AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2018

Kindesmissbrauch im Breisgau Die schreckliche Vorgeschichte des Christian L.

Gerichtsakten und Gutachten zeichnen ein erschreckendes Bild des Hauptverdächtigen im Breisgauer Missbrauchsfall. Warum lief er frei herum?

Fundort einer Festplatte in Staufen: Monat um Monat verstrich
Simon Hofmann / Getty Images

Fundort einer Festplatte in Staufen: Monat um Monat verstrich

Von , Steffen Vogel und


Mehr als vier Jahre lang hatte der Mann, dessen Taten die Republik nun entsetzen, im Januar 2014 schon abgesessen. Da entschied ein Gericht über seinen Antrag, den Rest der Strafe von vier Jahren und drei Monaten zur Bewährung auszusetzen.

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Heft 5/2018
Die Pflegekatastrophe: Deutschland lässt seine Familien im Stich

Es ging nur noch um einige Wochen, aber die Strafvollstreckungskammer des Landgerichts Freiburg lehnte ab. Der Mann, Christian L., verfüge über "eine hohe kriminelle Energie". Und: "Bei dem Gefangenen liegt eine Neigung zur Pädophilie vor, die mitursächlich für seine Delinquenz ist und nicht ausreichend aufgearbeitet wurde."

Kurze Zeit später kam L. unter Führungsaufsicht mit Weisungen frei: Er musste sich von Minderjährigen fernhalten, eine Therapie machen, sich einmal im Monat auf dem Polizeipräsidium melden. Die elektronische Fußfessel hingegen, beantragt von der Staatsanwaltschaft, genehmigte die Kammer nicht.

Inzwischen ist klar, dass die Weisungen nicht die gewünschte Wirkung zeigten. Ab 2015 soll L. nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Freiburg gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin deren neunjährigen Sohn missbraucht und ihn anderen Männern gegen Geld angeboten haben. Die Verdächtigen offerierten offenbar Bilder des Missbrauchs im Darknet, um weitere Täter anzulocken. Zudem besorgte sich L. kinderpornografisches Material.

Nun zeigen Gerichtsentscheidungen und andere Dokumente ein erschreckendes Bild: eines Mannes, dessen Abgründe bestens bekannt waren, und eines Rechtsstaats, der ihn nicht stoppte.

Ein Sachverständiger und ein Gefängnispsychologe gaben eine "negative Sozial- und Kriminalprognose" ab, so ist es in dem Bewährungsbeschluss vom Januar 2014 zu lesen. L. habe sich womöglich "mit einem Mitgefangenen schriftlich über pädophile sexuelle Fantasien ausgetauscht". Das Landgericht erkannte "eine Rückfallgefahr bezüglich schwerer Sexualstraftaten".

Beschuldigter L.: "Hohe kriminelle Energie"
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Beschuldigter L.: "Hohe kriminelle Energie"

Es sollte recht behalten. Doch erst am 16. September 2017 verhaftete ein Kommando der Polizei L. erneut - da war er schon über zwei Jahre lang rückfällig.

Die Staatsanwaltschaft hatte gegen L. ermittelt, nachdem er sich auf einer US-amerikanischen Plattform umgetan hatte. Im April 2016 durchsuchte die Polizei die Wohnung seiner Mutter und die seiner Lebensgefährtin nach belastendem Material. Mehr als ein halbes Jahr später erfragte die Staatsanwaltschaft den Sachstand bei der Polizei, im März 2017 wurde L. als Beschuldigter vernommen, im Mai folgte eine Anklage, im September die Verhaftung. Während Monat um Monat verstrich, litt das Kind vermutlich Qualen.

Wozu L. fähig war, muss allen klar gewesen sein, er war einschlägig vorbestraft. Mindestens dreimal hatte er sexuelle Kontakte mit Mädchen zwischen 13 und 15 Jahren. Er filmte das dritte Mädchen - L. hatte es am Bahnhof von Staufen südlich von Freiburg angesprochen - mehrmals bei diversen Sexualpraktiken und schrieb Fantasien über dessen dreijährige Halbschwester nieder. Ein Sachverständiger attestierte ihm in dem Prozess eine "ängstlich-vermeidende, selbstunsichere Persönlichkeitsstruktur" mit schizoiden Merkmalen und einer "Störung der sexuellen Präferenz".

Seine Opfer hatte L. offenbar gezielt ausgesucht und erkannt, dass das Mädchen, das er in Staufen angesprochen hatte, unreif und psychisch instabil war. Damals schaute sich L. schon kinderpornografische Bilder und Videos an, verbreitete sie. Als 2009 sein Rechner beschlagnahmt wurde, kaufte sich L. laut damaligem Urteil am selben Tag einen neuen und speicherte wieder Kinderpornos.

Das Landgericht Freiburg stufte ihn 2010 als schuldfähig ein. Zu seinen Gunsten führte es die schwere Kindheit an: der Vater unbekannt, der Stiefvater alkoholabhängig, die Mutter psychisch labil, wechselnde Aufenthalte in Kinderheimen und Pflegefamilien. Zu seinen Lasten neben vielen Betrugsdelikten: den wiederkehrenden Besitz von Kinderpornografie.


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Es spricht einiges dafür, dass L. sich auch Berrin T. mit Bedacht aussuchte, die alleinerziehende Mutter des missbrauchten Jungen. Dessen Vater soll an einer Überdosis Drogen gestorben sein. Und auch die Kindheit von Berrin T. war wohl schwierig, sie wuchs bei der Großmutter auf, die starb, als T. elf Jahre alt war.

Der Junge lebte nun permanent im Risiko. Doch eine dauerhafte Trennung von der Mutter hielt das Familiengericht nicht für erforderlich, für eine Sicherungsverwahrung hatte das Landgericht im ersten Verfahren keinen Anlass gesehen. Die Führungsaufsicht war wirkungslos. Und bis die neue Anklage fertig war, dauerte es.

Am Ende war es Glück, dass die Behörden dem Paar auf die Spur kamen. An einem Sonntag im September meldete sich ein Nutzer eines Pädophilenforums im Darknet beim Bundeskriminalamt. Er habe Hinweise, dass ein neunjähriger Junge missbraucht werde, schrieb er - und lieferte Belege. Die Polizei nahm L. nach sechs Tagen fest, später fanden Ermittler im Stadtsee von Staufen auch eine Festplatte, die sie L. zuordnen.

Wer den Hinweis gegeben hat, wissen die Ermittler bis heute nicht. Der Unbekannte hatte seine Identität mit einer Anonymisierungssoftware verschleiert.



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