicht nach unten in das hier kaum mehr als 20 Zentimeter tiefe Wasser.

Damenrad im Fluss Dreisam am Tatort in Freiburg: "Die Liberalität hört auf, wenn die eigene Tochter Opfer wird"
Maurice Weiss

Damenrad im Fluss Dreisam am Tatort in Freiburg: "Die Liberalität hört auf, wenn die eigene Tochter Opfer wird"

Die Tat sei heimtückisch ausgeführt worden, wird das Gericht befinden, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs und zur Verdeckung einer Straftat. Zwei Tage nach dem Mord begleitet Hussein K. seine Pflegemutter zu einem Multikulti-Festival.

In Deutschland hatte sich die Euphorie über die Flüchtlingshilfe schon spürbar abgekühlt. Ein anderer Übereifer hatte eingesetzt, es ging die Rede von allgemeiner Unsicherheit, von Bürgerwehren, Kulturverfall und kriminellen Fremden. Das war der Nährboden für die AfD.

In Freiburg glaubte man sich davor geschützt. In Freiburg war ja immer Maskenball. Es konnte nichts passieren. Man dachte über Gender-Mainstreaming nach, nicht über Frauenmorde. Für manchen war nach dem Mord die Sorge um das eigene Leben gar nicht das Schlimmste: "Die Angst davor, dass es ein Flüchtling gewesen sein könnte, dass die Stimmung auch in Freiburg kippen könnte, war groß. Fast noch größer als die Sorge, selbst Opfer werden zu können - zumindest unter uns Männern", sagt Ulrich Bröckling, Professor für Soziologie.

Und Maria Viethen, Anwältin und Fraktionsvorsitzende der Freiburger Grünen: "Wir müssen uns wohl mit dem Gedanken vertraut machen, dass wir eine normale Stadt sind."

Das wäre eine unerhörte Nachricht.

Das Quartier Vauban ist das Freiburg von Freiburg. Ein Ökotopia, in dem auf ehemaligem Militärgelände mit Baugruppen eine fast autofreie und sehr kinderreiche Modellsiedlung errichtet wurde, mit integrativem Hotel, Solargarage, nachhaltig und inzwischen für Normalverdiener kaum noch zu bezahlen und für Flüchtlinge ohnehin nicht. "Wir sind die Guten" ist gleich am Eingang zum Viertel zu lesen, auf einem Transparentfetzen, über einer Wagenburg der Unbeugsamen.

Die Schriftstellerin Annette Pehnt gehört hier zu den Alteingesessenen. Sie erzählt von der Initiative "Zusammen leben - Zusammen gärtnern" in Vauban, Leute aus 15 verschiedenen Ländern und eine barrierefreie Komposttoilette. "Ja, da lässt sich leicht drüber witzeln", sagt Pehnt, und das langweilt sie.

Das Engagement der Bürger, sagt sie, habe nach dem Mord nicht nachgelassen. Es gibt Kochgruppen, Nähgruppen und Gruppen für hörgeschädigte Flüchtlinge. Es gibt auch Helfer, die "ihrem Flüchtling" am liebsten noch das Schulbrot schmieren. Und es gibt Flüchtlinge, die zeigen in der Fahrradwerkstatt wort- und grußlos auf das beste Rad und wollen gleich drei davon. Es gibt alles. Nur einen Bruch, den hat es nicht gegeben. "Es funktioniert. So, wie Vauban auch. Wir haben hier eine lange Geschichte von sozialen Bewegungen. Alles geschieht stetig und beharrlich. Der Mord war entsetzlich", sagt sie, und man spürt, dass jetzt ein "aber" kommen müsste, das nicht kommen darf.

"Jedenfalls ist Freiburg ein starkes Gemeinwesen und kann so etwas tragen."

Die Mauern halten, das ist ihre Botschaft. Auch wenn es manchmal merkwürdige Zeichen gibt, wie Haarrisse. Und ausgerechnet im Jahr des Mordes an der Dreisam.

Im "White Rabbit", einer alternativen Disco am Rande der Altstadt, war es zu massiven sexuellen Belästigungen durch junge Ausländer gekommen. Daraufhin verlangte das Rabbit von seinen Gästen einen gültigen Aufenthaltstitel. "Club-Verbot für Flüchtlinge" hatte in den überregionalen Zeitungen gestanden.

Im August kam es zu einem Polizeieinsatz im Lorettobad, einem der letzten Frauenbäder in Deutschland. Es hatte einen Streit gegeben zwischen langjährigen Badegästen und Musliminnen, die aus Frankreich gekommen waren, meist mit vielen Kindern, selbstbewusst und im Burkini. Ausdrücke wie "Nazi-Schlampe" fielen, und es wurde, wenn auch erfolglos, eine Resolution gegen die Präsenz männlichen Aufsichtspersonals verfasst: keine Bademeister im Lorettobad!

Das waren Vorfälle einer neuen Normalität, die eigentlich im Freiburger Lebensgefühl nicht vorgesehen waren.

Und dann schlägt das Böse wieder zu. Noch eine junge Frau wird tot aufgefunden, gut drei Wochen nach dem Mord an der Dreisam. Eine 27-jährige Joggerin ist in den Weinbergen am Kaiserstuhl überfallen, vergewaltigt und erschlagen worden. Wieder an einem Sonntag. Die Tat sei, so heißt es in den Akten, mit "einem Muster von Brutalität und Vernichtungswillen" ausgeführt worden. Hussein K. war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefasst.

Es war der Blick in den Abgrund. Der Moment, in dem eine Stadt umzukippen drohte wie ein Teich.

Der Uferweg an der Dreisam ist auch die Radstrecke von Freiburgs Polizeipräsident, Bernhard Rotzinger. Die Stimmung damals sei kurz vor der Hysterie gewesen. Er habe auch eine Tochter. Väter blieben in ständigem Handykontakt mit ihren Töchtern, in den wenigen Waffengeschäften der Stadt waren Pfeffersprays und Signalgeber zeitweise ausverkauft.

"Es gab Ähnlichkeiten in der Tatausführung, dennoch haben wir keinen Zusammenhang gesehen. Aber da war das Wort vom Serienmörder schon in der Welt. Das ist die maximale Form der Verunsicherung." Rotzinger ist seit 41 Jahren Polizist. Er spricht ein gepflegtes Badisch, das die "s" gern zu "sch" aufweicht, und ein "n" am Wortende prinzipiell einspart. Hyschterie. Seriemörder.

Die Polizei hat es immer mit mehreren Gegnern zu tun. Die Kriminellen gehören auch dazu. Und dann gibt es die Statistik und die Gefühle der Bürger.

"Wir haben das Problem, dass Freiburg seit Jahren den Spitzenplatz in der Kriminalstatistik hat", sagt Rotzinger. Ausgerechnet Freiburg, die Bächle-saubere Stadt, zum Bersten voll mit Wohlmeinenden und guten Menschen.

"Und es sind nicht nur die Fahrraddiebstähle. Es sind gerade auch Aggressionsdelikte im öffentlichen Raum." Das liegt an der Grenznähe, aber vor allem an der Zentrumsfunktion Freiburgs. Wer aus dem Umland Party machen will, lässt hier die Sau raus.

"Wir hatten Jahre mit deutlich mehr Gewaltkriminalität. Niemand hat sich darüber aufgeregt. Das ist eine Sache des Gefühls", sagt der Polizeipräsident. Natürlich hat sich das Straßenbild verändert. Da sind mehr junge Männer fremdländischen Aussehens, denen elegante Formen der Kontaktaufnahme wegen der Sprache verschlossen sind. Die Bürger wechseln die Straßenseite, wenn ihnen eine Gruppe entgegenkommt. "Das ist das Gefühl der Unsicherheit. Und dann ein Mord. Die Liberalität hört auf, wenn die eigene Tochter Opfer wird", sagt Rotzinger. Wenn es einem auf die Haut rückt. "Dann wird's elementar, und man sortiert noch einmal neu."

Osterdekoration in einer Seitenstraße im Quartier Vauban: Leute aus 15 Ländern und eine barrierefreie Komposttoilette
Maurice Weiss

Osterdekoration in einer Seitenstraße im Quartier Vauban: Leute aus 15 Ländern und eine barrierefreie Komposttoilette

Dass Freiburg statistisch die kriminellste Stadt Baden-Württembergs ist, war bekannt, auch wenn es nicht in den "Green City"-Prospekten geschrieben stand. Man blendete es aus: Das waren die Raddiebe vom anderen Rheinufer, die Krawallbrüder von anderswoher. Aber jetzt ging es nicht um Räder, es ging um ermordete Frauen. Und jetzt diese Ausländer am Bahnhof. Wie in Köln auf der Domplatte. Da wird eine Statistik schnell Thema der öffentlichen Debatte.

Dass unter "Tötungsdelikt" auch ein Schwangerschaftsabbruch fallen kann, dass die meisten Gewalttätigkeiten von Migranten untereinander passieren, spielt dann keine Rolle mehr. "Ein CDU-Politiker hat von No-go-Areas gesprochen. Damit war die Katze aus dem Sack", sagt der Polizeichef. Das Wort verfolgt ihn bis heute. No-go-Areas in Freiburg.

Seine Ermittler hatten das ganze Brombeergehölz am Dreisam-Tatort abgesägt und untersucht. Sie hatten ein blondiertes Männerhaar gefunden. Es war auffällig dick, ungewöhnlich für einen Normdeutschen. Rotzinger rief den Oberbürgermeister an: "Ich habe gesagt: Wenn das ein Migrant ist, das ist Höchststrafe. Und genauso ist es dann gekommen."

Nach der Fahndung erfolgte die Festnahme, dann der positive DNA-Treffer. Anfang Dezember 2016 wird Hussein K. festgenommen. Ein halbes Jahr später auch ein rumänischer Fernfahrer, der den Mord an der Joggerin gesteht. Aber die Katze war aus dem Sack.

Gleich nach der Festnahme von Hussein K. organisierte die örtliche AfD eine Kundgebung in der Innenstadt. Es waren ein gutes Dutzend meist älterer Männer mit Grablichtern, die Maria als "Opfer der Willkommenskultur" sahen. Der Redner wurde von einigen Hundert Gegendemonstranten übertönt. In der Gegenwelt des Netzes war das nicht möglich. Die Seiten der Flüchtlingshelfer brachen unter Hass und Häme zusammen.

Im Freiburger Gemeinderat gibt es - noch - keine Fraktion der AfD. Für den volkstümlichen Ton sorgt eine Bürgerliste "Freiburg Lebenswert". Die Stadträtin Gerlinde Schrempp war 30 Jahre lang in der SPD, ihr Schwager einmal der Boss von DaimlerChrysler, aber das ist alles lange her und so vergangen wie ihre sozialdemokratische Überzeugung.

"Ich habe als Lehrerin in Algerien gelebt. Seither habe ich ein klares Bild vom Islam", sagt sie und dass der Mord an der Dreisam keine Überraschung gewesen sei: "Freiburg ist keine heile Welt. Es gibt ganze Straßenzüge, wo Sanitäter nur unter Polizeischutz hineinkommen."

Stadträtin Schrempp spricht von einer Welt, die im gängigen Selbstbild der Stadt nicht vorkommt. Von ihrem schmutzigen Gesicht, auch wenn sie es selbst nur vom Hörensagen kennt. Sie spricht von Parallelgesellschaften, von dunklen Ecken und sonstigen Abgründen: "Noch nicht mal die Müllsortierung funktioniert da."

Es gibt ein Freiburg, das auch ohne die Mordfälle immer schon wusste, dass es sehr normal ist. Es liegt jenseits der Bahnlinie, im Westen der Stadt. Stadtteile wie Haslach und Weingarten, wo die Hochhäuser stehen, wo es sich weniger frei und weniger bürgerlich lebt und es größere Lebensrisiken gibt, als einmal den Fahrradhelm zu vergessen.

In diesem Teil der Stadt kommt auch die AfD auf zweistellige Ergebnisse. Das seien die Russlanddeutschen, wird dann erklärt, "Klein-Moskau".

Es ist ein Teil von Freiburg, wo Multikulti kein Festival ist, sondern Alltag und wo die Gedanken im Rohzustand geäußert werden.

Vor dem Vereinsheim "Blau-Weiß" stehen an einem verregneten Abend - im Prozess sind die Plädoyers gehalten - Menschen mit Transparenten und wehren den Anfängen. Drinnen steht Stephan Wermter, ein chancenloser Bewerber bei der kommenden Bürgermeisterwahl, und sagt: "Ich hab mich auch früher mit den Zigeunern geschlagen. Aber man konnte nach 20 Uhr in die Stadt gehen, ohne als Frau angemacht und angetatscht zu werden."

Wermter betreibt einen Handel mit Wohnmobilen und gehört zu der überschaubaren Gruppe Freiburger Ferrari-Fahrer. Er käme aber, sagt Wermter, auch von ganz unten und wolle seiner Stadt etwas zurückgeben. Mit Ausländerfeindlichkeit habe er nichts am Hut, sein bester Freund sei Bosnier, außerdem Betreiber eines - man ist in Freiburg - "Modell-Bordells".

Ein aufgepumpt wirkender Rentner im Kapuzenpulli weist darauf hin, dass "Uno und EU" die Masseneinwanderung planten und "der Amerikaner" deswegen den Krieg in Syrien mache: "Isch Fakt."

Die meisten haben andere Sorgen. Es geht um die Mieten, Kita-Gebühren, Ungerechtigkeit. Es sind Gesichter, wie man sie von der Kasse im Baumarkt kennt, Leute, denen die neue schicke Uni-Bibliothek eher egal ist. Eine müde Frau sagt, sie sei vom Balkan geflohen: "Ich bin auch jeden Tag um vier aufgestanden zum Putzen für meine Kinder. Uns hat keiner was geschenkt. Wo kommt jetzt das Geld für andere Menschen her?"

In Freiburg dauert es eine Dreiviertelstunde, sein Auto zuzulassen, nicht drei Monate wie in Berlin. Die Stadt steckt jährlich Millionen in den Schulausbau. Und doch wird geklagt über die Beamten und "marode Schulen". Aber sie wollen keine Zahlen. Die Leute hier sind wütend, weil alle so zufrieden sind, die FR-OH und FR-EU und FR-EI. Wütend auf die Liegeräder und Biomütter und vielleicht umso wütender, weil es weder gegen Liegeräder noch Mütter etwas einzuwenden gibt.

Mit der Verhaftung von Hussein K. ist das Unbehagen nicht geschwunden. Was in den besseren Vierteln körnchenfrei weggewischt wurde, hallt auf der anderen Seite der Bahnlinie länger nach. Dort weiß man um die Brüchigkeiten von Gewissheiten, dort weiß man, was dünnes Eis ist.

Der Auggener Weg etwa, wo Stadträtin Gerlinde Schrempp sich nie hinwagen würde, entpuppt sich als Reihenhaussiedlung im Schatten von Wohntürmen, durchaus gartenzwergbestanden und in den späten Siebzigern für die Sinti-Gemeinschaft errichtet.

"Wir sind sensibel auf das alles, weil es morgen uns treffen könnte", sagt Edmund Reinhardt, Pastor der Siedlung. Der Mord stecke, sagt er, "tief in den Knochen". Die Wohnung der Reinhardts ist komplett in Weiß gehalten. Der Boden spiegelt, auf dem Sofa liegen Sitzschoner aus Plastik. "Wir sind deutsch seit 700 Jahren", sagt er. "Und wir denken deutsch." Sein Bruder, sagt er, seine Tante, ein Onkel sind in den Lagern umgebracht worden.

Ismael, sein Sohn, ein Jazzgitarrist, sitzt auf dem weißen Sofa und starrt auf das Telefon in seinen Händen. Er würde seine Frau seit dem Mord nicht mehr abends allein einkaufen gehen lassen. "Wir passen auf. Vor allem auf die Kinder", sagt er, aber dass es nicht allein um Freiburg gehe. "Das ganze Land ist anders. Es sind zu viele hereingekommen."

"Viele haben ein Recht auf Hilfe", sagt sein Vater.

"Natürlich. Aber nicht alle." Freiburg ist wirklich das, wovor es sich immer gefürchtet hat: eine ganz normale Stadt.

Das Urteil ist gesprochen. Hussein K. ist seinem Prozess mit wenig mehr sichtbaren Regungen gefolgt als gähnender Müdigkeit. Der psychiatrische Gutachter hatte ihn als manipulativ und auffällig gefühllos gegenüber seinen Opfern bezeichnet. K. sei weder alkohol- noch drogensüchtig, nicht depressiv oder traumatisiert. Es gebe eine hohe Rückfallgefahr. Deswegen entschied sich das Gericht für die Option der Sicherungsverwahrung.

"Die Bürger", sagt Freiburgs Oberbürgermeister in seiner Amtsstube, nicht mehr als 300 Meter vom Landgericht entfernt, "haben diesen Prozess sehr genau verfolgt, und ich glaube, nicht aus Rachegefühlen."

Dieter Salomon war einer der ersten grünen OB des Landes und steht kurz vor seiner Wiederwahl. Die Erzählung von Edgar Allan Poe ist ihm nicht bekannt.

Täter K. im Gerichtssaal: "Manipulativ und auffällig gefühllos gegenüber seinen Opfern"
Maurice Weiss

Täter K. im Gerichtssaal: "Manipulativ und auffällig gefühllos gegenüber seinen Opfern"

"Wir wollten schon genau wissen, was da los war. Das sind wir der jungen Frau schuldig. Der Prozess hat sicher eine Menge gekostet, und das ist auch richtig so. Der Staat betreibt diesen unglaublichen Aufwand, um der Wichtigkeit des einzelnen Lebens gerecht zu werden."

Nach der Tat hatte Salomon gesagt, eine schreckliche Tat werde nicht noch schrecklicher dadurch, dass sie von einem jungen Afghanen begangen wurde. Das hatte damals den Ton vorgegeben.

Salomon ist ein Politiker, der gern tiefstapelt, wie um die Normalität durch sein Reden zu beschwören. Nein, es seien keine Narben geblieben.

Es gibt jetzt mehr Polizeipräsenz, eine Ordnungspartnerschaft mit dem Land. Die Stadt hat 19 "Integrationsmanager" eingestellt, als Lehre aus den ersten improvisierten Jahren. Seit Dezember fährt wieder ein FrauenNachtTaxi. Objektiv sei die Stadt heute sicherer als damals: "Ob die Leute das auch so empfinden, weiß ich nicht. Die Stadt hat bewiesen, dass sie hohe Resilienzkräfte hat."

Das ist ein Begriff aus der Werkstoffphysik. Er bezeichnet die Eigenschaft elastischer Materialien, nach Verformung wieder zurückzukehren in ihre Ausgangsposition. "Resilienz" gibt es auch in der Soziologie. Mit einem Unterschied: Ob eine Gemeinschaft resilient ist, das erweist sich erst im Nachhinein.

Und beim nächsten Mal kann alles anders sein.



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